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StartseiteBüchermarktZum 150. Geburtstag von Anton Tschechow28.01.2010

Zum 150. Geburtstag von Anton Tschechow

Janet Malcolm: "Tschechow lesen". Berlin Verlag

Es ist spannend zu beobachten, wie Anton Tschechow, ein Schriftsteller, dessen wirkliche Entdeckung in Deutschland erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod in den 70er-Jahren ganz zögernd und schrittweise begann, inzwischen zu den unumstrittenen Größen der Weltliteratur geworden ist.

Von Karla Hielscher

Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte)   (AP)
Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte) (AP)

Wie Shakespeare ist er von den Bühnen überhaupt nicht mehr wegzudenken, und seine sensible, in ihrem Verzicht auf alles Moralisieren und jede Autorenallwissenheit so moderne Prosa haben auch die Leser des 21. Jahrhunderts lieben gelernt. Der Mensch und Arzt Tschechow mit seiner Bescheidenheit, seinem lebenslangen Engagement für andere, seiner skeptisch melancholischen Lebensfreude und seiner außergewöhnlichen inneren Freiheit ist zur bewunderten Leitfigur geworden. Der Sterbeort des Schriftstellers Badenweiler inszeniert sich erfolgreich als Tschechow-Pilgerstätte und kürzlich wurde die "Deutsche Tschechow-Gesellschaft" gegründet.

Zu seinem 150. Geburtstag im Januar 2010 sind nun auch die in den letzten Jahren fertiggestellten Neuübersetzungen in einer fünfbändigen sorgfältig edierten preiswerten Ausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag für jeden zugänglich. Bei Hoffmann und Campe erschien für Neueinsteiger eine Auswahl weniger bekannter Erzählungen der mittleren Schaffensphase unter dem Titel "Eine Bagatelle. Erzählungen von Liebe, Glück und Geld". Und die literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen über ihn füllen schon längst Bibliotheken.

Der Berlin Verlag hat aus Anlass dieses Jahrestages ein Buch herausgebracht, das mit seinen Schwächen und Stärken diesen erfreulichen Tschechow-Boom sehr genau spiegelt: das Buch der amerikanischen Essayistin Janet Malcolm "Tschechow lesen. Eine literarische Reise."

Janet Malcolms Buch – dessen amerikanische Ausgabe übrigens schon 2001 erschien – stellt eine im angelsächsischen Raum sehr verbreitete, bei uns aber kaum übliche Mischgattung der gehobenen Unterhaltungsliteratur dar: Verpackt in den feuilletonistischen Bericht einer Reise auf den Spuren des Schriftstellers, breitet die Autorin, die Tschechow liebt und die englischsprachige biografische und literaturwissenschaftliche Forschung über ihn bestens kennt, in einer gewollt subjektiven Form ihre Lesefrüchte aus.

Das erste Kapitel beginnt mit einer Beschreibung der berühmten Szene aus der "Dame mit dem Hündchen", wo Anna und Gurow, nachdem sie das erste Mal miteinander geschlafen haben, in Oreanda auf einer Bank sitzen und schweigend aufs Meer schauen.

Jalta war durch den Morgennebel kaum zu erkennen, auf den Berggipfeln standen unbeweglich weiße Wolken. Kein Blatt rührte sich an den Bäumen, die Zikaden sangen, und das eintönige, dumpfe Rauschen des Meeres, das von unten heraufdrang, sprach von der Ruhe, vom ewigen Schlaf, der uns erwartet. ( ... ) Neben einer jungen Frau sitzend, die im Morgenlicht so schön erschien, besänftigt und bezaubert von dieser märchenhaften Umgebung – dem Meer, den Bergen, den Wolken, dem weiten Himmel, dachte Gurow, dass im Grunde, wenn man es sich recht überlegte, auf dieser Welt alles schön sei, alles, außer dem, was wir denken und tun, wenn wir die höchsten Ziele des Daseins vergessen, unsere menschliche Würde.

Janet Malcolm kommentiert:

Heute sitze ich auf derselben Bank bei der Kirche und habe denselben Ausblick. Neben mir sitzt meine Englisch sprechende Reiseleiterin Nina (ich kann kein Russisch), und ein paar Hundert Meter entfernt wartet der Fahrer Jewgeni in seinem Auto am Beginn des Fußweges, der zu dem Aussichtspunkt führt, wo Gurow und Anna saßen, als sie sich der großen Liebe, die vor ihnen lag, noch nicht bewusst waren. Ich bin eine Figur in einem neuartigen Drama: in der absurden Farce einer literarischen Pilgerreise, die die magischen Seiten des Werks eines Genies verlässt und sich zur "Urszene" aufmacht, die hinter den Erwartungen nur zurückbleiben kann.

Auch wenn die Autorin ihre literarische Pilgerreise hier selbstironisch eine Farce nennt, lebt ihr Text von dieser unbefangenen Melange aus einer oberflächlichen Reisereportage und der durchaus kenntnisreichen Auseinandersetzung mit Tschechow und seinem Werk. Die eher banalen Eindrücke, die sie als amerikanische Touristin auf ihrer ersten Reise ins postsowjetische Russland und nach Jalta im Jahr 1999 erlebt hat, werden locker und assoziativ mit Bruchstücken aus Tschechows Biografie, seitenlangen Zitaten aus seinen Briefen und nacherzählten Geschichten und Angelesenem aus der Sekundärliteratur verknüpft. In jeder Person, die ihr begegnet – und das sind fast nur ihre Reiseleiterinnen und Chauffeure - erkennt die Autorin eine Figur aus Tschechows Werk, ständig fragt sie, was wohl Tschechow zu dem oder jenem gesagt oder wie er sich verhalten hätte. Über die plumpe, stark zurechtgemachte Moskauer Reiseleiterin Sonja, die ihre Aufgabe vor allem darin sieht, ihre Kundin zu kontrollieren, heißt es:

Er hätte sie – in der Tat hat er sie - als Figur eingesetzt. Sie gleicht aufs Haar Natascha, der derben Schwägerin in "Drei Schwestern", die sich im Haushalt der Prosorows durchsetzt und die drei feinen, sensiblen Schwestern beiseite drängt.

Diese unbekümmerte und etwas unbedarfte Art der Annäherung an Tschechow mit etlichen gewagten Urteilen und zweifelhaften Thesen wird sicherlich manchen Tschechowkenner ärgern. Jedoch enthält das Buch einfühlsame Textanalysen, und es werden eine ganze Reihe von interessanten Fragestellungen aufgeworfen, die die jüngste Forschung beschäftigt haben: Tschechow als Vorläufer der ökologischen Bewegung, die stilistischen Unterschiede von Tolstojs und Tschechows Realismus, seine Brüder als Vorbilder für die typische Figur des schwachen aber liebenswerten Menschen, die modische Richtung der Tschechowforschung, die überall nach religiösen Motiven im Werk des Agnostikers sucht.

Im Zentrum stehen die biographischen Mythen, die die Autorin umkreist.
Malcolm macht noch einmal klar, dass das Erinnerungsbuch der Lidia Awilowa "Tschechow, meine Liebe", das auch bei uns unkritisch als Zeugnis einer großen unerfüllten Liebesgeschichte des Schriftstellers aufgenommen wurde, in Wahrheit Ausdruck einer enormen Selbsttäuschung ist, dass die ganze Affäre nur im Kopf dieser Frau stattfand.

Die umfangreiche Biografie des englischen Slawisten Donald Rayfield, der eine Menge neues Quellenmaterial sichtete, hat - gerade auch in Bezug auf Tschechows Verhältnis zu den Frauen, das zu Sowjetzeiten tabu war und in den Ausgaben seiner Briefe sogar zu Zensureingriffen führte - neue Seiten der Persönlichkeit des Dichters offen gelegt. Diese haben ihn aber eigentlich nur noch menschlicher gemacht und uns näher gebracht haben.

Oh weh, aus mir wird nie ein Tolstojaner! An den Frauen liebe ich vor allem die Schönheit, schreibt er in einem Brief an Suworin.

Die seine Texte durchziehende Sehnsucht nach Schönheit umgibt jedoch immer ein Hauch von Wehmut und Tragik. Man denke nur an die bitter schmerzliche Figurenkonstellation im "Onkel Wanja", wo der Arzt Astrow leidenschaftlich um die attraktive Schöne Jelena wirbt, die schlichte, warmherzige, ihn selbstlos liebende Sonja aber zurückweist.

Die Darstellung von Tschechows Sterben in Badenweiler – mit dem auf Deutsch gesprochenen letzten Satz "Ich sterbe" und dem Glas Champagner - gilt inzwischen als "eine der großen Szenen der Literaturgeschichte".

Janet Malcolm stellt die Berichte darüber von Olga Knipper, dem damals zufällig im Hotel anwesenden russischen Studenten Rabeneck und anderen Zeugen nebeneinander und zeigt, wie diese Dokumente in den verschiedenen Biografien verarbeitet wurden. Da sind zum Beispiel erdachte Details aus einer Kurzgeschichte des berühmten amerikanischen Shortstory-Writers Raymond Carver als Fakten in biografische Darstellungen übernommen worden. In einigen Beschreibungen soll der Sterbende, als man ihm einen Eisbeutel auf die Brust legen wollte, gesagt haben: "Man legt kein Eis auf ein leeres Herz", in anderen "auf den leeren Magen".

Im üppig blühenden Garten von Tschechows weißer Villa in Autka denkt die Autorin über die Gärten nach, die in Tschechows Werk eine so große Rolle spielen und mit Liebe, Jugend und Erneuerung verbunden werden.

Diesen Garten hatte der schon Schwerkranke auf einem öden, trockenen Stück Land selbst angelegt. Freudig berichtet er in einem Brief:

Im Garten sind von den 70 Rosen, die ich im Herbst gepflanzt habe, nur drei nicht angegangen. Lilien, Iris, Tuberosen, Tulpen, Hyazinthen – alles sprießt aus dem Boden. Die Wiese ist schon grün; an der Bank in der Ecke steht schon seit Langem üppiges Gras. Der Mandelbaum blüht. Ich habe im ganzen Garten kleine Bänke aufgestellt, keine Paradebänke mit Eisenfüßen, sondern hölzerne, die ich grün anstreichen werde. Ich habe drei Brücken gebaut über den Bach. Ich pflanze Palmen.

Malcolms "literarische Reise" ist das gut lesbare Buch einer Journalistin, die wenig über das gegenwärtige Russland aber viel über den geliebten Schriftsteller weiß. Das ist ein manchmal provozierendes Missverhältnis. Ihre spontanen, zuweilen sprunghaften Gedankenketten lassen dennoch ein facettenreiches Bild von Tschechow entstehen, das aber – wie auch die Autorin betont - das Geheimnis seiner Persönlichkeit und seiner Kunst bewahrt. Dass Tschechow - wie Malcolm schreibt und im Klappentext herausgestellt wird - "der am meisten missverstandene unter den russischen Genies des 19. Jahrhunderts" ist, bleibt eine von ihr nicht belegte Behauptung. Er ist in seiner scheinbaren Einfachheit so komplex und unerschöpflich, dass jeder ihn immer wieder neu für sich entdecken muss. Nehmen wir also Janet Malcolm mit ihrem Titel beim Wort: "Tschechow lesen!

Janet Malcolm: "Tschechow lesen". Eine literarische Reise. Aus dem Amerikanischen von Anna und Henning Ritter, Berlin Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro.

Anton Tschechow: "Werke". Erzählungen und Dramen in fünf Bänden, Deutscher Taschenbuch Verlag München.

Anton Pawlowitsch Tschechow: "Eine Bagatelle". Erzählungen von Liebe, Glück und Geld. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thomas Grob, Hoffmann und Campe, Hamburg. 128 Seiten.

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