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StartseiteBüchermarktZum 200. Todestag von Georg Christoph Lichtenberg24.02.1999

Zum 200. Todestag von Georg Christoph Lichtenberg

Etwas besser als Tucholsky haben wir es heute schon. Es gibt mittlerweile eine sehr gute, von Wolfgang Promies besorgte, sechsbändige Ausgabe der »Schriften und Briefe« bei Hanser, die vom Verlag Zweitausendeins nachgedruckt wurde und dort immer noch für knapp hundert Mark zu haben ist. Es gibt des weiteren eine - freilich editorisch nicht so zuverlässige - Gesamtausgabe bei Insel, es gibt die von Ulrich Joost betreute und - bis auf den abschließenden Registerband - vollständige historisch-kritische Briefausgabe (eine editionsphilologische Meisterleistung übrigens!). Und es gibt eine Menge Auswahlausgaben (der »Sudelbücher« zumal), die aufzuzählen hier nicht der Platz ist. Allerdings fehlt es weiterhin an einer historisch-kritischen Werkausgabe nach dem Muster des »Briefwechsels«, die dann endlich auch einmal alle Satiren und Polemiken zu versammeln hätte, für die Lichtenberg bei seinen Zeitgenossen ja in erster Linie berühmt - und gefürchtet - war. Und wenn es an Tucholskys vollmundig- fulminanter Glosse überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann dies: daß er den Satiriker und Polemiker gänzlich unterschlägt. Der gehört nun aber unbedingt dazu.

Frank Schäfer

Nehmen wir zum Beispiel, pars pro toto gleichsam, das grandiose »Fragment von Schwänzen«, Lichtenbergs wohl berühmteste Satire: ein - so heißt es im Untertitel - »Beitrag zu den Physiognomischen Fragmenten«. Und dieser Untertitel zeigt denn auch gleich an, worauf es Lichtenberg hier abgesehen hatte: auf die »Physiognomischen Fragmente« des Zürcher Schwarmgeistes Johann Kaspar Lavater nämlich, mithin auf dessen ebenso obskure wie seinerzeit beliebte Physiognomiklehre, jene Orakelkunst, aus den Gesichtern der Menschen ihre Charaktere herauszulesen.

Lavater glaubt, und er stellt sich damit in eine lange, bis auf Aristoteles zurückgehende Traditionsreihe, man könne von den »festen Teilen« des menschlichen Körpers, vor allem der Schädelform, auch untrüglich auf den sich dahinter verbergenden, beziehungsweise dann ja gerade nicht mehr verbergenden, Geist schließen. Die Inhumanität, die in einem solchen krausen Determinismus steckt, ging den buckligen Lichtenberg direkt an. Denn Lavaters auf infame Weise folgerichtiger Grundsatz lautete: »je moralisch besser; desto schöner. Je moralisch schlimmer; desto häßlicher« der Körper eines Menschen. Als Lichtenberg dann auch noch feststellen muß, wie Lavaters Exegesen eine veritable Mode auslösen und seine Kernthesen langsam ins Kollektivwissen einzusickern beginnen, meldet er sich schließlich zu Wort. Zunächst einmal mit einer Streitschrift, »Über Physiognomik; wider die Physiognomen«, die Lavaters Lehre nach allen Regeln der Kunst zerpflückt und schließlich vom gelehrten Salontisch fegt; und später dann auch mit jenem satirischen »Fragment von Schwänzen«, das nicht so sehr argumentativ überzeugt, dafür um so suggestiver überredet.

Lichtenberg imitiert hier zum einen Lavaters alogisch-assoziative, von überdrehten Wortbildungen so reiche Stürmer-und-Dränger-Diktion. Und er wendet dessen arkane Zeichendeuterei auf ganz und gar unangemessene Gegenstände an, eben auf jene Sau-, Hunde- und »Purschenschwänze«, also die Perückenzöpfe der Studenten. Zur Abbildung B, eines majestätischen Hundeschwanzes, heißt es dort: »Der du mit menschlichen warmen Herzen die ganze Natur umfängst, mit andächtigen Staunen dich in jedes ihrer Werke hinfühlst, lieber Leser, teurer Seelenfreund, betrachte diesen Hundeschwanz, und bekenne ob Alexander, wenn er einen Schwanz hätte tragen wollen, sich eines solchen hätte schämen dürfen. Durchaus nichts weichlich, ›hundselndes, nichts damenschößigtes, zuckernes‹ mausknapperndes, winzigtes Wesen. Überall Mannheit, Drangdruck, hoher erhabener Bug und ruhiges, bedächtliches, kraftherbergendes Hinstarren, gleichweit entfernt von untertänigem Verkriechen, zwischen den Beinen, und hühnerhündischer, wildwitternder, ängstlicher unschlüssiger Horizontalität ... Liebe, Herzens-Wonne Natur, wenn du dereinst dein Meisterstück mit einem Schwanz zieren willst, so erhöre die Bitte deines bis zur Schwärmerei warmen Dieners, und verleihe ihm einen wie B.«

Komische - und damit entlarvende - Wirkung erzielt Lichtenberg aber vor allem bei den absurden Erklärungen der Studentenzöpfe (durch den obszönen Nebensinn, der zwar an keiner Stelle direkt ausgesprochen wird, jedoch stets überdeutlich mithallt): »1) Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer, eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne; offensivliebende Zärtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Konto. Durchaus mehr Kraft als Besonnenheit. 2) Hier überall mehr Besonnenheit als Kraft. Ängstlich gerade, nichts Hohes, Aufbrausendes ..., süßes Stutzerpeitschgen, nicht zur Zucht, sondern zur Zierde, und zartes Marzipanherz ohne Feuer-Puls. Ein Liedchen sein höchster Flug, ein Küßchen sein ganzer Wunsch.«

Die Zeitgenossen erkannten Lavaters Schwärmersprache und schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Die Satire fand denn auch sogleich reißenden Absatz, zum Verdruß des Zürcher Theologen und seiner Anhänger. Spätestens mit dieser kalten Dusche hatte Lichtenberg die »Raserei für Physiognomik« erfolgreich therapiert.

Ein »Maulwerk wie ein Dreschflegel«? Ein »Geist wie ein Florett«? Tucholsky hat ganz recht. Und leider muß man sich auch fast siebzig Jahre nach seinem markigen »Schrei nach Lichtenberg« immer noch viele solcher Satiren »bei den Antiquaren mühsam zusammensuchen«.

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