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StartseiteInterview"Barmherzigkeit ist für alle da"08.12.2015

Zum Heiligen Jahr"Barmherzigkeit ist für alle da"

Papst Franziskus bringe die Kirche "in die letzten und dunkelsten Ecken der Welt", sagte Mike Schuster vom Mediennetzwerk "Pontifex" zum Auftakt des Heiligen Jahres im DLF. Auch das Tor zu einem Flüchtlingslager oder zu den Grenzen Europas könne eine Pforte der Barmherzigkeit sein, so der Katholik.

Mike Schuster im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Man sieht den Papst von hinten, wie er die beiden Flügel der Pforte aufschiebt. Sie sind mit goldenen Ornamenten und Bildern verziert. (AFP / VINCENZO PINTO)
"Der Papst geht meistens dahin, wo es weh tut": Auch mit dem Heiligen Jahr wolle der Papst die ganze Welt erreichen, sagte Mike Schuster im Deutschlandfunk. (AFP / VINCENZO PINTO)
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Ann-Kathrin Büüsker: Wann waren Sie das letzte Mal barmherzig? Wen es schon ein bisschen länger her ist, dann würde sich ab heute die Gelegenheit bieten, mal wieder zu üben, wie es denn ist, barmherzig zu sein und wie das funktioniert, denn wir befinden uns seit heute im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, zumindest alle Katholiken, aber sicher auch all jene, die sich davon angesprochen fühlen. Papst Franziskus hat dieses Jahr ausgerufen und heute feierlich eröffnet, und zwar, indem er die Heilige Pforte am Petersdom geöffnet hat.

Doch was bedeutet dieses Heilige Jahr jetzt für die Gläubigen in aller Welt? Darüber habe ich gesprochen mit Mike Schuster. Er ist Sprecher des Mediennetzwerkes "Pontifex", CDU-Mitglied und gläubiger Katholik. Ich habe ihn zuerst gefragt, ob er sich selbst auch auf die Reise nach Rom machen wird.

"Der Papst dehnt das Heilige Jahr auf die ganze Welt aus"

Mike Schuster: Ich denke, die ganzen Katholiken auf der ganzen Welt sind aufgerufen, sich jetzt auf den Weg zu machen. Das Spannende ist, dass man sich diesmal nicht auf den Weg nach Rom machen muss. Der Papst hat dieses Mal dieses Heilige Jahr ja zu was ganz Besonderem gemacht und er dehnt das auf die ganze Welt aus. Man braucht diesmal kein Flugticket nach Rom, sondern man kann auch in die Kathedrale nach Berlin gehen oder in München oder in den Kölner Dom, weil der Papst will einfach unterstreichen: Dieses heilige Jahr geht alle an, Barmherzigkeit ist für alle da.

Büüsker: Aber trotzdem ist es doch für Katholiken immer noch etwas Besonderes, nach Rom zu fliegen, oder?

Schuster: Ja natürlich, und da gibt es auch immer viele Möglichkeiten. Und ich denke, das Zentrum wird auch Rom sein weiterhin. Man sieht ja auch, was der Papst macht, wenn der reist. Dem sind nicht die großen Bilder wichtig, sondern der Papst geht meistens dahin, wo es weh tut, auch jetzt, als er in Zentralafrika war. Er geht zu den Armen in die Slums, dort wo die Menschen leiden und krank sind, und genau da will er jetzt mit diesem Heiligen Jahr hin.

Er hat ja auch ganz deutlich gesagt, Heilige Pforten gibt es nicht nur am Petersdom oder in Rom oder an katholischen Kirchen in Deutschland, sondern die Heilige Pforte kann zum Beispiel auch die Gefängniszelle sein oder die Tür zum Krankenzimmer. Damit will er unterstreichen: Auch wenn ihr euch nicht auf den Weg machen könnt, weil ihr gefangen seid, weil ihr krank seid, an euer Krankenbett gefesselt seid, gerade dann kommt Gott zu euch, gerade dann betrifft euch Barmherzigkeit.

"Jetzt geht die Kirche einen Schritt auf uns zu"

Büüsker: Welche Bedeutung hat das Jahr für Sie als jungen gläubigen Katholiken?

Schuster: Ich denke, dass das schon eine Bedeutung gerade für junge Menschen hat, weil wir junge Menschen, wir gehören einer Generation an, die mehr hinterfragt als die Generationen vor uns. Und die Kirche hat sich doch jetzt sehr geöffnet. Es war doch manchmal der Eindruck - ich sage auch wirklich "der Eindruck"; ob das wirklich immer so war, würde ich dann auch bezweifeln -, die Kirche wartet so ein bisschen, die sitzt da und wartet, dass die Leute auf sie zukommen.

Und jetzt geht die Kirche auf uns einen Schritt zu und auch Gott geht auf uns einen Schritt zu und das heißt, wir müssen uns vielleicht gar nicht so viel bewegen. Das heißt: Da ist eine neue Offenheit, auch die durch Papst Franziskus kommt - nicht in den Inhalten, sondern in der Art der Sprache, in der Art der Gestik der Kirche. Und das finde ich doch, das spricht gerade junge Menschen sehr stark an.

Büüsker: Trotzdem haben ja viele gerade junge Menschen immer noch das Gefühl, dass die Katholische Kirche von ihrer Lebenswelt in vielen Bereichen weit entfernt ist, Stichwort Homosexualität, Stichwort Geschiedene.

Schuster: Ja, das ist so ein Punkt. Das hat ja jetzt auch bei der Familiensynode eine große Rolle gespielt. Da fällt mir ein, was Papst Benedikt mal gesagt hat, auch zu diesem Zusammenhang von Barmherzigkeit und Wahrheit. Papst Benedikt hat gesagt, Liebe ohne Wahrheit wäre blind. Das was Papst Franziskus auf der einen Seite sagt: Es gibt keine Sünde. Sogar die Abtreibung dürfen jetzt normale Priester im Beichtstuhl vergeben, was außergewöhnlich ist in der Weltkirche. Es gibt keine Sünde, die Gott nicht verzeiht. Gott heilt alle Wunden.

Aber auf der anderen Seite das, was Papst Benedikt gesagt hat: Es gibt auch Wahrheit. Es gibt auch die Tatsache, dass die Ehe auf Lebenszeit geschlossen ist, dass die Ehe eigentlich was Einmaliges, was ganz besonderes Geschütztes ist. Aber trotzdem auch das, was Papst Franziskus sagt: Auch Gott und auch die Kirche spielen dann eine Rolle, wenn Brüche stattfinden und wenn Menschen leiden, und das ist sicherlich ein Fall, wenn Scheidungen stattfinden.

"Franziskus will Herz und Verstand zusammenbringen"

Büüsker: Ihre Organisation, für die Sie Sprecher sind, die heißt jetzt ja "Pontifex", hieß aber ursprünglich mal "Generation Benedikt" nach dem emeritierten Papst.

Schuster: Genau.

Büüsker: Mit Franziskus hat die Katholische Kirche jetzt ja ein neues Oberhaupt. Er ist es, der dieses heilige Jahr ausgerufen hat. Wie sehr ist Franziskus Ihr Papst?

Schuster: Franziskus ist ein außergewöhnlicher Papst, weil ich doch in ihm so einen Brückenschlag sehe. Ich gehöre einer Generation an, die mit eigentlich drei Päpsten aufgewachsen ist. Johannes-Paul II, das war der Papst, der hat unsere Herzen angerufen, hat an unser Herz gesprochen. Benedikt hat an unseren Verstand appelliert. Er wird sicherlich irgendwann mal als einer der größten Kirchenlehrer unserer Zeit in die Geschichte eingehen.

Und Papst Franziskus will jetzt Herz und Verstand zusammenbringen und sagt, jetzt handelt, geht zu den Leuten, bringt die Kirche dahin, in die letzten und dunkelsten Ecken der Welt, wo sie sonst nicht hinkommen würde. Ich finde das eine ganz spannende Brücke und da passt auch der Name Pontifex. Das hat was sehr Verbindendes. Franziskus ist kein Bruch, sondern setzt sehr konsequent fort, was die Päpste vor ihm getan haben.

Büüsker: Wie wichtig ist die Barmherzigkeit, die Franziskus fordert, gerade bei der aktuellen weltpolitischen Lage?

"Wir müssen auch barmherzig sein"

Schuster: Ich denke, die Barmherzigkeit spielt eine zentrale Rolle. Papst Franziskus hat ja auch die politische Bedeutung des Papstamtes unterstrichen, wenn man an den Konflikt in Israel denkt. Und Barmherzigkeit hat, wenn man Papst Franziskus glaubt - und das sagt er seit Beginn seines Pontifikates -, ja zwei Seiten. Die Medaille hat da wirklich zwei Seiten.

Einerseits: Barmherzigkeit steht uns zu. Gott schenkt uns Barmherzigkeit, jedem Menschen. Wir empfangen die. Aber auf der anderen Seite: Wir müssen auch barmherzig sein, nicht engstirnig, nicht hartherzig. Das was wir selbst bekommen, müssen wir auch anderen Menschen schenken. Ich denke, wenn viele Politiker und viele Menschen auf der Welt das stärker beherzigen würden, hätten wir eine andere Welt, ganz sicher.

Büüsker: Gerade auch mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation?

Schuster: Glaube ich schon. Ich glaube auch, dass die Eingangstür zu einem Flüchtlingslager oder an den Grenzen Europas, wo Flüchtlinge warten auf eine neue Hoffnung, dass die Tür, die Tore dazu auch eine Pforte der Barmherzigkeit sind, wenn man nach Papst Franziskus gehen würde.

Büüsker: Das Heilige Jahr, das beginnt ja am heutigen Tag, 50 Jahre nach dem Ende des zweiten Vatikanischen Konzils. Damals ging es um die Erneuerung der Kirche, um den Dialog mit Andersgläubigen, um die Stellung von Laien in der Kirche. Inwieweit spielen die Beschlüsse, die damals gefasst wurde, für Sie als gläubigen Katholiken heute noch eine Rolle?

Schuster: Ich glaube, das Zweite Vatikanische Konzil hat, ohne dass ich schon auf der Welt war, auf mich schon noch einen Einfluss, weil das war einfach wie so ein Lüften der Kirche. Nicht, dass da alles schlecht war, was vorher darin war, aber die Kirche spricht seit dem zweiten Vatikanischen Konzil eine andere Sprache, erreicht uns anders, geht mehr auf die Menschen zu. Das war dieses Durchlüften, diese Umkehr auch ein bisschen, eine Öffnung, eine spirituelle Öffnung. Ich denke, das ist das heilige Jahr auch, und dieses Datum ist ja auch bewusst gewählt von Papst Franziskus. Heute an diesem Tag genau vor 50 Jahren hat das zweite Vatikanische Konzil geendet. Das finde ich einen sehr beachtlichen Brückenschlag.

Büüsker: Mike Schuster war das im Deutschlandfunk-Interview. Er ist Sprecher des Netzwerkes "Pontifex".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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