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StartseiteLange NachtZum Schwarzen Ferkel02.03.2013

Zum Schwarzen Ferkel

Eine Lange Nacht über einen Alt-Berliner Künstlertreffpunkt

Eine Berliner Destille Ecke Wilhelmstraße/Unter den Linden war in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts der Zufluchtsort von Menschen, die unter dem geistigen und politischen Erzkonservativismus ihrer Zeit litten. Im "Schwarzen Ferkel" fühlten sie sich unter Gleichgesinnten.

Von Peter Mayer

Dichter und Denker trafen sich im Schwarzen Ferkel in Berlin zum Gedankenaustausch. (Deutschlandradio)
Dichter und Denker trafen sich im Schwarzen Ferkel in Berlin zum Gedankenaustausch. (Deutschlandradio)

Die meisten Helden dieser Berliner Bohème waren arme Schlucker. Sie tranken viel, einige von ihnen überwiegend auf Pump. Sie stritten pointenreich, sangen laut, verschleuderten geniale und wilde Gedanken, zündeten Verse wie Trommelfeuer und tanzten, wenn es ihr Gleichgewichtssinn noch erlaubte, auf dem Tisch. Die Dichter und Denker im Schwarzen Ferkel, unter ihnen die Dichter Richard Dehmel, Max Dauthendey, Otto Julius Bierbaum, Peter Hille, Paul Scheerbart oder der deutsch schreibende Pole Stanislaw, Przybyszewski pflegten eine gnadenlose Selbstherrlichkeit.

Sie verweigerten jegliche Tauglichkeit fürs tagtägliche Leben. Doch im Nu konnten sie sich in eine chaotische Balzgemeinschaft verwandeln, wann immer eine Frau ihre Runde aufmischte. Auch zwei Skandinavier, die später weltberühmt wurden, betrachteten das "Schwarze Ferkel" als ihre Heimat: der norwegische Maler Edvard Munch und der schwedische Dichter August Strindberg.

Den ersten hatte der Verein Berliner Künstler zu einer Werkschau eingeladen. Als die Bilder jedoch für jedermann zu besichtigen an der Wand hingen, waren die Gastgeber empört über so viel "Schweinerei und Gemeinheit" und schlossen die Ausstellung. Strindberg war nach Berlin gekommen, weil er sich wegen Gotteslästerlichkeit in Schweden nicht mehr blicken lassen konnte. Er wurde zum Mittelpunkt im Schwarzen Ferkel, dem er auch den Namen gegeben hat.

Links und Literatur:

"... Eines Abends im Herbst sei Strindberg mit seinem Gefolge hier vorbeigekommen, es regnete und stürmte, die Straße war dunkel - da lockte die Lokalität mit ihrem warmen Licht, ..."
Weiterlesen

"Wer dieser Scheerbart war steht im Literaturlexikon. Aber glaub es bitte nicht. Scheerbart ist anders als die geleerten Herren und die gelehrten Damen ihn darstellen. Wie er ist / war und sein wird steht auf diesen Seiten, in den Texten des großen deutschen Schriftstellers Paul Scheerbart." Eine private Homepage über
Paul Scheerbart:

Marek Fialek:
Die Berliner Künstlerbohème aus dem "Schwarzen Ferkel".
Dargestellt anhand von Briefen, Erinnerungen und autobiographischen Romanen ihrer Mitglieder und Freunde.
Verlag Dr. Kovac; Auflage: 1., Aufl. (Juni 2007), Hamburg 2007.

Karin Bruns:
Das schwarze Ferkel [Berlin].
In: Wulf Wülfing / Karin Bruns / Rolf Parr (Hgg.): Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825-1933.
Stuttgart / Weimar: Metzler 1998 (Repertorien zur Deutschen Literaturgeschichte. Hg. v. Paul Raabe, Bd. 18)

Stanislaw Przybyszewski
Erinnerungen an das literarische Berlin
Winkler Verlag, 1965


Adolf Paul:
Strindberg-Erinnerungen und Briefe,
München 1924

Carl Ludwig Schleich:
Erinnerungen an Strindberg, München 1917

Max Dauthendey: Projekt Gutenberg-DE
darin auch "Der Venusinenreim"

Richard Dehmel
Zwei Menschen.
Roman in Romanzen; S. Fischer Verlag Berlin 1917
R. Dehmel auf Projekt Gutenberg-DE;
darin auch "Die Verwandlungen der Venus"

Matthias Wegner:
Aber die Liebe.
Der Lebenstraum der Ida Dehmel;
Claassen Verlag, München 2001
Als eigensinnige und viel besungene Gefährtin des Jugendstildichters Richard Dehmel ging sie in die Geschichte ein und wurde - fast - mit ihm vergessen: Ida Dehmel. Matthias Wegner zeichnet mit dem Leben der deutschen Jüdin ein dramatisches Schicksal zwischen dem 19. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus nach. Er entwirft das brillante Porträt einer faszinierenden Frau, die ihre Kreativität in den Dienst anderer stellte und sich dennoch ihre Autonomie bewahrte. Eine Geschichte, die sich erregend und so reich an Überraschungen liest wie der Roman einer Epoche.

Stanislaw Przybyszewski
Gesammelte Werke; Igel-Verlag,
Paderborn/Oldenburg 1990/2003,
8 Bände mit einem Kommentarband

August Strindberg:
Inferno
in: Projekt Gutenberg-DE

Munch und Deutschland.
Katalog zur Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle 1995

Marek Fialek:
Die Berliner Künstlerbohème aus dem "Schwarzen Ferkel";
Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2007

Helmut Kreuzer:
Die Bohème. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart;
J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2000

Frauen - Körper - Kunst.
Literarische Inszenierungen weiblicher Sexualität;
hrsg. von Karin Tebben;
Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2000

Musik:

Arnold Schönberg:
Verklärte Nacht op. 4; nach dem Gedicht von Richard Dehmel

Friedrich Fischer-Dieskau:
Lieder nach Texten von Richard Dehmel (Reger, Zemlinsky, Pfitzner, Webern, Strauss);
ORFEO 1995



Auszug aus dem Manuskript, erste Stunde:

Lange hatte Edvard Munch gezögert. Aber dann traute er sich doch. Es war am 9. März 1893, als er seine geliebte Muse Dagny Juel den Freunden präsentierte, die sich allabendlich im "Schwarzen Ferkel" zu Berlin mit weltweisem Eifer betranken.

Edvard Munch war - 120 Jahre ist es her - ein kaum bekannter Maler aus Norwegen. Der Verein Berliner Künstler hatte ihn einige Monate zuvor eingeladen, seine Bilder zu zeigen. Doch die Ausstellung wurde schon nach wenigen Tagen dicht gemacht. "Schweinerei und Gemeinheit" zeterten die stockkonservativen Hüter der vermeintlich wahren Kunst. So etwas hatte nichts zu suchen im neuen Architektenhaus in der Wilhelmstraße. Munch hatte sich durch diese Schmähung jedoch nicht aus Berlin vertreiben lassen und fand rasch Kontakt zu Gleichgesinnten, vor allem im "Schwarzen Ferkel".

So hieß die Kneipe Ecke Wilhelmstraße/Unter den Linden. Ihr Wirt Gustav Türke behauptete, Benebelndes aus aller Herren Länder ausschenken zu können. Der Name für die Verwertungsanstalt scharfer Sachen war einem weiteren Skandinavier neben Munch eingefallen, dem schwedischen Dichter August Strindberg: Der hatte den vergammelten ledernen Weinschlauch über dem Eingang der Schänke gesehen und spontan ein schwarzes Ferkel daraus gemacht.

Strindberg war nach Berlin gekommen, weil er sich wegen Gotteslästerlichkeit für einige Zeit in Schweden nicht mehr blicken lassen konnte. Er fand Zuflucht im cochon noir, weil er dort, wie er einmal schrieb, sein wild gewordenes Sperma mit Hochprozentigem paralysieren konnte.

Der Schwede wurde so etwas wie das Oberhaupt der Stammgastrunde von ewig durstigen Abenteurern des Geistes. Mit dabei: die Dichter Richard Dehmel, Max Dauthendey, Otto Julius Bierbaum, Peter Hille oder Paul Scheerbart sowie der deutsch schreibende Pole Stanislaw Przybyszewski. Zu diesen fast ausnahmslos armen Schluckern gesellten sich aber auch wilhelminische Ehrenmänner wie der Arzt Carl Ludwig Schleich, die zuweilen das Bedürfnis hatten aus ihrer reglementierten Bürgerlichkeit auszubüxen.

Die Helden dieser Berliner Bohème tranken viel, einige von ihnen meist auf Pump. Sie stritten pointenreich, sangen laut, verschleuderten geniale und wilde Gedanken, zündeten ihre Reime wie Trommelfeuer und tanzten, wenn es ihr Gleichgewichtssinn noch erlaubte, auf dem Tisch.

Sie beherrschten die Attitüde des Bürgerschrecks wie des selbsternannten Genies. Ihre Selbstherrlichkeit war gnadenlos, und sie verweigerten jegliche Tauglichkeit fürs tagtägliche Leben. Umso mehr schwärmten sie, die meisten jedenfalls, von einer ebenso mystischen wie körperlich robusten Erotik.

Sie kamen spät am Abend, wenn in bürgerlichen Schlafstuben die Lichter längst erloschen waren, und sie gingen früh in der Morgenstunde, die meisten in ein schäbiges Zuhause oder gar nur laut schnarchend zur Regeneration auf die Parkbank.

Als an jenem 9. März 1893 im "Schwarzen Ferkel" schon reichlich Toddy und süßer Kümmel-Branntwein der Marke Gilka geflossen war, erschien also Edvard Munch. An seiner Seite die norwegische Arztochter Dagny Juel, die in Berlin Musik studierte. Dagnys Auftritt hat der finnische Schriftsteller Adolf Paul in seinen Strindberg-Erinnerungen fast ehrfürchtig beschrieben:

"Blond, schlank, elegant, mit einem Raffinement gekleidet, das die Geschmeidigkeit des Körpers zu voller Geltung brachte, aber sorgfältig vermied, bestimmte Konturen zu geben. ... Ein klassisch reines Profil, - ein krauses Wirrsal blonder Locken, die bis auf die Brauen niederfielen und der Phantasie des Beschauers überließen, die Höhe der Stirn nach Belieben einzuschätzen. Ein Lächeln, das zum Küssen verführte, und dabei hinter dünnen Lippen zwei Perlenreihen scharfer Zähne, die nur auf Gelegenheit zu lauern schienen, plötzlich zuzubeißen! Und eine schlangenhafte, müde Lässigkeit der Bewegung, die aber einen blitzschnellen Angriff befürchten ließ! So schlängelte sie durch die Schar eitler Geisteshelden hindurch, fing sie den einen nach dem andern ein ... Dann lachte sie ihn aus und ließ ihn laufen ... "

Ohne Scheu nahm Dagny am Stammtisch Platz. Dabei verwandelte sich die Runde der Verführbaren im Nu in eine kopflose Balzgemeinschaft. Man scharwenzelte um Munchs Muse, wetteiferte um ihre Gunst und gab ihr in kniefälliger Verehrung den Ehrennamen Aspasia nach einer antiken Heroine des Geistes und der Macht.


Auszug aus dem Manuskript, zweite Stunde:

Am 30. September 1892 bestieg August Strindberg in Stockholm den Schnellzug. Das Ziel seiner Reise: Berlin. Am Stettiner Bahnhof holten Adolf Paul und Stanislaw Przybyszewski den großen Schweden ab. Adolf Paul erinnert sich:

"Lange, nachdem der Strom der Mitreisenden vorübergeflutet war, schlenderte seine mittelgroße Gestalt im Schlapphut und Mantel langsam heran, in den Augen ein erstaunter Ausdruck; ein halb neugieriges, halb verzagtes Lächeln um die Lippen, wie bei einem Kinde, das sich in ein ganz neues Märchen hineinbegibt ...

... 'Die Plazenta!' sagte neben mir der Pole Przybyszewski mit seiner fast unhörbaren Stimme. 'Er hängt noch an der Plazenta fest! - Er kommt nie vom Weibe los! - Er steckt ewig im Mutterleib!'"

Strindberg hatte nicht zum ersten Mal sein Heimatland Schweden verlassen. Zehn Jahre zuvor war unter dem Titel Das neue Reich eine Satire-Sammlung von ihm erschienen, in der er mit der selbstgefälligen Verstocktheit seiner Landsleute abgerechnet hatte. Die Zeitgenossen reagierten empfindlich. Der Schriftsteller wurde als Nestbeschmutzer geschmäht, ging nach Frankreich und später in die Schweiz. Doch auch danach gaben die Hüter der bürgerlichen Moral keine Ruhe.
Strindbergs Buch Heiraten, eine Sammlung von Ehegeschichten, die 1884 erschien, wurde beschlagnahmt, der Autor wegen Gotteslästerung und Verspottung der Bibel angeklagt. Das Verfahren endete zwar mit Freispruch, doch die konservativen Leser wandten sich entrüstet von Strindberg ab. Er verlor seinen Verleger, und als er auch noch als politischer Rebell diffamiert und seine Ehe mit Siri von Essen geschieden wurde, einer Schauspielerin am Königlichen Theater, mit der er drei Kinder hatte, da wollte Strindberg nur noch weg aus Schweden. Ein Brief an den schwedischen Schriftsteller Ola Hansson, der in Berlin lebte, schildert Strindbergs Not:

"Die Hauptschwierigkeit ist eben, von hier fortzukommen ... zweimal bin ich gepfändet worden - ich habe Schulden - ich kann nicht reisen, ohne in den Zeitungen steckbrieflich verfolgt zu werden ... Wäre ich nur in Berlin mit meinen Stücken, so wären sie wenigstens für die Bühne gerettet ... Hätte ich nur zweihundert Kronen Reisegeld, so würde ich sofort durchbrennen."

Ola Hansson, auch er Schweden-Emigrant, wenn auch aus verletzter Eitelkeit, weil sein Werk zuhause nicht genügend gewürdigt wurde, lebte mit seiner Frau Laura Marholm, einer Kämpferin für die Rechte der Frau, in Friedrichshagen bei Berlin. Ola dichtete, Laura dachte - er war Gefühl, sie Kopf und Verstand, so beschrieb Julius Hart die Beiden. Hart erschien oft in Friedrichshagen. Der Salon von Ola und Laura war ein beliebter Treffpunkt für Berliner Literaten.



Auszug aus dem Manuskript, dritte Stunde

Oft geschah es nicht, dass Richard Dehmel ausrastete. Dennoch erinnern sich seine Ferkelgenossen, dass der brandenburgische Förstersohn urplötzlich außer sich geraten konnte. Adolf Paul berichtet, Dehmel sei eines Abends Hals über Kopf aus dem "Schwarzen Ferkel" gestürmt und nach kurzer Zeit mit zerfetztem Hut und zerrissenen Kleidern wieder zurückgekehrt. Weil die Zechbrüder sich spöttische Bemerkungen darüber nicht verkneifen konnten, habe Dehmel völlig durchgedreht.

" Er stieg auf den Tisch, schwang seinen Stock um die wildbewegten Locken und fing an, alle neunhundert Schnäpse zu vertilgen -, in der einzig noch möglichen Weise, so, dass er alles kurz und klein schlug. Der Ferkelwirt hatte nicht oft solchen reißenden Abgang seiner Ware. "

Ein anderes Mal, das hat Stanislaw Pryzbyszewski überliefert, sei Dehmel unvermutet und mit irrsinnigem Blick aufgesprungen,

"warf Scheerbart zu Boden und begann ihn zu würgen. Es bedurfte schon der großen physischen Kraft Liliencrons, um die beiden auseinander zu reißen."

Dehmels Freund Carl Ludwig Schleich, der Arzt und Vertraute von Jugend an, der ihn voller Bewunderung Richard mit dem Dichter-Löwenherz nannte, schildert einen Vorfall aus der Studentenzeit:

"Einmal raste er voll von himmelstürmendem, dionysischem Jauchzen über die Weidenhammer Brücke, erklomm ihre Brüstung und wollte emporstreben in die Sternennacht! Mein Bruder Ernst, ein Landmann von riesiger Körperkraft, umklammerte eisern den Rasenden und behauptet noch heute, die 'Deutsche Literatur' gerettet zu haben, indem er Dehmel in unentrinnbaren Muskelklammern hielt, bis der Schäumende zu sich kam, und zwar mit den tieftraurigen Worten: 'Es ist eine Gemeinheit, einen nicht sterben zu lassen'". "

Wahrscheinlich sind diese epilepsieartigen Attacken auf einen Unfall zurückzuführen, den Richard Dehmel 15-jährig, im Sommer 1878, erlitt. Im Turnunterricht war er bei einer Riesenfelge von der Reckstange gestürzt und hatte eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. Monatelang sperrte ihn die Krankheit im Haus ein, und viele Jahre lebte Dehmel in der ständigen Furcht vor Attacken seines Gehirns auf seinen Körper.

Stanislaw Przybyszewski hat eindringlich beschrieben, wie Dehmel gegen die Krankheit kämpfte:

" "Als er einmal wieder einen Anfall herannahen fühlte, versammelte er alle seine Willenskraft zur verzweifelten Abwehr. Von dem Sieg seines Willens hatte er diesmal sein ganzes Leben abhängig gemacht. Wäre dieser letzte Versuch misslungen, er hätte seinem Leben ein Ende gemacht - er konnte nicht länger in der entsetzlichen Furcht vor den immer wieder zurückkehrenden Anfällen leben ... Es galt nur, das Bewusstsein nicht zu verlieren ... im letzten Augenblick, als er die Konvulsionen nahen fühlte, die ihn auf den Boden werfen sollten, schnellte er mit furchtbarer letzter Willensanstrengung auf, begann zu laufen, stürzte nieder, riss sich wieder empor, schrie fortwährend in sich hinein: Ich will nicht! Ich will nicht! ... und dann auf einmal: die große, sonnenbeglückte Erlösung."

Die Unberechenbarkeit, mit der ihn die Krampfanfälle heimsuchten, machte Dehmel unnahbar und verschlossen. "Welch sonderbarer Mensch", notierte Carl Ludwig Schleich und strapazierte seinen würdevollsten Wortschatz, um seinen Freund zu beschreiben. Wie bewunderte er

"dieses tief vergrübelte Gesicht mit den blitzsprühenden, oft zugekniffenen, an sich schön geschnittenen und leuchtenden großen Augen, deren Winkel schon früh die so charakteristischen Krähenfüße zeigten, mit der scharfen aristokratischen Nase und den energisch geschweiften Nüstern. Die Lippen blass, die untere auffallend breiter, die er leicht zu einer verächtlichen, mürrischen 'Schippe' verzog. Hoch der Altar der Stirn, dem soviel Heiligendes noch entströmen sollte, kreuz und quer durchfaltet, drei tiefe konvergierende Furchen über der Nasenwurzel. Zwei türkensäbelkrumme tiefe Falten begrenzten scharf vom Nüsternansatz schräg die Wangen und verloren sich in die breit ausladenden Kiefer. Die Brauen wie zwei weitgeschweifte gotische Bogen. Schön gewelltes, tiefschwarzes, dichtes Haar mit dem Geniestrudel in der Mitte, wie aus der Stirn emporflammend. Schlank die Gestalt, eine etwas gebückte Haltung, sein Gang bis ins Alter hinein eigentlich schiebend, seine Haltung wie stürmend vorgebeugt. emporflammend."

Die Himmelsstürmer im "Schwarzen Ferkel" sprachen spöttisch vom wilden Mann, ein Scherzname, den Strindberg aufgebracht hatte. Sie und zahlreiche andere Zeitgenossen begegneten Dehmel aber voller Hochachtung. Sie schätzten sein künstlerisches Urteil und ließen sich sogar ihre Prosatexte und Gedichte vom strengen Sprachmeister überarbeiten.

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