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StartseiteKommentare und Themen der WocheVisionär und Realpolitiker17.06.2017

Zum Tod von Helmut KohlVisionär und Realpolitiker

Helmut Kohl sei ein großer Bundeskanzler gewesen, der bedeutendste neben Konrad Adenauer und Willy Brandt, kommentiert Günter Müchler. In seiner Amtszeit habe er fundamentale Transformationsprozesse mitgestaltet: die Wiedervereinigung Deutschlands und die Vereinigung des europäischen Kontinents.

Von Günter Müchler, ehemaliger Programmdirektor Deutschlandradio

Helmut Kohl (l) im Juli 1990 im Gepräch mit Michail Gorbatschow im Kaukasus. (picture alliance / dpa)
Die Einigung Europas war für Kohl - hier im Bild mit Michail Gorbatschow - eine Frage von Krieg oder Frieden. (picture alliance / dpa)
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Helmut Kohl hätte die Lobeshymnen von deutschen und von ausländischen Politikern, von treuen Anhängern und ebenso treuen Gegnern als verdienten Lohn betrachtet, aber auch nicht überbewertet. Geschmunzelt hätte er über den einen und anderen Spätbekehrten. Er war ein Kenner der menschlichen Natur.

Die letzten Jahre wurde sein Bild durch die leidige Spendenaffäre verschattet. Sie lenkte ab von dem, was er diesem Land gewesen war: ein großer Bundeskanzler, der bedeutendste neben Konrad Adenauer und Willy Brandt. Wie sie prägte er die Nachkriegszeit. Anders als sie schloß er diese Epoche ab und führte darüber hinaus. Denn in Kohls 16-jährige Amtszeit fielen zwei fundamentale Transformationsprozesse: die Wiedervereinigung Deutschlands und die Vereinigung des europäischen Kontinents. Beide Prozesse gestaltete er mit.

Einer wie Kohl fehlt heute

An Kohl, den in der Wolle gefärbten Europäer, erinnert man sich heute nicht ohne Sentimentalität. In der momentanen Geistesverwirrung wäre er der Mann, der als glaubwürdiger Patriot dartun könnte, dass der Ego-Trip der Neo-Nationalisten, die überall ihr Haupt erheben, eine gefährliche Geisterfahrt ist. Die Einigung Europas, das heißt die Überwindung des Nationalismus, war für ihn eine Frage von Krieg oder Frieden. Manch einer hat damals, wenn er dieses Mantra vortrug, besserwisserisch gelacht. Heute lacht niemand mehr.

Deutsch-französische Freundschaft: Jacques Chirac 1983 bei Bundeskanzler Helmut Kohl. (dpa / Peter Popp)Deutsch-französische Freundschaft: Jacques Chirac 1983 bei Bundeskanzler Helmut Kohl. (dpa / Peter Popp)

Kohls Vision war ein Europa, das auf einer kraftvollen deutsch-französischen Partnerschaft und dem Respekt vor den kleineren Nachbarländern beruhte. An beidem hat es in letzter Zeit gefehlt. Kohls Fähigkeit war, Vision und Realpolitik miteinander zu verbinden. Dabei nahm er hohe Risiken in Kauf. Er boxte den Euro gegen Expertenbedenken und gegen D-Mark-Nostalgie durch – aus politischen Gründen. Den übrigen Europäern sollte die Angst vor dem neuen starken Deutschland genommen werden. Außerdem sollte Europa für jedermann im Alltag erfahrbar werden, durch das gemeinsame Geld. Kein anderer hätte den Ritt gewagt.

Mut und Entschlossenheit

Kohl hervorstechende Eigenschaft war Mut. Wenn es hart auf hart ging, regierte er entschlossen gegen Demoskopie und Zeitgeist. Mutig trotzte er dem Trommelfeuer der Nachrüstungsgegner. Und weil es seinem Ehrbegriff widersprach, das Ehrenwort zu brechen, nahm er in der Spendenaffäre den Bruch mit seiner Partei in Kauf. So war er eben.

Helmut Kohl 1989 bei einem Auftritt in Dresden. (dpa / picture alliance)Helmut Kohl 1989 bei einem Auftritt in Dresden. (dpa / picture alliance)

Noch größeren Mut bewies Kohl 1989. Es ist wahr: Den Fall der Mauer hat er so wenig vorhergesehen wie andere. Aber ohne das herrisch hervorgezauberte Zehn-Punkte-Programm, ohne den Parforceritt der Währungsunion und ohne sein diplomatisches Geschick hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben. Kohl war ein Kämpfer, ein Staatsmann. Als Deutsche und als Europäer haben wir ihm viel zu danken.

Günter Müchler war von 1994 bis 2011 Programmdirektor des Deutschlandradios.
1992 schrieb er zusammen mit Klaus Hofmann die vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung veröffentlichte Biographie "Helmut Kohl: Kanzler der deutschen Einheit".

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