• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteKultur heuteDer Erfinder der E-Mail und sein Elefantenohr07.03.2016

Zum Tod von Ray TomlinsonDer Erfinder der E-Mail und sein Elefantenohr

Die ersten E-Mails hat er an sich selbst verschickt, die Computer standen nebeneinander. Das war 1971, und mehr als 40 Jahre später wissen wir, wie bahnbrechend Ray Tomlinsons Erfindung gewesen ist. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass seine Arbeit unser aller Art zu kommunizieren verändert hat. Nun ist Tomlinson im Alter von 74 Jahren gestorben.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Ray Tomlinson bei der Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises in Oviedo.  (AFP / Miguel Riopa)
Ray Tomlinson bei der Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises in Oviedo. (AFP / Miguel Riopa)

Auch im Industriezeitalter werden Erfindungen oft zufällig gemacht. Zwar führt die Straße des technischen Fortschritts heute durch wissenschaftliche Institutionen und Forschungslabore großer Unternehmen, aber im Einzelfall ist das Erfinden immer noch ein unvorhersehbarer Akt. Und von jeher hat es etwas Spielerisches und Unernstes. Epochale Neuerungen treten häufig zuerst als Volksbelustigungen auf, weil man ihre Tragweite noch nicht erkennt. Das Telephon wurde zunächst als Spielerei betrachtet, die Gasbeleuchtung galt als Kuriosum, der Erfinder der Dampflokomotive ließ seine Maschine gegen Eintrittsgeld im Kreis herumfahren, die Silbersalze, auf denen die Photographie beruht, dienten auf Jahrmärkten dazu, das Publikum durch ihre Verfärbung zu verblüffen; und selbst der Laser gab seinen Einstand im künstlerisch-ästhetischen Bereich.

So fummelte auch Ray Tomlinson bloß nebenbei und insgeheim an einem Computerprogramm, das Schriftsätze von einer Maschine zur anderen zu transferieren erlaubt, und zwar mit Hilfe eines neuen Adressierungs-Systems. "Sag das niemandem", warnte er einen Kollegen, "das ist nicht die Arbeit, für die wir bezahlt werden!" Das Adressierungs-System machte das am wenigsten gebrauchte Zeichen im Vorrat maschineller Typographie zu einer Weltberühmtheit: den sogenannten Klammeraffen, das ‚kommerzielle a‘ der Angelsachsen, das dort ‚at‘ heißt. Der Siegeszug dieses einen Symbols ist eine kulturgeschichtliche Singularität, allein die verschiedenen Benennungen in verschiedenen Sprachen stellen einen semantischen Spiegel der Globalisierung als solcher dar: so heißt das 'at'-Zeichen auf italienisch Schnecke, auf finnisch Katzenschwanz, auf isländisch Elefantenohr, auf hebräisch Strudel (wie das Gebäck) und auf französisch "arobase", was auf den spanischen und portugiesischen Ausdruck für Viertelzentner verweist.

Jede Nachricht transportiert den Brandgeruch der Überlastung

Die praktischen Auswirkungen des E-Mail-Verkehrs im Alltag sind so massiv wie diejenigen des Autos und des Telefons. Unsere ganze Kommunikationskultur hat sich durch diesen Fernschreibdienst für jedermann verändert. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde durch das Telefon die Mündlichkeit das Schreiben immer mehr verdrängen. Schon fürchteten Historiker, daß politische Entscheidungen mangels Aktenspuren künftig nicht mehr nachvollziehbar wären, da brachte die Computerära eine ganz neue, rauschhaft schnelle und bequeme Form von Schriftlichkeit hervor. Selbst das Handy, als Telefon erfunden, bekam durch die SMS, die kleine Schwester der E-Mail, einen besonderen Mehrwert.

Die Schrift ist ins Kraftfeld einer technischen Beschleunigung geraten, welche sie aus den Konventionen des Stils und der Grammatik herausreißt. Manche E-Mails wirken wie mit dem Gesäß auf der Computertastatur geschrieben. Die Tippfehlerkanonade bildet die enorme Arbeitsanspannung der Schreibenden ab. "Keine Zeit", schreit es aus dem Posteingang, "keine Zeit zum nochmaligen Durchlesen", und jede Nachricht transportiert den Brandgeruch der Überlastung. Natürlich wurde diese derbe Inszenierung des Geschäftsalltags erst durch die Abschaffung der Sekretariate möglich; im E-Mail-Verkehr kann man davon ausgehen, daß tatsächlich der Absender seinen Tippfinger gebraucht.

Während das Phänomen der Hochgeschwindigkeits-Buchstabensuppe wiederum durch elektronische Hilfsmittel wie Korrekturprogramme abgemildert wird, bleibt das Problem der Übertragungssicherheit im Internet bestehen. Inzwischen hat fast jeder schon mal Erfahrung mit einem Virus oder anderen bösen Kräften gemacht, welche die Macht über die ganze Korrespondenz an sich reißen und schlimmstenfalls unter falschem Namen die unglaublichsten Botschaften verschicken. Das ist der Moment, in dem man die Dialektik des Fortschritts ultrascharf erkennen kann: Ein 30-jähriger Elektrotechniker der amerikanischen Firma Bolt Beranek and Newman daddelt am legendären ARPANET herum und bringt etwas hervor, das unsere Zeit aus den Fugen hebt: ein Instrument zur Erfahrung weltweiter Gleichzeitigkeit.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk