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StartseiteKultur heute"Wer den Swing hat, kann nicht im Gleichschritt marschieren" 29.01.2018

Zum Tode der Jazz-Legende Coco Schumann"Wer den Swing hat, kann nicht im Gleichschritt marschieren"

Einer der letzten noch lebenden Zeugen des Holocaust, der Jazz-Musiker Heinz Jakob Schumann, ist tot. In Theresienstadt musste er für die SS Konzerte geben. Nach 1945 feierte Deutschlands berühmtester Swing-Gitarrist mit seinem "Coco Schumann Quartett" internationale Erfolge.

Von Karsten Mützelfeldt

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Jazz-Gitarrist Coco Schumann während eines Konzerts in Berlin. ( imago/Scherf)
Jazz-Gitarrist Coco Schumann 2005 während eines Konzerts in Berlin. Erstmals bricht er in seiner Autobiografie "Der Ghetto-Swinger" sein Schweigen über die Erlebnisse während der Holocaust. ( imago/Scherf)
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"Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht … Wer den Swing in sich hat, … kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren."

Coco Schumann wird 1924 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters in Berlin geboren und entdeckt früh seine Begeisterung für Swing und Jazz.

Schumann gelingt es, als Gitarrist und Schlagzeuger in der Berliner Szene Fuß zu fassen. Bei einer der immer häufiger stattfindenden Razzien der Nazis outet er sich gegenüber einem SS-Mann nicht nur, wie er in seiner Autobiografie schreibt, als einer "mit blauen Augen und Berliner Schnauze".  

"Ich bin auf ihn zugegangen, zu dem klatschenden SS-Mann, und habe gesagt, 'jetzt müssen Sie mich eigentlich verhaften! ... Ich bin minderjährig' – stimmte –, 'ich bin Jude' – stimmte –, 'ich spiele Jazzmusik' – stimmte. Und der ganze Laden hat gewiehert, ist kein Mensch auf die Idee gekommen, dass ich die Wahrheit gesagt habe!"

Überleben in Theresienstadt

1943 wird Schumann verhaftet und nach Theresienstadt deportiert, in ein Lager, das von den Nazis zu Propagandazwecken als eine Art "Vorzeige-Ghetto" konzipiert wurde. Dort angekommen, bewahrheitet sich für ihn die Erkenntnis, die Musik habe sein Leben gerettet.

"Und dann kam einer auf mich drauf zu und sagte, 'Du, wir haben hier so ein Orchester, und die nennen sich die 'Ghetto-Swingers'. Und da spiele ich Gitarre, aber … unser Schlagzeuger ist im vorigen Transport nach Auschwitz gegangen, und wir haben keinen Schlagzeuger'. Sage ich: 'Du, ich habe erst, bevor ich Gitarre gespielt habe, Schlagzeug gespielt!' Sagt er: 'Dann komm doch mal gleich morgen zur Probe!' Und dann war ich der Schlagzeuger von den 'Ghetto-Swingers'!"

"Bei mir bist Du schön", die einzige erhaltene Aufnahme mit den Ghetto-Swingers. 1944 bringt man ihn nach Auschwitz, wo er in einer Lagerkapelle spielt, anschließend nach Kaufering.

Befreiung durch US-Soldaten

Auf einem Todesmarsch in Richtung Innsbruck im April 1945 werden er und seine Mithäftlinge von amerikanischen Soldaten befreit. Nach dem Krieg kehrt Schumann in seine Geburtsstadt zurück, in ein zerstörtes Berlin.

"Vorne war eine Ruine, … stand 'Ronny-Bar' dran. Ich geh da rein, höre Musik. Als ich reinkomme, Totenstille. Meine ganzen Freunde von früher und Kollegen spielten da … und dachten, es war hier das Gerücht, dass ich im KZ umgekommen wäre. Auf einmal stand ich da! (lacht) Ja, und dann ging's los!"

Das Schweigen brechen

Das Helmut Zacharias Quartett 1948 mit Coco Schumann. Bei aller Aufbruchsstimmung - Schumanns Erinnerungen an das Grauen der KZs unauslöschlich und immer wieder präsent. Aus Auswanderungsgedanken wird Realität. 1950 bricht er mit einem Schiff in eine ungewisse Zukunft auf, nach Australien. Vier Jahre später kehrt er nach Deutschland zurück.

Nach Jahrzehnten im Unterhaltungssektor kommt 1985 der Tag, da der sich der Gitarrist von heute auf morgen entschließt, zu seiner ersten und größten Liebe zurückzukehren, dem Swing und Jazz.

1997 erscheint Coco Schumanns Autobiografie Der Ghetto-Swinger. Ein Buch, in dem er das tut, was er erstmals 1986 für einen Filmemacher tat: sein Schweigen zu brechen.

"Und dann hat er zu mir gesagt: 'Herr Schumann, warum gehen Sie immer weg?' Hab ich gesagt: 'Ich will nicht darüber sprechen.' Sagt er: 'Wenn Sie nicht darüber sprechen wollen' – und dann kam gerade die Auschwitz-Lüge auf, ja –, '… wer soll denn darüber sprechen, wenn nicht die, die es erlebt haben?!' Und dann habe ich mir in dem Moment gedacht: Mensch, der hat eigentlich recht!"

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