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StartseiteKultur heuteVerkörperte Noblesse12.01.2016

Zum Tode von Ruth LewerikVerkörperte Noblesse

Diese etwas näselnde, geklemmte Sprechweise: Angeblich wiesen Schauspielschulen die 1924 geborene Tochter eines Essener Kaufmanns deswegen zurück. Mit starken Frauenrollen wurde Ruth Leuwerik dennoch zum glamourösen Filmstar der 50er- und 60er-Jahre. Nun ist sie mit 91 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Von Beatrix Novy

Die deutsche Schauspielerin Ruth Leuwerik (1924-2016) in einer Aufnahme von 2004 (Picture Alliance / dpa / Horst Ossinger)
Die deutsche Schauspielerin Ruth Leuwerik (1924-2016) in einer Aufnahme von 2004 (Picture Alliance / dpa / Horst Ossinger)

Leuwerik, Leuwerik...wer ist das nochmal? Die Zeit, als wohl jeder in Deutschland den Namen Ruth Leuwerik zumindest vom Hören kannte, ist offenbar vorbei. Und seitdem das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen cineastischen Bildungsauftrag vergessen hat, werden die Nachgeborenen mit Schauspielern aus der reichen Filmgeschichte nicht mehr so ungezwungen bekanntgemacht wie früher. Aber dass sie in den letzten Jahrzehnten aus dem Gedächtnis vieler schwand, das hatte Ruth Leuwerik auch selbst entschieden: Als sie sich früh, in den 60er Jahren, aus dem flauer werdenden Geschäft entschlossen zurückzog.

"In diese Zeit fiel die Umstrukturierung des Films. Opas Kino hörte auf, es kam der Autorenfilm. Das hat mir geholfen, aufzuhören."

Dass ausgerechnet die Leuwerik dem Autorenfilm nichts hätte geben können, will nicht in den Kopf. Sie gehörte zwar zu der Generation von Darstellern, deren Talent und Können im heruntergekommenen deutschen Nachkriegs-Filmgeschäft selten angemessen zur Geltung kam. Aber im Vorspann der dümmsten Erzeugnisse dieser Jahre findet man ihren Namen nicht, sie drehte mit Regisseuren wie Helmut Käutner, Rolf Thiele, Rudolf Jugert seriöse, mitunter sogar mutige und daher im Kino gescheiterte Filme, wie "Die Rote" nach Alfred Andersch. Überhaupt war man mit Literaturverfilmungen noch auf der sichersten Seite, aber das reichte der Leuwerik nicht.

"Wenn ein Schauspieler gut ankam, hat man die Filme auf ihn gebaut, Stoffe für ihn gesucht. Ich hatte eine Produktion, die tat das, das konnte man annehmen oder nicht. Ich hatte die Gelegenheit, die Stoffe auf ihren Ablauf zu interpretieren. Ich musste nicht irgendwas spielen, wo ich sagte: Nun ja, du musst deine Brötchen verdienen, mach das mal."

Ruth Leuwerik mit Heinz Rühmann in "Das Haus in Montevideo" von 1963 (Imago/United Archives)Ruth Leuwerik mit Heinz Rühmann in "Das Haus in Montevideo" von 1963 (Imago/United Archives)

Ruth Leuwerik war nicht nur Star, sondern auch kritisch und versiert genug, um sich die Rollen, die sie spielen wollte, sorgfältig auszusuchen. Korrespondenzen mit ihren Regisseuren belegen den nüchternen Scharfsinn, mit denen sie Texte analysierte, manchmal arbeitete sie offiziell an Drehbüchern mit. Irgendwie passte das zu einer Schauspielerin, die auch auf Bühne und Leinwand eine gewisse Distanz immer spüren ließ: zu Menschen, Gefühlen, Dingen. Sie war die verkörperte Noblesse, nicht nur, wenn sie, wie in Wolfgang Liebeneiners "Königin Luise", die Titelrolle spielte. Oder, etwas zu erwachsen, die Imma Spoelmann in "Königliche Hoheit" nach Thomas Mann.

"Zwei Stückchen oder drei, Prinz? Ich würde Ihnen empfehlen, sich beim Teetrinken Ihrer Waffen zu entledigen. Falls nicht Gründe dagegen sprechen, die sich meiner Einsicht entziehen."

Ihre Frauenrollen wiesen über die Adenauerzeit hinaus

Unverwechselbar war ihre Sprechweise, etwas näselnd- geklemmt, angeblich wiesen Schauspielschulen die 1924 geborene Tochter eines Essener Kaufmanns wegen mangelnder Lautstärke zurück; sie überhörten den Hauch einer vielversprechenden Hysterie unter dieser Stimme. Ruth Leuwerik schaffte es trotzdem, schon während des Krieges auf der Bühne zu stehen und Anfang der 50er ein Idol der Deutschen zu sein. Was sie in ihren Rollen so oft verkörperte: Selbständigkeit, Beruf, Eigensinn, wies über die frühe Adenauerzeit hinaus, und doch feierte sie einen ihrer größten Erfolge ausgerechnet mit einer Mutterfigur: im sangesfreudigen Melodram "Die Trappfamilie", das sich als Muscial und in einer weiteren Filmversion zum Welterfolg auswachsen sollte.

"Ich hatte diese Rolle nicht so gern, weil Mütter, die wie Glucken auf ihrer Familie sitzen, das war nicht meine Sache. Aber das Drehbuch war dann so, dass ich das gut spielen konnte."

Einzelne Rollen nahm auch die alternde Ruth Leuwerik noch an: zum Beispiel 1978 in einer historisch überaus sensiblen Buddenbrooks-Verfilmung von Franz Peter Wirth. Da war sie eine Konsulin Buddenbrook, wie der Zeitmaschine entstiegen. Bei ihr wirkten ja noch die erlesenst gedrechselten Texte ganz natürlich - weil sie in ihrem Spiel auf Natürlichkeit nie gesetzt hatte.

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