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StartseiteBüchermarktZum Verführen verhüllt19.02.2008

Zum Verführen verhüllt

Die Geschichte des Orangenpapiers

Die erste Hündin im All, der Minirock und der Film "Dolce Vita" haben eines gemeinsam: Sie zierten die durchscheinenden Papiere, mit denen Obsthändler lange Jahre ihre Orangen einwickelten. Ursprünglich ohne Motiv und zum Schutz vor Dellen wurden diese Papiere bald zu Werbeträgern. "Verhüllt um zu verführen" erzählt ihre Geschichte.

Von Antje Rávic Strubel

Ursprünglich sollte das Papier die Frucht vor Stößen schützen, schnell wurde es zum Werbeträger. (Franz Michael Rohm)
Ursprünglich sollte das Papier die Frucht vor Stößen schützen, schnell wurde es zum Werbeträger. (Franz Michael Rohm)

Was haben der Struwelpeter, Odysseus, Aida, eine Vesper, der Alte Fritz, Mickey Mouse und Gustav Stresemann gemeinsam? Sie zieren das Gewand, in das die Orange seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts gehüllt war. Was die Mangelware Kuba-Apfelsine nie hatte und die Massen-ware Nabelapfelsine heute nicht mehr hat, ist ein Din A 4 großes, durchscheinendes, aus Holzschliff hergestelltes Papier, das leuchtend mit Gestalten aus Comics, der Weltliteratur, aus Sagen, Märchen und Mythen, mit Tieren, Kaisern, Sportlern, Sternen, also mit allem bedruckt ist, was den Käufern den Kauf einer der ältesten kultivierten Obstsorten besonders schmackhaft machen soll. Woran sich die einen heute nur vage erinnern, ist für andere ein begehrter Sammelgegestand.

In dem wunderschön gestalteten Buch des vacat Verlags Potsdam "Verhüllt um zu verführen" erfährt man nicht nur von der Vielfalt und dem künstlerischen Geschick, mit dem diese Gebrauchs-häute gestaltet waren, sondern auch von Menschen, die das zerknautschte Wegwerf-Papier bügeln und thematisch geordnet wie Briefmarken in großen Alben für die Ewigkeit haltbar machen. Dirik von Oettingen, der Leiter des Orangenpapiermuseums Salzgitter, hat für dieses Buch 500 Orangenpapiermotive aus über einhundert Jahren und einer Sammlung von insgesamt 40.000 zusammengestellt. Beim Blättern der Seiten entsteht eine leuchtende Kaskade aus verrückten Einfällen, skurrilen Zeichnungen und naiven Werbesprüchen, mit denen die Eigentümer der meist familiär betriebenen Orangenplantagen in Italien und Spanien ihre Früchte vermarkteten.

Zwei Anbaugebiete am Mittelmeer dominierten den Handel, seit es mit dem Bau der Eisenbahnen möglich geworden war, die Früchte unbeschadet nach Mitteleuropa zu transportieren: Sizilien und Kalabrien und die spanische Region Valencia. Die Papiere sollten die Orangen vor Stößen schützen und verhindern, dass unterwegs faulende Früchte andere ansteckten. Aber die Papiere blieben nicht lange blank. Mit Entstehung des Zwei-, Drei- und Vierfarbdrucks und später des Offsetdrucks wurden sie zu Trägern einer welthaltigen Orangenpropaganda und erzählen heute eine Geschichte der Werbung, beginnend mit aufwendig gestalteten, filigranen Zeichnungen auf denen technische Errungenschaften wie das Telefon oder der Zeppelin abgebildet sind bis zu gereimten Slogans wie: "Willst du verjüngen deine Mienen, dann kaufe Pilar Apfelsinen." Oder schlicht und unmißverständlich: "Nimm mich!" Die Raucher kamen schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts schlecht weg. Auf einem Zweifarbdruck heißt es: "Der Raucher haßt Apfelsinen."

Die Apfelsine ist häufig der Hauptdarsteller. Sie ersetzt zuweilen die Sonne und erzählt die eigene Geschichte. Vor etwa 4000 Jahren wurden Zitrusfrüchte vermutlich zuerst von chinesischen Bauern am Hof des Kaisers von China angebaut, daher der Name Apfel-sine: der Apfel aus China. In der Antike vermutete man, dass mit Orangen jene goldenen Äpfel gemeint waren, die als Symbole ewiger Jugend galten und die Herakles aus dem Garten der Hesperiden, den Töchtern der Nacht, stehlen sollte. So zeigt ein italienisches Orangenpapier die bewachende Schlange Ladon und ein spanisches Papier den siegreichen Herakles, wie er eine Riesenorange auf seiner Schulter nach Kreta schleppt, nachdem er Ladon erschlagen hat. Bis ins 16. Jahrhundert hinein dauerte es, ehe die Orange an Königs- und Fürstenhöfen Europas Zeichen des Luxus wurde und man um die weißblühenden Bäume herum ganze Orangerien errichtete. Für die Italiensehnsucht Goethes Ende des 18. Jahrhunderts hat die Apfelsine ebenfalls keine geringe Rolle gespielt: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn...", lässt er Mignon singen, die dann auch auf einem älteren sizilianischen Orangenpapier die Laute spielt.

Ebenso geben die Papiere Einblicke in die jüngere europäische Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Vom Aufkommen des Minirocks kündete die Orangenverpackung oder von der Entwicklung der Vesper. Die ins All geschossene Hündin Laika schien die Phantasie der Menschen noch auf der entlegensten Plantage Spaniens zu beflügeln, auch der Sputnik ist eine Orange, und Papiere aus Italien nehmen Bezug auf Fellinis berühmten Film "La Dolce Vita".

Wie sehr die Herrschaft der Mauren in Sizilien noch heute das kollektive Unbewusste beschäftigt, zeigen die äußerst skurrilen und politisch völlig unkorrekten Mohren-Bilder. Die ersten dieser Mohren warben in den 20er Jahren für die Sorte Moro, eine der wichtigsten Blutapfelsinensorten von den Südhängen des Aetna. Moro bedeutet schwarz, und Maure ist akustisch von Mohr nicht weit entfernt; so lässt sich zumindest assoziativ ein Zusammenhang herstellen zwischen den meist zipfelbemützt und großäugig dargestellten schwarzen Köpfen, den ehemaligen nordwestafrikanischen Besatzern und einer Blutorange. Auch indirekt wird Geschichte deutlich: Die spanischen Papiere etwa verlieren Ende der 30er Jahre ihre Kunstfertigkeit, viele der Grafiker waren Republikaner und mussten mit dem Sieg Francos das Land verlassen.

Über die Abnehmer machten sich die Papiergestalter ebenfalls Gedanken: Auf für England bestimmten Papieren sind Robin Hood oder Sherlock Holmes zu sehen, Papiere für Deutschland zeigen Rotkäppchen, Martin Luther, Max und Moritz, sogar Mecki, den Igel aus der Rundfunkzeitschrift "Hör zu" der 50er Jahre. In die USA schickte man einen äußerst feminin wirkenden George Washington.

So füllt dieses Buch eine Bildungslücke, die es selbst eigentlich erst schafft; das Orangenpapier als Dokument und Kunstwerk. Das eigentliche Kunstwerk ist das Buch "Verhüllt um zu verführen" selbst. Seine Gestaltung ist herausragend: Das orangefarbene Hardcover ist mit einem vergrößerten Orangenpapiereinband umgeben, die Seiten aus seidenweichem PlanoPak-Papier sind doppelt und lassen zwischen sich einen Hohlraum, so daß die kräftigen Farben der Bilder nicht durchscheinen. Das gibt dem Buch etwas Luftiges, Schwebendes. Beim Blättern wird man an das leichte Sprühen beim Schälen einer frischen Orange erinnert.

Auch wen es weniger interessiert, wie man Orangenpapier sammelt und ordnet und dass es heute kaum Nachwuchs an Orangenpapiersammlern mehr gibt, weil die Sammelleidenschaft im Computerzeitalter insgesamt museal geworden ist, der wird an diesem Buch ein großes visuelles und haptisches Vergnügen haben. Man möchte immerzu darin blättern. Da lässt sich sogar eine Merkwürdigkeit übersehen, die darauf hindeutet, dass Orangenpapiersammler älteren Jahrgangs und noch aus einer Zeit sind, in der es wenig berufstätige Frauen gegeben hat: Als typische Berufe von Sammlern zählt Oettingen Bäcker, Fotografen, Übersetzer, Designer oder Ingenieure auf, alle in der männlichen Form. Das wäre kaum der Rede wert, fände sich dazwischen nicht doch eine feminine Endung; dass ausgerechnet die Archivarin für den Autor der offenbar einzig vorstellbare weibliche Beruf ist, lässt auf einen ähnlich vagen Zusammenhang zwischen dem "Bewahren von Dingen" und "Frau" schließen, wie er sich für die Orangenpapiergestalter zwischen der Blutorange und einem Mohren hergestellt haben mag ...


Dirik von Oettingen: Verhüllt um zu verführen. Die Welt auf der Orange.
vacat Verlag, Potsdam 2007
128 Seiten, 28 Euro

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