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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenZur Aktualität von Latein04.10.2007

Zur Aktualität von Latein

Schüler wollen wieder Latein lernen. Jährlich wählen zirka fünf Prozent mehr Kinder Latein als Fremdsprache am Gymnasium, finden es geradezu cool, die Sprache zu beherrschen. Es gibt Bestseller, die sich mit der lateinischen Sprache beschäftigen, Nachrichten auf Latein, es gibt sogar lateinischen Hiphop.

Caesar und sein Gallischer Krieg: "Beliebte" Lektüre im Latein-Unterricht (AP)
Caesar und sein Gallischer Krieg: "Beliebte" Lektüre im Latein-Unterricht (AP)

Was hat eigentlich die aus Südamerika stammende Kartoffel mit dem Lateinischen zu tun? Die Italiener nannten sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Trüffelknolle eine Zeit lang tartufolo. Der tartufolo geht aber auf das lateinische terrae tuber zurück, den Erdauswuchs. Die Deutschen übernahmen den italienischen Begriff im 17. Jahrhundert als tartoffel. Und da zwei mit dem gleichen Konsonanten beginnende Silben unschön klingen, wurde schließlich das t zum k. Die Kartoffel war geboren. Alles klar? Klar wie lateinisch clarus - hell, laut - und clarus von clamare - rufen, schreien.

" Ich wollt sagen, dass sieben Sprachen aus dem Lateinischen abstammen. "

" Latein hat mir am Anfang sehr gut gefallen, aber am Ende habe ich gesehen, dass es schwer ist mit dem Übersetzen. Aber ich bereue es überhaupt nicht, weil das ja auch die Mutter der Sprachen ist. "

Niemand aus der Klasse 6 des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums in Wuppertal bereut bislang, Latein zu lernen. Ganz im Gegenteil, alle finden's spannend. Spannender sogar als Englisch, das die Kinder auch lernen.

" Weil wir halt nicht wissen, wie die da gelebt haben und das interessanter ist, weil die englischen Bürger, die leben wie wir halt. "

" Das Englische ist wie das Deutsche, aber Latein ist interessanter. "


Weeber: " Ich denke, dass die Pisa-Studien einiges ausgelöst haben, man verbindet Latein mit Solidität und es ist manchmal ein bisschen schwer zu lernen. Die Zuwachsraten in den letzten vier Jahren liegen bei ca. 30 Prozent bundesweit. Und da gibt es auch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bundesländern. "

Karl Wilhelm Weeber ist der Lateinlehrer der Klasse 6 und Direktor des Wuppertaler Gymnasiums. Im vergangenen Jahr schrieb Weeber, der zugleich Professor für Alte Geschichte an der Universität Wuppertal ist, ein Buch: "Romdeutsch. Warum wir alle lateinisch reden, ohne es zu wissen". Das Buch wurde ein großer Erfolg. Es wurde von der Süddeutschen, ja sogar vom Playboy als Buchtipp des Monates empfohlen. Latein, so ist in Weebers Buch nachzulesen, sprechen wir nämlich eigentlich alle:

" Also "quitt" beispielsweise geht auf Lateinisch "quietus" zurück, ruhig, wir sind quitt miteinander heißt, wir haben Ruhe, wir tun uns nichts mehr. Oder "peinlich", ist ein Verhalten, das sträflich ist, geht auf lateinisch "Poena" zurück. Oder ein Wort, das in aller Munde ist, Navigationssystem: woher kommt das eigentlich: navem agere, ein Schiff treiben und deswegen, da mach ich mir einen Spaß draus mit meinen Schülern, dass Navi eine unmögliche Abkürzung ist, weil das agere nicht vorkommt. Und da kam eine Schülerin empört zu mir und sagte, meine Mutter sagt noch immer Navi! "

Sind wir also doch nicht mit dem Latein am Ende? Schüler wollen wieder Latein lernen. Bei Radio Bremen gestaltet eine muntere Lehrerrunde einen Monatsrückblick auf Latein. Es gibt sogar lateinischen Hip-hop. Die Band ISTA will mit ihrer Musik zeigen, schreibt sie auf ihrer pagina domestica - auf ihrer Homepage - dass Latein sogar "grooven" kann. Und das im April erschienene Buch "Latein ist tot, es lebe Latein" des Münchener Altphilologen Professor Wilfried Stroh schafft es sogar in die Bestenliste des Spiegel:

" Der Sinn von mir war, ich wollte das Latein mal etwas bekannter machen, soweit man es vorstellen kann, ich wollte erzählen, was ist das Lateinische und warum hat es die Menschen so fasziniert, dass es zur erfolgreichsten Sprache der Welt werden konnte. Im Augenblick ist ein ganz klarer Trend zum Lateinischen, die Leute melden ihre Kinder an zum Lateinunterricht, wir können kaum mehr so viele Lateinlehrer ausbilden. Das kommt natürlich diesem Buch zugute und dieses Interesse an Latein verbindet sich auch mit einem allgemeinen Interesse an der Antike. "

Warum die Antike spannend ist, erzählen auch die Kinder der Klasse 6 des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums:

" In Latein, da haben die früher ganz anders gelebt, die haben anders gegessen, nicht so wie wir mit Stuhl, sondern auf Matratzen, drei in einer Reihe und die hatten dann zusammen gegessen und wenn man dann aufs Klo musste. "

" Das war ein rechteckiger Raum und an drei Ecken davon stand dann ein Pissoir neben dem anderen und dann saß man da drauf und da war so ein kleines Bächlein und dann hat man da sein Geschäft verrichtet und dann war da so ein Schwamm an einem Stock und dann hat man sich da den Hintern abgewischt. "


Weeber: " Es spricht sich auch rum, dass Latein nicht mehr dieser Horror ist, als der er früher galt. Man sieht die Lehrbücher, man nimmt zur Kenntnis, dass es da nicht nur um große philosophische Dinge geht, sondern dass Alltag dort behandelt wird und das finden gerade jüngere Schüler ausgesprochen spannend. Wie ging es im alten Rom zu, welche Vergnügungen hatte man, wie hat man gearbeitet? Das sind alles Dinge, die heute in Lateinbüchern auch zur Sprache kommen. "

Und so versucht so mancher in der Schule vom Latein Gequälte einen neuen, unbefangenen Blick aufs Latein zu werfen. Jenseits von Ablativ und AcI, jenseits von Caesars Gallischem Krieg - man sprach ihn übrigens Kaisar aus - und den Reden "Ciceros". Und stellt vielleicht fest: schöne Sprache, mit Botschaften, die heute noch aktuell sind! Z.B. von Horaz:

" Wenn einer ein lateinisches Zitat kennt, dann ist es dieses, nämlich "Carpe Diem". Carpe diem heißt, Nütze den Tag, nimm den jeweiligen Augenblick wahr, verschiebe nichts auf später, da sagt er "Tu ne" (Latein). Er hat eine Geliebte und die heißt die Hellsinnige, ist aber eher trübsinnig und fragt sich, was wird aus der Zukunft werden? Und er sagt, viel besser ist es doch, hinzunehmen, was uns Jupiter schenkt, sei schlau, und filtre den Wein "et" (Latein) und beschneide eine allzu weitreichende Hoffung auf ein kurzes Maß, d.h. lass deine Hoffungen und deine Berechnungen nicht zu weit gehen, und jetzt kommt das "Carpe diem quam" (Latein), nütze den Tag wie eine reife Frucht, die man nicht zu spät pflücken darf, ist ganz klar, carpe diem, wenn die Frucht zu lange hängt, dann fault sie, sind die Würmer drin, carpe diem und glaube so wenig als möglich der Zukunft. "

Wilfried Strohs Buch spannt einen Bogen von den angeblich Latein sprechenden Faunen, den einheimischen Göttern in Latium um 1200 vor Christus, bis hin zum ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Strauß, der sich für den größten Lateiner seines Landes hielt. Er schreibt eine Sprach- doch vor allem auch eine Literaturgeschichte, erzählt von den großen Gelehrten und Dichtern des Lateinischen: von Catull, Vergil und Ovid, von Dante und Petrarca, von Erasmus und anderen Humanisten.

Das prägende Merkmal des Lateinischen sei, schildert Stroh, ein vielmaliges Vergehen und Widererstehen. Mehrfach sei die lateinische Sprache gestorben - und immer wieder auferstanden. Tod Nummer eins habe sich bereits um die Zeitenwende ereignet.

" vor 2000 Jahren ist das Latein gestorben und das heißt, in seiner Grammatik, also die Formenlehre und was den Satzbau angeht, hat es aufgehört sich zu entwickeln. Das Erstaunliche beim Lateinischen ist, dass diese Sprache in ihrer abgestorbenen Form diese Vitalität entwickelt hat. "

Das lateinische Mittelalter blühte. Dann sank Latein ab zum drögen scholastischen Wissenschaftsjargon. Erst die Renaissance holte mit den Humanisten die Sprache in ihrer ganzen Ausdruckskraft wieder ans Licht. Bis schließlich im 18. Jahrhundert, als die Völker sich zunehmend auf ihre Muttersprachen besannen, das Latein nahezu am Ende war. Die gebildeten und adligen Schichten sprachen nun Französisch, um sich international auszutauschen. Und schließlich wurde Englisch zur Weltsprache.

" So lange ist das noch nicht, heute überlegt sich schon jeder, wenn ich in Deutsch schreibe, wer wird's lesen, schreib ich also in Englisch, so gut ich kann. Der Nachteil ist natürlich, können tun das ja nur die Engländer. Ich bin, wenn ich was Englisch publiziere, bin ich angewiesen auf Übersetzer. Und das war in Latein wunderbar, da waren wir alle gleich, das haben wir alle nicht gekonnt. Da Latein niemandes Muttersprache war, es war eine gleiche Startvoraussetzung, jeder konnte sich in das Latein reinwühlen. "

Das humanistische Gymnasium wehrte sich lange noch mit alten Sprachen und klassischer Bildung gegen das Vordringen von Naturwissenschaft und Technik. Trotzdem musste Latein sich zunehmend rechtfertigen. Warum eine Sprache lernen, die nicht länger das Medium geistigen Austauschs, sondern einzig nur noch Geschichte ist? Heißt es doch: Non Scholae, sed vitae discimus - Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Warum also Latein?

" Man kennt natürlich mehr Wörter, die kann man, auch wenn man spricht, auch benutzen. Das hilft sehr bei Latein. "

" Ich find man hat dann was fürs Leben, ich sag nicht, das man damit angeben kann, aber schon zu sagen, ich kann jetzt Latein, das ist, ich hab mir auch Mühe gegeben. "

" Man hat's ja auch leichter, wenn man den Schulabschluss macht und was studieren möchte, z.B. Jura, dann hat man einen großen Vorteil gegenüber den anderen, die von anderen Schulen kommen, wenn man da lateinische Begriffe erklären muss. "

Latein schult das logische Denken ist eines der Standardargumente für den gymnasialen Lateinunterricht. Ein schwaches Argument, findet Wilfried Stroh jedoch - und beschreibt andere Vorzüge:

" Also ums logische Denken zu schulen gibt's andere Möglichkeiten. Es hat noch nie einen seriösen Sprachwissenschaftler gegeben, der geglaubt hätte, dass das Latein besonders logisch wäre. Es ist eine Geistesschulung, die nicht im Bereich des Logischen liegt, sondern im Bereich des Sachlichen, ich muss an die Sache denken, .. deshalb auch die Beschwörung jedes Lehrers an die Schüler, gibt das einen Sinn, denk doch mal nach. Wenn du ein Cum hast, was heißt das jetzt? - da, oder weil oder obwohl oder während dessen, kann das alles heißen. Im Lateinischen musst du denken, du musst denken ,was will der Autor sagen, was hat er vorher gesagt. Insofern ist das Lateinische eine ausgezeichnete Denkschule, keine Schulung des logischen Denkens. "

Und Karl-Wilhelm Weeber meint:

" Was wird dort geschult? Das Deutsch, die Kreativität, die ich entwickeln muss, wenn ich von einer Ausgangssprache, die relativ wenig Wortmaterial hat in eine Zielsprache, also hier das Deutsche übersetzen muss, das viel mehr Wörter zur Verfügung hat. Wenn Sie so ein Wort wie res nehmen, das heißt Ding. Dafür gibt's aber 40, 50 Ausdrücke, die sie je nach Zusammenhang verwendet müssen. Und wenn das richtig gemacht wird, schult das das Deutsch, übrigens auch für Schüler mit Migrationshintergrund. "

Und wie steht es mit dem Argument, mit Latein könne man andere Fremdsprachen besser lernen? Der Skeptiker wird fragen, warum man diesen Umweg gehen soll? Warum nicht gleich Spanisch, Französisch oder Italienisch lernen?

" Es gibt ein ganz großes Vorurteil, das heißt, wir wollen, dass der Schüler, der das Gymnasium besucht, möglichst ein trilingualer Europäer ist, ein Europäer, der drei Sprachen beherrscht. Und nun gibt es das Vorurteil, Latein steht genau dem im Weg, weil die Kapazitäten blockiert sind für eine weitere Fremdsprache. Und dies ist erwiesenermaßen falsch, alle Statistiken vom Kultusministerium können ihnen zeigen, dass Lateinschüler noch eine viel größere Neigung haben noch eine Fremdsprache zu lernen, als nicht Lateinschüler. "

Latein, meint Karl Wilhelm Weeber sei, modern gesprochen, ein "Service-Fach". Die Sprache diene dem Erwerb vieler Fähigkeiten, die für andere Fächer nützlich seien.

" Bei der Sprache ist es so, dass Latein anders unterrichtet wird als die anderen Sprachen, die Unterrichtssprache ist Deutsch und das gibt uns Gelegenheit über Sprache als solche zu sprechen. Über grammatische Begriffe zu diskutieren, also, was ist ein Akkusativ, ein Dativ, was ist ein Partizip? Und das hat ungeheuere Bedeutung für andere Fächer, weil sie dort diese Begriffe nämlich auch brauchen. "

" Gratula tibi ex animo: Ich gratuliere dir aus vollem Herzen "

" Quod licet jovi non licet bovi, das heißt so viel, was Jupiter darf, das darf ein Rindvieh noch lange nicht. "

" Meus porcus credo pipas : das heißt: Ich glaub, mein Schwein pfeift. "

" Sum fui esse - ich hau dir in die Fresse. "

Auf jeden Fall hilft Latein, jene "gebildeten Redensarten zu verstehen, mit denen Absolventen humanistischer Gymnasien manche Geselligkeit zu verschönern wissen" unkte einmal der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider. Selbst bei Günter Jauch, meinen Wilfried Stroh wie auch Karl Wilhelm Weeber hätte der Lateiner gute Chancen Millionär zu werden. Latein verschafft Ansehen, wer Latein kann, gilt als gebildet. Doch trotzdem nicht zu unterschätzen ist die Anstrengung, die dem vorausgeht. Latein ist kein Fach, das man mal "eben so" lernt. Man gelangt erst Per aspera ad astra. Durch den Staub zu den Sternen - des akademischen Prestiges. Auch Karl Wilhelm Weeber räumt ein, dass die Begeisterung der Kinder für die alte Sprache irgendwann vergeht:

" Natürlich ereilt das Lateinische das Schicksal jedes anderen Fachs, dass mit Dauer des Unterrichtes es Leute gibt, die sagen, nee, ist doch nicht so doll. Aber das finden Sie für fast jedes Fach auch, es gibt auch Leute die Englisch nicht besonders toll finden und bei Mathematik ist es ganz eklatant. Also die Begeisterung, die wir bei den 5. u 6Klässern haben, die gibt es dann später nicht. Aber wenn man, nachdem die ihr Latinum haben, fragt, bereut ihr es, dann sagen die Allerallermeisten, wir bereuen es nicht, wir haben einen Fundus bekommen, der uns auch anderswo hilft. "

Der Fundus, der auch anderswo hilft? Die Erfahrung vieler, die das große Latinum einmal erworben haben, ist freilich bitter. Sie haben - nahezu alles - vergessen. Warum hat man eigentlich nicht mehr behalten? - Vielleicht war's ja wirklich gar nicht so uninteressant?

" Es gibt einen berühmten Satz, den auch unser früherer Minister Nida Rümelin zitiert hat, Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat. Also man soll nicht unterschätzen, was geblieben ist, was man sich nicht so bewusst ist. Es ist klar, dass uns im Englischen das stärker bewusst bleibt, weil wir ständig damit zu tun haben. In dem Maße haben wir üblicherweise mit Latein nicht zu tun, so wird uns das nicht bewusst gehalten und es wird auch mehr verschüttet. Aber natürlich, was wir uns als Lateinlehrer wünschen, wäre natürlich schon, unsere Schüler so zu bilden, dass sie sich später noch mal mit Latein beschäftigen. "


Literaturhinweise:

Wilfried Stroh
Latein ist tot, es lebe Latein!
List-Verlag 2007

Karl-Wilhelm Weeber
Romdeutsch. Warum wir alle lateinisch reden, ohne es zu wissen
Eichborn 2006

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