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StartseiteBüchermarktZur Entdeckung empfohlen: Remco Campert15.02.2006

Zur Entdeckung empfohlen: Remco Campert

Um Remco Campert dem deutschen Publikum vorzustellen setzt sein Verlag Arche auf Aktualität: Statt einen Klassiker aus den über 80 veröffentlichten Büchern des 1929 geborenen Schriftstellers zu wählen, entschied man sich für seinen letzten Roman, "Eine Liebe in Paris".

Von Volkmar Mühleis

Kurz nach dem Krieg ging Remco Campert nach Paris  und versuchte, dort Fuß zu fassen. Der Roman "Eine Liebe in Paris" ist eine Erinnerung an diese Zeit.  (AP)
Kurz nach dem Krieg ging Remco Campert nach Paris und versuchte, dort Fuß zu fassen. Der Roman "Eine Liebe in Paris" ist eine Erinnerung an diese Zeit. (AP)

"Hier ist der Meister am Werk", hieß es in der holländischen Tageszeitung Het Parool zu dem Buch, und wie verschieden die Wahrnehmung Camperts in den Niederlanden und Deutschland noch ist, zeigt sich bereits darin, dass man für den Umschlag der deutschen Ausgabe den Spruch in "Hier ist ein Meister am Werk" verändert hat. In Holland ist Campert ein Begriff: Wöchentlich schreibt er Kolumnen für die beste Amsterdamer Tageszeitung De Volkskrant und abgesehen von Gesamtausgaben seiner Lyrik und Prosa ist er auch mit Musikprojekten präsent, als literarisches Mitglied etwa der Jazz-Band von Corrie van Beensberge. 2004 las er noch aus seiner Erzählung "Wie in einem Traum" zur Musik des Ensembles.

Remco Camperts Mutter war Schauspielerin, sein Vater Schriftsteller. Während der deutschen Besatzung verhalf sein Vater Juden zur Flucht und wurde im KZ Neuengamme hingerichtet. Dessen Gedicht Die 18 Toten gehört zu den bekanntesten Texten des holländischen Widerstands. Kurz nach dem Krieg ging Remco Campert nach Paris, und zwischen 1950 und '53 versuchte er dort Fuß zu fassen. Der Roman "Eine Liebe in Paris" ist eine Erinnerung an diese Zeit. Der Autor über seine eigene Liebe zu der Stadt an der Seine:


" Paris war natürlich seit jeher eine Künstler-Stadt und deshalb bin ich dorthin gezogen. Wäre ich heute jung, würde ich vielleicht nach Berlin gehen, aber damals war das aus nahe liegenden Gründen undenkbar. Außerdem war Paris für uns Niederländer die nächste Metropole, auch wenn man trotzdem noch drei Tage unterwegs war, als Tramper. 1949, 1950 lebte man in Holland noch sehr bescheiden, wenn man sich nur einmal die Schaufenster ansah, während wir bereits auf dem Weg nach Paris, in Brüssel, einen Vorgeschmack bekamen von Luxus, mit dicken Schinken in den Auslagen, usw. Man glaubte, plötzlich mitten im Leben zu stehen. Und Paris verkörperte das für uns dann in all seinen Facetten. "


Campert zog gemeinsam mit Künstlern der CoBrA-Bewegung nach Paris, von denen später der bekannteste Karel Appel war. Sein Buch handelt von der Freundschaft eines Schriftstellers und eines Malers, Richard und Ton. Zusammen versuchen sie sich in der französischen Hauptstadt zu etablieren, doch während Ton mit seinen Gemälden die Kunstszene erobert, stößt Richard schnell an die Grenzen seines eigenen Mediums, der niederländischen Sprache. Mit ihr baut man sich in Paris keine Existenz auf. Und während der in seinen Träumen bestärkte Freund eine internationale Karriere anstrebt, zieht Richard zurück nach Holland, mit den gemischten Gefühlen, dort zwar in seiner Sprache arbeiten zu können, doch kaum mehr als eine Amsterdamer Lokalgröße zu werden. Vier Jahrzehnte später sehen sie sich wieder, anlässlich einer großen Einzelausstellung von Ton in Paris:


" Sie umarmten sich. Ton war dick geworden, aber es war eine Straffheit, in der viel Muskelkraft steckte. Seine gebräunte Haut war glatt, er trug sein langes schwarzes Haar in einem Zopf. Etwas Östliches lag in seinen Zügen. Vielleicht war es immer darin verborgen gewesen und erst im Laufe der Jahre hervorgetreten. Ton hatte ihm einmal erzählt, dass er möglicherweise indisches Blut in sich habe, weil er aus einem alten Muskatplanzergeschlecht auf den Molukken stammte. Sie hatten sich nicht weiter darum gekümmert. Es war eine hübsche Familiengeschichte, aber sie lebten in der Gegenwart, und die ging nie vorüber."


Die Gegenwart, die nie vorüber geht, veranschaulicht Campert anhand dieser beiden Figuren in ihrer ganzen Ambivalenz: Bedeutet dies für den erfolgreichen Ton, dass er stets im Hier und Jetzt lebt, so achtet Richard mehr auf das Bleibende, was nie vorüber geht, also eigentlich Vergangene, nur in der Erinnerung noch Lebendige, nur im gemeinsamen Erinnern weiterhin Beständige. Doch Ton schwelgt nicht in Erinnerungen an die fünfziger Jahre. Und Richard schwankt zwischen der nüchternen Erkenntnis ihrer Entfremdung und Melancholie, dem Gefühl, dass im Älterwerden Erinnerung und Wirklichkeit auseinander zu driften drohen. Der 76-jährige Campert meint dazu:


" Es bedrückt Richard zu sehen, wie sein Gedächtnis ihn im Stich lässt, nicht mehr mit der Realität übereinkommt. In der ersten Szene meines Romans begegnet er jemandem auf der Straße vor seinem Hotel in Paris - einer schönen, attraktiven Frau. Und sie begrüßt ihn! Doch er weiß beim besten Willen nicht, wer sie ist. Später dann stellt sich heraus, dass sie einander nur kurz kannten, in einem völlig anderen Zusammenhang, 25 Jahre zuvor. Er erinnert sich also zu Anfang an nichts, und versucht deshalb seiner eigenen Vergangenheit auf die Schliche zu kommen. Von woher kennt die Frau mich so gut? Er läuft durch die Straßen seiner Jahre in Paris, in der Hoffnung auf einmal etwas vor sich auftauchen zu sehen, bekannte Gesichter, einen Zusammenhang. Ich selbst habe vergleichbare Momente natürlich auch schon erfahren: Man sieht Häuser vor sich, eine Straße, weiß, dass hier wichtige Dinge für einen geschehen sind, doch hat kein Gefühl mehr dabei. Man droht sich selbst zu vergessen. "


Der Titel, "Eine Liebe in Paris", spielt an auf die Begegnung mit dieser Frau. Und weite Passagen des Buches beschreiben die Suche Richards nach einem Bild dieser Frau, wer war sie, warum kennt sie mich? Auch hier führt der niederländische Erzähler einen wieder in Doppeldeutigkeiten und ironische Brechungen, da diese Frau in einem völlig anderen Rahmen, zu einer völlig anderen Zeit mit Richard zusammen war, so dass er in Paris etwas aufzuspüren versucht, was er in Paris nicht finden wird - eine weitere Metapher für sein Verhältnis zu dieser Stadt. In einer sehr klaren Sprache verschränkt Campert zehn Kapitel, zehn Bilder, zehn Betrachtungen ineinander, um schließlich mit einer überraschenden Wendung das Buch zu beschließen. Eines dieser Kapitel enthält nahezu eine Poetik des Dichters und Erzählers:


" Ich habe darin versucht zu beschreiben, wie ein Gedicht entsteht. Und wie aus einer Gemengelage von Gefühlen und durcheinander laufenden Geschehnissen Poesie zum Vorschein kommt. Jemandem fällt eine Zeile ein, und die schreibt er auf - so beginnt jemand Dichter zu werden. Ohne sich dessen bewusst zu sein. Auch ich wusste nicht gleich, dass ein solcher Moment mein Leben bestimmen würde. Ich dachte an einzelne Zeilen, und ich merkte, dass ich sie gern festhalten würde. Da war ich 14, 15 Jahre alt. Und dann entdeckt man eher, dass man Dichter ist, als dass man sich etwa vornehmen könnte: Ich möchte gern Schriftsteller werden. Ich hatte, was das betrifft, überhaupt keinen Plan. "


"Eine Liebe in Paris" ist eine sehr gute Wahl, um einen der namhaftesten niederländischen Autoren nun auch endlich in Deutschland einzuführen: Campert verbindet in seinem aktuellen Roman eine ausgewogene, ruhige Prosa mit der Mehrdeutigkeit poetischer Bilder und verändert die Perspektiven der Erzählung und Erinnerung dermaßen, das am Ende eine Reflexion über das Vergessen steht, konfrontiert mit der deutlichsten Realität. Die Freundschaft zwischen Richard und Ton und die Suche des fiktiven Autors nach dieser Frau in Paris bilden zusammen eine Art Kaleidoskop, stets in neuen Tönen und Schattierungen. Das Buch ist auf einladende Weise zugänglich geschrieben, um in eine darum nicht weniger komplexe Welt einzuführen. Zum Ende hin meint Richard beiläufig, er wäre einer Person begegnet, die er früher anscheinend gekannt habe, an die er sich jedoch nicht mehr erinnere, und er schließt den Satz ab mit der Bemerkung: Aber das ergibt noch keine Geschichte - so wie man sagen würde, das ergibt noch keinen Sinn. Remco Campert hat auf 160 Seiten stilsicher gezeigt, was für eine einprägsame Geschichte die Suche nach diesem Sinn eröffnet.

Remco Campert
"Eine Liebe in Paris"
Roman
Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg
160 Seiten, 17,- Euro
Arche Verlag

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