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StartseiteTag für TagDen Raum spüren08.08.2017

Zur Zukunft von KirchengebäudenDen Raum spüren

Etwa 50.000 evangelische und katholische Kirchen, Kapellen und Gemeindezentren gibt es in Deutschland. Doch die Mitgliederzahlen gehen zurück. Christen müssen sich überlegen, welche Immobilien sie behalten wollen und wie man sie weiter nutzen kann. Wohin geht die Reise in der Kirchenarchitektur?

Von Thomas Klatt

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Die Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens" in Velbert-Neviges (Horst Ossinger / dpa)
Architektur von Gottfried Böhm: die katholische Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens" in Velbert-Neviges (Horst Ossinger / dpa)
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"Zunächst einmal würde ich eine Lanze brechen fürs Gemeindezentrum. Das ist zumindest theologisch eine äußerst anspruchsvolle Idee, die da im Hintergrund steht. Da kann man dann Bonhoeffer zitieren, der eben sagt: "Das ist eben der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt", sagt der evangelische Theologe Thomas Erne, Leiter des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg.

Gemeindezentren sollten nach dem Zweiten Weltkrieg ganz bewusst nicht mehr sakral-prächtig, sondern nüchtern sein.

"Genau in ihrer säkularen profanen Form waren die Gemeinden damals überzeugt, sind sie das beste Zeugnis für einen Gott, der als Abwesender anwesend ist, der in einer weltlichen Welt da ist. Dazu muss die Welt kühn und weltlich sein, aber auch die Gemeinde - und sie muss so offen sein, dass man in der Kirche alles machen kann. Darin gibt sie das beste Zeugnis eines in der Abwesenheit anwesenden Gottes."

Zurück zur guten alten Kirchenbank?

Allerdings habe es Fehlentwicklungen gegeben. Zum Beispiel im hessischen Baunatal. Mit dem neuen VW-Werk kamen Anfang der 1970er-Jahre viele neue Gemeindeglieder. Das 1973 erbaute ökumenische Gemeindezentrum sah aus wie eine Schwimm- oder Turnhalle. Das Problem: In solch profanen Räumen lässt es sich schlecht beten. So empfinden es zumindest diejenigen, für die diese Räume gebaut sind. Die Katholiken verließen schon nach fünf Jahren das Gemeindezentrum. Später dann verkauften die Evangelischen den Funktionsbau. Heute, so die Beobachtung von Thomas Erne, knüpfen viele Gemeinden an alte Formate an, etwa indem sie sich von einer lockeren Bestuhlung verabschieden und die gute alte Kirchenbank bevorzugen.

"Wir beten nicht das 'Vater mein', sondern 'Vater unser'"

"Also wenn Sie die Bank nehmen, ist sie in einer durchindividualisierten Gesellschaft ein hohes Gut, dass ich mit Menschen, die ich nicht unbedingt mögen muss und die ich vielleicht gar nicht kenne, eine Bank teile. Das ist schon auch von der Sitzordnung die Erfahrung, dass ich in meiner Besonderheit verbunden bin mit anderen und nicht 'Vater mein' bete, sondern 'Vater unser'. Jeder ist als einzelner vor Gott wichtig, aber da bin ich nicht alleine. Das symbolisiert eine Bank und insofern wäre eine gute Kirche durchgängig eine, die all das reflektiert, was es zu bedenken gibt in der religiösen Kommunikation, Predigt, Abendmahl - und dass es dort leicht fällt, sich über die Dinge des Glaubens zu verständigen."

Der evangelische Theologe Thomas Erne (Institut für Kirchenbau)Der evangelische Theologe Thomas Erne (Institut für Kirchenbau)

Denn Kirchen müssten in ihrer Gestaltung immer etwas Heiliges, Unverfügbares ausdrücken, durch Leere, unbestimmte Lichtverhältnisse und durch Stille. Der Kirchenbau-Experte fordert eine Re-Auratisierung: Ehemals nüchterne Gemeinderäume und Kirchen, wie sie noch vor 50 Jahren als modern galten, müssten wieder eine Aura bekommen.

Gute Sakralbau-Architekten müssten eine theologische Ader haben, um mit Hilfe von Lichtschächten und indirekter Beleuchtung solch eine sakrale Aura entstehen zu lassen. Auch von offenen Glasfronten hat man sich längst verabschiedet. Wichtig sei heute wieder die Abgeschlossenheit zur Außenwelt, um Stille, Ruhe und die Möglichkeit zur Einkehr zu schaffen. Im Grunde sei das der Rückgriff auf eine längst bewährte Kirchenarchitektur, meint die Berliner Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert.

"Ich würde so gehen und sagen, dass die Moderne sich aus der Tradition speist. Denn wenn man einen 'heiligen' Raum gestalten will, dann ist das Heilige häufig das, was uns als Erinnerungswert in Formen, Flächen, Materialien vor Augen steht."

Je älter, desto besser?

Falsch sei es aber, wenn Diözesen und Landeskirchen jetzt nur noch auf historisierende Gebäude setzen würden - frei nach dem Motto: Je älter, umso besser.

"Momentan ist es so, wenn vier Kirchen zu einer Gemeinde gehören, und da ist eine aus dem 19. Jahrhundert, vielleicht noch eine aus den 50er-Jahren, schlimmstenfalls noch zwei aus den 70er-Jahren. Dann ist doch ganz klar, dass die heutzutage aus dem 19. Jahrhundert siegt und erhalten bleibt. Es gilt eine kluge Auswahl zu treffen. Wir werden nicht alle Kirchen erhalten. Ich würde nicht so kurz springen und sagen, weil uns heute Geschichte gefällt, erhalten wir die, die historisch anmuten. Wenn wir 50 Jahre weiter gehen, sind die, die vor 50 Jahren entstanden sind, auch schon Geschichte."

Jeden Tag verlassen umgerechnet so viele Menschen ihre Kirche wie in einem vollbesetzten ICE Platz finden. Dennoch sollten religiöse Räume erhalten oder neu geschaffen werden, meint Stefan Krämer, stellvertretender Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung.

"Menschen, die in eine Kirche gehen, wissen und spüren, dass sie in eine Kirche gehen. Sie ändern ihr Verhalten, egal, ob sie nun religiös orientiert sind, ob sie aus religiösen Gründen in diese Kirche gehen oder nur aus touristischen Gründen. Sie spüren diesen Ort und seine besondere Bedeutung und das würden wir als Gesellschaft auch verlieren, wenn wir die Kirchen verlieren. Da können wir nicht drauf verzichten."

"Kirchen werden gebraucht"

Kirchengebäude seien erhaltenswert, sagt auch der evangelische Theologe Thomas Erne. Denn gerade dort könnten sich Gläubige und Nichtgläubige noch begegnen.

"Einmal im Jahr geht die deutsche Bevölkerung in die Kirche, aber nicht um den Gottesdienst da zu besuchen, sondern im Urlaub, bei Reisen, an Autobahnen, in Universitäten, in Schulen, in großen Zentrumskirchen in eine Kirche hinein. Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass die Kirchen gebraucht werden - und zwar über den engeren Bereich der Kirchengemeinden hinaus. Ich glaube allerdings auch, dass die Besucher ein Interesse daran haben, dass es eine Kirche ist, die sie besuchen, die geistlich noch intakt ist. Das ist auch der ästhetische Reiz, der atmosphärische Reiz, der spirituelle Reiz, nicht um den Gottesdienst zu erleben, sondern um den Raum zu spüren."

Hochzeitskapelle in Binz, Rügen, Mecklenburg-Vorpommern (Deutschlandradio / Ellen Wilke)Hochzeitskapelle in Binz, Rügen, Mecklenburg-Vorpommern (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

Dies gelte es auch zu beachten, wenn sich Gemeinden für hybride Nutzungskonzepte entscheiden. Dabei wird nur noch ein Teil des Kirchengebäudes für Gottesdienste genutzt. Der Rest steht für Lesungen, Konzerte oder als Bürgertreffpunkt zur Verfügung. Thomas Erne.

"Das beste Beispiel ist Bochum-Stahlhausen, wo die evangelische Kirchengemeinde so selbstlos ist, dass sie nur noch den Altarraum für sich benutzt und die ganze große Kirche umbaut als ein multikulturelles Zentrum für den ganzen Stadtteil. Aber so viel evangelisch muss dann doch sein, dass der Altarraum noch intakt ist, das tut auch dem Zentrum dann gut. Denn auch Religion tut der Gesellschaft gut."

"Würden Sie einen Kirchenraum in eine Moschee setzen?"

In Bochum-Stahlhausen wird die umgebaute evangelische Friedenskirche inzwischen mehr von Muslimen besucht als von Christen. Dennoch: Die Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert kann sich nur schwer vorstellen, Kirchen ganz in Moscheen umzuwandeln.

"Ist es das richtige, wenn wir den Muslimen ein Haus als Protestanten geben, was wir nicht mehr wollen? Ich dreh das mal um. Möchten Sie denn einen evangelischen Gottesdienstraum in eine Moschee setzen?"

Jede Religion brauche ihr eigenes Raumkonzept. Muslime richten sich nach Mekka und beten nebeneinander - und nicht in Bankreihen hintereinander. Religiöse Typologien sollten nicht vermischt werden, meint auch der evangelische Theologe Thomas Erne.

"Man müsste viel mehr dafür werben, dass die Moscheen eine zeitgemäße Form für einen modernen Islam heute auch gebäudetypologisch ausprägen. Wie sieht moderner Moscheebau aus, der den europäischen Islam repräsentiert aus? Und nicht: Jetzt kriegen sie die übrig gebliebenen evangelischen Kirchen auf dem Land - oder so was."

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