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StartseiteBüchermarktZurecht abgelehnte Entwürfe und Geschichten04.09.2013

Zurecht abgelehnte Entwürfe und Geschichten

"In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood", Aufbau Verlag

Deutsche und österreichische Drehbuchschreiber arbeiteten in den 1940er-Jahren in Hollywood. Den Anstoß gab Paul Kohner, der 1938 in Los Angeles eine Filmagentur eröffnet hatte. In seinem Nachlass fanden sich abgelehnte Drehbuchentwürfe, die nun veröffentlicht wurden.

Von Eva Pfister

"In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood" ist eine Sammlung abgelehnter Drehbücher deutscher und österreichischer Autoren. (Stock.XCHNG - Mathias Mazzetti)
"In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood" ist eine Sammlung abgelehnter Drehbücher deutscher und österreichischer Autoren. (Stock.XCHNG - Mathias Mazzetti)

Not macht nicht erfinderisch! Diese Lehre könnte man aus der Lektüre der 25 Geschichten ziehen, die deutsche Autoren dem Agenten Paul Kohner einreichten, in der Hoffnung, dass daraus ein Hollywoodfilm entsteht. Veröffentlicht wurden sie jetzt unter dem Titel "In der Ferne das Glück", das kennzeichnet sicher die Gemütslage der Emigranten, denen der Nationalsozialismus die Existenzgrundlage entzogen hat. Warum ihre Entwürfe aber abgelehnt wurden, begreift man beim Lesen leider recht schnell. Die Idee von Raoul Auernheimer, dass ein Emigrant sich Hettler, englisch ausgesprochen also Hitler nennt, und damit Furore macht, wird auch nicht besser dadurch, dass sich der Autor Charlie Chaplin als Darsteller wünschte. Geradezu schrecklich ist die Vorstellung, Heinrich Manns wirre Politklamotte "Das blinde Schicksal" wäre verfilmt worden oder Klaus Manns gut gemeinter, aber langweiliger Entwurf "The United States of Europe", in dem er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs den Zusammenhalt Europas beschwören wollte. Fritz Kortners Story "Hitlers Frauen", die er gemeinsam mit Josef Than entwickelte, hätte heute vielleicht sogar Chancen, da Hitler als komische Figur so populär ist, aber wirklich Spaß macht die Lektüre dieser Intrigen um Frauen und Macht auch nicht.

Manche Autoren lieferten der Agentur Kurzfassungen ihrer Romane, die sind zum Lesen oft noch am Interessantesten. "Juden im Krieg" von Julius Marx beruht auf des Autors eigenen Erfahrungen als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Während er wohl auf einen Erfolg im Kielwasser von Remarques "Im Westen nichts Neues" hoffte, weisen die Herausgeber in ihrem Kommentar darauf hin, dass man in den USA kein Interesse hatte an einem Stoff, der die patriotische Aufopferung der Juden im Deutschen Heer hervorhob. Das Exposé von Viktor Bauer, der sich Ben-Ikar nannte, beruht auf seinem unvollendeten Roman "Straße des Propheten Hiob, Haus no. 5". Er thematisiert die Judenverfolgung in den Niederlanden und die Reise von sogenannten "Austauschjuden", die von den Nazis freigegeben und auf einen Donaudampfer verfrachtet wurden. Unter desaströsen Umständen gelangten sie ins Schwarze Meer und weiter nach Palästina. Diese Variante von "Exodus" wurde lange vor dem Roman von Leon Uris geschrieben und hätte das Potenzial zu einem spannenden Film gehabt.

Als Beitrag zur Film- und Exilgeschichte hat die Publikation durchaus ihre Meriten. Man erfährt in der Einleitung, dass Paul Kohner es war, der auf die Idee kam, jüdischen Flüchtlingen, die verzweifelt versuchten, nach Amerika zu gelangen, Verträge als Hollywood-Drehbuchschreiber auszustellen, um ihnen so ein Visum zu beschaffen. Die Anmerkungen geben Einblick in die Arbeit von Kohners Filmagentur und informieren über das Schicksal der Emigranten, die bei ihm anklopften. Die Texte aber können wahrlich nicht als Sensationsfund bezeichnet werden, denn sie beeindrucken auch literarisch nicht. Nicht einmal die beiden Filmerzählungen, die Joseph Roth in Paris gemeinsam mit Leo Mittler schrieb. "Der letzte Karneval von Wien" verknüpft eine Liebesgeschichte mit dem Untergang des freien Österreichs, stellt einen genialen Musiker in den Mittelpunkt und wäre ein überaus sentimentaler Musikfilm geworden. Interessantere Ansätze zeigt zumindest inhaltlich "Die Kinder des Bösen", hier überwindet die Liebe die politischen Fronten zwischen Serben und Österreichern, die beide in ihrem sturen Festhalten an das Althergebrachte kritisiert werden.

Natürlich kann man das Buch als ein Dokument des Scheiterns lesen: das Scheitern dieser europäischen Autoren, sich an die amerikanische Unterhaltungsindustrie anzupassen. Dahin zielen die Herausgeber Heike Klapdor und Wolfgang Jacobsen in ihrer Einleitung ab. Was sie aber nur andeuten, ist, dass ja nicht alle Autoren erfolglos blieben. Vicky Baum war eine erfolgreiche Drehbuchautorin, worauf ihre Skizzen in diesem Buch jedoch nicht hindeuten, Fritz Kortner lieferte das Skript zum Film "The Hitler Gang", der 1944 Premiere hatte, Bertolt Brecht dasjenige zu "Hangmen Also Die" von Fritz Lang, der im gleichen Jahr sogar einen Oscar erhielt. Viele andere Emigranten trugen entweder zu den Antinazifilmen oder zur Unterhaltungsindustrie von Hollywood bei.

Der sogenannte Sensationsfund versammelt also Entwürfe und Geschichten, die durchaus begründet abgelehnt wurden, was weniger mit der europäischen Herkunft der Autoren und ihrem kulturellen Bruch zu tun hatte, wie es die Herausgeber suggerieren, sondern schlicht und einfach mit der Qualität.

Vicky Baum, Ralph Benatzky, Fritz Kortner, Joseph Roth sowie Heinrich und Klaus Mann u.a.
In der Ferne das Glück. Geschichten für Hollywood

Herausgegeben von Wolfgang Jacobsen und Heike Klapdor, Übersetzungen aus dem Englischen von Gesine Schröder. Aufbau Verlag 2013, 503 Seiten, 26,99 Euro

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