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StartseiteBüchermarktZustandsbeschreibung des deutschen Wander-Gens27.05.2005

Zustandsbeschreibung des deutschen Wander-Gens

Manuel Andrack schickt uns in die Natur

Wandern erlebt seit zwei, drei Jahren einen Aufschwung hin zur "Trendsportart". Einen Guru hat die neue Wanderbewegung auch schon: Harald Schmidts Nebenmann Manuel Andrack.. Er nutzte die "Kreativpause" seines Chefs, um ein Wanderbuch zu schreiben.

Von Gisa Funck

Eine Wanderin trinkt aus ener Quelle in der Vulkaneifel (Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Eine Wanderin trinkt aus ener Quelle in der Vulkaneifel (Deutschlandradio / Andreas Lemke)

Wandern erlebt seit zwei, drei Jahren einen Aufschwung hin zur "Trendsportart". Nicht weniger als 34 Millionen Deutsche unternehmen angeblich zurzeit regelmäßig Touren hinaus in die Natur. Darunter - das jedenfalls behaupten die Statistiken - immer mehr junge Leute zwischen zwanzig und dreißig. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Spaßgeneration nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes neuerdings schlicht das Geld für einstige Lieblingssportarten fehlt: statt wie früher Snowboard, Bunjee Jumping oder Rafting zu betreiben, hält man sich im Rezessions-geplagten Deutschland heute offenbar lieber kostengünstig fit: mit Laufen durchs Grüne. Einen Guru jedenfalls hat die neue Wanderbewegung schon ausgemacht: Galt Harald Schmidt bis vor kurzem noch als unangefochtene Gallionsfigur der ironischen Popgeneration, läuft ihm jetzt - gewissermaßen im wahrsten Sinne des Wortes - sein bislang unauffälliger Nebenmann Manuel Andrack den Rang des Trendsetters ab. Denn Andrack hat die "Kreativpause" seines Chefs dazu genutzt, um ein Wanderbuch zu schreiben, das es gerade auf die Sachbuch-Bestsellerliste geschafft hat. Hierin berichtet er von acht verschiedenen Touren quer durchs deutsche Mittelgebirge. Allerdings mit klarem Schwergewicht auf rheinisches und norddeutsches Territorium. Denn Andrack ist bekennender Lokalpatriot. Und er verfolgt mit seinem Buch durchaus eine Mission, wie bereits dessen Titel Du musst wandern verrät:

" Also, ich bin zuletzt drauf gekommen, dass jetzt irgendwie dieser Titel: "Du musst wandern" jetzt nicht nur ja, ja - aus diesem Kinderreim rausgenommen ist, sondern dass es vielleicht auch wirklich eine Zustandsbeschreibung des deutschen Wander-Gens ist. Also, dass man so wandern muss. Nach dem Motto: "Du Leser kannst gar nicht anders - du musst wandern!" "

Ob das Wandern den Deutschen nun tatsächlich im Blut liegt, wie Manuel Andrack behauptet, ist wohl eher zweifelhaft. Tatsache aber ist: Seit der Romantik gilt Wandern als quasi urdeutsche Fortbewegung. Seitdem nämlich zieht es die Deutschen vermehrt in den Wald. Oder besser gesagt: in die "Waldeinsamkeit". Denn dort, so propagierten die Romantiker, könnte man - alleine mit sich und der Natur - niemand Geringerem als Gott begegnen. "Zwei Sprachen", schreibt Wilhelm Heinrich Wackenroder 1796 programmatisch, gäbe es, um Gott näher zu kommen: "Die Natur und die Kunst." Doch der Gang in die Natur, so Wackenroder weiter, habe den entscheidenden Vorteil, dass er sozusagen der direkte Draht zum Himmel ist. Um die ersehnte UNIO MYSTICA - den magischen Kontakt mit Gott - zu erlangen, bedarf es beim Laufen über Stock und Stein keiner Vorbildung wie in der Kunst. Man läuft einfach los - und erntet Gottes Segen. So leicht stellten sich das die Romantiker vor. Weswegen das Wandern in der Folge schnell zum deutschen Initiations-Ideal per se avancierte. Vornehmlich junge Männer eiferten hier für Jahrhunderte Eichendorffs berühmtem Taugenichts nach - und zogen zu Fuß in die Welt hinaus: in der Hoffnung, als reifere Persönlichkeiten zurückzukehren. Unter den Nazis allerdings wurde aus der deutschen Wander-Bildungslust dann ein blutig-martialisches Marschieren, was das sportliche Gehen an frischer Luft nach dem Untergang des Dritten Reiches jahrzehntelang diskreditierte. Für manchen Alt-Achtundsechziger stehen Wandervögel deswegen bis heute im Ruch einer deutsch-nationalen Gesinnung. Ein Vorbehalt, über den Andrack als Verfechter der Popkultur nur grinsen kann. Und wenn in seinem Buch überhaupt einmal von der wechselvollen Wander-Tradition der Deutschen die Rede ist, dann - ganz bewusst - in betont spöttischer Manier:

" Früher musste man zu Fuß gehen. Dann kamen die Romantiker, die fanden das dann ganz toll - Hey, Natur!- und hätten es sich eigentlich leisten können, mit der Kutsche zu fahren oder auf dem Pferd zu sitzen, wollten aber wandern. Und wie alles haben es sich die Nazis natürlich auch so unter den Nagel gerissen. Also ein wandernder Achtundsechziger ist halt eben schlecht vorstellbar, weil das galt natürlich - ja, schon fast als faschistisch, zu wandern, ne?! Weil das natürlich Mutter und Vati seit HJ- und BDM-Zeiten quasi gemacht haben. Und es dann mitgenommen haben in die Nachkriegszeit. Aber ich denke also auch gerade bei Leuten meines Jahrgangs, die man ja auch schon nicht mehr als richtig jung bezeichnen kann, so die Babyboomer, die schämen sich gar nicht mehr zu sagen: "Ach, wir gehen irgendwie echt gerne, fast jedes Wochenende wandern!" "

Weil jedoch nicht jeder inzwischen ein so lockeres Verhältnis zur eigenen Wanderlust entwickelt hat, boomen in Deutschland gerade die Wander-Anglizismen. Viele sprechen da lieber vom "Nordic Walking": auch, weil das weniger nach Blut-und-Boden-Vergangenheit klingt. Für Manuel Andrack, den selbsternannten Hüter des guten Wandergeschmacks, sind solche Ausdrücke allerdings reiner "Schnickschnack". Und: ebenso tabu wie modische Wanderklamotten. Oder teure Gehstöcke aus Fieberglas:

""Hiking", "Walking", "Trecking", nee! Also "Trecking" ist, wenn man jetzt wirklich im Himalaya unterwegs ist, okay - ja! Aber nicht - bitte schön! - nicht "Trecking" in der Eifel! "

Apropos: Wander-Tabus! Davon gibt es tatsächlich eine ganze Menge in Du musst wandern. Andracks Bestseller entpuppt sich regelrecht als Wander-Benimmbuch, in dem es vor "to do"- und "not to do"- Ratschlägen nur so wimmelt. Das fängt schon bei den strengen Begrüßungsregeln an, wenn man im deutschen Mittelgebirge unterwegs ist:

" Also, man darf keine Spaziergänger grüßen, weil das würdelos ist, (verächtliches Lachen) das sind also Leute, die gehen Nur-Mal-Sich-Die-Beine-Vertreten, und ein Wanderer, der hat halt eine richtige Tour vor sich. Den Jogger zu grüßen, das verbietet sich eigentlich eher durch die unterschiedlichen Fortbewegungs-Aggregats-Zustände. Also, das ist im Prinzip unfair dem Jogger gegenüber. Der Jogger der schwitzt gerade, der strengt sich an, und Wandern ist natürlich schon ein bisschen relaxter, ein bisschen entschleunigter. Und während ich dann da so fröhlich (aufgekratzt) "Hallöchen!" sage, dann muss der Jogger da so (hechelt): "Hhallo-ouh!" entgegenkeuchen. Das ist unfair. Und Mountainbiker, die sind sowieso das Letzte, das sind Wald-Hooligans, und die gehören überhaupt raus aus den Wäldern, und das ist einfach schlimm! Und dann werden die halt nicht auch noch mit einem "Hallo!" willkommen geheißen. "

Laut Wander-Knigge Andrack fällt "Spaziergänger-, Jogger- und Moutainbiker-Grüßen" in dieselbe Do-Not-Kategorie wie "Rundwanderwege-Laufen". Denn die, schreibt er streng, sind höchstens etwas für Kaffeetanten:

" Ich verachte Rundwanderwege. Rundwanderwege sind Autofahrerwege. Erst fährt der Naturfreund mit dem Auto auf den Parkplatz. Dann will er am Ende natürlich wieder am Auto landen, um gemütlich nach Hause zu fahren. Das ist nichts für mich! Denn als Autofahrerwege sind Rundwanderwege meistens zu kurz. 90 Prozent sind zwischen 4 und 12 Kilometer lang. Und was soll man dann nachmittags machen? Rundwanderwege sind außerdem eintönig. Oft haben sie die Form eines Luftballons, so dass man die ersten Kilometer Hinweg auf dem Rückweg noch einmal gehen muss. (…) Und außerdem führen sie oft über fünf bis acht Meter breite Waldschneisen, wo man auf viele ältere Damen und Herren trifft, die sich nach der dritten Schwarzwälderkirschtorte einen Verdauungsspaziergang gönnen. Solche Wege empfinde ich als Höchststrafe für jeden Wanderer. "

Der überzeugte Nicht-Raucher, Nicht-Autofahrer und Biokost-Verfechter Manuel Andrack präsentiert sich in seinem Wanderbuch einmal mehr als hämischer Pragmatiker mit ausgeprägtem Öko-Gewissen. Bei ihm plant ein guter Wanderer seine Mittegebirgs-Touren nicht nur akribisch im Voraus. Er rechnet auch beflissen seine "WDG" aus: seine Wanderdurchschnitts-Geschwindigkeit. Ansonsten reist Wanderfan Andrack - umweltbewusst - natürlich stets mit der Bahn an. Er wählt seine Wanderkleidung nach rein nützlichen Kriterien wie etwa ihrer "Knotbarkeit" aus. Und er schätzt am Wandern vor allem den Wellness-Faktor einer "Entschleunigung". Sei es der Frust über den Abstieg des 1. FC Kölns aus der Ersten Bundesliga - oder "die Pause vom dumpfen Fernsehgeschäft", wie es im Vorwort heißt: wenn Andrack dem Wandern überhaupt noch eine spirituelle Dimension zubilligt, dann höchstens jene eines buddhistisch anmutenden "An-Gar-Nichts-Denken-Müssens". Passend zur neuen Bescheidenheit in kriseligen Zeiten plädiert der Kölner Wander-Missionar für die kleinen Freuden in seinen acht Tour-Berichten, die er mal mit Freunden, mal mit der Familie - oder auch ganz alleine unternommen hat. Dabei klingt der Debütant nicht immer ganz so souverän, wie er wirken möchte. Und ist stellenweise etwas arg um Volksnähe und Witzigkeit bemüht. Etwa dort, wo Andrack den verliebten Dichterfürsten Goethe kurzerhand als "spitz wie Nachbars Lumpi" bezeichnet. Oder auch dort, wo er mit seinem Wanderkumpan Viktor darum konkurriert, wer sich beim Bergaufstieg öfter "auf die Fresse" legt - wie es im Buch, proletarisch-korrekt, ausgedrückt ist. Insgesamt jedoch wirkt Andracks Wanderbericht wie der Vortrag eines netten Nachbarn von nebenan, der einem gewissermaßen sein privates Fotoalbum mitgebracht hat und nun unbedingt davon überzeugen möchte, wie gut Bewegung an frischer Luft tut. Und das gelingt ihm zweifellos - trotz manch’ männlich-schwadronierendem Ausrutscher. Die Lektüre von Du musst Wandern macht einem wirklich Lust, mal wieder die eigenen Stiefel zu schnüren. Umso mehr, als sich der ansonsten strenge Geschmacksrichter Andrack in Fragen der Tourenverpflegung zum Glück rheinisch-locker gibt. Als ehemaliger "Bierbotschafter 2002" ist der gebürtige Kölner nämlich davon überzeugt, dass Wandern und Schmausen untrennbar zusammengehören. Und über den Ratschlag von Ärzten - bei Touren bloß keinen Tropfen Alkohol zu trinken - kann sich der neue Wanderguru der Deutschen darum sogar richtig aufregen:

" Ja, aber das ist doch alles Quatsch! Was sollen die Sportmediziner denn schon sagen! Das ist ja wirklich - deswegen wandere ich doch eigentlich nur! Nein, also das steht ja auch in dem Buch: Wandern ist die einzige Sportart, wo man mittags irgendwie ein Steak und drei frisch gezapfte Pils zu sich nehmen kann. Und es geht einem trotzdem noch gut nachmittags. Wenn man das in der Mitte von einem Marathon machen würde oder in einer Schwimmveranstaltung oder Skilanglauf das wäre nicht so zu empfehlen. Natürlich sagen die immer, das lese ich selbst in den Mitteilungsblättchen des Eifelvereins: "Die Kalorien, die man verliert - bloß kein Bier trinken!" Weil die nimmt man ja dann wieder zu sich, ne. Aber es muss ja auch ein bisschen Spaß machen, ne! "

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