• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteCampus & KarriereZuwanderer sind besser ausgebildet als Einheimische05.07.2012

Zuwanderer sind besser ausgebildet als Einheimische

Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft untersucht die Ausbildung von Immigranten in den letzten 10 Jahren

Zuwanderer sind in Deutschland besser ausgebildet und deutlich jünger als die Einheimischen: Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Hier könne man die Wirkung einer bewusst gesteuerten Zuwanderungspolitik sehen, meint IW-Direktor Professor Michael Hüther.

Michael Hüther im Gespräch mit Sandra Pfister

Gerade die Engpassbereiche der MINT-Fächer profitieren von gut ausgebildeten Zuwanderern, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (AP)
Gerade die Engpassbereiche der MINT-Fächer profitieren von gut ausgebildeten Zuwanderern, sagt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (AP)

Sandra Pfister: Professor Hüther, jetzt haben wir die ewige Klage immer noch im Ohr, es gibt zu wenig qualifizierte Zuwanderung, wir müssen das Ganze stärker steuern. Jetzt haben wir sie offenbar – können wir uns jetzt entspannt zurücklehnen?

Michael Hüther: Wir können uns sicherlich nicht entspannt zurücklehnen, aber wir können feststellen, dass die Neuorientierung der Zuwanderungspolitik schon in den letzten Jahren und, man kann sagen, im letzten Jahrzehnt auch ihre Wirkung gezeigt hat. Und uns war wichtig, mit dieser Studie nicht zu schauen, wie sieht es insgesamt mit den seit 50 Jahren Zugewanderten aus, sondern wir haben uns bewusst die letzten 10 Jahre angeschaut und dann auch verglichen mit früheren Perioden ab 1990, ab 1995, jeweils in Fünf-Jahres-Rhythmen.

Und dann stellt man halt fest, dass das, was früher sehr deutlich beklagt wurde, dass wir einen hohen Anteil, einen überdurchschnittlichen Anteil mit Personen als Zuwanderung haben, die keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben, dass sich dies relativiert. Er ist immer noch höher als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, aber er ist deutlich zurückgegangen, nämlich um neun Prozentpunkte in den letzten zehn Jahren, und der Anteil derjenigen, die einen Hochschulabschluss haben, liegt deutlich mit 11 Prozentpunkten über dem Niveau in der Gesamtbevölkerung, da haben wir hier 27,5 Prozent, die einen Hochschulabschluss haben, und in der Gesamtbevölkerung sind es 18. Also das sind schon wichtige Hinweise, dass die Steuerung, auch die bewusste Steuerung einer Zuwanderungspolitik Wirkung zeigt.

Pfister: Also es geht in die richtige Richtung, sagen Sie, nun hatten wir ja Einwanderungswellen aus Südeuropa, aus der Türkei, das war aber bis in die 70er-Jahre, die Zeit, von der Sie auch gesprochen haben, da waren es vorwiegend auch Spätaussiedler nach der deutschen Einheit, woher kommen die Leute jetzt?

Hüther: Sie kommen ganz überwiegend aus dem europäischen Umfeld – das ist ein großer Anteil. Dort haben wir auch wie aus Westeuropa, wie aus den östlichen EU-Ländern einen sehr, sehr hohen Anteil von Personen mit Hochschulabschluss, der liegt dort bei über 45 Prozent – noch mal erinnert, in der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil an Hochschulabsolventen bei 18 Prozent. Wir haben dann einen hohen Anteil aus den GUS-Staaten, dort liegt auch noch das überdurchschnittlich.

Was wir feststellen, ist, dass wir aus den weiteren Regionen eher manchmal Probleme haben mit den Qualifikationsmustern, das hat sicherlich auch damit zu tun, dass dann andere Motive dahinter liegen, dass es dann häufig asylsuchende Flüchtlinge sind, also eine andere Motivation zu wandern. Wenn wir diejenigen, die wir in Europa aus dem weiteren europäischen Kreis sehen, die wandern ja aus ökonomischen Gesichtspunkten. Die wandern ein in eine Gesellschaft, die ihnen offenkundig mehr Chancen verspricht.

Pfister: Was ist mit den Indern und Chinesen? Haben die einen signifikanten Anteil?

Hüther: Das hält sich in überschaubaren Grenzen, das muss man sagen. Das heißt, der größte Anteil bezieht sich auf das europäische Umfeld, da haben wir natürlich auch die Bedingungen durch den vergleichbaren Kulturraum, durch auch vergleichbare Rechtssetzung. Aber Deutschland muss sich natürlich bemühen, im globalen Wettbewerb für Zuwanderung zu sorgen, für ökonomisch gesteuerte Zuwanderung, denn wir sind in Europa ja insgesamt ein Kontinent, der eher altert, die Dynamik der Bevölkerungsentwicklung liegt nicht in Europa.

Pfister: Wie viele kommen denn mit den besonders gefragten Abschlüssen in Mathe, in Naturwissenschaften, in Technik oder Medizin?

Hüther: Ja, das ist außerordentlich beachtlich, dass wir gerade in den MINT-Fächern und Medizin, wo wir ja eine besondere Bedarfslage haben, wo der Fachkräfteengpass hoch ist, dass wir hier eine sehr viel höhere Struktur als in der Gesamtbevölkerung in den Zugewanderten sehen. Wir haben 15 Prozent bei den Zugewanderten, die aus den MINT-Fächern kommen, knapp 5 Prozent aus der Medizin – insgesamt sind das Anteile, die etwa halb so hoch sind wie die vergleichbaren Anteile in der Gesamtbevölkerung.

Das heißt also, da ist schon genau das enthalten, was uns wichtig ist, nämlich das Ergebnis einer gesteuerten Zuwanderung in die Engpassbereiche hinein, und es ist ja erfreulich zu sehen, dass wir das mit den bisherigen Mechanismen schon geschafft haben, und jetzt mit den neuen Regeln ab 1. August, die Blue Card EU, die ja für Zuwanderer aus dem Gebiet außerhalb der Europäischen Union verbesserte Regelungen, einen wirklich besseren Zugang nach Deutschland schafft, dann noch mehr Chancen dafür haben.

Pfister: Ist diese Regelung denn überhaupt noch nötig, wenn doch ohnehin jetzt gerade schon so viele kommen?

Hüther: Die ist deshalb nötig, weil wir ja in Europa natürlich eine umverteilende Bevölkerung haben und nicht wirklich an dynamischen Prozessen uns beteiligen, sondern wir wollen ja offen sein für die Welt. Und das, was die Bundesregierung mit der Fachkräfteoffensive macht, ist richtig, und wenn wir die Entwicklung nach vorne schauen, ist es ja so, dass unsere Schrumpfung und Alterung, jetzt erst richtig sichtbar wird. Das heißt also, wir müssen es jetzt nach vorne hin schaffen, diese Zuwanderungspolitik erst recht zu steuern und erst recht zu öffnen für Gesellschaften, wo wir eine hohe Dynamik haben.

Pfister: Professor Hüther, Sie sagten es gerade, es kommen sehr viele auch aus den Bereichen, die wir suchen, aus den MINT-Fächern. Werden die denn auch ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt? Das ist ja die Gretchenfrage.

Hüther: Auch das ist so. Wir haben hier einen in hohem Maße entsprechenden Einsatz in ihren Qualifikationen, auch da sieht es höher aus als im Anteil der Bevölkerung, das heißt also, es ist nicht so, dass es dann die Taxi fahrenden Mediziner sind aus dem Ausland, dieses Bild, was ja auch gerne sehr populär durch die Gazetten geistert, sondern es ist so, dass wir hier eine sehr stimmige Nutzung dieses Humankapitals, dieser Fähigkeiten, dieser Kompetenzen in der deutschen Wirtschaft haben.

Pfister: Zuwanderer sind heutzutage seit den letzten zehn Jahren besser ausgebildet als Einheimische, das ergab eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft, und die hat uns noch mal der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Professor Michael Hüther, auseinandergesetzt. Danke Ihnen, Professor Hüther!

Hüther: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk