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StartseiteBüchermarktZwei Gefühlswelten28.12.2009

Zwei Gefühlswelten

Lin Jun: "Mein deutscher Geliebter". Droemer Verlag.

1973 in China geboren, studierte Lin Jun Germanistik an der Wuhan-Universität; kam 1997 nach Deutschland. Sie arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin in der freien Wirtschaft und war auch zeitweise - nach einem Wirtschaftsstudium in Reutlingen - Controllerin. "Mein deutscher Geliebter" ist ihr erster Roman, geschrieben auf Deutsch.

Eine Rezension von Lerke von Saalfeld

"Ich hatte immer gewusst, dass ich eines Tages schreibe, nur ich hatte nie gedacht, ich schreibe auf Deutsch. Ich denk, das war Ende 2006, da habe ich plötzlich - die deutsche Sprache war für mich immer sehr straff, hat einen festen Rahmen, und alles ist sehr, sehr streng geregelt. Ich dachte nicht, dass ich auf Deutsch etwas schreiben kann. Und Ende 2006 habe ich auf einmal eine Freiheit in der deutschen Sprache gespürt; plötzlich merkte ich, die Sprache ist doch frei und man kann was damit machen. Seit dem Moment wusste ich, dass ich schreiben kann. Das ist der Anfang."

Lerke von Saalfeld: Was meinen Sie mit frei, mit Freiheit in der deutschen Sprache?

"Die Kreativität, dass man diese Kreativität entfalten kann, mehr Poesie, mehr Kraft hineinbringen kann. Das habe ich in dem Moment gespürt."

Nun liegt also der Debütroman "Mein deutscher Geliebter" von Lin Jun vor; es ist ein Roman, in dem das Ringen um Liebe und Freiheit im Zentrum steht; es ist auch ein erotischer Roman, denn die Freizügigkeit, mit der die Chinesin das Sexleben ihrer Hauptfigur beschreibt, ist überraschend offen und direkt. Als Leser erinnert man sich spontan an den weltberühmten erotischen chinesischen Klassiker "Jin Ping Meh", erstmals gedruckt 1610, allerdings schon 70 Jahre später wegen Pornografie auf den Index gesetzt. Aber Lin Jun versteht sich nicht in dieser Tradition:

"Die erotischen Romane waren in China ein Tabu, die wurden meistens verboten. Zum Beispiel 'Jin Ping Meh', das durften wir gar nicht lesen in der kommunistischen Zeit, es war verbannt als pornografisch. Ich habe natürlich heimlich, ich weiß es noch, das durchgeblättert. Aber ich muss zugeben, ich war noch viel zu klein, um das alles zu verstehen. Erotische Szenen, die ich beschreibe, sind unabhängig von der Tradition. Aber andererseits die chinesische Schreibart, diese Poesie, diese Kraft, diese ästhetische, die ist doch drin."

Die Autorin beschreibt das Sex- und Liebesleben ihrer Hauptperson in zwei Strängen: Es gibt die Gegenwartsgeschichte der jungen Vivian, die nach dem Studium aus Shanghai nach Deutschland gekommen ist und hier eine neu gewonnene Freiheit auskosten will; und es gibt einen Strang der Vergangenheit, in dem das Vorleben, die Kindheit und Jugend der Vivian unter dem Namen An'An in China erzählt wird, um die Vivian der Gegenwart besser verstehen zu lernen. Lin Jun hat eine raffinierte Form gewählt. Einem in Deutschland spielenden Kapitel folgt in Kursivdruck jeweils die chinesische Vergangenheit. Diese Kapitel werden rückwärts gezählt, angefangen bei - 17 bis -1; die deutschen Kapitel zählen von 1 bis 17, und beide Erzählstränge treffen sich im letzten Kapitel 0 - An'An ist in Deutschland angekommen, sie ist nun Vivian und die steht am Scheideweg, ob sie die allseits beglückende Liebe mit Freiheit gefunden hat oder nicht.

"Das ist eine Entwicklung gewesen. Als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben, in der ersten Fassung waren es fast 500 Seiten, aber alles in der Gegenwart, da spielt An'An noch gar keine Rolle. Es war nur die Vivian-Geschichte. Als dieser Teil fertig war, habe ich festgestellt, dass etwas fehlte. Es fehlte ein Hintergrund, warum Vivian sich so verhält, warum sie so schwierig ist. Dann merkte ich, dass noch mehr aus mir heraus musste. So habe ich angefangen, die Vergangenheit zu schreiben. Und hab sie hineingeschoben und in dem Vorgang die Gegenwartsgeschichte radikal zusammengestrichen. Mit den Minus-Kapiteln, ich weiß es nicht. Ich dachte, so zeige ich diesen Faden, diese zeitliche Sequenz, wie es war. Wenn man das Buch liest, merkt man vielleicht auch, dass der Sprachstil in der Gegenwart und der Vergangenheit ziemlich unterschiedlich ist. Da hab ich erst richtig zu meinem Stil gefunden. Das hat am Anfang bei der Gegenwartsgeschichte sehr gefehlt. Es ist auch gut, dass ich in zwei Stilen die zwei Geschichten beschreibe. Diese zwei Gefühlswelten, die machen eigentlich das Buch aus, die geben dem Buch einen besonderen Geschmack."

Zusammenfassen kann man die Geschichte von An'An und Vivian dennoch nur konsekutiv, auch wenn beim Lesen der Reiz gerade in der Gegenläufigkeit liegt. An'An ist ein heranwachsendes Mädchen in China, das ihren Eltern große Freude bereitet, weil sie in der Schule immer die Beste ist, den Ehrgeiz der Eltern erfüllt. Älter werdend findet sie für sich eine Form der Rebellion, die streng geheim bleiben muss gegenüber ihren Eltern: Sie vergnügt sich mit Jungen. Ernst allerdings wird es erst, als sie einen jungen Studenten namens Bo kennenlernt, der nach Peking geht, dort in die Studentenunruhen gerät, die am 4. Juni 1989 mit dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens - Tien An Men - enden. Bo wird getötet, An'An ist verzweifelt, eine tiefe Wunde ist in ihr junges Leben gerissen. Dass die Autorin dieses einschneidende Ereignis in ihrem Roman thematisiert, ist der Grund, warum sie vermutet, ihr Roman könne niemals in China erscheinen. Nicht die sexuelle Libertinage ist heute anstößig in China, die Erwähnung des Massakers von 1989 ist ein absolutes Tabu für die chinesischen Machthaber. An'An ist tief verletzt und verstört durch den Verlust des Freundes, dennoch, sie probiert weiter ihre Freiheit an vorübergehenden Lovern aus. Ihre traditionsgebundenen Eltern erwarten jedoch langsam die Verheiratung der Tochter, wie es sich in China gehört. Um diesem Druck zu entgehen, nimmt An'An einen Job in Europa an, wird zu Vivian und macht nun ihre Erfahrungen in Deutschland:

"Vivian ist ein sehr pragmatischer Mensch. Nach dem Leiden, diesen Schmerzen, die sie in China erlebt hatte, nimmt sie alles viel lockerer. Sie hat gleichzeitig eine Abneigung oder sogar Hass gegen Familienleben entwickelt und gegen dies Getue; Weihnachten nervt sie vor allem, weil es ein Familienfest ist. Ich möchte damit ausdrücken, dass sie gemerkt hat, was ihr fehlte. Deutschland ist einerseits für sie eine Befreiung, aber wir wissen ja, Freiheit ist relativ. Freiheit bedeutet oft Leere auch oft Probleme und Einsamkeit, die hat Vivian natürlich auch gemerkt, seitdem sie in Deutschland ist. Aber da sie pragmatisch ist, sagt sie sich, wir haben keinen Ausweg. Es ist besser, als den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben."

In Deutschland fühlt Vivian sich wohl. Sie genießt die neue Freiheit und vor allem die deutschen Männer, die sie reichlich vernascht, finden ihr Gefallen, auch wenn sie nur einem Klischeebild entsprechen:

"Eine körperliche Anziehungskraft ist da, ja. Da sprech' ich auch von uns Asiatinnen. Generell finden wir europäische Männer attraktiv, weil sie groß, blond und kräftig sind, was wir in China oft nicht haben. Das ist die körperliche Anziehungskraft, das ist biologisch, das ist schön."

Max ist einer dieser deutschen Idealmänner, der Vivian in Bann schlägt. Sie erhofft sich die große Erfüllung - ohne allerdings auf andere Männer zu verzichten - aber Max hat einen Fehler, er war verheiratet, hat Kinder, um die er sich kümmert, und so bleibt am Ende der Roman offen, ob Vivian Liebe und Freiheit mit Max verbinden kann.

Eine Eigenart dieses Romans ist, dass die chinesischen Kapitel sehr viel dichter und mit mehr Atmosphäre geschrieben sind als das Leben von Vivian in Deutschland. Das hängt wohl teilweise damit zusammen, dass Lin Jun in ihrem Erstlingsroman die chinesischen Kapitel später geschrieben hat, sie also mehr in den Fluss des Schreibens und Darstellens kam; vielleicht liegt aber eine andere Ursache darin, dass die Autorin deutsche Stimmungen mehr von außen wahrnimmt und eher an der Oberfläche bleibt. Eines will die Autorin jedoch auf keinen Fall, sie will keinen Vergleich der Kulturen, sie handelt nicht mit Missverständnissen, die sich aus den unterschiedlichen Lebenswelten ergeben; sie will jeden Schein von Exotismus vermeiden; deutsch-chinesische Konfliktstoffe interessieren sie nicht. Ihr kommt es auf etwas anderes an:

"Was mich immer interessiert, sind die Gemeinsamkeiten von uns. Schließlich sind wir alle Menschen, wir möchten ziemlich dasselbe. Dass es sich manchmal in anderer Form ausdrückt, hat natürlich mit der Kultur zu tun. Aber wenn man sich als Menschen begegnet, was in dem Buch mit Vivian und Max passiert ist, dann ist die Oberfläche weg. Man ist an der Wurzel, unter der Erde zusammen. Die Wurzeln wachsen zusammen und die Oberfläche ist weniger wichtig. Das ist auch eine sehr wichtige Botschaft von mir in dem Buch. Ich suche immer nach der Gemeinsamkeit; auch in weiteren Büchern werde ich nach den Gemeinsamkeiten suchen - diese Ähnlichkeit, das ist wie die Wurzeln der Bäume unter der Erde, die sieht man nicht, aber die sind da und sind viel stärker und geben dem ganzen ein Leben. Die Gemeinsamkeiten, die schweißen uns doch zusammen."

Lin Jun: Mein deutscher Geliebter. Droemer Verlag. 380 Seiten, 14,95 Euro

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