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Zwei Jahre nach den Protesten in Bahrain

Kein Ende der Diskriminierungen von Schiiten in Sicht

Von Marc Thörner

Brennende Zeltstadt auf dem Perlenplatz in Bahrain nach der Räumung durch das Militär.
Brennende Zeltstadt auf dem Perlenplatz in Bahrain nach der Räumung durch das Militär. (AP)

Vor zwei Jahren stand das Königreich am Rande eines Bürgerkriegs. Die schiitische Mehrheit ging damals gegen die sunnitischen Machthaber auf die Straße. Bis heute stützen Saudi-Arabien und die USA die Führung in Bahrein, die die Opposition schärfer kontrolliert denn je.

"Vier Kinder starben an dieser Straßenecke. Eines durch Tränengas, zwei durch einen Unfall mit Polizeifahrzeugen. Ein anderes wurde durch Schrotmunition tödlich verletzt. Wir müssen die Erinnerung an sie wach halten."

Der Lehrer Sadeq Ahmed deutet auf den Protestzug, der sich vor einer kleinen schiitischen Moschee versammelt. Unter den Demonstranten auch viele kleine Jungen zwischen sechs und zehn, die Fotos in den Händen halten – Bilder jener Kinder, die durch Polizeigewalt umgekommen sind.
Sitra, eines der sogenannten Dörfer unweit der Hauptstadt Manama, ist fest in der Hand der schiitischen Opposition, so wie die meisten Gemeinden in Bahrain. Regimefeindliche Graffiti wohin man blickt. Die Polizei traut sich nur selten hier hinein. Und wenn sie kommt, dann läuft das ab wie eine Strafexpedition: Ein Konvoi von Jeeps rast mit Hochgeschwindigkeit durch eine der engen Gassen, immer wieder werden dabei Kinder überrollt. Spezialpolizisten mit Helmen, Schutzanzügen und Atemschutzmasken sitzen ab, schießen mit Schrot auf die jungen Männer, die ihnen Steine und Molotowcocktails entgegenwerfen. Oft setzen sie auch Tränengas zweckentfremdet ein: feuern die Patronen aus nächster Nähe als tödliche Munition auf Menschen ab oder pumpen Häuser durch die Fenster so lange mit den weißen Schwaden voll, bis die Bewohner zu ersticken drohen, ohnmächtig werden oder andere Schäden davontragen

Verletzungen, mit denen Rula Saffar sich auskennt. Die Professorin war bis zu den Protesten von 2011 Chefin der Pfleger und Pflegerinnen und arbeitete am staatlichen Salmaniya-Hospital. Sie wurde entlassen, weil sie verletzte Demonstranten behandelt hatte. Heute hat sie dort Hausverbot. Im Auto umrundet sie die Mauern ihrer alten Arbeitsstelle. Das Krankenhaus ist schwer bewacht – von Sonderpolizei, schwarz uniformiert, mit Helmen.

Rula Saffar: ""Sehen Sie – sie stehen überall. Und achten Sie auf ihre unterschiedlichen Gewehre. Wir kennen sie aus dem FF. Wenn das Gewehr so etwas wie ein Fass am Lauf hat, ist das Tränengas. Die andere Variante ist die lange dünne Flinte, die ist für Schrot. Schrotmunition wird hier Tag für Tag eingesetzt, insbesondere in den Dörfern rund um Manama."

Das einzige staatliche Krankenhaus im kleinen Inselreich, das die entsprechenden Verletzungen behandeln kann, ist das Salmaniya-Hospital. Deshalb, erklärt die Medizinerin, wird es bewacht wie eine Festung. Die Opfer und ihre Angehörigen sollen abgeschreckt werden, sich versorgen zu lassen. Rula Saffar arbeitet inzwischen ohne Bezahlung im Untergrund, zusammen mit anderen Pflegern versorgt sie Verletzte in Privathäusern:

"Vor ein paar Tagen wurde einem Demonstranten aus nächster Nähe eine Tränengasgranate in den Kopf geschossen. Er hatte eine Gehirnblutung. Es gab keine andere Wahl, er musste ins Krankenhaus. Aber in solchen Fällen müssen wir Geschichten erfinden, irgendetwas, das harmlos klingt. Jeder, der heutzutage ins Krankenhaus kommt, wird erst mal eingehend befragt, ehe man ihn behandelt. Und wenn sie sagen, dass sie in Ihrem Haus die Treppen heruntergefallen sind, dann schicken sie erst mal jemanden und untersuchen ihr Haus: Gibt es da wirklich Treppen?"

Erst mal Verhör, dann Behandlung – viele Bahrainis schrecken inzwischen zurück, überhaupt noch ins Krankenhaus zu gehen. Hinzu kommt die Angst, dass sunnitische Chefärzte mit der Polizei kooperieren. Schiiten wurden nach 2011 von den wenigen höheren Verwaltungsposten entfernt, auf denen sie vorher als Vorgesetzte noch geduldet waren: im Erziehungs- und im Gesundheitssystem.

Farida al Dallal: ""Alle Schiiten, die dort eine verantwortlichen Stellung hatten, wurden inzwischen abgelöst. Wir sind zu gewöhnlichen Ärzten degradiert worden. Diese Umbesetzungen fingen im April Jahr 2011, nach den Protesten an. Seitdem gibt es, im bahrainischen Gesundheitssystem keine Schiiten mehr in verantwortlichen Positionen."

Und das, obwohl das bahrainische Regime offiziell Dialogbereitschaft signalisiert und immer wieder beteuert: Nach den schweren Unruhen 2011, habe man die Empfehlungen einer internationalen Untersuchungskommission umgesetzt, Diskriminierungen beendet und die Polizei reorganisiert. Bahrains Polizeichef Generalmajor Tareq Hassan:

"Das unabhängige Bahrain-Untersuchungskomitee besteht aus international höchst anerkannten Persönlichkeiten, wie Professor Bassiouni und seinen Kollegen. Ihnen wurde uneingeschränkt Zugang zu Bahrain gewährt. Das Komitee hat sich mit all diesen Anschuldigungen befasst und am Ende einen Bericht vorgelegt. Vor den Augen der ganzen Welt. Und Seine Majestät der König hat den Bericht akzeptiert. Wir als Sicherheitskräfte wurden beauftragt, die Empfehlungen des Bassiouni-Berichtes umzusetzen. Heutzutage steht Bahrain in vielfacher Hinsicht besser da als 2011. Wir haben viele Lektionen gelernt. Nun geht es darum, die Wunden der Vergangenheit zu heilen."

Ein Satz, den viele wie Hohn empfinden müssen. Auch der Lehrer Sadeq Ahmed. Als Aktivist der oppositionellen Wefaq-Partei organisierte er einen Protestmarsch von Fischern. Sie demonstrierten dagegen, dass die Königsfamilie immer mehr Küstenstreifen beschlagnahmt, privat verkauft und die Erträge selber einstreicht. Die Aktion fand im September 2012, ein ganzes Jahr, nachdem sich die Regierung verpflichtet hatte, die Empfehlungen der Untersuchungskommission zu respektieren. Vom Auto aus zeigt er Stelle, wo plötzlich die Polizei auftauchte:

"Wir Demonstranten kamen aus dieser Richtung und genau hier, neben dem Auto haben sie auf mich geschossen. Mit Schrotmunition ins Gesicht, ich habe noch den Arm zum Schutz hochgehoben. Meinen Freund haben sie an dieser Ecke festgenommen. Hier an der Wand sehen Sie noch sein Blut."

Sadeqs Gesicht ist seitdem voller Narben. Dutzende der kleinen schwarzen Kugeln wurden ihm aus Arm und Rücken operiert, Dutzende stecken ihm noch unter der Haut. Die Kopfverletzung hat bei ihm zu Langzeitfolgen geführt: Gedächtnisverlust, eingeschränkte Motorik. Erst seit gut zwei Wochen ist er wieder auf den Beinen:

"Ich habe ein schönes Auto und eine gute Arbeit. Ehe die Regierung mich absetze, war ich Lokalratsabgeordneter von Sitra. Gewählt mit 92 Prozent der Stimmen. Auch meine Frau arbeitete als Lehrerin. Aber alles: Arbeit, Haus, Auto - wir können alles opfern, für die Freiheit."

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