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StartseiteInterview"Billig ist auf keinen Fall fair"23.04.2015

Zwei Jahre nach Rana Plaza"Billig ist auf keinen Fall fair"

Die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch haben sich in den letzten beiden Jahren "überhaupt nicht verändert", kritisiert Gisela Burckhardt von der internationalen Kampagne für Saubere Kleidung im DLF. Seit dem Einsturz des Rana Plaza mit mehr als 1.100 Toten stehe aber weiterhin fest: Teure Kleidung ist nicht fairer als billige.

Gisela Burckhardt im Gespräch mit Friedbert Meurer

Luftbild der eingestürzten Fabrik. (picture alliance / dpa)
Vor zwei Jahren stürzte die Textilfabrik in Bangladesh ein, mehr als 1.100 Menschen kamen ums Leben. (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Bangladeschs Textilindustrie - Niedrige Löhne und gefährliche Arbeit
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 24.04.2014)

Bangladesch - Blutige Billigkleidung
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 24.04.2014)

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Am Preis der Kleidung kann man laut Gisela Burckhardt nicht erkennen, ob ein Kleidungsstück fair produziert worden ist. Im Deutschlandfunk sagte Burckhardt: "Billig ist auf keinen Fall fair", etwa wenn ein T-Shirt weniger koste als eine Busfahrt oder eine Tasse Kaffee.

Aber teuer heiße genausowenig fair produziert, etwa wenn Mode von Hugo Boss oder Giorgio Armani stamme. Design und Material mögen vielleicht besser sein, aber für die betroffenen Näherinnen seien die Arbeitsbedingungen dieselben wie bei Billigkleidung. Burckhardt wies auf die Siegel hin, die faire Bedingungen garantierten. Außerdem müsse man genauer hinsehen, bei wem man kaufe.

Burckhardt lobt Abkommen für mehr Sicherheit

Als "sehr erfreuliche Entwicklung" bezeichnete Burckhardt den "Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh", ein Gebäude- und Brandschutzabkommen. Deshalb würden jetzt an die 1.600 Fabriken überprüft im Hinblick auf Statik, Elektrik, Sicherheit und Brandschutzsicherheit. Die Ergebnisse dieser Recherchen würden dann ins Internet gestellt.

"Zum ersten Mal haben auch die Betroffenen und Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen vor Ort die Möglichkeit, nachzuschauen, wie sieht es in meiner Fabrik aus?", sagte Burckhardt im DLF. An die 200 Unternehmen wollten ihre Zulieferer bekanntgeben, darunter 45 deutsche. Burckhardt zeigte sich erfreut, dass ein gewisses Verantwortungsgefühl gezeigt werde.

Gisela Burckhardt, die Vorstandsvorsitzende der Organisation Femnet. (Imago / Jule Roehr)Gisela Burckhardt, die Vorstandsvorsitzende der Organisation Femnet. (Imago / Jule Roehr)

Negativbeispiel Benetton

Burckhardt, die auch Vorsitzende des Frauenrechtsvereins Femnet ist, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Todschick. Edle Labels, billige Mode - unmenschlich produziert". Darin untersuchte sie die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesch, in denen große Modeketten produzieren lassen.

Im Deutschlandfunk nannte Burckhardt die italienische Firma Benetton als schlechtes Beispiel. Sie habe sich seit zwei Jahren stetig verweigert, überhaupt in den Fonds einzuzahlen, der für die Opfer des Rana-Plaza-Einsturzes gegründet wurde. Zunächst habe Benetton geleugnet, überhaupt dort produziert haben zu lassen, sich nach dem Gegenbeweis geweigert zu zahlen und erst vor ein paar Tagen erklärt, 1,1 Millionen Euro zu zahlen. Burckhardt nannte das angesichts des Umsatzes und der Gewinnmarge viel zu gering. Sie forderte mindestens 5 Millionen Euro.


Das Interview in voller Länge:

Friedbert Meurer: 1.100 Textilarbeiter sind vor zwei Jahren in den Trümmern ihrer Fabrik in Bangladesch gestorben. Das Gebäude war eine Todesfalle. Das Entsetzen damals war überall riesengroß, umso mehr, als herauskam, dass auch deutsche Bekleidungsfirmen in exakt dieser Fabrik ihre Kleider herstellen ließen, eine ganze Reihe von Herstellern und Firmen. Wir kaufen billig, wir Verbraucher, und andere, weit weg in Bangladesch, sterben wegen skrupellosester Geschäftsmethoden.

Gisela Burckhardt ist Vorsitzende der Organisation Femnet und die wiederum Mitglied im Trägerkreis der internationalen Kampagne für saubere Kleidung. Außerdem hat Gisela Burckhardt ein Buch geschrieben mit dem doppeldeutigen Titel "Todschick. Edle Labels, billige Mode - unmenschlich produziert." Guten Morgen, Frau Burckhardt.

Gisela Burckhardt: Guten Morgen, Herr Meurer.

Meurer: Todschicke edle Labels, sind die Arbeitsbedingungen bei den Edellabels nicht besser als in den Billigketten?

Burckhardt: Leider nein. Genau das war Ziel dieses Buches. Wir haben dort zwölf Fabriken in Bangladesch untersucht, wo unter anderem in zweien auch Hugo Boss und Giorgio Armani haben produzieren lassen, und es ist einfach leider nicht so, dass teuer gleich fair wäre. Im Gegenteil: Es ist leider so, dass die Unternehmen alle in den gleichen Fabriken produzieren lassen, ob es nun teure Marken sind oder billige.

"Teures T-Shirt ist leider auch nicht fair"

Sie haben da eine Reihe, wo für H&M genäht wird, und in der nächsten Reihe wird dann eben auch für Hugo Boss genäht. Die Qualität der Ware, der Stoff zum Beispiel oder das Design, das kann natürlich besser sein bei einem Hugo Boss, aber für die Betroffenen, die Näherinnen sind die Arbeitsbedingungen die gleichen.

Meurer: Kann man von dem Preis eines Kleidungsstücks überhaupt nicht darauf schließen, wie gut die Herstellungsbedingungen sind oder ob sie besser sind?

Burckhardt: Leider nicht. Es ist so: Billig ist auf keinen Fall jedenfalls fair. Wenn Sie ein T-Shirt für 1,50, 2 Euro oder 3 Euro, also weniger vielleicht als eine Busfahrt oder eine Tasse Kaffee heutzutage kaufen können, dann ist es mit Sicherheit nicht fair hergestellt.

Aber der Umkehrschluss trifft auch nicht zu. Ein teures T-Shirt ist leider auch nicht fair hergestellt. Was letztendlich zählt sind wirklich die Marken oder auch die Siegel, die ein Produkt hält, und deswegen muss man da schon genauer hingucken, wo man kauft und bei wem man etwas kauft.

Meurer: Sie knöpfen sich heute den italienischen Hersteller Benetton vor, machen da, ich sage mal, eine Art Happening heute in Bonn. Warum Benetton?

Burckhardt: Benetton ist eines der Unternehmen gewesen. Erstens ist es ein sehr teures Label, ein relativ teures Label, und hat sich seit zwei Jahren stetig verweigert, überhaupt in den Fonds einzuzahlen.

Meurer: Benetton hat damals auch produzieren lassen in dieser Fabrik?

Burckhardt: Genau. Ja, ja, es hat dort produzieren lassen, hat aber auch erst mal verweigert oder auch geleugnet, dass es dort produzieren lässt. Als wir ihm das dann nachgewiesen haben, haben Benetton über zwei Jahre überhaupt nichts eingezahlt. Erst sehr kürzlich vor ein paar Tagen haben sie nun erklärt, dass sie doch 1,1 Millionen einzahlen wollen.

Burckhardt: "Zu wenig Unternehmen zahlen in Entschädigungsfonds"

Das allerdings halten wir angesichts des Umsatzes von Benetton und auch der Gewinnmarge, die das Unternehmen hat, für viel zu gering. Wir denken, es müsste mindestens fünf Millionen einzahlen, und deswegen laufen bundesweit Proteste. In Bonn haben wir es, wir haben es aber auch in Hamburg oder in Berlin, und in Dresden und auch europaweit werden überall Proteste laufen.

Meurer: Wie rechtfertigt sich das Unternehmen, das ja ansonsten mit Schockwerbung oder mit dem Slogan „United Colors" doch Werbung für eine bessere Welt macht?

Burckhardt: Genau. Es ist eigentlich ein Skandal, dass ein solches Unternehmen erst so spät dann bereit ist, in diesen Fonds einzuzahlen. Wir haben ja andere Unternehmen, die allerdings auch immer erst da mit der Realität konfrontiert werden müssen, die inzwischen eingezahlt haben, zum Beispiel jetzt Kick. Kick hat ja auch dort produzieren lassen.

Am Anfang hieß es auch, nein, nein, wir haben da gar nicht produziert, und erst als man dann die T-Shirts dort gefunden hat, war die Beweislage so erdrückend, dass sie einfach zugeben mussten, ja, wir lassen dort produzieren. Die haben immerhin jetzt eine Million eingezahlt.

Auch das ist aus unserer Sicht viel zu gering, angesichts des Umsatzes, den gerade Kick in Bangladesch macht. Auch da denken wir, das müssten mindestens fünf Millionen sein. Aber es gibt natürlich auch noch Unternehmen wie Adler oder MK, die noch gar nichts in den Fonds eingezahlt haben.

Meurer: Entschädigungsfonds ist das eine. Gibt es, Ihrer Meinung nach wird zu wenig eingezahlt. Was wird getan in Bangladesch oder in anderen Billigländern, dass nicht mehr in solchen Todesfallen produziert wird wie in dieser Textilfabrik vor zwei Jahren?

Steigendes Verantwortungsgefühl bei Unternehmen

Burckhardt: Wir können sagen, es gibt eine sehr erfreuliche Entwicklung, nämlich das ist der Bangladesh Accord. Das ist ein Gebäude- und Brandschutzabkommen, das aufgrund dieser Tragödie, muss man schon sagen, jetzt erst geschaffen worden ist nach Rana Plaza. Aber wir sind sehr froh, dass dieser Accord geschaffen worden ist, weil jetzt an die 1.600 Fabriken in Bangladesch überprüft werden im Hinblick von Statik, Elektrik und auch Sicherheit insgesamt, Brandschutzsicherheit noch.

Und vor allen Dingen, was auch sehr interessant ist: Die Ergebnisse dieser Recherchen werden ins Internet gestellt. Das heißt, zum ersten Mal haben auch die Betroffenen und Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen vor Ort die Möglichkeit, nachzuschauen, wie sieht es denn überhaupt in meiner Fabrik aus.

Meurer: Auf wen geht das zurück, auf die Regierungen oder auf die Hersteller?

Burckhardt: Ja, ja. Das geht leider wieder nicht auf die Regierung zurück, sondern das war ein massiver Druck, wo unter anderem auch wir von der Clean Clothes Kampagne, also der Kampagne für saubere Kleidung, sehr aktiv mitgewirkt haben. Aber wir sind auch froh: Viele Einkäufer haben sich dem angeschlossen. An die 200 Unternehmen haben unterschrieben, dass sie ihre Zulieferer bekanntgeben werden, und darunter befinden sich allein zum Beispiel 55 deutsche Unternehmen. Es ist sehr erfreulich, dass da ein gewisses Verantwortungsgefühl auch gezeigt wird.

Meurer: Was sagen Sie, wenn Sie mit Unternehmensvertretern reden und die argumentieren, wir versuchen ja zu kontrollieren, aber letzten Endes: Es läuft alles über den Preis und dem Verbraucher ist es dann doch egal, Hauptsache das T-Shirt ist billig?

Bewusstseinswandel bei Verbrauchern

Burckhardt: Ja, das ist natürlich zum Teil sogar richtig. Leider Gottes ist es so, dass doch sehr viel über den Preis läuft. Dennoch sagen wir, dass ein Unternehmen eine soziale Verantwortung hat und sich damit nicht herausreden kann. Es ist schon so, nachdem wir jetzt die UN-Leitprinzipien für Wirtschafts- und Menschenrechte haben - die wurden 2011 verabschiedet -, danach hat ein Unternehmen eine Vorsorgepflicht. Das heißt, sie müssen wirklich prüfen, bevor sie Aufträge vergeben, und auch wenn sie Aufträge vergeben, regelmäßig prüfen, wie die Arbeitsbedingungen vor Ort sind.

Und sie dürfen das auch nicht auslagern in irgendwelche Prüfgesellschaften wie Audit-Unternehmen. Das ist nämlich inzwischen ein Milliarden-Business geworden, wo vor allen Dingen diese Industrie dran verdient, wo wir aber feststellen, dass seit über 20 Jahren, dass diese nun passieren, leider sich die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten überhaupt nicht verbessert haben.

Meurer: Noch ganz kurz gefragt. Haben wir Verbraucher uns verändert?

Burckhardt: Ich denke, es gibt einen gewissen Bewusstseinswandel. Man kann sehen, dass die Gruppe von Verbraucherinnen und Verbrauchern, die bewusster einkauft, größer wird. Das sieht man allein schon daran: Es gibt ja zweimal im Jahr die Ethical Fashion Week in Berlin.

Dort gibt es immer mehr Aussteller, die dort ihre Waren ausstellen. Das sind ökofaire Marken und der Anteil dieser kleineren Marken nimmt zu. Das kann man schon sehen und das Bewusstsein dafür ist auch da. Die könnten ja nicht ihre Waren verkaufen, wenn es da nicht einen Wandel im Bewusstsein gibt.

Meurer: Vor zwei Jahren stürzte die Textilfabrik in Bangladesch ein, begrub 1.100 Textilarbeiter unter sich. Gisela Burckhardt sprach für die internationale Kampagne für saubere Kleidung. Danke, Frau Burckhardt, schöne Grüße nach Bonn.

Burckhardt: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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