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StartseiteKultur heuteZwei Stasi-Projekte am Theater in Dresden29.04.2013

Zwei Stasi-Projekte am Theater in Dresden

"Radioortung" und "Meine Akte und ich" thematisieren die Überwachung zu DDR-Zeiten

Gleich zweimal geht es in Dresden um die Stasi: Das begehbare Hörspiel "Radioortung" von Rimini Protokoll arbeitet mit Originaltönen, die über Handy und Kopfhörer an rund 110 Orten der Stadt mitverfolgt werden können. Clemens Bechtel hat in "Meine Akte und Ich" neun Zeitzeugen auf die Bühne gebracht.

Von Hartmut Krug

Die Künstlergruppe "Rimini Protokoll" hat Stasi-Akten akustisch bearbeitet. (Bundesbildstelle Bonn)
Die Künstlergruppe "Rimini Protokoll" hat Stasi-Akten akustisch bearbeitet. (Bundesbildstelle Bonn)
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Den Akten Ort und Stimme geben

"Du Kämpfer an der unsichtbaren Front, den Menschen bist du unbekannt."

In der einen Hand einen riesigen Stadtplan, in der anderen ein GPS-Handy, so geht es durch Dresden. Merkwürdig, beim Gang aus der Neu- in die Altstadt plötzlich den Tschekistenchor mit seiner Lobpreisung der Stasi zu hören. "Radioortung – 10 Aktenkilometer Dresden" nennt sich das sogenannte begehbare Stasi-Hörspiel von Rimini Protokoll. Es ist ein Projekt über die Überwachung zu DDR-Zeiten, bei dem man selbst überwacht wird. Denn die Handys, die man sich im kleinen Haus des Staatsschauspiels ausleiht, sind über GPS zu orten. Und am Computer im Theater ist genau zu verfolgen, wohin man geht, sogar Kontakt kann von dort aufgenommen werden. Geht man mit Plan und Gerät in der Stadt umher, wird immer dann, wenn man an einen der rund 110 als Ton-Archiv ausgesuchten Orte kommt, die auf diesen bezogene Aufnahme automatisch eingespielt. Zum Beispiel erfährt man, wenn man vor dem Kino Schauburg in Dresden-Neustadt steht, dass die Praktikantin des damaligen Leiters IM war:

"Schauburg habe ich von 1986 bis 89 geleitet."

"Wolfgang Zimmermann, Jahrgang 46."

"Wir hatten ja als Filmtheaterleiter immer die Pflicht, Praktikanten zu betreuen. Und da hatte ich auch eine, die hatte zu allem eine Meinung gehabt."

"Abschnitt IM-Bericht"

"Ich hab auch frank und frei mit ihr gesprochen."

"Zimmermann, Wolfgang äußerte im Gespräch mit Praktikantin J.G… geschwärzt."

Bis zu vier Stunden kann man so umherlaufen, von der Ausreise-Demo zum Fasching an der Kunsthochschule, vom IM Ärzteschaft zum Referat über Inoffizielle Mitarbeiter. Kommentierte Erklärungstexte wechseln mit Erlebnisberichten. Doch dieser informative Geschichts- und Stasi-Grundkurs lässt den Umherschweifenden die Stadt nicht neu erfahren. Denn die Texte über vergangene Verhältnisse scheinen nichts mehr mit den auf sie bezogenen 0rten zu tun zu haben, die heute allenfalls vom Tourismus geprägt sind.

Abends beginnt das Theater im dritten Stock des Kleinen Hauses dann mit Zitaten aus Kafkas "Das Schloss" und "Der Prozess." Clemens Bechtel, ein Dokumentartheater-Regisseur, der bereits in Potsdam zwei Projekte über die Stasi inszenierte, hat unter dem Titel "Meine Akte und Ich" neun betroffene Zeitzeugen auf die Bühne gebracht. Zwischen vollen Regalakten erzählen einstige DDR-Bürger über ihr Leben. Keine aktiven Bürgerrechtler, aber auch keine "feindlich negativen Elemente", wie sie in ihren Akten bezeichnet werden, sondern einfach Menschen mit Hoffnungen und eigenen Vorstellungen. Die Beobachtungsberichte dokumentieren dabei oftmals die Ineffektivität und Absurdität des staatlichen Mißtrauens:

"Warschau, Andreas, verließ 14 Uhr 18 die Straßenbahn, lief zu seinem Wohnhaus in der Luisenstrasse 81, das er um 14 Uhr 25 betrat. 16 Uhr 15 verließ Warschau Andreas mit einem Stoffbeutel das Wohnhaus."

Diese Experten ihres Alltags sind bei der Erzählung ihrer Lebensläufe wunderbar unverkrampft und uneitel. Es sind anrührend sympathische Durchschnittsbürger aller Berufe. Ihre Erzählungen verdeutlichen, wie sehr die Stasi, auch ohne Knasterlebnisse, ihr Leben verändert hat. Eine Frau erzählt, wie ihr Mann, der als Musiker reisen und ein Telefon haben wollte, ihr seine IM-Verpflichtung gebeichtet hat, worauf nicht nur die Ehe zerbrach, sondern die Frau auch überall im Alltag nur noch Bespitzelung vermutete. Ein Zeitzeuge war IM und hatte sich aus Überzeugung beim Studium in Moskau anwerben lassen. Schnell erfuhr er, dass er selbst ständig überwacht wurde. Heute kann er als Einziger sein Leben nur im distanzierenden "Sie tun dann das und das" erzählen. "Das bin ich", sagen die anderen, wenn ihre Fotos von damals gezeigt werden. Und genau das ist die Stärke dieses Abends: Er bietet sehr menschliches Theater.

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