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StartseiteBüchermarktZwei ungleiche Freunde08.11.2005

Zwei ungleiche Freunde

Jorge Edwards erzählt vom Ursprung der Welt

"Der Ursprung der Welt" ist im spanischen Original schon vor neun Jahren erschienen. Es ist das erste auf deutsch verlegte Buch des 74-jährigen chilenischen Schriftstellers Jorge Edwards und handelt von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine ist ein alternder Don Juan mit linksextremistischer Vergangenheit, der andere dagegen ein Dogmatiker der seit 30 Jahren seinen Prinzipien und seiner Frau treu ist. Und doch sind sie sich näher als man denkt.

Von Michaela Schmitz

Der chilenische Autor Jorge Edwards (AP Archiv)
Der chilenische Autor Jorge Edwards (AP Archiv)

Was verbirgt sich hinter dem unbescheidenen Titel? Und was verdeckt die pergamentene Hülle des Schutzumschlags? Der Neugier gehorchend, deckt der Leser buchstäblich Ursprüngliches auf. Etwas, das den Betrachter angesichts des pompösen Namens schmunzeln lässt. Es ist ein weiblicher Akt. Ein liegender Torso, das Gesicht vom Laken bedeckt, das unverhüllte Geschlecht dem Betrachter zugewandt. Das 1866 entstandene Gemälde "Der Ursprung der Welt" von Gustave Courbet. Sein Bild hängt im Musée d'Orsay in Paris. Dort, wo die Geschichte beginnt. Als Doktor Patricio Illaves die verblüffende Ähnlichkeit des weiblichen Aktes mit seiner Frau Silvia auffällt.

Grund, an Freund Felipe Díaz und den Faible des Don Juan zu denken, seine Geliebten nackt in obszönen Posen zu fotografieren. Und Anlass, das Motiv im Ehebett lustvoll nachzustellen. Die nun folgenden Ereignisse sollen den über 70-jährigen Mediziner und Ich-Erzähler nicht nur erotisch aus dem Gleichgewicht bringen.

Zunächst aber gerät das Leben seines Busenfreundes Felipe aus der Bahn. Der in die Jahre gekommene Latino-Lover hatte sich nach dem Bruch mit seiner linksextremistischen Vergangenheit den Ruf eines passionierten Frauenhelden und leidenschaftlichen Whiskey-Trinkers erworben. Mit über sechzig Jahren lernt er nun die ideale Frau kennen. Acht Nächte liegt der alternde Liebhaber neben der auf Leibniz spezialisierten vollkommensten Mexiko-Japanerin mit andalusischer Haut und Brustwarzen wie Blütenköpfe der Kamille. Acht lange Nächte ungewollter Enthaltsamkeit. Die in der besten aller möglichen Welten lebende unwiderstehliche Schöne gibt ihm den Rest: Sie will trotz seiner erotischen Schlappe aus der Schweiz zu ihm ziehen.

Der nun endgültig besiegte Lebemann entzieht sich dieser Drohung mit einer Überdosis Tabletten. Sein Arzt und Freund findet Felipe tot in seiner Wohnung. Einem unbedingten Impuls folgend, entdeckt Doktor Illanes dort ein Foto, das ihn in einem seit dem Museumsbesuch gehegten Verdacht bestätigt.

Die Frau auf der Courbet nachgestellten Fotografie ähnelt Silvia. In seiner Eifersucht horcht er alte Freunde aus chilenischen Exilantenkreisen über das vermutete Verhältnis aus. Doch vergeblich. Im letzten, aus der Perspektive Silvias erzählten Kapitel erfährt er schließlich von ihr selbst die Wahrheit. Eine Eröffnung, die in dem noch einmal rekonstruierten Courbet-Akt buchstäblich ihren Höhepunkt findet. Der Kreis schließt sich. Und setzt beim greisen Doktor eine sinnlich gesteigerte Lebensenergie frei, die Silvia vermuten lässt, er habe "im dunkeln gegen sein Phantom (...) gekämpft, und nach langem Hin und Her hat er ihn besiegt!"

Und spätestens jetzt ist klar: Felipe Díaz und Doktor Illanes waren nur zwei Hälften einer Person. Antagonismen des Lebens wie Eros und Tanatos. Vor diesem Hintergrund ist auch der Verweis auf Stendhals "intime Schriften" zu verstehen: Der Freund fungiert als Selbstbild des Erzählers. Und das ist noch nicht alles: Beide stehen für das zerrissene Alter Ego Jorge Edwards'. Felipe, seine Distanz zum sowjetischen Block, zum Castrismo und zur Partei, trägt nur zu deutliche Züge des Autors selbst.

Und mit einem Schlag wird die politische Dimension des Romans deutlich. Díaz ist ein abtrünniger Ex-Kommunist, der seine Resignation vergeblich in den Armen der Frauen zu ersticken und im Alkohol zu ertränken sucht. Ausgerechnet in dem Moment, wo er der idealen Frau begegnet, scheitert seine letzte Utopie. Das gesellschaftliche Wunschbild - verkörpert durch die multikulturelle Frau, Symbol für Globalisierung - zerfällt. Die Idee der Vollkommenheit ist "zu reiner Irrealität, zu einer Entelechie, zu Rauch geworden." Ein abstraktes Ideal kann man nicht lieben. Der Arzt dagegen ist Dogmatiker. Seit dreißig Jahren seiner Ehefrau und seinen Prinzipien treu. Mit dem Tod Felipes sieht sich Patricio sowohl persönlich als auch politisch betrogen: durch das Verhältnis seines besten Freundes mit Silvia, das Trugbild des real existierenden Kommunismus und die Fata Morgana einer globalisierten Weltordnung.

Jorge Edwards' kleiner Roman ist ein formales Meisterstück. Eine höchst kunstvolle, arabesk um das Gemälde Courbets rankende Komposition aus Überlagerungen und Spiegelungen. Erzählt mit einer stilistisch komplexen und zugleich leichten Sprache, in der sich bestechende Sätze von existenzieller Lakonie finden. Edwards entwickelt eine authentische Liebes-, Freundschafts- und Eifersuchtsgeschichte, die mitreißt und unaufdringlich den politischen Hintergrund spiegelt. Eine zur gleichen Zeit reale und symbolistisch bis ins Mythische überhöhte Erzählung voller Humor und Sinnlichkeit. Im Spiel mit Wirklichkeit und Schein wird die Vorstellung bis ins Surreale getrieben. Einziger Wermutstropfen: das allzu abrupte Ende.

Jorge Edwards: Der Ursprung der Welt. Aus dem chilenischen Spanisch von Sabine Giersberg. Wagenbach 2005. 176 Seiten, 18,00 EUR.

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