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StartseiteBüchermarktZweite Chance für Pechvögel04.01.2008

Zweite Chance für Pechvögel

Die Erzählungen "Maschas Glück" von Ludmila Ulitzkaja

Pechvögel und Schwärmer, Betrüger und Betrogene, Säufer und Liebende: Ludmila Ulitzkaja beschreibt in dem neu erschienen Band "Maschas Glück" ein Panoptikum an Menschen. Unterhaltsam erzählt sie ihre Lebensgeschichten und gibt dem Leser das angenehme Gefühl, dass auch im Scheitern meist noch eine zweite Chance verborgen liegt.

Von Brigitte van Kann

Was im Dunkeln passieren kann, beschreibt L. Ulitzkaja in einer Geschichte des Bandes "Maschas Glück". (Rüdiger Maack)
Was im Dunkeln passieren kann, beschreibt L. Ulitzkaja in einer Geschichte des Bandes "Maschas Glück". (Rüdiger Maack)

Im Schnitt alle zwei Jahre kommt ein neues Buch der russischen Erfolgsautorin auf den Markt. Unermüdlich produziert Ludmila Ulitzkaja Erzählbände im Wechsel mit Romanen, doch die kleine Form ist das eigentliche Terrain der Erzählerin, seit sie für "Sonetschka" vor nunmehr elf Jahren den renommierten französischen Prix Médicis bekam. In diesem Bücherherbst wartet der Hanser Verlag mit einer neuen Sammlung ihrer Erzählungen auf, in der bewährten Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt. "Maschas Glück" heißt der Band, nach einer der Geschichten. Bücher, die das Glück im Titel führen, verkaufen sich gut, wohl deshalb, weil sie ein Quäntchen davon versprechen.

Dabei wären etliche der hier versammelten Geschichten titelwürdig gewesen. Allen voran die Erzählung "Kurzschluss": In den 29 Minuten, die ein Stromausfall in einem Moskauer Mietshaus dauert, blickt Ludmila Ulitzkaja den Bewohnern ins Herz:

Angela nutzt die Finsternis und den Alkoholrausch des Gatten, um in die Kellerwohnung zu ihrem Liebsten zu schlüpfen. Der ist Elektriker und für den Strom im ganzen Block zuständig. Schura stiehlt im Schutz der Dunkelheit das köstliche Boeuf Stroganoff ihrer Mitbewohnerin und überlegt, ob sie ihr nicht doch das Zimmer vererben soll - für das Versprechen, sie bis zum Lebensende zu bekochen. Boris Iwanowitsch, von Beruf Fließbandmeister, macht sich übellaunig auf den Weg zur Hausverwaltung: Störungen alltäglicher Abläufe, Unordnung und Schlamperei sind ihm ein Graus. Galina Andrejewna, die Wirtschaftsprüferin, schreibt gerade an einem Bericht, als der Bildschirm schwarz wird und die erzwungene Pause sie mit sich selbst konfrontiert. Der blinde Kowarski stellt seinen Kassettenrecorder auf Batteriebetrieb und lauscht ergriffen einer Beethoven-Sonate. Als sie zu Ende ist, steckt der Elektriker, vom unverhofften Schäferstündchen erquickt, "einen Schraubenzieher in die Schalttafel" und das Licht geht wieder an. Der blinde Musikliebhaber merkt es so wenig, wie er mitbekommen hat, dass der Strom überhaupt weg war.

"Kurzschluss" ist eine hübsch gefädelte Geschichte, voller Menschenkenntnis und feinem Witz. Nur eines verträgt sich hier nicht mit dem leichten, lakonischen Ton, der über die Jahre Ulitzkajas Markenzeichen geworden ist: der Selbstmord der Wirtschaftsprüferin, die während der stromlosen Minuten die ganze Düsternis ihres Lebens mit einem schwerbehinderten Kind begreift und sich kurzerhand mit Hilfe eines Gürtels erhängt. Derlei Drastik und Dramatik innerhalb von 29 Minuten wirken unglaubwürdig und sprengen das Gefüge der Erzählung. Es hätte genügt, und wäre wirkungsvoller gewesen, Galina Andrejewnas ebenso plötzliche wie ausweglose Verzweiflung zu zeigen und ihr und den Lesern den Selbstmord im Kleiderschrank zu ersparen.

Der umfangreichere russische Band, aus dem die neuen Ulitzkaja-Geschichten stammen, heißt übersetzt "Menschen unseres Zaren", nach einem Zitat von Nikolai Leskow, das als Motto vorangestellt ist: "Was gibt es nicht alles für Menschen im Reich unseres Zaren!" Tatsächlich entfaltet Ludmila Ulitzkaja auch hier wieder ein ganzes Panoptikum: Pechvögel und Schwärmer, gutmütige Seelen, die immer jemanden finden, der sie ausnutzt, Betrüger und Betrogene, symbiotische Paare, herrschsüchtige alte Damen, prügelnde Säufer und aufopferungsvoll Liebende.

Wie immer schreibt Ulitzkaja Chroniken des privaten Lebens, das von den Ausläufern der großen Geschichte nur am Rande gestreift wird. Manchmal erlaubt ein Nebensatz die zeitliche Einordnung des Geschehens; meistens spielt es keine Rolle. Ulitzkajas Erzählstil macht Anleihen bei der mündlichen Tradition, so schnörkellos und süffisant wird erzählt, wenn Frauen um den Küchentisch sitzen. Man meint geradezu ihre Kommentare zu hören: "Was es nicht alles gibt!" - "Ja, so kann es gehen!" Mit anderen Worten: Hier ist eine Autorin, die es seit vielen Jahren und mit großem Erfolg schafft, die Usancen von Klatsch und Tratsch literarisch zu zügeln.

Die titelgebende Geschichte "Maschas Glück" handelt von einem jungen Paar, das alles zu haben scheint, was man zu einem gelingenden Leben braucht: Begabung, gutes Aussehen, die Achtung der anderen, gesunde, hübsche Kinder. Mascha und Iwan gelten als Traumpaar, jedenfalls im Umfeld ihrer Kirchengemeinde, wo man sie als Chorsänger schätzt. Doch seit Iwan Pope werden will und die Geistliche Akademie in der Stadt besucht, wandelt er sich zum orthodoxen Fundamentalisten: Seiner Frau verübelt er jede Äußerung von Lebensfreude und beschuldigt sie schließlich sogar, die gemeinsamen Kinder in Wirklichkeit von anderen Männern empfangen zu haben. Iwan lässt sich scheiden. Mascha leidet, tröstet sich mit einem 17-Jährigen, wird schwanger und von der Gemeinde argwöhnisch beäugt. Bis sie eines Tages im Handstreichverfahren einem Mann ihr Jawort gibt, der gerade den Altar in der Kirche restauriert und den sie überhaupt nicht kennt. Er wird ein wunderbarer Gatte und allen Mascha-Kindern ein perfekter Vater.

Die Geschichte von "Maschas Glück" gehört zu einem Bündel von vier Erzählungen, in denen die Autorin schwungvoll das Thema der Vaterschaft durchdekliniert: In der kürzesten versucht ein Vater vergebens seinen Ältesten darüber aufzuklären, dass er eigentlich gar nicht sein Sohn ist. Doch selbst das Geständnis, er habe die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt des Jungen noch nicht gekannt, ruft nur mäßiges Erstaunen, keineswegs jedoch die beabsichtigte Erkenntnis hervor. Der begriffsstutzige Sohn missversteht seinen Ziehvater aufs Prächtigste: Den Eltern bleiben Bekenntnisse und Vorwürfe erspart, die Familie gerät nicht aus den Fugen.

Ludmila Ulitzkajas lebensweise Geschichten handeln oft vom Gelingen im Scheitern. Darin liegt etwas Tröstliches, eine Art praktischer Lebenshilfe, und das ist es wohl auch, was ihre überwiegend weibliche Leserschaft bei ihr sucht und zuverlässig findet.

Ludmila Ulitzkaja: Maschas Glück
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Carl Hanser Verlag, München 2007, 240 Seiten

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