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StartseiteHintergrundSaddams Blitzkrieg02.08.2015

Zweiter GolfkriegSaddams Blitzkrieg

Der Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait lähmte die Arabische Liga und Europa. Einzig die USA handelten - allerdings auch aus politischem Kalkül. Heute ist Kuwait befreit, Hussein verurteilt und erhängt worden. Doch die Folgen des Zweiten Golfkriegs sind bis heute spürbar: bei der Muslimfeindlichkeit nach 9/11 und dem Vormarsch des terroristischen IS.

Von Thilo Kößler

Saddam Hussein (r.), irakischer Diktator in einer Kampfpose vor dem Golf-Krieg 1990 (imago/ZUMA/Keystone)
Saddam Hussein (r.), irakischer Diktator in einer Kampfpose vor dem Golf-Krieg 1990 (imago/ZUMA/Keystone)
Weiterführende Information

Zweiter Golfkrieg "Die Mutter aller Schlachten"

Kuwait Vor 20 Jahren begann der Golfkrieg

Der 11. September Die Verwundbarkeit der USA

Die ersten Bilder aus dem besetzten Kuwait zeigen am Morgen des 2. August 1990 einen einsamen irakischen Panzer auf der Corniche von Kuwait City – vor dem Wahrzeichen der kuwaitischen Hauptstadt, dem Wasserturm, dreht sich der Geschützturm im Morgengrauen, als peile er sein nächstes Ziel an: Die Bilder stammen von einem Amateurfilmer, der sie aus einem der oberen Stockwerke des Kuwait International Hotels aufgenommen hatte. Von dort berichtet der österreichische Hotelmanager Hermann Simon als erster Augenzeuge vom irakischen Überfall:

"Um 5.30 Uhr ging es los mit Schießen, und wir sind dann also runter. Das einzige, was wir gemacht haben ist, wir haben Leute aus dem Hotel jetzt evakuiert in ein anderes Hotel, was ein bisschen weg ist von der Schussrichtung, und auch das Personal, um sicher zu sein, falls die Leute die amerikanische Botschaft einnehmen wollen, dass, wenn sie danebenschießen, dass, wenn das Hotel was abkriegt, nicht das Personal und die Gäste. Der Flughafen ist zu. Der ist also übernommen.

Lähmung in der arabischen Welt

Als die Welt vom irakischen Einmarsch in Kuwait erfährt, ist der Blitzkrieg Saddam Husseins gegen das Emirat im Grunde schon vorbei: Binnen weniger Stunden sind alle Schlüsselpositionen der Stadt in der Hand der irakischen Truppen, lediglich vor dem Palast von Emir Scheich Jaber al Ahmed al Sabah stoßen die Truppen auf bewaffneten Widerstand. Der Monarch und seine Familie sind zu diesem Zeitpunkt schon außer Landes – im Morgengrauen hatten sie sich in einem Konvoi aus chromblitzenden Luxuslimousinen ins saudische Exil abgesetzt. Der kuwaitische Rundfunk kann nur noch einen Hilferuf absetzen.
"Das Volk von Kuwait, dessen Ehre verletzt und dessen Blut vergossen wird, bittet: Kommt zu seiner Hilfe, ihr Araber."

Golfkrieg von 1991 - US-Streitkräfte: Ein amerikanischer Schützenpanzer vor brennenden Ölfeldern nahe der kuwaitisch-irakischen Grenze am 2.3.1991. Die Golfkrise hatte am 2.8.1990 mit dem Einmarsch irakischer Truppen nach Kuwait begonnen. Der UN-Sicherheitsrat forderte daraufhin am 29.11.1990 den Irak auf, seine Truppen bis zum 15.1.1991 aus Kuwait zurückzuziehen. Nach Ablauf des UN-Ultimatums begannen am 17.1.1991 alliierte Streitkräfte unter der Führung der USA mit der Bombardierung Bagdads. Der Golfkrieg endete nach dem Einlenken Iraks am 28.2. 1991 mit der Einstellung aller Kampfhandlungen. Am 20..3.2003 haben amerikanische und britische Truppen einen neuen Krieg gegen den Irak begonnen. (picture alliance / dpa / epa / afp)Ein amerikanischer Schützenpanzer vor brennenden Ölfeldern nahe der kuwaitisch-irakischen Grenze. (picture alliance / dpa / epa / afp)

Doch davon kann keine Rede sein. Am Golf herrscht das nackte Entsetzen. Saudi-Arabiens König Fahd schweigt - er befürchtet, dass es die irakischen Truppen, die mit 100.000 Mann in Kuwait eingefallen sind, auf sein Königreich abgesehen haben. Er und die anderen Ölmonarchen am Golf wissen, dass sie der irakischen Kriegsmaschine militärisch nichts entgegenzusetzen haben.

Konfusion herrscht auch in der übrigen arabischen Welt – bis zum Abend des 2. August können sich die Außenminister der Arabischen Liga in Kairo noch nicht einmal zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen. Da hat der Weltsicherheitsrat bereits in einer ersten Resolution den irakischen Einmarsch in Kuwait verurteilt und die Truppen Saddam Husseins zum sofortigen Rückzug aufgefordert.

Bush senior reagiert im Namen amerikanischer Bürger

Der amerikanische Präsident ist genauso alarmiert: George Bush Senior hatte nicht mit einem derart eklatanten Bruch des Völkerrechts gerechnet. Die Besetzung Kuwaits kommentiert er nicht nur als Rückkehr zum Raubrittertum. Er betrachtet sie auch als Kampfansage, weil sie sich gegen die Wirtschaftsinteressen der westlichen Industrienationen richtet: Mit den kuwaitischen Ölfeldern verfügt der Irak über 20 Prozent der weltweiten Reserven – würde er sich auch noch Saudi-Arabien einverleiben, wären es sogar 50 Prozent. Damit wäre der Irak unumstrittene Führungsmacht der Opec und künftig in der Lage, die Ölpreise weltweit zu diktieren.

Angeblich war George Bush bereits nach wenigen Stunden zum Äußersten entschlossen – doch erst am 8. August erklärte er:äsident ist genauso alarmiert: George Bush Senior hatte nicht mit einem derart eklatanten Bruch des Völkerrechts gerechnet. Die Besetzung Kuwaits kommentiert er nicht nur als Rückkehr zum Raubrittertum. Er betrachtet sie auch als Kampfansage, weil sie sich gegen die Wirtschaftsinteressen der westlichen Industrienationen richtet: Mit den kuwaitischen Ölfeldern verfügt der Irak über 20 Prozent der weltweiten Reserven – würde er sich auch noch Saudi-Arabien einverleiben, wären es sogar 50 Prozent. Damit wäre der Irak unumstrittene Führungsmacht der Opec und künftig in der Lage, die Ölpreise weltweit zu diktieren.

"Vier einfache Prinzipien leiten unsere Politik: Erstens – wir fordern den sofortigen, bedingungslosen und vollständigen Rückzug aller irakischen Streitkräfte aus Kuwait. Zweitens – Kuwaits legitime Regierung muss zurückkehren und das Marionettenregime ersetzen. Drittens – meine Regierung, wie die von Präsident Roosevelt bis Präsident Reagan, ist der Sicherheit und Stabilität des Persischen Golfes verpflichtet. Und viertens: Ich bin entschlossen, das Leben amerikanischer Bürger im Ausland zu schützen."

Der ehemalige US-Präsident Georg H.W. Bush bei einer Rede vor Parteimitgliedern (imago/ZUMA Press)US-Präsident Georg H.W. Bush rechtfertigt den Golfkrieg mit "dem Leben amerikanischer Bürger". (imago/ZUMA Press)

Nur zwei Stunden später die Reaktion aus Bagdad: Der "irakische Revolutionsrat" - wie alle Institutionen an Euphrat und Tigris lediglich Vollzugsorgan Saddam Husseins - gibt die Annexion Kuwaits bekannt und erklärt das Emirat zur 19. Provinz des Irak.

Der irakische Rundfunk:
"Mitbürger, die Geschichte hat bewiesen, dass Kuwait ein Teil Iraks ist. Wir appellieren an die Prinzipien der Ehre, unserem heroischen Führer zu folgen. Saddam Hussein soll unser Held in der gesamten arabischen Welt sein."

Irak ernennt Kuwait zur 19. Provinz 

Saddam Hussein hatte seine Drohungen wahr gemacht: Er forderte nicht nur die Vorherrschaft am Golf – sondern die Führungsrolle in der gesamten arabischen Welt. Und er forderte den Lohn für seinen verlustreichen Krieg gegen den Iran in den Jahren 1980-1988. Dieser Krieg hatte Unsummen gekostet und war maßgeblich von den Golfanrainern finanziert worden. Mehr noch: Er hatte Saddam Hussein zum gehätschelten Verbündeten des Westens gemacht. Der irakische Despot war einer der brutalsten Diktatoren in der arabischen Welt – und als Feind des gemeinsamen Feindes Iran zum engen Freund des Westens und zum fragwürdigen Profiteur westlicher Zuwendungen geworden.

Doch mit seinem Einmarsch in Kuwait hatte Saddam gegen alle Regeln verstoßen – und schon nach wenigen Tagen waren die Fronten klar: Auf der einen Seite stand sein Regime – auf der anderen Seite die Weltgemeinschaft unter Führung der USA.

Dazwischen die arabische Welt, die in diesem Familienzwist Position beziehen musste: Entweder gegen den Bruderstaat Irak oder gegen die mächtigen Vereinigten Staaten. Volker Perthes, Nahostexperte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

"Ich glaube hier aber tatsächlich, muss man ehrlicherweise sagen, war die Arabische Liga überfordert mit einem Konflikt dieser Größenordnung. Und um fair zu sein, es hat ja nicht lange gedauert, bis auch europäische Staaten überfordert waren in den 1990er- Jahren mit Konflikten, die bei uns auf dem Balkan stattgefunden hatten."

Am 10. August – gut eine Woche nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait – versuchte die Arabische Liga, auf einem Gipfeltreffen in Kairo den Konflikt aus eigener Kraft zu lösen – und scheiterte. Die arabische Welt brach auseinander, teilte sich in einen Anti-Saddam- und einen Pro-Saddam-Block – und stürzte in eine tiefe politische Krise.

Zwölf arabische Staaten sprachen sich für die UNO-Resolutionen gegen den Irak aus und unterstützten nicht nur die Sanktionen gegen das Regime, sondern auch die Entsendung von Truppen in das Krisengebiet: Dazu gehörten – neben den Golfstaaten – vor allem Ägypten und Syrien. Sie sollten zum wichtigsten arabischen Partner im drohenden Krieg gegen den Irak werden –denn sie verliehen dem internationalen Einsatz unter Führung der USA eine arabische Legitimation.

Bush wittert Neuordnung nach Ende des Kalten Kriegs

Volker Perthes:
"George Bush, der Vater, hat das damals sehr schnell verbunden mit der Chance nach dem Ende des Kalten Krieges, er hat das auch so genannt: Eine neue Weltordnung zu inaugurieren, mit Unterstützung von Kräften, mit denen man in der Vergangenheit nicht zusammengearbeitet hat: Syrien zum Beispiel. Es waren plötzlich, nachdem der Kalte Krieg zu Ende war, neue Koalitionen in der Welt möglich und George H. Bush hat das sehr aktiv und ich würde sagen, sehr umsichtig genutzt.

So umsichtig, dass er auch bei der Formulierung der Kriegsziele später Rücksicht auf seine arabischen Alliierten nahm: Die Rede war nur von der Befreiung Kuwaits – vom Rückzug der irakischen Truppen und der Wiederherstellung des Status quo Ante. Die Rede war nicht vom Sturz Saddam Husseins – dem hätten autoritäre arabische Staatspräsidenten wie Hafiz el-Assad aus Syrien oder Hosni Mubarak aus Ägypten niemals zugestimmt. Sie in der Koalition zu halten, war das vordringliche Ziel der amerikanischen Führung - selbst um den Preis massiver Proteste, die sich weltweit artikulierten: "Kein Blut für Öl" skandierten die Massen zwischen Rabat und Kairo, aber auch viele Demonstranten in Europa - sie verurteilten die amerikanische Intervention als neokolonialistischen Akt.

Demonstranten mit Transparent auf der Antikriegsdemonstration gegen einen möglichen Irak-Krieg (imago/PEMAX)Demonstranten mit Transparent auf der Antikriegsdemonstration gegen einen möglichen Irak-Krieg (imago/PEMAX)

Operation "Desert Storm" startet in der Nacht

Die Nerven lagen blank – und dies umso mehr, als die Wochen des alliierten Truppenaufmarschs am Golf geprägt waren von einem atemlosen diplomatischen Katz- und Mausspiel. Saddam Hussein drohte, tausende westlicher Geiseln als menschliche Schutzschilde einzusetzen und Israel im Zweifel mit in den Krieg zu ziehen. Die USA erhöhten den Druck auf Irak, indem sie das Verhandlungstempo forcierten und das Kriegsszenario verschärften.

Als die Truppen der Anti-Saddam-Koalition am 17. Januar 1991 um 2:40 Uhr Ortszeit die Operation "Desert Storm" auslösten, gab es nur ein Kriegsziel: die Befreiung Kuwaits und die Durchsetzung des Völkerrechts. Zweieinhalb Stunden später wendet sich Präsident George Bush im Oval Office an sein Volk und die Welt:

"Diese militärische Aktion, im Einklang mit den UNO-Resolutionen, folgt vielen Monaten der endlosen diplomatischen Aktivitäten vonseiten der UNO, der USA und vieler, vieler Länder. Alle Hinweise, alle Warnungen sind von ihm in den Wind geschlagen worden. 28 Länder aus fünf Kontinenten – Europa, Asien, der Arabischen Liga - haben Streitkräfte an den Golf geschickt, die Schulter an Schulter gegen Saddam Hussein dort stehen. Diese Länder hatten gehofft, dass die Gewaltanwendung vermieden werden könnte – bedauerlicherweise glauben wir jetzt, dass nur die Gewalt ihn dazu bringen kann, aus Kuwait herauszugehen."

Als dann tatsächlich Scud-Raketen auf Israel niedergingen, setzte der amerikanische Präsident alle Hebel in Bewegung, um die israelische Regierung davon abzuhalten, sich in das Kriegsgeschehen einzumischen – das hätte die Anti-Saddam-Allianz unweigerlich gesprengt. Gegen den Irak militärisch vorzugehen, war schwer genug – dies auch noch indirekt an der Seite Israels zu tun, wäre für die arabischen Verbündeten undenkbar gewesen.George Bush versuchte Zuversicht auszustrahlen – er wusste um die Risiken und Befürchtungen, die die Golfstaaten und Israel, ja die gesamte Weltöffentlichkeit umtrieben: dass Saddam Hussein Giftgas und Chemiewaffen gegen die Alliierten einsetzen könnte. Und dass der Irak versucht sein könnte, Israel in den Krieg zu ziehen.

Irak kapituliert am 28. Februar 1991

George Bush beteuerte immer wieder, dass er diesen Krieg nicht aus Eigennutz, sondern im Interesse der internationalen Staatengemeinschaft führte. Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik:

"Ich glaube, George Bush hat nach dem Ende des Systemkonflikts, des Ost-West-Konflikts, tatsächlich an eine im wesentlichen kooperative Ordnung gedacht, wo zumindest die Mächte im Sicherheitsrat sich nicht gegenseitig im Weg stehen, wenn es um die Aufrechterhaltung von internationalem Recht geht."

Ein Kartenspiel mit Konterfeis verschiedener Akteure, die im Golf- und Irakkrieg beteiligt waren. Von oben nach unten und links nach rechts. Georg W. Bush, Osama bin Laden, Saddam Hussein, der britische Premierminister Tony Blair, der ehem. US-Vize-Präsident Dick Cheney,  US-Außenministerin Condolezza Rice, und US-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.  (imago/Unimedia Images)Ein Kartenspiel mit Konterfeis verschiedener Akteure, die im Golf- und Irakkrieg beteiligt waren. (imago/Unimedia Images)

Nur fünf Wochen später, am 28.Februar kapitulierte die irakische Armee. Wie viele Tote in diesem Krieg zu beklagen waren, weiß niemand genau: Schätzungen sprechen von bis zu 200.000 Todesopfern. Die irakische Armee hinterließ Hunderte von brennenden Ölquellen, die den Himmel über Kuwait rußschwarz verdunkelten und den Tag zur Nacht werden ließen. Das Schlussfanal setzte ein Massaker an flüchtenden Irakis, die auf der Straße nach Bagdad von amerikanischen Kampffliegern bombardiert und ausnahmslos getötet wurden.

Kuwait war befreit, doch Saddam Hussein blieb an der Macht.
Die Folgen bekamen zunächst die Kurden im Norden und die Schiiten im Süden des Irak zu spüren – ermuntert durch den alliierten Sieg über den Irak, entschlossen sie sich zum Aufstand gegen Saddam Husseins noch verbliebenen Machtapparat – und wurden von den Resten der irakischen Armee vernichtend geschlagen. Die Amerikaner, die diesen Aufstand erhofft und möglicherweise sogar aktiv befördert hatten, ließen die irakischen Truppen gewähren, ohne den Kurden und Schiiten zu Hilfe zu kommen.

Die arabischen Verbündeten forderten unterdessen ihren Tribut: Besonders Ägypten insistierte darauf, dass die Besetzung fremden Territoriums nicht nur im Falle des Irak völkerrechtswidrig sei – sondern auch im Falle Israels. Nun dürften die USA nicht zweierlei Maß in der Region anlegen, sondern müssten den Druck auf Israel erhöhen: Jetzt sei die Zeit gekommen, um auch der israelischen Besatzung in Westbank und Gazastreifen ein Ende zu machen. Besonders die ägyptische Diplomatie hatte großen Anteil am Zustandekommen der Friedenskonferenz von Madrid, die im Oktober 1991 unter dem Schirm der Vereinten Nationen und unter Beteiligung der USA und Russlands alle nahöstlichen Konfliktparteien an einem Tisch zusammenbrachte. Kairo verbuchte den diplomatischen Erfolg für sich.

9/11 und der Zweite Golfkrieg

Dieser Krieg hatte aber noch eine weitere Konsequenz, die bis heute das Verhältnis der islamischen Welt zum Westen prägt: Dieser Konflikt vertiefte die Gräben zwischen den Kulturen - denn die amerikanischen Stiefel auf heiligem saudischen Boden hatten den Zorn der muslimischen Massen erregt. Sie stärkten die islamistischen Bewegungen und spielten insbesondere der Al-Kaida Osama Bin Ladens in die Hände. Der Historiker Herfried Münkler:

"Ja, das ist ein Faktor, den die Amerikaner sicherlich unterschätzt haben, dass dieser Krieg eben nicht nur ein Krieg zur Wiederherstellung des selbstständigen Kuwait und der Wiedereinsetzung der dortigen Herrscherfamilie war, sondern zugleich ein transkultureller Krieg. Sie haben unterschätzt, dass sie dadurch eine Spur der Verletzung hinterlassen, aus der dann die zweite Welle des Dschihadismus erwachsen ist."

Brennenden Türme des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York (imago/GranAngular)Brennenden Türme des World Trade Centers nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York (imago/GranAngular)

Es war dann das monströse Verbrechen vom 11.September 2001, das die Welt zehn Jahre nach dem zweiten Golfkrieg förmlich aus den Angeln hob: George W. Bush, der Sohn jenes Präsidenten, der beim Waffengang gegen den Irak so sehr auf die Einhaltung des Völkerrechts geachtet hatte, brach im Jahr 2003 einen weiteren Krieg gegen Saddam Hussein vom Zaun – einen Feldzug, der sich durch nichts rechtfertigen ließ, weil er auf Lügen basierte, wie sich später herausstellte: Bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 8. Februar 2003 schlug den Hardlinern aus dem Umfeld des amerikanischen Präsidenten offenes Misstrauen entgegen – der Außenminister der rot-grünen Bundesregierung, Joschka Fischer, verweigerte der US-Führung die Gefolgschaft: es gebe keine Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, ein Krieg sei der Öffentlichkeit deshalb nicht vermittelbar. I´m not convinced – "ich bin nicht überzeugt", schleuderte Fischer dem amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegen.

Die "Koalition der Willigen"

Joschka Fischer:
"You have to make the case. And to make the case in democracy means you must convince by yourself. And to make it clear: I´m not convinced. That is my problem. And I cannot go to the public and say, whow, let´s go to war because there are reasons ...and I don´t believe in that."

Statt einer breiten Anti-Saddam-Front - wie noch 1990 - kam jetzt, 2003, nur eine mühsam zusammengezimmerte "Koalition der Willigen" zustande, die nicht die Rückendeckung des Weltsicherheitsrates hatte - und folglich auch nicht legitimiert war. Dieser Krieg des 43. Präsidenten der USA, George W. Bush, gilt heute als der Sündenfall einer arroganten Machtpolitik: Er zerstörte das Vertrauen in die Weltmacht USA und spaltete die Weltgemeinschaft – mehr noch: Es war letztlich dieser dritte Golfkrieg, der den Nahen Osten in tiefstes Chaos stürzte und dazu beitrug, dass dort bis heute Gewalt und Terror herrschen. Herfried Münkler.

"Ich hab das nie geglaubt mit den Massenvernichtungswaffen, die Saddam Hussein zugeschrieben worden sind und ich habe bis heute meine Zweifel, dass die amerikanische Administration so dumm gewesen ist. Nein, ich glaube, sie hatten die Vorstellung, durch die Installierung eines Prosperitätsregimes im Irak so etwas wie einen Sog in der arabischen Welt auszulösen und deren notorische Selbstblockade zu überwinden. Das ist ihnen nicht gelungen, und man muss sagen, das ist auch im Arabischen Frühling nicht gelungen. Also der Versuch von außen, Prosperität, vielleicht korruptionsresistente Eliten, was auch immer zu implantieren, ist krachend gescheitert."

Das ist die Bilanz nach all den Kriegen, Bürgerkriegen, Aufständen, Revolten und Gegenrevolten in der arabischen Welt, 25 Jahre nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait: Alle Interventionen von außen sind gescheitert – gescheitert das Konzept von der Durchsetzung des Völkerrechts, der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung im Zeichen einer neuen Weltordnung. Gescheitert das Konzept einer Demokratisierung unter militärischem Zwang. Gescheitert aber auch die Versuche, die autoritären Regime von innen heraus zu stürzen, um die Länder aus eigener Kraft zu reformieren. Die arabische Welt liegt in Scherben und hat den wirtschaftlichen und sozialen Anschluss an die internationale Staatengemeinschaft weitgehend verloren.

Ein US-Soldat legt eine Kette um den Kopf der Statue von Saddam Hussein, was auch symbolische den Sturz des Diktators verbildlicht. (imago/ epa afp Haider)Ein US-Soldat legt eine Kette um den Kopf der Statue von Saddam Hussein, was auch symbolische den Sturz des Diktators verbildlicht. (imago/ epa afp Haider)

In Libyen und Syrien toben Bürgerkriege, in Ägypten herrscht wieder ein krudes Militärregime, von einem Friedensprozess im Nahen Osten kann keine Rede mehr sein. Stattdessen schockiert das Terrorregime des IS die Weltöffentlichkeit mit immer brutaleren, noch unmenschlicheren Gewaltverbrechen. Immer mehr Menschen entschließen sich zur Flucht. Die ganze Region befindet sich in einer tiefen Krise. Volker Perthes.

"Wir haben eine Auflösung von Ordnung, nicht eine Schaffung von neuer Ordnung. Und viele von denen, die die alte Ordnung falsch fanden, und in nationalistischen und islamistischen Bewegungen dagegen gekämpft haben in dieser Region, stellen heute fest, dass die Alternative zu einer schlechten Ordnung – einer, wie man gesagt hat, von außen aufgedrückten kolonialen Ordnung – dass die Alternative dazu keine bessere Ordnung ist,

Das sind die Lehren aus der jüngsten, 25-jährigen Geschichte des westlichen Engagements im Nahen Osten: Die USA ziehen sich erschöpft und frustriert von dort zurück. Die UNO ist blockiert und nur dann handlungsfähig, wenn niemand Veto einlegt. Die Welt ist mit anderen Krisenherden beschäftigt und sucht nach Orientierung in der konfliktträchtigen multipolaren Weltordnung. Der Nahe Osten ist zu einer europäischen Herausforderung geworden – doch damit ist Europa hoffnungslos überfordert, sagt der Historiker Herfried Münkler:

"Wir Europäer müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen wollen und können uns nicht mehr darauf verlassen, von den USA an der Hand genommen zu werden und ihnen hinterher für das Scheitern die Schuld zuzuweisen. Wir müssen uns jetzt auf unsere eigenen Kosten blamieren."

 

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