• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteBüchermarktJankélévitch, Briefe und der Versuch einer Versöhnung05.08.2015

Zweiter WeltkriegJankélévitch, Briefe und der Versuch einer Versöhnung

Vor 35 Jahren hat Wiard Raveling, Französisch-Lehrer in Norddeutschland, einen langen, aufwühlenden Brief an den jüdischstämmigen Pariser Moral-Philosophen Vladimir Jankélévitch geschrieben. Sein Thema: der deutsche Umgang mit dem Holocaust. Was der Brief damals auslöste, schildert Wiard Raveling in seinem Buch "Ist Versöhnung möglich?" - in einer deutsch-französischen Ausgabe.

Von Christoph Vormweg

Weiterführende Information

Der Verzweiflung überlegen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 10.04.2013)

Anfang 1980 gab es in der alten Bundesrepublik noch so etwas wie eine gesteigerte Erwartungshaltung gegenüber den Pariser Intellektuellen. Jean-Paul Sartre war noch nicht tot, die deutschen Verlage ließen viel übersetzen, und wer genug Französisch verstand, hörte sonntags auf "France Inter" die Kult-Sendung "Le masque et la plume". Normalerweise lud Moderator François-Régis Bastide mehrere Diskutanten ein. Am 24. Februar 1980 aber hatte er nur einen Gast: den jüdischstämmigen Moral-Philosophen Vladimir Jankélévitch, emeritierter Professor der Pariser Sorbonne. Im fernen Westerstede, unweit der Grenze zu Ostfriesland, saß auch der 41-jährige Wiard Raveling vor seinem Radiogerät.

"Ich hatte dem Gespräch eine Viertelstunde lang zugehört. Und der Philosoph hatte auf mich den Eindruck eines sehr freundlichen und sympathischen Menschen gemacht, der auch Humor hat und einen Hang zur Selbstironie. Und dann stellte der Journalist ihm eine Frage zu Deutschland. Und sofort änderte sich sein Verhalten. Er erregte sich, sprach lauter, wurde emotional und äußerte dieses kritische Pauschalurteil über die Deutschen, wohlgemerkt über die Nachkriegsdeutschen, die Deutschen zu seiner Zeit, um 1980."

Die Deutschen äßen gut, wetterte Vladimir Jankélévitch, sie schliefen gut und machten prima Geschäfte. Der D-Mark-Wohlstand beschere ihnen extreme Zufriedenheit. Denn sie seien überzeugt, dass sie den Juden, die den Holocaust überlebt hätten, nichts schuldeten, "nicht einmal eine Erklärung".

"Ich war beeindruckt und - wie sagt man heute? - betroffen. Ich habe mich gefragt: Wie kommt ein solcher Mensch dazu, so etwas zu sagen? Das musste doch besondere Gründe haben. Und da kam mir die Idee, ihm einen Brief zu schreiben. Er hatte in dem Gespräch gesagt, er habe noch nie einen Brief von einem Deutschen erhalten, in dem dieser sein Mitgefühl und sein Verständnis ausgedrückt habe. Dann habe ich mir überlegt: Wie strukturiere ich den Brief? Und dann habe ich mir gedacht: Ich mach das so, dass ich über die vier wichtigsten Punkte "Juden töten", "gut schlafen", "gut essen", "erfolgreiche D-Mark", dass ich über die vier Punkte etwas sage - und zwar sie bezog auf mich, auf meine Eltern und auf meine Kinder."

Wiard Ravelings Brief an Vladimir Jankélévitch ist ein hoch komprimierter Rundgang durch das innere Gefängnis eines der sogenannten "Nachgeborenen" der Nazi-Zeit. Der dreifache Familienvater, der am Ende des Zweiten Weltkriegs noch ein kleiner Junge war, pocht zum einen auf seine Unschuld. Zum anderen bekennt er sein Leiden an der Last der deutschen Vergangenheit. Besonders verstörend wirkt hier die Beschreibung, wie Raveling als Jugendlicher spätabends heimlich den Dokumentarfilm "Nacht und Nebel" über die deutschen Todeslager ansieht. Sprechen kann er mit niemandem darüber. Jankélévitch ist der Erste, der durch den Brief von diesem Schlüsselerlebnis erfährt.

"Wenn ich mir überlege, was ich eigentlich genau erreichen wollte, ist das gar nicht so schwer zu sagen. Geschrieben habe ich den Brief auch, um etwas loszuwerden. Ich wollte natürlich auch das, was er dort gesagt hatte, etwas differenzieren. Denn sein Pauschalurteil erschien mir doch relativ ungerecht uns gegenüber, die wir zu der sogenannten unschuldigen Generation gehören. Und ich wollte also eine ehrliche, aber nicht polemische Antwort geben. Und ja, was wollte ich erreichen? Ich würde sagen, ich habe versucht, eine Brücke zu schlagen."

Eine Brücke zu einem jüdischen Philosophen, der die deutsche Kultur vor Beginn des Zweiten Weltkriegs bewundert, nach dem Holocaust aber mit allem Deutschen gebrochen hatte. Die Vergebung war für Vladimir Jankélévitch in den Konzentrationslagern gestorben, die Schuld der Deutschen eine Kollektivschuld, ihre Sprache die Sprache der Mörder - und zwar für alle Zeiten. Zum Glück wusste Wiard Raveling damals von all dem nichts. Denn sonst hätte er seinen Brief mit Sicherheit nicht geschrieben.

Selbst die jüdischen Pariser Freunde von Vladimir Jankélévitch konnten seine stoische Unversöhnlichkeit nicht mehr nachvollziehen: So Catherine Clément, die in einem bewegenden Roman das schwierige Verhältnis von Hannah Arendt und Martin Heidegger erkundet hatte, oder Georges-Arthur Goldschmidt. In seinem Vorwort zu Ravelings Buch klagt Goldschmidt, dass Jankélévitch das "andere Deutschland", das sich bis Anfang der 1980er-Jahre entwickelt hatte, einfach "nicht wahrhaben" wollte: die - so wörtlich - "seichte, gutwillige, biedere, ihrer selbst unsichere und bescheidene Bundesrepublik".

Umso erstaunlicher, dass der auf französisch geschriebene Brief von Wiard Raveling die Blockade des Pariser Moralphilosophen unterlaufen konnte. In seiner Antwort schrieb Jankélévitch, dass er 35 Jahre auf einen solchen Brief gewartet habe: Einen Brief, in dem - so wörtlich - "die Gräuel ohne Wenn und Aber anerkannt und beim Namen genannt werden - und zwar von jemandem, der mit ihnen nichts zu tun hatte." Zwar lehnte er die Einladung nach Deutschland aus Altersgründen ab. Doch sprach er eine Gegen-Einladung aus. 1981 reiste Wiard Raveling zum 77-jährigen Vladimir Jankélévitch nach Paris.

"Verständlicherweise waren wir beide am Anfang etwas gehemmt. Aber dann lockerte sich die Atmosphäre und wir haben über alle möglichen Themen gesprochen. Aber er weigerte sich systematisch, über seine Beziehung zu Deutschland zu sprechen. Und ich habe dann auch bald aufgegeben. Denn sonst wäre - wie soll ich sagen? - sein Versöhnungsmodus bald umgeschlagen in einen Unversöhnlichkeitsmodus. Dann wäre sein Zorn wieder hervorgekommen. Am Schluss haben wir uns verabschiedet, und er hat gesagt, dieser Besuch sei wichtig für ihn gewesen und das nächste Mal solle ich doch meine Frau mitbringen. Leider hat es dann kein nächstes Mal gegeben, weil er dann gestorben ist."

"Ist Versöhnung möglich?" / "La réconciliation est-elle possible?"- die Frage, die Wiard Raveling im Titel seines zweisprachigen Buches stellt, ist mit Blick auf Vladimir Jankélévitch nicht klar zu beantworten. Ihre Begegnung hatte einen Prozess in Gang gesetzt, gekappt durch Jankélévitchs Tod 1985. Für Wiard Raveling war das Thema deshalb aber nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Zum einen setzte er sich, wie er ausführlich dokumentiert, in Essays und Radiosendungen mit Jankélévitchs Moralphilosophie auseinander - was zur Übersetzung seiner wichtigsten Werke ins Deutsche führte. Zum anderen intensivierte er seine jahrzehntelange, oft quälende Auseinandersetzung mit dem eigenen Standort als Deutscher nach der Judenvernichtung: als Sohn eines Wehrmachtssoldaten, der 1941 verkrüppelt nach Hause kam, als Französischlehrer, der die großen Debatten seit den 1960er-Jahren verfolgt und analysiert hatte.

"Es ist natürlich ein relativ heterogenes Buch geworden. Es ist nicht wissenschaftlich. Es ist zum Teil reportageartig, zum Teil ist es essayistisch. Es sind auch ein paar belletristische Teile drin. Aber alles hat irgendwie direkt oder indirekt mit meiner Begegnung mit Jankélévitch zu tun und mit den Folgen."

Im Vielstimmigen liegt die Stärke von Wiard Ravelings klar und verständlich geschriebenem Buch. Denn er führt die deutsch-französische Versöhnungsarbeit seit dem Élysée-Vertrag 1953 auch in ihrer Alltäglichkeit vor: bei grenzüberschreitenden Urlaubs-Gesprächen, beim Schüler-Austausch oder bei Interviews für Radio France. Wiard Raveling gelingt so der Spagat zwischen Erfahrungsbericht und kritischer Reflexion. Die Betonung liegt dabei auf "kritisch". Denn er hält mit seiner Meinung nie hinter dem Berg. So geht ihm Vladimir Jankélévitchs Neigung zu paradoxen Gedankenspielen genauso gegen den Strich wie Jacques Derridas abgehobenes Nachsinnen über das "reine Vergeben". Derrida hatte dem kurzen, intensiven Briefwechsel von Raveling und Jankélévitch vor seinem Tod noch einen ausführlichen Kommentar gewidmet. Viel wichtiger aber ist, dass der Briefwechsel heute an französischen Schulen gelesen wird. Und: Es ist höchste Zeit, dass ihn auch die Lehrer bei uns entdecken. Denn über ihn bekommt man ein Gespür für die tief zerrissenen Seelenlagen der alten Bundesrepublik.

 

Wiard Raveling: "Ist Versöhnung möglich? Meine Begegnung mit Vladimir Jankélévitch"
Isensee Verlag, Oldenburg 2014

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk