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StartseiteInterviewZwielichtige Personen, fehlende Kontrolle30.05.2011

Zwielichtige Personen, fehlende Kontrolle

Korruptionsexpertin bemängelt Strukturen in der FIFA

Manche Funktionäre des Weltfußballverbands scheinen zu glauben, der Verband gehöre ihnen und das Geld ebenfalls, sagt Sylvia Schenk von Transparency International. Zu den aktuellen Korruptionsvorwürfen gegen die Ethikkommission der FIFA empfiehlt sie eine Überprüfung von außen.

Sylvia Schenk im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Sylvia Schenk von Transparency International hofft auf eine geheime Wahl des FIFA-Präsidenten. (AP)
Sylvia Schenk von Transparency International hofft auf eine geheime Wahl des FIFA-Präsidenten. (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Josef Blatter, er hat es offenbar mal wieder geschafft. Übermorgen dürfte er in seinem Amt als Präsident des Weltfußballverbands FIFA bestätigt werden. Sein Konkurrent Bin Hammam aus Katar zog am Wochenende seine Kandidatur zurück, nachdem er Blatter der Korruption bezichtigt hatte. Die Ethikkommission der FIFA aber, die hat gestern entschieden, gegen Hammam zu ermitteln. Blatters angebliche Verfehlungen bleiben außen vor. Jetzt allerdings gibt es neue Vorwürfe.
Am Telefon begrüße ich Sylvia Schenk von Transparency International. Schönen guten Tag.

Sylvia Schenk: Hallo! Guten Tag.

Heckmann: Frau Schenk, Vizepräsident Bin Hammam wirft Blatter vor, korrupt zu sein, und wurde daraufhin selbst aus der FIFA suspendiert. Ist jetzt also alles gut?

Schenk: Das glaube ich nicht. Bei dem Tohuwabohu, was da derzeit in der FIFA herrscht, und bei den Fragezeichen, die sich hinter alle Fakten, die bisher dargelegt wurden, eigentlich noch stellen, gibt es einen Riesen-Aufräumbedarf. Selbst wenn Blatter es schaffen sollte, jetzt am Mittwoch gewählt zu werden - im Moment sieht es ja wohl danach aus -, dann hätte er eine Herkulesaufgabe zu stemmen, er und sein Exekutivkomitee, um dort wieder Ordnung reinzubringen.

Heckmann: Aber heißt das Signal von gestern nicht, wer Blatter angreift, der ist schnell selbst weg vom Fenster?

Schenk: Ich finde es sehr spannend, dass Blatter vorgegangen ist gegen Bin Hammam und gegen Warner, weil das eigentlich gleich signalisierte, dass jemand wie Warner, der ja seit langem ganz tief auch verwurzelt ist in der FIFA, sicher irgendwas auch auf den Tisch legen wird. Das passiert jetzt ja offensichtlich gerade mit den neuen Vorwürfen. Also insofern, ich glaube noch nicht, dass das ein ausweichendes Signal von Blatter war, er ist unangreifbar. Eher habe ich den Eindruck, er kämpft mit dem Rücken gegen die Wand, und auf Dauer werden das einige Verbände und sicherlich auch ein Teil der Sponsoren und die Öffentlichkeit nicht mehr mitmachen. Insofern gibt es Riesenhandlungsbedarf.

Heckmann: Jack Warner - Sie haben ihn gerade eben schon angesprochen -, der ja ebenfalls suspendiert ist, der hat gesagt, dass diese Ethikkommission, die gestern diese Entscheidung getroffen hat, ein korruptes Gericht sei und dass deren Mitglieder von Blatter handverlesen seien. Was ist dran an solchen Vorwürfen?

Schenk: Das kann ich jetzt im Detail nicht beurteilen. Jack Warner war ja lange im Exekutivkomitee. Dass er gerade jetzt, wo die Ethikkommission gegen ihn entscheidet, sagt, jetzt werfe ich der Ethikkommission vor, sie sei falsch zusammengesetzt, hätte er ja auch mal eher drauf kommen können. Das zeigt aber, dass da im Moment im Grunde alles völlig durcheinander geht. Es ist sicherlich so, dass die Ethikkommission ein strukturelles Problem hat, weil sie nicht selber initiativ werden kann. Das hat sich in der Vergangenheit schon als Hemmschuh für die Ethikkommission gezeigt. Und ich kann auch nicht beurteilen, was einzelne Personen darin anbetrifft. Ich denke, es wäre für die FIFA gut, wenn eine Untersuchung von außen stattfände. Anders kommt sie, glaube ich, aus dem Schlamassel nicht mehr heraus.

Heckmann: In der Vergangenheit, Frau Schenk, da hat es ja bereits schwere Fälle der Korruption gegeben, zuletzt im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Russland und Katar. Woran liegt das, dass der Spitzensport da offenbar so anfällig ist? Das IOC beispielsweise ist da ja auch nicht ganz frei.

Schenk: Das liegt zum Teil an den Strukturen. Wir haben hier eine Quasi-Demokratie mit Wahlen von unten nach oben. Da werden aus den verschiedensten Ländern eben teilweise auch zwielichtige Personen in Positionen gebracht, das wirkt sich natürlich dann auch auf der obersten Ebene aus. Ich habe mangelnde Kontrolle in vielen Fällen, ich habe fast gar keine Transparenz, was viele Bereiche betrifft, und damit ist natürlich Tür und Tor geöffnet für Manipulation, oder auch für Verdächtigungen, selbst wenn im Einzelfall auch mal nichts daran ist. Da muss dringend einiges in den Strukturen geändert werden, aber auch in der Haltung. Manche scheinen ja zu meinen, der jeweilige Verband gehört ihm selber und das Geld, das der Verband erwirtschaftet, gehört auch quasi ihm selber. Von daher gibt es einigen Handlungsbedarf.

Heckmann: Aber mehr Transparenz, Frau Schenk, das wird ja nun schon seit Jahren, seit Jahrzehnten gefordert. Warum passiert da nichts?

Schenk: Bisher war der Druck noch nicht groß genug. Es war offensichtlich ja möglich, dass die FIFA, auch einzelne Personen in der FIFA, letztlich auch Blatter als der entscheidende Akteur an der Spitze, die Probleme immer wieder ausgesessen haben. Was sich aber jetzt spätestens seit Oktober letzten Jahres, als die Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der Weltmeisterschaften hoch kamen, an öffentlichem Druck in den Zeitungen, in den Medien, von einzelnen Verbänden auch aufgebaut hat - die Engländer haben ja schon vor ein paar Tagen gesagt, sie werden gar nicht mitstimmen am Mittwoch, weil sie das ganze für eine Farce halten; ich hoffe, dass andere Verbände Ähnliches sagen, dass es sich entsprechend im Wahlergebnis bei Blatter niederschlägt und dass jemand geheime Wahl vor allen Dingen verlangt. Wenn man natürlich nur per Akklamation, wäre das eine Katastrophe. Ich gehe auch davon aus, dass ein Teil der Sponsoren - Adidas hat sich ja letzte Woche deutlich geäußert, dass das schädlich ist für die Sponsoren und für den Fußball, was da gerade passiert -, dass sich also auch die Global Player in der Wirtschaft melden und sagen, so geht es nicht. Und ich erwarte das übrigens auch von Regierungen, denn man muss sehen: Bei der Vergabe der Weltmeisterschaften im Dezember letzten Jahres, da sind ja dann auch Premierminister und andere angereist und haben brav ihre Bewerbung vertreten. Ich hoffe, dass so etwas heute dann auch noch mal überdacht werden wird.

Heckmann: Was erwarten Sie denn vom Deutschen Fußballbund, vom DFB? Der steht ja nach wie vor fest hinter Blatter.

Schenk: Herr Dr. Zwanziger hat gestern wohl geäußert, er verlangt jetzt eine Untersuchung von außen. Das wäre schon ein erster Schritt. Ich erwarte von Dr. Zwanziger, wenn er jetzt dann am Mittwoch auch in die FIFA-Exekutive einzieht, dass er intern, aber auch weiterhin extern deutliche Worte sagt, und auch vom DFB könnte man jetzt natürlich fordern, dass er eine geheime Abstimmung über Blatter verlangt und sich dann entsprechend auch bei einem Votum verhält.

Heckmann: In der Schweiz, Frau Schenk, da ist die FIFA von der Steuer befreit. Die Funktionäre sind strafrechtlich nicht antastbar, habe ich gelesen. Wie ist das zu erklären?

Schenk: Die Funktionäre sind grundsätzlich schon strafrechtlich antastbar. Das, was da als Ausnahmeregelung besteht, ist im Bereich der Privatbestechung, das heißt im wirtschaftlichen Verkehr, dass ein Verband wie die FIFA dort nicht in dem Bereich, die Akteure, nicht unter Strafe stehen. Das würde aber in dem gegenwärtigen Fall, wo es um Vorwürfe von Korruption bei Wahlen geht, überhaupt nichts helfen, weil die Wahlen haben mit dem geschäftlichen Verkehr nichts zu tun. Insofern ist das Strafrecht nur in Einzelbereichen hilfreich. In der Schweiz muss man insgesamt sehen, dass dort die internationalen Sportorganisationen bei der Steuer, bei solchen auch strafrechtlichen Fragen halt erhebliche Vorteile genießen. Das betrifft nicht nur die FIFA. Aber die Schweiz ist ja auch Gott sei Dank gerade dabei, das neu zu überdenken.

Heckmann: Einschätzungen waren das von Sylvia Schenk von Transparency International. Besten Dank für das Interview.

Schenk: Bitte.

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