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StartseiteBüchermarktZwischen Befremden und Annäherung25.05.2012

Zwischen Befremden und Annäherung

Cornelia Manikowsky: "Die Mutter im Sessel im Krieg", Verlag Hans Schiler

Abschied von einem Elternteil ist das Thema von Cornelia Manikowskys Roman "Die Mutter im Sessel im Krieg". Während eine erwachsene Tochter im Haus der verstorbenen Mutter auf den Entrümplungsdienst wartet, überkommt sie eine Flut von Erinnerungen. Es ist der Versuch, in die Haut der Mutter zu schlüpfen, wissend, dass das unmöglich ist.

Ein Beitrag von Sabine Peters

Wenn die Mutter überhaupt Details aus ihrer Kindheit und Jugend erwähnte, durfte die Tochter nicht nachfragen. (AP-Archiv)
Wenn die Mutter überhaupt Details aus ihrer Kindheit und Jugend erwähnte, durfte die Tochter nicht nachfragen. (AP-Archiv)

Eine erwachsene Tochter wartet im ehemaligen Haus ihrer Mutter auf den Entrümplungsdienst und gerät angesichts der staubüberzogenen, abgenutzten Gegenstände in eine Flut von Erinnerungen: Dieses zugegebenermaßen häufig verwandte Szenario weist daraufhin, dass man es im neuen Buch von Cornelia Manikowsky einmal mehr mit dem Thema "Abschied von den Eltern" bzw. Abschied von einem Elternteil zu tun hat.

Die Schriftstellerin Conelia Manikowsky, Jahrgang 1961, legt es allerdings nicht auf eine abschließende Abrechnung mit ihrer Hauptfigur an, und so hat ihre Prosa mit dem Titel "Die Mutter im Sessel im Krieg" im Grunde auch kein Ende, selbst wenn am Schluss vermutlich die Entrümpelungsmänner kommen werden.

Die Zeit des Nationalsozialismus und des Kriegs beschäftigt nach wie vor auch Kinder und Enkel der damaligen Täter, Mitläufer und Opfer. In der literarischen Auseinandersetzung mit dieser Zeit lassen sich idealtypisch zwei Extreme unterscheiden: Entweder geht es darum, das Vergangene möglichst genau zu recherchieren und zu bebildern. Oder es entsteht eine Literatur, die eher von einem Bilderverbot beherrscht ist, vom Zweifel daran, wie sich das Vergangene darstellen lässt und wie weit man den Aussagen der Zeitzeugen trauen darf – und seinen eigenen Erinnerungen an die entsprechenden Berichte. Manikowskys Buch ist von großer Skepsis gegenüber dem Erzählen geprägt.

Wenn die Mutter überhaupt Details aus ihrer Kindheit und Jugend erwähnte, durfte die Tochter nicht nachfragen, und so blieb es bei Satzfetzen, die hier in kleinen Wendungen wiederholt und variiert werden. "Ich war allein", war eine Bemerkung der Mutter, und bruchstückhaft stellt sich heraus, dass die Mutter als ganz normales deutsches junges Mädchen tatsächlich ohne den Schutz von Vater und Stiefmutter war, als das Haus bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Wie sieht Zerstörung aus? Die Tochter kennt aus eigener Erfahrung nur Abbruchhäuser in einer ansonsten geordneten Umgebung. Sie kennt natürlich auch alte Fotografien einer bombardierten Stadt, meist aus großer Höhe aufgenommen. Die Berichtsfetzen der Mutter und die Fantasien der Tochter bleiben bei Details, bei dem Geruch von Verbranntem; beim Löschwasser, das viele Gegenstände zerstört. Was heißt es, nach dem Angriff aus den Trümmern "brauchbare Reste" zu suchen? So taucht ein Bild der Mutter auf, die mit einem Freund in der Ruine des zerstörten Hauses steht und zwischen glimmenden Dachbalken stochert. Hier setzen Vermutungen ein – vielleicht hebt der Freund eine Schaufel voller Bücher aus den Trümmern, aber wahrscheinlich gab es nichts zu retten außer verbogenen Wasserrohren. Das Bild der Bücher auf einer Schaufel setzt sich im Kopf des Lesers fest, obwohl der Text es nur ganz nebenbei erwähnt, obwohl der Strom der Erinnerungen und Fantasien längst weitergeflossen ist, bis hin zu der Frage, ob der Krieg Raum ließ für ein Gefühl von Verliebtheit zwischen einem jungen Mädchen und einem Frontsoldat auf Urlaub.

Cornelia Manikowsky schreibt unprätentiös; ihr konzentriertes Buch legt es nicht auf Bedeutungsstiftung an, aufs Verstehen und Erklären. Der Text stellt vielmehr planmäßig ein verdichtetes Durcheinander her, und wenn man etwas erkennen kann, dann folgendes: Wie lange der Krieg noch dauert, wenn er vorbei ist. Die Mutter hat sich in ihren späteren Jahren mit Büchern und Zeitungen über die Zeit des NS eingedeckt, und es wird angedeutet, dass sie als junges Mädchen einmal einer Gruppe von Häftlingen begegnete, die zu Räumarbeiten abkommandiert wurden. Die Erfahrung wird nicht weiter ausgemalt, sie bildet keinen Höhepunkt in der Geschichte.

Die "kleinen", individuellen Familien-Geschichten liegen oft quer zur offiziellen Geschichtsschreibung. Die vom Krieg und Bombardierung betroffenen "normalen" Deutschen fanden lange Zeit wenig Worte für die eigenen Erfahrung; das heißt, diese mehr oder weniger traumatisierte Generation teilte ihren Kindern eben nicht in erster Linie mit, was sie erlebte und was daraus zu schließen sei. Wie lässt sich verstehen, was man selbst nicht erlebt hat, was einen aber auf unklare Weise prägt? Es sind in den seltensten Fällen Belehrungen, aus denen man lernt. Sondern es sind in erster Linie die unvermittelt rau werdenden Stimmen der Erwachsenen, die Auslassungen, das abrupte Weinen oder das unverständliche Lachen, die Gesprächsabbrüche und winzige, tausendfach wiederholte Erinnerungskerne, die sich den Kindern einprägen und die sie zu integrieren versuchen. So spielte die Tochter in Manikowskys Buch als Kind "Bombardierung", und so stellt sie als Erwachsene Vergleiche zwischen ihrem eigenen Freund mit dem selten erwähnten Jugendfreund der Mutter an.

"Die Mutter im Sessel im Krieg", dieses Buch ist der Versuch, gewissermaßen eine Mutter anzuprobieren, in ihre Kleider und in ihre Haut zu schlüpfen, wissend, dass das unmöglich ist. Trotzdem finden in diesem Buch laufend Verwandlungen statt. Nur führen sie eben nicht von der Raupe zum Schmetterling, es geht nicht darum, einer beschädigten und wohl auch sehr kühlen Mutterfigur eine erwachsene Tochter gegenüberzustellen, die den Überblick gewinnt.

Beiläufig wird der Muttersatz "ich war allein" zu einem Satz der Tochter, und hier macht der Text noch einmal eine Drehung. Die Tochter steht als Kind vor dem Spiegel, sie ist dem Glas so nahe, dass sich darauf der leichte Nebel ihres Atems bildet. "Ich", sagt das Kind, und das wirkt alles andere als selbstgewiss. Man kann sich fragen, woraus jedes "Ich", auch das der Tochter, sich zusammensetzt – wie viel Übertragenes, Projiziertes, Eingeflüstertes, Unverstandenes und Unbegreifbares darin liegt.

Manikowskys Buch belässt es bei der Stimmung des Befremdens. Der zeitliche Abstand zum Krieg ist auch ein Abstand zu den Bildern; das heißt, die Autorin unterbindet Faszination, sie will nicht verstricken und mitreißen. Eben darin liegt der Wert dieser Prosa.

Cornelia Manikowsky: Die Mutter im Sessel im Krieg.
Hans Schiler Verlag, 80 Seiten, 14 Euro

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