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StartseiteMarkt und MedienZwischen Bühne und Anklagebank21.04.2012

Zwischen Bühne und Anklagebank

Die Medien und der Prozess gegen Anders Behring Breivik

Wird Anders Breivik mit dem Prozess in Oslo eine Bühne geboten? Nationale und internationale Medien sind in einer Vielzahl vertreten. Die Berichterstattung über die Gerichtsverhandlung ist für viele Journalisten zu einer heiklen Gratwanderung geworden.

Von Marc-Christoph Wagner

Bühne Gerichtssaal? Der rechtsextreme Gruß von Anders Behring Breivik vor Gericht ging um die Welt (picture alliance / dpa - Hakon Mosvold Larsen)
Bühne Gerichtssaal? Der rechtsextreme Gruß von Anders Behring Breivik vor Gericht ging um die Welt (picture alliance / dpa - Hakon Mosvold Larsen)

Montagmorgen, Prozessauftakt. Bereits vor 06:00 Uhr stehen die ersten Journalisten vor dem Osloer Gerichtsgebäude, das von Polizisten mit Maschinengewehren bewacht wird. Eine Stunde später, bei Einlass, ist die Schlange etwa einhundert Meter lang. Nils Gunnar Lie von norwegischen Fernsehsender TV2.

"Das ist ein ganz besonderer Prozess, der größte seit dem Zweiten Weltkrieg. Nichts ist mit dieser Terrortat vergleichbar. Die kommenden zehn Wochen werden für uns alle sehr aufreibend."

Um kurz vor Neun betritt Anders Behring Breivik erstmals den Gerichtssaal, wenig später geht sein rechtsextremer Gruß um die Welt – eingefangen unter anderem vom Fotografen Heiko Jung:

"Das ist Teil der Realität. Es ist mein Job, diese zu dokumentieren – nicht diese zu beurteilen."

Wird Breivik mit dem Prozess eine Bühne geboten? Am zweiten Verhandlungstag verliest er mehr als eine Stunde lang eine Erklärung, in der er sein Weltbild darlegt und die Bluttaten des 22. Juli rechtfertigt. Mehrmals wird er von der Richterin unterbrochen, sie erhält dafür aber Widerspruch von vielleicht unerwarteter Seite, nämlich Staatsanwalt Svein Holden:

"Es war wichtig, ihn ausreden zu lassen, sodass er seine Sicht der Dinge darlegen konnte. Wir finden, das ist wichtig in so einem Prozess."

Für viele norwegische Journalisten ist der Prozess eine heikle Gratwanderung. Ole Kristian Bjellaanes von der norwegischen Nachrichtenagentur NTB:

"Es ist schiere politische Propaganda und sich das anhören zu müssen, ist schon etwas beklemmend. Gleichzeitig müssen wir, die wir hier sitzen, unsere Arbeit machen und referieren, was er sagt. Niemand jedoch kann vergessen, welches Verbrechen Hintergrund dieses Prozesses ist – und so gesehen ist seine politische Rhetorik schon grenzwertig."

Auch die internationalen Medien sind in den ersten Prozesstagen zahlreich vertreten. Im und vor dem Gerichtsgebäude stehen Korrespondenten bei Liveschalten wie Zinnsoldaten Seite an Seite. Im Prozesssaal selbst verfolgt Gerald Trauffetter vom Spiegel das Geschehen:

"Na ja, ich glaube, dass es gar nicht anders geht, als sich mit ihm auseinanderzusetzen und ihn anzuhören. Und ich glaube, dass das, was wir jetzt gerade erleben, also dieses Kreuzverhör der Staatsanwältin, gibt uns ja einen Eindruck davon, wie viel von dem, was er uns da erzählt, was er da so an tollen Heldentaten gemacht hat und so seinen großen Netzwerken, dass da vermutlich auch vieles Hirngespinst ist und eingebildet ist. Ich glaube, am Ende wird die Berichterstattung, diese intensive, eher dazu führen, dass man ein realistisches Bild bekommt von diesem rechten Milieu und dass es eher hilft, diese ganze Szene zu desmaskieren."

Während die Berichterstattung der Medien scheinbar keine Grenzen kennt, geht der Alltag außerhalb des Gerichtsgebäudes weiter. Stimmen von Passanten:

"Ich finde das alles ist zu viel. Breivik – egal, wohin man schaut."

"Ich möchte nicht zu viel Zeit auf den Prozess verwenden. Breivik wird seine Strafe bekommen, wir Norweger können nur nach vorne schauen."

"Das Interesse wird abklingen, die Auflagen werden zurückgehen, denn die Menschen können sich nicht zehn Wochen lang mit diesem Prozess befassen. Irgendwann haben sie genug."

Und so scheint am Ende der Woche zumindest ein wenig Routine im und um das Osloer Gerichtsgebäude eingekehrt, die meisten ausländischen Berichterstatter sind längst abgereist. Fotograf Heiko Jung zieht Bilanz arbeitsreicher Tage.

"Ich finde, man wickelt das alle hier ab auf eine vernünftige Art und Weise. Viele hatten einen Zirkus befürchtet, aber davon sind wir meines Erachtens weit entfernt."

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