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StartseiteHintergrundWarum Rumänen ihr Glück in Deutschland suchen02.01.2014

Zwischen Heimweh und HoffnungWarum Rumänen ihr Glück in Deutschland suchen

Nicht viele Menschen können in Rumänien von ihrer Arbeit leben, deshalb verdingt sich ein Teil in anderen EU-Ländern wie Deutschland. Mit gravierenden Folgen: Die Migration hat ein tiefes Loch in die rumänische Gesellschaft gerissen, Familien brechen auseinander.

Von Manfred Götzke und Leila Knüppel

Passanten und Kraftfahrer überqueren die deutsch-polnische Grenze am Stadtpark in Görlitz (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Die deutschen Grenzen sind künftig auch für Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien vollständig geöffnet. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
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Fahrräder, Turnschuhe, Flachbildschirme und andere Geschenke verschwinden im Bauch des in die Jahre gekommenen Reisebusses. Oben sind fast alle Sitzplätze belegt. Weihnachtszeit - das ist Hochsaison für die Fahrer des rumänischen Busunternehmens "Atlas Sib".

"Jetzt über die Feiertage fahren wir täglich 200 Leute nach Hause. Einige waren bei Verwandten zu Besuch, aber die meisten arbeiten hier in Deutschland."

Knapp 1.500 Kilometer liegen vor uns, von Köln ins westrumänische Arad - mit zahlreichen Zwischenstopps 24 Stunden Fahrt quer durch Europa.

"Ihr könnt euch jetzt erst mal einen Platz suchen. Alle da? Okay, Abfahrt."

Zwei Reihen hinter uns sitzt der 35-jährige Sergiu Tomoiage. Er gibt bei seiner Arbeit in einem Eiscafé in Heinsberg am Niederrhein den Italiener.

"Wenn ich sage, ich komme aus Rumänien, dann gucken die komisch. Das ist so."

Auch seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Bloß keinen Ärger mit dem Chef. Schon ein paar Minuten nach der Abfahrt ist er mit seinen Sitznachbarn ins Gespräch gekommen. Ihr einziges Thema: der Job in Deutschland.

"Wenn du hier arbeitest, kannst du in Rumänien leben. Wenn du in Rumänien arbeitest, kannst du davon nicht leben; höchstens ganz einfach. Du hast was zu essen vielleicht, aber sonst … Du musst dir hier was suchen."

Seit vier Jahren arbeitet Tomoiage hier. Seine Frau und seine drei Kinder besucht er nur einmal im Jahr, wenn das Eiscafé Winterpause macht. Anders geht es nicht.

Reisebusse auf dem Weg nach Rumänien (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)Reisebusse bringen Rumänen über die Feiertage in die Heimat und wieder zurück. (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)Für den 31-jährigen Ion Velia war es das dagegen das erste und letzte Mal in Deutschland. Wochenlang hat er auf einer Baustelle in Hamburg gearbeitet. Das Geld von seinem bulgarischen Chef hat er nie gesehen.

"Komm morgen, komm morgen hat er immer gesagt. Wochenlang ging das so. Er hat mich einfach angelogen. Ich lebe in Constanta am Schwarzen Meer, ich habe einen Sohn und eine Frau. Dort arbeite ich als Tagelöhner, da gibt’s kaum Arbeit, aber besser, als hier auf der Straße zu leben. Eine Scheibe Brot findet man auch dort."

Sein Sitznachbar dagegen lebt schon fast 14 Jahre in Deutschland. Er arbeitet als Informatiker.

"Ich hatte einfach Lust, nach Deutschland zu kommen. Es gibt immer diese Klischees, in Rumänien würden alle hungern. Aber ich bin gekommen, weil in Deutschland Fachkräfte fehlten."

Etwa 2,5 Millionen Rumänen arbeiten in anderen EU-Ländern - etwa jeder Achte. Denn auch wenn die Arbeitslosenquote in Rumänien mit etwa sieben Prozent niedrig ist, mit dem durchschnittlichen Bruttomonatslohn von knapp 500 Euro kommt man nicht weit.

Die meisten Auswanderer zieht es nach Italien oder Spanien. Trotz der Wirtschaftskrise, sagt Hermine Vidovic. Sie untersucht am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche die Migrationsströme in Europa.

"Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es in Italien bereits Netzwerke gibt. Das ist wichtig bei Migration, dass man sich da hin begibt, wo schon Landsleute sich niedergelassen haben. Es kann auch mit der Sprache zusammenhängen."

In Deutschland leben nur etwa 200.000 Rumänen. Wegen der Wirtschaftskrise suchen jetzt aber viele hier ihr Glück; so wie Adrian Stanciu, der mit dem rumänischen Bus in seine Heimatstadt Oradea zurückfährt.

"Ich hab mir bei der Bank Geld geliehen, um ein Haus zu bauen. Dann kam die Finanzkrise und ich hab meinen Job verloren. Ich musste weg, denn in Rumänien habe ich keine vernünftige Arbeit gefunden. Mit 200 Euro im Monat kann ich den Kredit nicht zurückzahlen."

Allein im Jahr 2012 sind etwa 20 Prozent mehr Rumänen als im Vorjahr hierher gekommen. Viele arbeiten wie Adrian Stanciu als Saisonkräfte in der Landwirtschaft, andere putzen Zimmer in Hotels, kellnern in Gaststätten oder kümmern sich um alte Menschen in Privathaushalten. Mit der Qualifikation der rumänischen Einwanderer hat das allerdings wenig zu tun: Etwa ein Viertel hat einen Hochschulabschluss, mehr als 40 Prozent eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Diskussion über Öffnung des Arbeitsmarktes

Kurz hinter Mannheim werden wir gestoppt. Polizeikontrolle. Die Pässe werden eingesammelt, die Namen einzeln aufgerufen. "Wir sind die Neger Europas", schimpfen die Rumänen. Die Polizei darf das - es ist ihr Land, entgegnet der genervte Busfahrer.

"Sie kontrollieren uns hier täglich. Frag mal die anderen."

Es wird nicht die einzige Polizeikontrolle bleiben. Auf Deutsche sind unsere Mitfahrer daher erst einmal nicht allzu gut zu sprechen.

"Die verdächtigen uns. Ist irgendetwas kaputt gegangen, sagen sie, ja, die Rumänen waren es."

"Die Rumänen haben den Deutschen auch keine Jobs geklaut. In der IT ist zum Beispiel nur jeder Dritte Deutscher. Die meisten sind Inder oder eben Rumänen. Genauso ist es doch in der Landwirtschaft: Da sind die Deutschen zu faul."

Es ist dunkel geworden, als unser Bus die deutsch-österreichische Grenze passiert. Weiter geht es auf der A 8 Richtung Wien. Die meisten unserer Mitreisenden schlafen - zusammengekauert auf den abgewetzten Sitzen. Nur Eismann Sergiu Tomoiage und sein Sitznachbar, der Informatiker, diskutieren über die neuen Arbeitsmarktregeln.

"Jetzt kommen mehr." - "Nein, es kommen nicht mehr. Wer kommen wollte, ist schon hier."

Obwohl Rumänen und Bulgaren seit 2007 EU-Bürger sind - bisher war der Arbeitsmarkt in Deutschland und acht anderen EU-Ländern wie etwa Großbritannien oder Österreich für sie beschränkt. Nur Akademiker und ausgebildete Fachkräfte konnten sich in diesen Ländern niederlassen. Ungelernte durften nur sechs Monate als Saisonarbeiter kommen oder mussten ein Gewerbe anmelden. Ab dem 1. Januar fallen diese Barrieren. Auch für Rumänen und Bulgaren gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit.

"Dann kann jeder kommen. Der arbeitet dann für egal welches Geld. Er fragt deinen Chef, wie viel verdient der Kollege da? Aha, ich arbeite für die Hälfte - und dann hast du keine Arbeit mehr."

"Durch die Arbeitsmarktregeln verändert sich nichts. Wer arbeiten will, der ist schon hier. Wer kriminell sein will, der ist auch schon hier. Wer klauen will, braucht keine Arbeitserlaubnis."

Angst vor "Armutsmigration"

In Europa geht dennoch die Angst vor einer neuen Einwanderungswelle um: In Großbritannien will Regierungschef David Cameron Sozialleistungen für neu zugezogene Rumänen und Bulgaren beschränken. Er fordert sogar eine grundlegende Änderung der Freizügigkeit innerhalb der Union.

In Deutschland hat sich die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag vorgenommen, der "ungerechtfertigten Inanspruchnahme von Sozialleistungen entgegenzuwirken". Schließlich sitzen ihr Vertreter einiger Kommunen im Nacken, die zurzeit die meisten Belastungen durch obdach- und arbeitslose Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien zu tragen haben: Duisburg, Dortmund, Berlin - und viele andere.

Der Ökonom Gabor Hunya vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche erwartet durch die neuen Regeln allerdings keine großen Veränderungen.

"Vielleicht ein bisschen Umorientierung, vielleicht ein bisschen Zuwachs, aber insgesamt wird die Anzahl der rumänischen Migranten nicht bedeutend ansteigen, vielleicht überhaupt nicht."

Das deutsche Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung bewertet die neuen Regeln sogar positiv. Die Forscher gehen von erheblichen Gewinnen für die Sozialversicherungssysteme aus - vor allem für die Rente. Schließlich sind die rumänischen Einwanderer jung, und durch die Liberalisierung des Arbeitsmarkts könnten aus Saisonarbeitern und Scheinselbstständigen regulär Beschäftigte werden.

Unser Mitfahrer Adrian Stanciu wird von der Neuregelung auf jeden Fall profitieren. Er arbeitet gemeinsam mit seiner Frau bei einem deutschen Winzer.

"Wir bekommen mehr Rechte. Ich kann ganz offiziell angestellt werden. Der Winzer hat mir versprochen, mich dann fürs ganze Jahr zu beschäftigen. Jetzt arbeite ich maximal sechs Monate im Jahr."

Bisher ist er über eine rumänische Agentur beim Winzer beschäftigt. Dafür stecken sich die Vermittler die Hälfte des Stundenlohns von 15 Euro in die Tasche - mit dem Versprechen, Steuern und Sozialabgaben in Rumänien zu zahlen. Das wird allerdings nicht selten absichtlich vergessen. Stanciu jedenfalls ist nicht krankenversichert. Das dürfte sich jetzt für ihn ändern.

Am nächsten Morgen um acht Uhr haben wir Arad kurz hinter der rumänischen Grenze erreicht. In einer zugigen Busbahnhofshalle gibt es für wenige Lei Kaffee und Placinte - ein rumänisches Hefegebäck.

Dann müssen wir in einen Kleinbus umsteigen, der nach Maramures fährt; ganz im Norden Rumäniens, an der ukrainischen Grenze, am Rande der Karpaten. Dort, auf dem Land, gibt es kaum Arbeit. Etwa ein Drittel der Erwerbstätigen ist im Ausland.

"Am fost serac cum i Romanul" - "ich war arm wie der Rumäne, nun bin ich reich wie der Fremde", tönt es aus dem Autoradio. Ein Lied von der Sehnsucht nach der Heimat. Draußen liegt der erste Schnee auf den kleinen rumänischen Holzhäuschen und den Prachtvillen der Neureichen - "in Stilul occidental" - im westlichen Stil.

Das Haus von Gita Coman. Seit 20 Jahren baut er daran. (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)Das Haus von Gita Coman. Seit 20 Jahren baut er daran. (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)Das ganze Jahr sind die riesigen Neubauten leer, jetzt stehen teure Geländewagen mit italienischen und spanischen Kennzeichen davor. Rumäniens Neureiche kehren über die Feiertage zurück. Kurz vor der Krise, 2008, brachten die im Ausland arbeitenden Rumänen nach Angaben der Weltbank etwa sechs Milliarden Euro ins Land. Die tatsächlichen Summen sind wohl weit höher. Nun liegen die Auslandsüberweisungen bei der Hälfte. Noch immer beachtliche 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

"Hier muss noch ein Geländer hin, und dieses Zimmer muss noch verputzt werden."

Die Pelzmütze auf dem Kopf, eine Zigarette zwischen den Zähnen führt uns Gita Coman in seinem Haus herum. Seit 20 Jahren baut er daran. Denn im Gegensatz zu seinen Nachbarn ist er nur ab und zu im Ausland, um Geld dazuzuverdienen. Immerhin: die Hälfte sei schon fertig, sagt der 49-Jährige. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt er in den zwei Zimmern, die bereits bewohnbar sind.

"Das Geld hab ich zur Ceausescu-Zeit verdient, vor 1989. Da konnte ich viel sparen, es gab ja eh nicht so viel zu kaufen."

Comans Rohbau steht gleich neben dem traditionellen Holzhaus seiner Eltern, im 5.000-Einwohner Dorf Moisei. Vor der Wende habe er eine Ausbildung zum Automechaniker gemacht und dann zwölf Jahre in einer Kupfermine gearbeitet, erzählt Coman.

"In der Mine haben mindesten 5000 Leute gearbeitet. Ich hab die Maschinen unter Tage gewartet. Geld war damals nie ein Problem."

Nach der Wende war es damit vorbei: Fast die gesamte Schwerindustrie brach zusammen. Knapp die Hälfte der Erwerbstätigen verlor den Job.

"Das ist mit allen Fabriken passiert. Wir haben hier ja alles Mögliche produziert: Maschinen, Traktoren, Zigaretten. Statt sie zu modernisieren, haben sie alles zerstört."

Gita Coman zeigt uns seine Garagenwerkstatt direkt am Haus. Hier repariert und lackiert er Autos - unter der Hand. Gelegenheitsjobs. Ab und zu geht auch er als Erntehelfer ins Ausland.

"Ich hab keine Krankenversicherung. Wenn ich zum Arzt muss, muss ich alles bezahlen. Würde ich meine Familie und mich versichern, hätte ich nichts mehr zum Leben."

In den vergangenen Tagen ist es kalt geworden. Drei Grad unter null. Gita hackt Feuerholz, um den Kachelofen und den Herd in der Küche einzuheizen.

Einkaufen im deutschen Supermarkt

Seine Frau Voicita macht Bratkartoffeln mit Knoblauchwurst zum Abendbrot. Ihr "Weihnachtsschwein" haben sie vor einer Woche geschlachtet, jetzt hängt die Räucherkammer voller Fleisch.

"Und das sind unsere Kartoffeln. 300 Kilo setzten wir im Frühling ein, im Herbst ernten wir. Das Schwein frisst die Reste."

Nur was sie nicht selbst anbauen, kaufen die Comans bei Lidl oder Aldi im Supermarkt - zu Preisen wie in Deutschland.

"Öl, Zucker, Backpulver, Gewürze. Was kostet Öl?" - "Öl - etwa sechs Lei." - "Also 1,50 Euro. In den letzten zehn Jahren haben sich die Preise für die Grundnahrungsmittel verdoppelt. Die Löhne sind höchstens um zehn Prozent gestiegen. Müssten wir alles kaufen, wüssten wir nicht, wie das gehen sollte." 

Mit Gita, seiner Frau und den drei Kindern setzen wir uns an den Abendbrottisch. Die 18-jährige Tochter Adina macht im nächsten Jahr ihr Abitur – sie hat sehr gute Noten.

"Meine Kinder sollen ein normales Leben haben. Und ein gutes Auskommen. Klar wünsche ich mir, dass Adina an die Uni geht, aber für uns ist das finanziell unmöglich. Seit der Wende haben wir jedes Jahr weniger zum Leben. Nichts ist besser geworden. Jedenfalls nicht für uns Arbeiter. Gut, mit EU-Geld wurden die Straßen ausgebessert, aber sonst?

Hunderttausende EU-Waisen

Christiana Moldovan und ihr Partner tanzen Cha-Cha-Cha. Im Gemeinschaftsraum des Kinderheims "Stern der Hoffnung" im westrumänischen Alba Iulia. Später wolle sie Tanzlehrerin werden, erzählt die 13-Jährige. Jeden Tag übt sie deswegen Walzer, Rumba und Jive.

Christiana gehört zu den großen Verlierern der Auswanderungswelle. Mit zwei Monaten kam sie in das Kinderheim. Ihre Mutter hat sie damals hier abgegeben - mit dem Versprechen, sie bald abzuholen. Erst neun Jahre später meldete sie sich wieder.

"Meine Mama lebt inzwischen in Spanien mit meiner Oma und meiner Schwester. Ich weiß nicht allzu viel über sie, nur, dass sie in einem Tattoo-Studio arbeitet."

Acht von 40 Kindern im Heim seien sogenannte EU-Waisen, erzählt die Leiterin Sybille Hüttemann-Boca. Kinder, deren Eltern im Ausland leben und arbeiten.

"Wir kennen viele Leute, wo die Eltern die Kinder in den Wohnungen allein gelassen haben. Die leben in den Wohnungen alleine. Und die werden dann von den Nachbarn hin und wieder … die gucken dann nach, ob die noch was zu essen haben oder ob es noch irgendwie geht. Die Kinder werden zurückgelassen bei Großmüttern, Onkeln oder Tanten; oder eben auch allein zurückgelassen."

Wie viele dieser EU-Waisen in Rumänien leben, weiß keiner genau. 2008 ging UNICEF von 350.000 Kindern aus. Einige der Alleingelassenen brechen die Schule ab, andere werden depressiv oder nehmen Drogen, rutschen in die Kriminalität ab – obwohl die Eltern jeden Monat mehrere Hundert Euro überweisen. Manche fühlen sich so einsam und allein gelassen, dass sie sich das Leben nehmen.

"Das Phänomen ist natürlich bekannt, dem Jugendamt auch bekannt. Natürlich. Aber es wird eigentlich so hingenommen."

Die Migration hat ein tiefes Loch in die rumänische Gesellschaft gerissen. Familien brechen auseinander. Die wachsende Ungleichheit zwischen den Daheimgebliebenen und neureichen Migranten führt zu Sozialneid und Streitigkeiten. In manchen Dörfern bleiben nur die Alten und die Kinder zurück.

Die 13-jährige Christiana hat sich im Büro des Kinderheims an den Rechner gesetzt und zeigt Bilder von ihrer Mutter - die hat in Spanien eine neue Familie gegründet. Ab und zu schreibt sie Christiana noch über Facebook.

"Das ist meine Schwester mit meinem Onkel. Und das bin ich, als sie hier waren."

Dass ihre Mutter sie irgendwann abholen und zu sich nehmen wird, daran glaubt Christiana nicht mehr. Anfangs musste sie deswegen oft weinen, mittlerweile gibt sie sich abgeklärt.

"Ich weiß nicht, ob sie zurückkommt. Sie hat es mir versprochen, aber ist nicht gekommen. Naja, mir gefällt es hier und vielleicht ist es auch besser, dass sie mich hier gelassen hat. Vielleicht wäre es in Spanien … Ich weiß nicht. Vielleicht könnte ich da nicht mal tanzen, wenn ich da leben würde."

Boomende IT-Branche in Rumänien

100 Kilometer weiter nördlich, in der Universitätsstadt Cluj: In einem gläsernen Bürokomplex testet der 24-jährige Informatiker und Firmengründer Cosmin Mihaiu seine neuste Software. Mit den Armen wackelt er auf und nieder und dirigiert so ein Computerklavier. Der Sensor einer Spielkonsole erkennt seine Bewegungen - und lässt, wenn auch mit einiger Verzögerung, die einfache Melodie des Kinderlieds erklingen.

"Wir ersetzen traditionelle Physiotherapie durch Übungen mit Videospielen. Der Patient erspart sich eine lange und vor allem langweilige Regenerationszeit, die Spiele sind sehr viel interaktiver und motivierender."

Zusammen mit zwei Kommilitonen hat er vor einem Jahr die Software-Firma Mira Rehab gegründet - eines der zahlreichen IT-Start-ups in Cluj. Die Software-Industrie ist eine der wenigen Vorzeigebranchen in Rumäniens Wirtschaft. Die Informatik-Fakultäten an den Universitäten gelten - auch im Ausland - als exzellent.  

"In Cluj, in ganz Rumänien werden die Bedingungen für Start-ups immer besser. Die IT-Branche wächst rasant. Die Unternehmen unterstützen sich gegenseitig, sodass auch die kleinen Firmen vorankommen und Erfolg haben."

Noch Ende der 90er versuchten viele Informatiker, mit allen Mitteln einen Job im Ausland zu ergattern. Etwa die Hälfte der damals 5000 Informatikabsolventen verließen das Land Richtung Westeuropa, Kanada oder USA. 

Eine rumänische Zeitschrift berichtet über die Ausbeutung eines Rumänen in Europa. (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)Ausgebeutete Rumänen sind ein Dauerthema in den Medien. (Deutschlandfunk/Manfred Götzke und Leila Knüppel)

Mittlerweile haben sich Cluj, Timisora und Bukarest als Outsourcing-Standorte für Soft- und Hardware einen Namen gemacht. Informatiker müssen keine Arbeitslosigkeit mehr fürchten, erzählt Alexandru Tulai vom IT Cluster Cluj, ein Interessensverband der Technologie-Unternehmen vor Ort. Sie verdienen etwa 1000 Euro monatlich - das Doppelte des Durchschnittslohns.

"In der IT hat sich der Arbeitsmarkt gedreht: Die Leute kommen wieder und investieren hier. Wir zählen darauf, dass die rumänische Wirtschaft sich gut entwickelt. Dabei wird die IT eine wichtige Rolle spielen."

Am Busbahnhof in Arad steht der Reisebus "Atlas Sib" zur Rückfahrt nach Spanien bereit. Jetzt, zur Feiertagszeit, steigen nur wenige Fahrgäste ein. Einer von ihnen ist der 57-jährige Adrian Harand. Seine jahrzehntelange Suche nach Arbeit gleicht einer Odyssee quer durch Europa.

"Nachdem ich in Deutschland war, habe ich in Rumänien gearbeitet. Dann war ich ein Jahr in Israel und 2002 bin ich nach Spanien gegangen. Ich wollte nur kurze Zeit bleiben, um den Kindern die Uni zu finanzieren. Aber aus zwei Jahren wurden zwölf."

Immerhin: Seine beiden Kinder haben ihr Studium abgeschlossen, arbeiten in Cluj im Management und in der öffentlichen Verwaltung. Leben können sie davon nicht, erzählt Harand, während der Bus sich durch die Satellitenstädte Arads schiebt. Er muss sie noch immer mit dem Geld unterstützen, das er als Lkw-Fahrer in Spanien verdient.

"Ich gehöre zu denen, die nirgends eine Heimat haben. Wenn ich ins Rentenalter komme, kehre ich vielleicht zurück. Aber solange ich arbeiten kann, bleibe ich im Ausland. Man kann eh nicht planen. Wer weiß schon, was morgen ist."

Über 2000 Kilometer Fahrt ins spanische Girona liegen vor ihm. Seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder wird er erst in einem Jahr wieder sehen, zum nächsten Weihnachtsfest.

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