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StartseiteDie neue PlatteZwischen improvisierter und komponierter Musik08.01.2012

Zwischen improvisierter und komponierter Musik

Drei neue CDs von vorwiegend Schweizer Komponisten und Künstlern

Wo genau verlaufen die Grenzen zwischen improvisierter und komponierter Musik? Vordergründig liegt die Antwort auf der Hand, in Tat und Wahrheit ist aber genau der Grenzbereich eine extrem lebhafte, diverse Zone, die auf breitem Spektrum die unterschiedlichsten Ausprägungen aufweist.

Von Barbara Eckle

Max Keller liefert "Selbstgespräche für Klavier und Live-Elektronik" (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Max Keller liefert "Selbstgespräche für Klavier und Live-Elektronik" (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Davon zeugen auch drei neue CDs von vorwiegend Schweizer Komponisten und Künstlern: Michael Wertmüller, Charlotte Hug und Max E. Keller, der sich mit der Argentinischen Komponistin Marcela Pavia eine Porträt-CD teilt.

Der ehemals und immer wieder stark in die freie Szene improvisierter Musik involvierte Schweizer Komponist Max E. Keller war in jungen Jahren vor allem für seine politisch engagierte Musik bekannt. Im Zentrum dieser CD steht sein großformatiges, viersätziges Orchesterwerk "tenuto, battuto, fulminante" – gehalten, geschlagen, blitzend - ein Auftragswerk der Tonhalle Zürich, das sich offensichtlich nicht an einem spezifischen Inhalt, sondern an der Form orientiert. Wie der Titel schon sagt, dominieren drei Elemente: der ausgehaltene Ton, der Schlag und der Blitz, der die fortlaufende Struktur immer wieder durchfährt. ...

Max E. Keller: "tenuto, battuto, fulminante" für Symphonieorchester
Tonhalle Orchester Zürich, Dirigent: David Zinman
Live Aufnahme der UA (2001)
CD Label: NEOS, NEOS 11121, LC 15673
Track 8

Dies ist ein Ausschnitt aus der Live-Aufnahme der Uraufführung aus 2001 mit dem Tonhalleorchester Zürich unter der Leitung von David Zinman.

Die drei gestischen Elemente entfalten sich in dem 4-sätzigen Werk zunächst einzeln und schieben sich später immer dichter übereinander. Ständig sich wiederholende, kurze rhythmische Motive verleihen dem Werk eine Bolero-artige Patina, die zwar von einer gewissen Simplizität lebt, daran aber auch ein wenig krankt, denn das penetrant Repetitive exponiert auch gnadenlos jedes vorhandene kompositorische Cliché.

Im Gegensatz zu Max E. Kellers letzter CD "Accent Figure Layer" enthält diese nur wenig improvisatorisches Material. Einzig "Trio fluido" für Geige, Cello und Klavier mündet nach extensivem variieren eines schweizerischen Ländlermotivs in einem improvisierten Schluss. Wie "tenuto battuto fulminante" weisen auch Kellers übrige Werke auf dieser CD einen hauptsächlich formalen Fokus auf. Eine Ausnahme bildet das Stück "Selbstgespräche" für Klavier und Elektronik. Dieses spiegelt einen konkreten Gedanken, nämlich die Müßigkeit des viel beschworenen "Dialogs zwischen Mensch und Maschine", da dieser, wie der Komponist im Booklet ausführt, immer ein Dialog des Menschen mit seinem alter ego bleibt, da die Maschine schlussendlich vom Menschen programmiert ist. Diese zusätzliche Dimension von "Selbstgespräche" erzeugt eine Spannungsebene, die an anderer Stelle vielleicht ein wenig abgeht.

Max E. Keller: " Selbstgespräche " für Klavier und Live-Elektronik (2006)
Werner Bärtschi, Klavier und Live-Elektronik
CD Label: NEOS, NEOS 11121, LC 15673
Track 11

"Selbstgespräche" von Max E. Keller, gespielt vom Schweizer Pianisten Werner Bärtschi.

Ein beinahe omnipräsenter insistenter Puls verbindet die Werke Kellers mit denen von Marcela Pavia auf dieser Doppelporträt-CD. Laut Booklet ist dieser von der Avantgarde längst gemiedene Puls Ausdruck einer "inneren Notwendigkeit" dieser Musik. Bei Marcela Pavia, die in Argentinien und Italien Komposition studierte, sind es meist klare rhythmische Muster, die sich durch das gesamte Werk ziehen, dabei aber auf Kollisionskurs geraten mit gleichfalls rhythmisch determinierten Stimmen. Dies führt unweigerlich zu Verstrickungen, die sich aber ohne Aufgabe des herrschenden Pulses, immer wieder entwirren. Im Stück "Los senderos que se bifurcan" – Wege, die sich teilen - thematisiert Pavia genau dieses Phänomen, indem sie Zupf- und Streichinstrument zusammen auf einen Weg schickt. Sehr deutlich und mit tänzerischem Gestus versehen zeigt sich dies auch im Stück "Amancay", wo die Klarinette ihren quasi mechanischen Weg geht neben einer in folkloristischem Rhythmus verhafteten Gitarre, die unbeirrt den Regeln der Tradition folgt. Auch wenn der Vorgang von der Komponistin als dialektisch bezeichnet wird, so lässt sich weniger eine Synthese, als eine Koexistenz der beiden Stimmen erkennen, die nur punktuell ineinander übergreifen, ansonsten aber rein durch ihre Parallelität im Hörer eine Verschmelzung erreichen. Ein simples, aber wirkungsvolles Konstrukt. Hören wir einen Ausschnitt aus "Amancay" mit dem Klarinettisten Gleb Kanasevich und dem Gitarristen Matt Gould, dem das Stück gewidmet ist.

Marcela Pavia: "Amancay" für Klarinette und Gitarre (2001)
Gleb Kanasevich, Klarinette; Matt Gould, Gitarre
CD Label: NEOS, NEOS 11121, LC 15673
Track 6

Alle Werke von Marcela Pavia sind einzelnen Musikern gewidmet, die ihre Werke auf dieser CD selbst interpretieren. Die Intimität in Musik und Interpretation ist in diesen Werken so deutlich hör- und spürbar, dass der im Booklet wiederholte Ausdruck persönlicher Wertschätzung der Musiker und ihres Könnens sowie kryptische Andeutungen durchaus überflüssig erscheinen. So wäre es zum Beispiel dienlicher, den Text eines vertonten Gedichts vorliegen zu haben, als die Information, dass die Pianistin Esther Flückiger, der das Stück gewidmet ist, den Text zu deuten versteht.

Die CD mit Werken von Marcela Pavia und Max E. Keller ist beim Label NEOS erschienen und trägt den einfachen Titel " Marcela Pavia - Max E. Keller".

Michael Wertmüller, den Komponisten unserer nächsten CD "Sketches and Ballads", scheinen musikalische Kategorien nicht zu beeindrucken, weder in Stil noch Genre – in gewisser Weise ein Spiegelbild seines eigenen Werdegangs: als Schlagzeuger wurde er an Jazzschule sowie Konservatorium ausgebildet und bewegte sich als Musiker immer sehr frei zwischen den Musikrichtungen, einschließlich der Rockmusik. Als Komponist ist Wertmüller, der bei Dieter Schnebel studierte, in Kreisen der Neuen Musik vor allem für seine grenzüberschreitende Kompromisslosigkeit und für seine komplexen Zeitstrukturen bekannt.

"Sketches and Ballads" besteht aus komponierten, notierten Segmenten, die durch improvisierte Zwischenteile organisch zu einem Ganzen verbunden werden. Nahezu das gesamte künstlerische Spektrum Wertmüllers kommt hier zum Tragen, denn "Sketches and Ballads" ist eine Komposition für eine erweiterte Formation des Free Jazz-Trios FULL BLAST, bestehend aus dem legendären Saxofonisten Peter Brötzmann, dem Bassisten Marino Pliakas und Michael Wertmüller selbst am Schlagzeug. Das Werk wurde vom SWR für die NOWJazz Session der Donaueschinger Musiktage 2010 in Auftrag gegeben, wo auch diese Live-Aufnahme entstand.

"Sketches and Ballads" von Michael Wertmüller
FULL BLAST (Peter Brötzmann, tenor sax/tarogato; Marino Pliakas, bass; Michael Wertmüller, drums) und Ken Vandermark, baritone sax/clarinet; Thomas Heberer, trumpet; Dirk Rothbrust, percussion & timpani;
CD Label: TROST, Produktion des SWR2 und Donaueschinger Musiktage
Track 1

"Sketches and Ballads" von Michael Wertmüller mit dem Trio FULL BLAST sowie Ken Vandermark, Baritonsaxofon und Klarinette, Thomas Heberer Trompete und Dirk Rothbrust, Perkussion.

Die CD "Sketches and Ballads" enthält zwar nur das eine, gleichnamige Werk - Gesamtspielzeit 36 Minuten - doch ist die Intensität dieser halben Stunde Musik mehr als abendfüllend. Den bescheidenen Titel "Sketches and Ballads" – Skizzen und Balladen – mag man bei dieser musikalischen und rhythmischen Komplexität als Ironie missverstehen. Das "Booklet" in der Gestalt eines losen, beidseitig bedruckten Zettels, klärt an der Stelle auf: Der Titel ist ein Tribut an Miles Davis’ "Sketches of Spain", die dem Komponisten in ihrer Dichte Vorbild und Inspiration waren. In der Tat ist eine der bemerkenswertesten Eigenschaften dieser Musik, dass stets ein Intensitäts- und Dichtelevel beibehalten bleibt - in Passagen komplexester metrischer Überlagerungen bei schwindelerregenden Tempi genauso wie in intimen, verhaltenen und gleichzeitig hoch aufgeladenen Balladen. So kommen in "Sketches and Ballads" neben Peter Brötzmanns notorisch-eruptiven Ausbrüche vor allem auch die unterschiedlichen Facetten seines unverwechselbar rohen, sehnsüchtigen Klangs zur Geltung.

"Sketches and Ballads" von Michael Wertmüller
FULL BLAST (Peter Brötzmann, tenor sax/tarogato; Marino Pliakas, bass; Michael Wertmüller, drums) und Ken Vandermark, baritone sax/clarinet; Thomas Heberer, trumpet; Dirk Rothbrust, percussion & timpani;
SWR2, Donaueschinger Musiktage, TROST
Track 1

Das Gelingen dieses Ansatzes ist natürlich nicht zuletzt auch der Meisterschaft der Musiker zuzuschreiben, die eben nicht nur frei improvisieren, sondern auch eine hochanspruchsvolle Partitur mit einer seltenen gehörten Freiheit zu interpretieren imstande sind. Hat man einmal das Paradoxon der notierten freien Musik verwunden, stellt man fest, dass diese Definitionsuntreue der freien Musik nur zugutekommt – denn wo wäre sonst die Freiheit? Indem Wertmüller durch Komposition einen ganz konkreten Anspruch an die freie Art des Musizierens stellt, öffnet er auf seine eigene Weise aber auch eine Tür zur Weiterentwicklung in der Neuen Musik.

Die CD "Sketches and Ballads" von Michael Wertmüller mit FULL BLAST and Friends ist eine Produktion des SWR.

In einer wiederum ganz anderen Welt lebt die Komponistin, Improvisatorin, Bratschistin, und Zeichnerin Charlotte Hug. Bei ihr geht es nicht um das Verbinden von notierter Komposition und Improvisation, denn ihr Verständnis von Komposition ist ein ganz anderes: Sie stellt sich ihre Musik in Struktur und Gestik vor und hält sie in Grafitzeichnungen fest, die wiederum intuitiv zu lesen und musikalisch umzusetzen sind. Ihre neue CD "Slipway to Galaxies" für Viola solo und Stimme ist die Musik ihrer gleichnamigen Performance, die sie in die Ausstellung dieser Klangzeichnungen im Luzerner Kunstmuseum hineininszeniert hat.

"atman" von Charlotte Hug
Charlotte Hug - Viola und Stimme
"Slipway to Galaxies" solo viola & voice (2011)
CD Label: EMANEM, 5018
Track 6

Diese kreatürlichen, naturnahen Klänge mögen befremdlich wirken, lässt man sich aber auf Hugs Klangwelt ein, kann sie eine soghafte Faszination ausüben. Genau so irrational wie die Klänge entstanden sind, nimmt man sie auch auf. Dennoch ist eine Art klassischer Dramaturgie im Ablauf dieser in gewisser Weise abstrakt theatralischen Musik nicht zu überhören: Nach einer längeren Phase des Eintauchens baut sich ein Spannungsbogen auf, es kommt zu Ausbrüchen, man betritt eine neue Ebene, es folgt eine Strecke verzerrter Klänge, schließlich eine Läuterung, die einen wieder an den Anfang transportiert, als hätte man einen Kreislauf vollendet. Um diese Vorgänge auch rational zu verstehen ist der informative Booklet-Text von Nina Polaschegg unabdingbar, denn dieser erläutert ein Universum an Kontext, insbesondere die Wichtigkeit keltischer Mythen und der Gezeiten, die Charlotte Hug in den vergangenen Jahren künstlerisch erforschte. Diese wertvolle Orientierungshilfe bereichert die Musik noch um einiges. So lernt man beispielsweise Charlotte Hugs uhuartige Rufe als Übertrittsritual irischer Grabsänger zu identifizieren und somit die dramaturgische Sprache von "Slipway to Galaxies" zu verstehen.

"anderwelten" von Charlotte Hug
Charlotte Hug - Viola und Stimme
"Slipway to Galaxies" solo viola & voice (2011)
CD Label: EMANEM, 5018
Track 1


Charlotte Hug hat schon immer mit Mischklängen aus Stimme und Bratsche gearbeitet, in keiner ihrer bisherigen CDs spielte die Stimme aber eine so prominente Rolle wie in "Slipway to Galaxies" – und mit dem Instrument Stimme geht sie auf ähnlich unkonventionelle und virtuose Weise um mit der Bratsche. Die Hugsche Palette technischer Erfindungen präsentiert sich in "Slipway to Galaxies" als ausgesprochen vielfältig, von Nassbogen über Weichbogen bis hin zu mehrstimmigem und zyklischem Singen, womit sie Ebbe und Flut stimmlich widerspiegelt und eine kosmische Verbindung zwischen dem Atem und universalen Urkräften herstellt.

"buzz&fly" von Charlotte Hug
Charlotte Hug - Viola und Stimme
"Slipway to Galaxies" solo viola & voice (2011)
CD Label: EMANEM, 5018
Track 2

Die Ernsthaftigkeit, mit der Charlotte Hug ihre bizarren Klänge produziert, vertreibt mit der Zeit eine natürliche anfängliche Skepsis und lässt den Hörer in eine Welt jenseits von Komposition und Interpretation eintauche – wenn er sich denn darauf einlässt.

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