Kultur heute / Archiv /

Zwischen Individuen und wolkigen Zusammenballungen

Charmatz "Levée des Conflits" auf dem Kampnagel-Festival in Hamburg

Von Elisabeth Nehring

Auf Kampnagel in Hamburg gab es vom expressiven französischen Choreografen Boris Charmatz nach "L´Enfant vor einem Jahr, nun mit "Levée des Conflicts" ein dynamisches Tanztheater, das vom Werden und Wandel kündet.

24 Bewegungen, ausgeführt von 25 Tänzern. So hat Boris Charmatz die Idee seiner 'motionless choreografie', der bewegungslosen Choreografie, auf den Punkt gebracht.

Erst nach und nach entern die Tänzer und Tänzerinnen vom Zuschauerraum aus die Bühne. Jeder beginnt mit derselben Bewegungssequenz: Auf den Boden setzen, die Beine zu Seite, mit einer Hand vor sich kreisende Wischbewegungen ausführen. Langsam oder schnell, bedächtig oder energisch. Später werden sie - in unterschiedlichen Tempi und Dynamiken - auf der Stelle hüpfen, die Arme in die Luft schleudern, im Stehen den Torso schütteln oder auf die Knie gehen. Anfangs jeder für sich allein, schließlich alle zusammen. Es ist kein besonders ausgefeiltes, virtuoses, doch immerhin vielfältiges Bewegungsmaterial. Doch selbst, wenn die Tänzer Kontakt zueinander aufnehmen, bleibt es bei einem stetigen Nebeneinander von Personen und Bewegungen.

Dem Zuschauer bleibt die Entscheidung, wie er auf das Bühnengeschehen sieht: Man kann sich auf den Einzelnen mit seiner individuellen Qualität konzentrieren oder die ganze Gruppe als kollektives Bewegungsfeld wahrnehmen. Versuchen, persönlichen Ausdruck zu identifizieren oder den Strukturen folgen, die die Tänzer als Gruppe bilden: Knäule, Cluster, wolkige Zusammenballungen. Diese Freiheit des Perspektivwechsels ist aber auch schon das größte Vergnügen, das man dieser Choreografie abgewinnen kann.

'Levée des Conflits' - die Aufhebung von Konflikten - hat Boris Charmatz dieses formal-ästhetische Experiment genannt. Tatsächlich kann aber, wo nicht einmal echte Reibung entsteht, kaum von einer 'Konfliktaufhebung' gesprochen werden. Viel eher vermeidet Charmatz scharfe Kontraste oder sichtbare Gegensätze; die Tänzer fallen zwar von einem Bewegungsmodus in den nächsten, es gibt unstrukturiert wirkendes Chaos, das in lose Ordnungen übergeht, stetige Bewegung und Veränderung in Dynamik, Tempo und Raumausnutzung. Doch will sich eine wirkliche Spannungskurve nicht einlösen, zu vorhersehbar ist die ewige Wiederkehr des Gleichen, auch wenn sie in vielfältigen Variationen kommt. Das eigentliche Problem ist die fehlende Originalität des Bewegungsmaterials in Kombination mit der Abwesenheit jeglicher Bedeutungsebene.

Das kann und macht Boris Charmatz auch ganz anders. Vor einem Jahr hat der französische Choreograf auf Kampnagel ein Stück gezeigt, das ebenfalls nur über Bewegungsenergien und -dynamiken kommunizierte. Doch in 'L'Enfant'stellte er den erwachsenen Tänzern eine Gruppe Kinder an die Seite, machte sie zu gleichberechtigten Partnern auf der Bühne und ließ sie schließlich sogar Takt und Rhythmus der Choreografie vorgeben. Allein der Generationsunterschied, selten genug auf einer Tanzbühne, schlug ein ganzes Buch vielfältigster Assoziationen auf und produzierte Bilder - eher im Kopf als auf der Bühne - die ein Jahr später noch immer nicht vergessen sind.

Das gelingt Charmatz mit 'Levée des Conflits' nicht. Auch wenn er hier das 'Neutrale' als Prinzip beschwört und Roland Barthes zitiert, der das 'Neutrale' positiv wendet und als Wunsch nach 'Aufhebung von Konflikten' bezeichnet. Mit diesem Insistieren auf dem Anti-Dramatischen, der Weigerung, Konzepte wie 'Entwicklung' und 'Fortgang' zum choreografischen Motor zu machen, mit der Idee, durch viel Bewegung Stillstand zu produzieren, passt Charmatz zwar gut zum diesjährigen Festivalmotto, das die Idee des 'immerwährenden Wachstums' einer kritischen Betrachtung unterzieht und statt weiterer Progression 'Stillstand' prognostiziert. Doch geht die Eröffnung von Denkräumen nicht immer mit sinnlichem Erleben einher und deswegen weckte diese sich selbst in Variation reproduzierende Choreografie eher mäßiges Interesse und hinterließ kaum Bilder, Ideen oder Gedanken, die im Kopf hängen bleiben werden.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Enfant" in der Deutschlandpremiere

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kultur heute

Völkermord in RuandaSchwieriges Gedenken

Eine Ausstellung in Paris zeigt auch verschiedene alltägliche Gegenstände wie Macheten und Messern, die in Ruanda zu Mordwaffen wurden.

Eine Ausstellung in Paris erinnert an die Opfer des Völkermords in Ruanda. Zugleich ist die Debatte um die Rolle Frankreichs bei den Massakern entbrannt. Eine Aufklärung ist schwierig - wichtige französische Dokumente aus dieser Zeit sind als Militärgeheimnis eingestuft.

Rossini im OmanHamburgerin leitet das erste Opernhaus der Arabischen Halbinsel

Besucher besichtigen das Royal Opera House in Muscat, Oman

Das Royal Opera House in Muscat ist das erste Opernhaus auf der gesamten Arabischen Halbinsel. 2011 wurde es eröffnet, 2012 übernahm die Hamburgerin Christina Scheppelmann die Leitung des Hauses, an dem sich westliche und orientalische Kunst begegnen - ohne die traditionellen Werte zu opfern.

ShakespeareEine Spurensuche nach dem "echten" William S.

Das Denkmal für William Shakespeare im Park an der Ilm in Weimar

Bald ist es 450 Jahre her, dass William Shakespeare in dem kleinen mittelenglischen Stratford upon Avon zur Welt kam. Ein Besuch in seinem Geburtsort bringt allerdings nicht zwangsläufig mehr Erkenntnisse über den rätselhaften Dichter.

 

Kultur

Rossini im OmanHamburgerin leitet das erste Opernhaus der Arabischen Halbinsel

Besucher besichtigen das Royal Opera House in Muscat, Oman

Das Royal Opera House in Muscat ist das erste Opernhaus auf der gesamten Arabischen Halbinsel. 2011 wurde es eröffnet, 2012 übernahm die Hamburgerin Christina Scheppelmann die Leitung des Hauses, an dem sich westliche und orientalische Kunst begegnen - ohne die traditionellen Werte zu opfern.

Klassiker Großbritanniens Verbeugung vor William Shakespeare

William Shakespeare - eine zeitgenössische Darstellung des erfolgreichsten Bühnenautors aller Zeiten.

Shakespeare: Allein der Name löst Ehrfurcht aus. William Shakespeare ist der weltweit berühmteste und meist gelesene Dichter, gleichermaßen verehrt und karikiert. Müssen die Briten nicht eigentlich die Nase voll haben von ihrem Shakespeare?

ShakespeareEine Spurensuche nach dem "echten" William S.

Das Denkmal für William Shakespeare im Park an der Ilm in Weimar

Bald ist es 450 Jahre her, dass William Shakespeare in dem kleinen mittelenglischen Stratford upon Avon zur Welt kam. Ein Besuch in seinem Geburtsort bringt allerdings nicht zwangsläufig mehr Erkenntnisse über den rätselhaften Dichter.