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StartseiteKultur heuteZwischen Medienprovo und Streit der Kulturen22.09.2012

Zwischen Medienprovo und Streit der Kulturen

Zur Debatte um den Anti-Islam-Film und die neuen Karikaturen in Frankreich

In der Debatte um den Anti-Islam-Film und neue Mohammed-Karikaturen zeigt das deutsche Feuilleton seine drei üblichen Standardreaktionen. Dabei manifestiert sich die beliebte Verwechslung von Ursache und Wirkung. Täter werden zu Opfern, Abwehr wird zu Angriff.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Junge Demonstranten vor einem brennenden Polizei-Checkpoint in Islamabad. (picture alliance / dpa / EPA / W. Khan)
Junge Demonstranten vor einem brennenden Polizei-Checkpoint in Islamabad. (picture alliance / dpa / EPA / W. Khan)

Da haben die in ihrem Glauben beleidigten Muslime dem dekadenten Westen also wieder einen "gewaltigen Schrecken" eingejagt, um es mit Martin Mosebachs unvergänglicher Formulierung zu sagen. Und dieser von Mosebach bekanntlich gutgeheißene Schrecken tut seine Wirkung: Der amerikanische Präsident distanziert sich von dem bösen Video, die deutsche Regierung lässt ein Aufführungsverbot prüfen. Und das deutsche Feuilleton zeigt abermals seine drei Standardreaktionen, wenn es darum geht, die eigenen freiheitlichen Standards gegen wildgewordene Islamisten zu verteidigen.

Dann wird erstens an der künstlerischen Qualität gemäkelt: Die Karikaturen seien aber gar nicht lustig oder der Film sei handwerklich schwach, heißt es – als ob das Ermorden von Diplomaten und das Niederbrennen ausländischer Botschaften richtig verwerflich erst wäre, wenn Steven Spielberg "Innocence of Muslims" gedreht hätte. Zweitens wird der Vorwurf kommerzieller Interessen ausgepackt: die Provokateure wollten nur Aufmerksamkeit erregen, die Leute vom "Titanic"-Magazin wollten bloß die Auflage steigern – als ob das irgendjemand von der Presse nicht wollte. Drittens: Es handele sich eindeutig um eine absichtsvolle Verächtlichmachung Andersgläubiger. Richtig – das Video ist nicht aus Versehen entstanden, außer vielleicht auf Seiten jener Mitspielerin, die nicht gewusst haben will, worum es bei den Szenen eigentlich ging. Aber was bedeutet dieses Argument? Dass es beim deutschen Feuilleton-Gericht keine mildernden Umstände gibt für eine Tat, die hierzulande so wie in den USA und anderen westlichen Ländern von vornherein als nicht strafbar anzusehen ist?

Soweit die Standardkonstellation, die sich seit 23 Jahren wiederholt. Vor 23 Jahren, genau am Dienstag, den 14. Februar 1989, begann, was Samuel Huntington später den "Clash of Civilizations" nennen sollte, in Form einer sogenannten Fatwa des 88-jährigen iranischen Ayatollahs Khomeini gegen den 42-jährigen britischen Schriftsteller Salman Rushdie. Es war wirklich ein kulturelles Novum: der öffentliche Mordbefehl eines Staatschefs gegen einen Dichter in einem anderen Land; die Aufhebung des Territorialprinzips von Recht und Gesetz. Und was passierte bei uns? Die einen fanden die "Satanischen Verse" literarisch nicht wirklich gut, die anderen stießen sich an Rushdie’s plötzlicher Bekanntheit und warfen ihm vor, sich wichtig zu machen, und wieder andere fanden, er hätte eben etwas mehr Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Muslime nehmen sollen.

Seither funktioniert das bei uns nach diesem Muster. Doch diesmal waren noch zwei zusätzliche Stimmen zu vernehmen: Jakob Augstein stellte die pfiffige Frage "Cui bono?" und brachte es fertig, die israelische Regierung als eigentlichen Nutznießer des gefährlichen Videos auszumachen. Und andere Kommentatoren führen neuerdings die Sicherheitslage als solche gegen die Ausdrucksfreiheit an. Ihr Argument lautet: wer hierzulande Mohammed-Videos produziert oder Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, bringt seine Mitbürger, die sich in islamischen Ländern aufhalten, in Gefahr.

In all diesen Äußerungen und Verhaltensweisen manifestiert sich die beliebte Verwechslung und Vertauschung von Ursache und Wirkung: so werden Täter zu Opfern, Abwehr wird Angriff, und selbst die Zeitenfolge wird auf den Kopf gestellt. Frank Schirrmacher hat das gerade an anderen Beispielen unter dem leitmotivischen Begriff der Inversion erörtert. Dabei ist die Sache ja ganz klar: Gäbe es in der islamischen Welt nicht diese ständigen Hass-Demonstrationen, das rituelle Verbrennen amerikanischer Fahnen, das Wutgeschrei, die Todesdrohungen und Gewaltausbrüche, dann hätten die einschlägigen Videos und Karikaturen keinerlei Grundlage. Aber solange eine freche Zeichnung am anderen Ende der Welt als Vorwand für Mord und Totschlag dient, solange sollten wir mit frechen Zeichnungen aufrüsten. Satire ist, wenn man spottet, statt zu zittern. Gegen die bizarre, trashige Einschüchterungsshow der Islamisten hilft nur: permanente penetrante Lächerlichmachung.

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