Kommentar /

Zwischen Pest und Cholera

Das europäische Krisendilemma

Von Volker Finthammer

Es gibt Überlegungen, dem Schutzschirm ESM Zugang zu unbegrenzten Krediten der EZB zu verschaffen.
Es gibt Überlegungen, dem Schutzschirm ESM Zugang zu unbegrenzten Krediten der EZB zu verschaffen. (dpa / picture alliance / Jens Büttner)

Von einem nahenden Ende des Tunnels in der Schuldenkrise, von der Italiens Regierungschef Mario Monti heute sprach, kann beileibe keine Rede sein. Das mag vielleicht für die italienische Regierung gelten, die ob der jüngsten Diskussionen über eine Banklizenz für den europäischen Rettungsschirm neue Rettungshoffnungen nahen sieht.

Die europäische Schuldenkrise aber spitzt sich unweigerlich weiter zu, weil den Märkten das Vertrauen fehlt und sie jede weitere Unsicherheit der Europartner weidlich ausnutzen, um kurzfristige Gewinne zu sichern. Und die 17 Länder der Eurozone haben sich in den vergangenen drei Jahren schon so weit in den Strudel der Finanz- und Schuldenkrise ziehen lassen, dass sie in den bevorstehenden Monaten ohnehin nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera haben. Die Schuldenkrise hat ihre eigene Rationalität entwickelt. Sie ist zur großen Krise geworden die in diesen Tagen in der eigentlich irrwitzigen Logik mündet, alles dafür zu tun, damit das aufgeblähte Kartenhaus der europäischen Rettungsbemühungen nicht zusammenbricht.

Dieser Logik folgend, und das ist die Wahl der Pest, werden die Europartner wieder einmal neue Schulden machen müssen, um das frühe Ende der gemeinsamen Währung zu verhindern. Über die Wege mag derzeit noch weidlich gestritten werden. Ob nun neue Sekundaranleihen der EZB oder eine Banklizenz für den ESM. Am Sachverhalt selbst wird das wenig ändern. Ohne eine neue Bazooka, eine weitere schlagkräftige Aufstockung der gemeinsamen Schuldenberge für den Rettungsschirm wird die Verunsicherung und Zuspitzung an den Märkten nicht zu bremsen sein.

Soweit die Pest. Und die Cholera? Die setzt unweigerlich ein sobald ein Land die Reißleine zieht, weil etwa Griechenland trotz der Milliardensummen keinen festen Boden unter die Füßen bekommt, oder aber wenn Länder wie etwa die Niederlande keinen Cent mehr zahlen wollen. Wenn dieser Stecker gezogen wird, dann fällt das europäische Kartenhaus zusammen mit fatalen Folgen für alle Partner. Allein Deutschland müsste bei einer Pleite Athens bis zu 82 Mrd. Euro abschreiben, oder genauer gesagt seine Bürger über Jahrzehnte dafür zahlen lassen, mit unabsehbaren Folgen für die reale Wirtschaft.

So gehen ist es kein Wunder, dass sich die Hoffnungen der politischen Akteure daran klammern, mit immer wieder neuen Schulden das größere Dilemma noch abwenden zu können. Aber der Souverän, die Bürger sollten an dieser Stelle schon mal laut und deutlich die Frage stellen, wie halten wir es mit den Gläubigern? Muss die Eurozone vor die Wand fahren, weil die Gläubiger auf ihren Erträgen bestehen? Da hat der umstrittene Aufruf der Ökonomen schon die richtigen Fragen gestellt. Nur werden die noch als politisch unliebsam gerne verdrängt.

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