• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 17:05 Uhr Markt und Medien
StartseiteBücher für junge LeserZwischen Tradition und Bollywood24.02.2007

Zwischen Tradition und Bollywood

Indische Literatur für junge Leser

Die Frankfurter Buchmesse hat mit ihrer Wahl des Gastlandes im vergangenen Jahr die Aufmerksamkeit auf Literatur aus Indien gelenkt. Auch wenn sich auf dem indischen Subkontinent Millionen Menschen in zwei Dutzend Regionalsprachen verständigen, werden die meisten Kinder- und Jugendbücher für das westliche Publikum nach wie vor aus dem Englischen übersetzt.

Ein Feature von Jochanan Shelliem

Indische Frauen vor Schriftzeichen aus verschiedenen indischen Regionen. (AP)
Indische Frauen vor Schriftzeichen aus verschiedenen indischen Regionen. (AP)

Sandhya Rao: " Angefangen hab ich vor zwei Jahren, ich ging nach Schweden und traf mich mit Meta Ortosonen. Ich habe Pippi Langstrumpf aus dem Englischen in das Hindi übersetzt - Pippi Lambemoze heißt sie auf Hindi und da Meta Ortosonen mir die Abweichungen der englischen Übersetzung vom schwedischen erläuterte, kommt meine Fassung dem Original sehr nah. "

Sandhya Rao lacht gern. Sie hat verschmitzte Augen. Die rundliche Übersetzerin, Verlegerin und Kinderbuchautorin stammt aus Tamil Nadu, dem ehemaligen Madras, bis 1954 hieß dessen pittoreske Hauptstadt Pondicherry und galt als Schmuckstück der französischen Kolonie. Diese Epoche endete zwei Jahre, bevor Sandhya Rao zur Welt gekommen ist.

" Ich bin 1956 in Satya Mangalam geboren worden, das liegt in Tamil Nadu gegenüber von Sri Lanka an der Südspitze von Indien. In Tamil Nadu haben wir herrliche Wälder, Sandelholzbäume und den meist gesuchten Banditen Indiens haben wir auch. Veerrapan hieß dieser Räuber, den indische Soldaten lange nicht ergreifen konnten, weil er sich in den Dörfern des Dschungel verborgen hielt. "

Sandhya Rao hat nicht nur die erste Übertragung der schwedischen Geschichte von Astrid Lindgren in Hindi angefertigt, sodass nun 250 Millionen hindisprechende Kinder die Abenteuer von Pippilotta Viktualia Pfefferminza Rollgardina und so weiter verfolgen können, auch ihr erstes eigenes Kinderbuch Mein Freund, das Meer errang in Indien mehr als einen Achtungserfolg. In Deutschland wurde die Geschichte des kleinen Jungen, der seinen Vater durch den Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 verloren hat, auf dem Berliner Kinder- und Jugendliteratur Festival prämiert. Mit dem Bericht des jungen Tamilen Suresh von der Küste - ausgestattet mit den Bildern der Fotografen Karuna Sesch und Pervez Bhagat - wie mit ihrer Übersetzung des schwedischen Kinderbuchklassikers, folgt Sandhya Rao ein und dasselbe Konzept. Mein Freund, das Meer beschreibt, wie die Geschichte von Pippi, Kinder in ihrer regionalen Lebenswelt. Where I Live - nannte der indische Tulika Verlages mit der frechen Krähe im Emblem die Reihe, in der die Geschichte des Fischerjungen aus Tamilnadu erschienen ist.

Wie immer stand meine Mutter an jenem Morgen sehr früh auf, um Kanji für Vater und Großvater zu kochen. Es war noch dunkel, als die beiden wenig später ebenfalls wach wurden und mit dem Katamaran ausliefen. Den Proviant hatte Mutter sehr sorgfältig eingepackt, Essen würden die Beiden erst, wenn sie weit draußen das Netz ausgeworfen hätten.

Sandhya Rao: " In Chennai sprechen die Leute Tamil, eine sehr alte dravidische Sprache. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele für die Regionalsprachen, die man bei uns zuhause sprach. "

"Wenn wir auf die Fische warten, dämmert der Morgen und die Sonne gleitet den Himmel empor. Die Wellen kräuseln sich in der leichten Brise. Es ist so ruhig, so friedlich. Und man ist hungrig und müde. Nie schmeckt das Essen so gut, wie mitten auf dem Meer." So hat es mein Großvater gesagt.

Sandhya Rao: " Die Sprache meines Vaters ist Marathi.
Ich habe gerade gesagt, dass ich mich zuhause mit meinem Vater auf Marathi unterhalte. "

Vater und Großvater hatten den Katamaran gerade fertig auseinander geschnürt und die Holzbalken zum Trocknen in der Sonne ausgelegt, als das Meer über sie hereinbrach. Großvater sagt, dass er einen Moment noch aufrecht stand und im nächsten hat ihn das Wasser einfach hoch geschleudert. Mit Armen und Beinen rudernd hat er schließlich einen Holzbalken zum Festhalten gefunden. Als er endlich an Land gespült wurde, war er völlig erschöpft.

Sandhya Rao " Das war jetzt Tamil. In Chennai sprechen wir Tamil aber ich kann es nicht so gut, ich lerne immer noch. "

Was mit meinem Vater passiert ist, wissen wir nicht. Er ist nicht wiedergekommen.

Sandhya Rao: " Tamil spreche wir nicht zuhause. In diesem Sinne bin ich keine Tamilin. Auch wenn ich in Tamil Nandu geboren worden bin und meine Eltern dort aufgewachsen sind. Wenn meine Umgebung es will, spreche ich Tamil. Aber in meiner Familie - und das ist in Indien nicht ungewöhnlich - spricht mein Vater Marathi und meine Mutter Kanada. Auch wenn ich mich in all diesen Sprachen verständlich machen kann, verstehe ich mich eher als Inderin, als mich auf die Region, in der ich geboren worden bin, zu beziehen. "

Wie Sandhya Rao fühlen sich viele. Im Zeitalter des Wirtschaftsbooms reisen viele Inder zum Studium und auf Arbeitssuche quer durch den indischen Subkontinent. Erinnerungen an die Muttersprache haben dabei zu einer neuen Kinderbuch-Gattung geführt. Den Wordbird-Books. Bücher, in denen regionalsprachliche Begriffe als stehende Begriffe - als nicht übersetzte Wortvögel sozusagen - in den diversen Kinderbuchausgaben auftauchen. Selbstverständlich werden diese Bücher nicht ins Deutsche übersetzt.

" Ein WordBird Book zum Beispiel, ist die Geschichte von Ekeswali und Donkeswali, die mit ihrer Familie in einem kleine Haus leben. Ekeswali steht für das Mädchen, das nur ein Haar hat, Dunkeswali, das Mädchen mit zwei Haaren. Alles auf Marathi.

In Indien haben wir so viele Sprachen. wir haben diese Geschichten in einigen der vierundzwanzig Regionalsprachen herausgebracht. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Sprachen unserer Nachbarn kennen lernen müssen, um einander besser zu verstehen. Dagegen gibt es viel Widerstand. Wenn wir den aber überwinden, dann sind wir besser dran. In diesem Sinn ebenen uns Kinderbücher und WordBird Books den Weg zu einer Verständigung. Wenn ein solches WordBird Book ins Tamilische übertragen wird, bleiben die WordBirds darin erhalten. Die ganze Geschichte wird übersetzt und Kinder, die Tamil sprechen, lernen die beiden Maharati-Mädchen Ekeswali und Dunkeswali kennen, die für den beschriebenen Wortsinn stehen. So fördern WordBirds die Verständigung. "

Auch wenn sich auf dem indischen Subkontinent Millionen Menschen in zwei Dutzend Regionalsprachen verständigen, werden die meisten Kinder- und Jugendbücher für das westliche Publikum nach wie vor aus dem Englischen übersetzt. Umso größer ist den letzten Monaten das Erstaunen gewesen, als die Grande Dame der indischen Literatur im Westen entdeckt worden ist. Dabei schreibt Mahasveta Devi wie der Literaturnobelpreisträger von 1913 Rabindranat Tagore nicht auf Englisch im Original, sondern auf Bengali und sie hat sich auch nicht auf Kinderbücher spezialisiert.

Christian Weiß: " Mahasveta Devi ist die bekannteste indische Schriftstellerin, in Deutschland ist wohl Arundati Roy die bekannteste, aber in Indien ist es Mahasveta Devi, inzwischen ist sie schon 80 Jahre alt. Hat sehr viel veröffentlicht, mehr als 50 Romane und mehr als hundert Erzählungen. Sie ist eine sehr radikale Autorin, schreibt sozialkritische Geschichten, sie kritisiert hemmungslos die bestehenden Zustände, wir sehr geschätzt als moralische Autorität. "

Vor drei Jahren gründete Christian Weiß in Heidelberg den Draupadi Verlag, brachte zunächst indische Lyrik aus den Regionalsprachen nach Deutschland und nun auch ein anrührendes Kinderbuch aus Bengalen. The Why Why Girl - Das Mädchen Warum Warum? von Mahasveta Devi.

"Warum muss ich so weit bis zum Fluss laufen, um Wasser zu holen? Warum wohnen wir in einer Laubhütte? Warum können wir nicht zweimal am Tag Reis essen?"

Moyna hütete die Ziegen der Dorfgroßgrundbesitzer, das heißt der Babus, aber sie war weder unterwürfig noch dankbar. Sie verrichtete ihre Arbeit und kehrte abends nach Hause zurück. 1


Mahasveta Devi: " Ich bin 1926 in Dhakar geboren worden, heute der Hauptstadt von Bangladesh. Wir hatten viele Bücher zuhause, Mein Vater arbeitete für die britische Regierung, er war bei dort beim Finanzamt. Wir waren neun Geschwister. Ich bin die älteste, meine jüngste Schwester hat mich nach Frankfurt am Main begleitet. "

"Moyna, bitte vergiss nicht, dem Großgrundbesitzer für den Reis zu danken, den er uns hat zukommen lassen", sagte Khiri. "Warum sollte ich?", fragte Moyna. "Feg ich nicht seinen Kuhstall aus? Und erledige ich nicht tausende anderer Arbeiten für ihn? Sagt er mir jemals danke? Warum sollte ich?", sagte Moyna und rannte weg.

Khiri seufzte und schüttelte ihren Kopf. "Ich habe noch nie so eine Kind gesehen. Immerzu fragt sie ‚Warum'. Kein Wunder, dass der Postbote sie nur ‚Das Mädchen Warum-Warum!' nennt."

"Ich mag sie", sagte ich.

"Sie besitzt aber einen sehr dicken Kopf", sagte Khiri.

"Mag einfach nicht nachgeben."


Mahasveta Devi: " Mein erstes Buch erschien 1956, es war kein Kinderbuch. Zuvor hatte ich als Journalistin für kleine Zeitschriften in Bengalen gearbeitet. Dann schrieb ich meinen ersten Roman. Er handelte vom Leben einer bengalischen Unabhängigkeitskämpferin. Rani aus Jandze ist erst 22 Jahre alt gewesen, als sie starb. Sie ritt wie der Teufel und attackierte die Engländer vom Pferderücken aus, mit diesem Buch bin ich bekannt geworden. Seit 1956 habe ich nichts anderes getan als zu schreiben. "

Christian Weiß: " Es hat in Indien seit mehr als hundert Jahren sozialkritische Romane und Erzählungen gegeben. Es gibt eine lange Tradition, auf die sie aufbauen kann. Was neu bei ihr ist, ist das sie sich sehr stark bemüht, das wiederzugeben, was sie gesehen hat. Sie ist bekannt dafür, dass sie in die Dörfer geht, in ganz abgelegene Gegenden Indiens, dort mit den Menschen lebt, mehrere Monate oder manchmal Jahre. Und sich dann anhört, was die Leute für Geschichten erzählen und welche Probleme haben, die Lieder sammelt, das ist ganz wichtig, was die Leute für Lieder singen. Und aus dem was sie dort erfährt, daraus formt sie ihre Erzählungen und Romane. Und die meisten gehen um die Verhältnisse in den Dörfern. Wie sie versuchen zu überleben. In dem Bundesstaat Bihar sind die Leute noch bettelarm. Ihr Hauptproblem ist, dass sie sich satt essen können. "

Mahasveta Devi: " Das Mädchen Warum Warum ist sehr berühmt geworden. Seit ich das Büro des National Book Trust betreten habe, wo mich die Dame händeringend um einen Text gebeten hat, ist Moynas Geschichte - so hieß das Mädchen, dem ich bei meiner Arbeit bei dem Stamm der Kheriya Shabars begegnet bin - ein großer Erfolg geworden. Danach kam jeder auf mich zu und bat um eine Geschichte. Deswegen denke ich, ich werde mehr Geschichten über die Kinder schreiben, die ich getroffen habe. Alle haben immer dieselbe Frage gestellt "Warum?" "

Wer, glaubt ihr, war das erste Mädchen, das in die Dorfgrundschule aufgenommen wurde?

Moyna.

Moyna ist inzwischen achtzehn Jahre alt und unterrichtet an der Dorfschule. Wenn ihr vorübergeht, könnt ihr sicher sein, ihre ungeduldige und fordernde Stimme zu hören: "Seit nicht so faul! Stellt mir Fragen! Fragt mich, warum man Mosquitos vernichten soll und warum der Polarstern immer im Norden steht."

Und die anderen Kinder lernen ebenfalls, ‚warum' zu fragen.

Moyna weiß nicht, dass ich diese Geschichte über sie schreibe. Wenn sie es wüsste, würde sie sicher fragen: "Über mich schreiben? Warum?"


Es würde Mahasveta Devi, die selbstbewusste alte Dame aus Bengalen vergnügen, wenn man ihr von dem Erfolg der indischen Kinderbücher des Deutschen Klaus Kordon berichtete. Seit 1987 verkauft sich sein Roman über das Mädchen Munli, das aus ihrem Dorf zu den Banditen in die Berge flieht, um einer Zwangsheirat zu entgehen, mit stetigem Erfolg. Wie Spucke im Sand beschreibt die Emanzipationsgeschichte des indischen Mädchens Munli, das zu der Banditenkönigin Phoolan Devi flüchtet. Im Roman heißt diese Meera. Am Ende ihrer Flucht trifft Munli in der großen Stadt Allahabad auf eine Frauengruppe, die sie aufnimmt und ihr einen Kleinstkredit für ihre Ausbildung gibt. In diesem Jahr ist der Friedensnobelpreis an einen Inder vergeben worden, der das System der Kleinstkredite für die Ärmsten in Indien eingeführt hat. Wie Spucke im Sand von 1987 ist der zweite Indien-Roman von Klaus Kordon gewesen. Auch Monsun oder der weiße Tiger, der erste Indien Roman des ehemaligen Exportkaufmannes aus Berlin über die ungewöhnliche Freundschaft des jungen Straßenverkäufers Gopu mit dem Sohn eines Fabrikanten während der Regenzeit ist in Deutschland für mehrere Generationen junger Leser zum Klassiker avanciert. Achtzehn Jahre lang hielt sich dieser Roman bei Beltz & Gelberg als Hardcover-Band, bevor er 1998 als Taschenbuch erschienen ist.

Dann sind Gopu und der Vater außerhalb der Stadt und nähern sich dem Cheetah-Camp. Gopu wird langsamer. Er betrachtet die Hütten rechts und links des Weges. Einige sind erleuchtet, in anderen funzelt ein Öllämpchen.

Kein Wasser?", fragt Gopu. Er sieht weder Leitungen noch Kanalisationen.

"Kein Wasser, keine Müllabfuhr, dafür Seuchen, Krankheiten, Hunger, Selbstmörder!", antwortet der Vater bitter. Er bleibt stehen und legt Gopu erneut die Hand auf die Schulter. "Du hast mir Mut gemacht. Versprich mir, alles zu tun, damit wir hier wieder herauskommen."

Gopu nickt. Ein Kloß sitzt ihm im Hals. Das Vertrauen des Vaters wiegt schwer.

"Wenn du siehst, wie wir hausen, fürchte dich nicht", bittet der Vater. "Nehmen zwei Männer sich etwas vor, lässt Shiva sie nicht im Stich."

"Ich fürchte mich nicht", sagt Gopu.


" Mein Name ist Sirish Rao. Ich bin im Januar 1976 geboren worden. Insofern habe ich gerade den Gipfel der Dreißiger überschritten. Meine Familie lebt in Bangalore. Meine Mutter ist Schwimmlehrerin, sie ist einige nationale Meisterschaften im Schwimmen gewonnen. Mein Vater hat lange in der Werbung gearbeitet. Dann hat er sich verändert. Heute berät er ayurvedische Firmen. Ich bin also in einem Elternhaus voller Hunde, Kobras und allerlei anderem Getier aufgewachsen. "

Der Bergsteiger und Ökologe Sirish Rao steht für das Interesse einer neuen Verlegergeneration den Spagat einer Buchproduktion mit Mitteln der autochthonen Traditionen für den Weltmarkt zu wagen. Gemeinsam mit Anoushka Ravishankar brachte er in diesem Jahr eine Arbeit der zentralindischen Illustratorin Durga Bai heraus. Das faszinierende Bilderbuch ist im Hanser Verlag erschienen. Auf einem Baum versammeln sich in diesem kunstvollen Abzählbuch stilisierte Tiere, daher der englische Titel One, Two, Tree

Anoushka Ravishankar: " Wir haben nicht mit dem Titel angefangen. Angefangen hat es, als wir die Wandgemälde von Durga Bai entdeckt haben. Sirish und ich - wir haben uns also zusammengesetzt und überlegt, wie wir die Bildersprache dieser Frau umsetzen konnten. Herausgekommen ist ein Abzählbuch, in dem sich ihre Vögel und die anderen Tierfiguren auf einem Baum versammeln. Der Titel kam erst später. "

Die Autorenkooperative des Tara-Verlages steht in Indien für das hochwertige Kinderbuch. In einem Land, in dem die meisten Kinderbücher des National Book Trust wie grau gebundene Flugblattsammlungen aussehen, um in gigantischer Auflage die Unterschicht zu erreichen, stechen die experimentellen Hochglanz-Publikation des kleinen indischen Verlages im Hochpreissegment heraus. Wobei der deutschstämmigen Verlegerin Gita Wolf und ihren Autoren die Wurzeln der indischen Kultur sehr wichtig sind.

Ravishankar: " Durga Bai, unsere Illustratorin kommt aus Madipradesh in Indien. Sie gehört zu dem Stamm der Gond. Die Gond haben eine sehr starke visuelle Tradition und ihre Arbeiten sind davon sehr stark geprägt. Interessanterweise ist dabei die stilisierten Art und Weise Tiere darzustellen im Stamm allen eigen, wobei die Künstler ihre eigenen Tierikonen kreieren. Bilder, an denen man jeden Künstler erkennen kann. "

Sirish Rao: " In ihrem Stamm verwurzelte Künstler wie Durga verfügen über eine starke Bildersprache. Doch nicht jeder Maler eines Stammes verfügt über ihre Qualität. In London haben wir über mehrere Monate mit einem anderen traditionell geprägten Zeichner gearbeitet. Dursham heißt er, wir haben seine Impressionen von der englischen Kapitale in Indien herausgebracht. Wir nannten sie Das Londoner Dschungel-Buch, in Anlehnung an Rudyard Kiplings Dschungelbuch. Wir sehen das als wesentlichen Bestandteil unserer Verlagsarbeit an, nach Menschen zu suchen, die einen Teil der an Traditionen so reichen Welt, in der wir leben, zu Papier bringen können. Es ist eine Schande. eine Künstlerin wie Durga Bai sollte nicht am Rande der Gesellschaft, sondern im Rampenlicht stehen. "

Mit dem indischen Illustrator Pulak Biswas erarbeitete Anoushka Ravishankar auch ihr vorletztes Kinderbuch. 2002 war der indische Tara Verlag in Deutschland noch unbekannt. So erschien Ravishankars Tiger, kleiner Tiger im Freiburger Blauburg Verlag. Mit nur drei Farben - schwarz, weiß und rot - beschreiben die atmosphärischen Bilder von Pulak Biswas die Geschichte des gefangenen kleinen Tigers, der bei seiner Ruhepause auf einem Baum gefangen wird und damit die Männer des Dorfes in große Ratlosigkeit stürzt.

Wir haben ihn! Und nun? Was sollen wir mit ihm tun?
Steckt ihn in die Suppe! Schießt ihn auf den Mond! Klebt ihn fest mit Spucke!


Am Ende lassen ihn die Männer frei. Sechs internationale Preise gewann das Buch, in sechs Sprachen wurde es übersetzt. Es scheint - und darauf deuten auch Jugendbücher wie Mangosommer von Kashmira Seth bei Beltz & Gelberg oder das Elefantenbilderbuch bei Hanser hin, die im kommenden Frühjahr erscheinen werden, dass die konkrete Auseinandersetzung mit indischen Traditionen wieder Aufwind erhält.

Mami klopfte an die Tür. "Jeeta, genug getrödelt. Wenn du nicht sofort raus kommst, musst du die nächsten zwei Stunden da drin bleiben."

Anders als in der klischeebeladenen Westside-Story des in England lebenden jungen Bali Rai, Rani und Sukh - Eine verbotene Liebe heißt sein bollywoodartig aufgeplusterter Roman, beschreibt die Inderin Kashmira Seth mit ironischem Unterton in Mangosommer die Heirats-Traditionen in einer indischen Familie.

Jedes Mal, wenn ein möglicher Bräutigam kam, um Nimita, meine einundzwanzig Jahre alte Schwester zu begutachten, schickte Mami Mohini, meine Schwester, und mich solange aus dem Haus. Wir sollten eine bisschen in den Straßen von Bombay herumspazieren. Das sei nötig, behauptete Mami, damit Nimita und der junge Mann Zeit allein miteinander verbringen konnten. Klar - so allein wie Bienen in einem Bienenkorb. Der Typ erschien normalerweise mit drei oder vier seiner Verwandten, was machte es da schon, wenn Mohini und ich auch dabei gewesen wären? Aber vielleicht hatte es ja damit zu tun, dass Mohini neunzehn war und ich sechzehn und so viele Mädchen auf einmal den armen Jungen völlig verwirren würden.

Verwirrend ist das, was derzeit aus Indien in deutschen Buchhandlungen liegt. Es lohnt sich jedoch, nach Nischenproduktionen Ausschau zu halten. Über die bekannten Klassiker und moderne Wellenreiter hinaus bieten die einen Einblick in die reichen Traditionen des Subkontinents im Aufbruch und das Leben seiner Jugendlichen im 21. Jahrhundert.

Literaturangaben

Pulak Biswas, Anoushka Ravishankar: Tiger, kleiner Tiger, Blauburg Verlag, Freiburg 2002

Tor Åge Bringsværd, Stella East: Der kleine Papagei, der ganz allein den Wald retten wollte Tiergeschichten aus dem Buddhismus, Hanser Verlag, München 2003

Mahasveta Devi: Das Mädchen Warum-Warum, illustriert von Kanyika Kini, Ins Deutsche gebracht von Hans-Martin Kunz, Draupadi Verlag, Heidelberg 2006, 28 Seiten

Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch, dtv 1200, München 1976, 141 Seiten

Rudyard Kipling: Kim, dtv 12602, München 2004, 328 Seiten

Klaus Kordon: Monsun oder Der weiße Tiger, ab 14Beltz & Gelberg, Weinheim 1998, Gulliver Tb 311, 432 Seiten

Klaus Kordon: Wie Spucke im Sand, ab 14, Weinheim 1997, Gulliver Tb 983, 386 Seiten

Hans-Martin Kunz: Mahasweta Devi - Indische Schriftstellerin und Menschenrechtlerin, Draupadi Verlag, Heidelberg 2006, 216 Seiten, ab 17 Jahre.

Anoushka Ravishankar, Sirish Rao, Durga Bai: Eins, zwei, drei!, Hanser Verlag, München 2006, Bilderbuch

Bali Rai: Rani & Sukh - Eine verbotene Liebe, Aus dem Englischen von Jacqueline Csuss, Patmos Verlag 2006, 296 Seiten,

Sandhya Rao: Mein Freund, das Meer. Aus dem Englischen von Anna Strüh, Kreuzberger Kinderstiftung, Berlin 2006, ab 7 Jahre

Kashmira Sheth: Mangosommer, Beltz & Gelberg, Weinheim 2007.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk