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Zwischen Tradition und utopischem Traum

Buch der Woche: Ezra Pound: "Die Cantos", Arche Verlag

Von Wolfgang Schneider

Der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885-1972), aufgenommen am 21.3.1961 in Rom
Der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885-1972), aufgenommen am 21.3.1961 in Rom (picture alliance / dpa / UPI)

Über fünf Jahrzehnte hat der Dichter Ezra Pound an "Die Cantos" gearbeitet - ein Lebenswerk im emphatischen Sinn, eine lyrisch-diskursive Fahrt im Sinn des Odysseus. Offen, es mit allem aufzunehmen, was die andrängende Wirklichkeit an Schrecken und Gefahren bietet.

Kein Zweifel, diese schwer in der Hand liegende, in feines Leinen gebundene und 1500 Seiten umfassende Gesamtausgabe der Cantos von Ezra Pound - links jeweils das englische Original, rechts die Übersetzung Eva Hesses - diese Ausgabe also, die im Anhang mehrere Hundert Seiten sachdienliche Erläuterungen bietet und mit einem ebenso ausführlichen wie instruktiven Nachwort des Amerikanisten Heinz Ickstadt versehen ist - diese Ausgabe ist ein Meilenstein. Erst in ihr sind die "Cantos", die als bedeutendstes und einflussreichstes Werk der amerikanischen Lyrik nach Walt Whitman gelten, wirklich im deutschen Sprachraum angekommen. Denn so wichtig dieser Autor für die Literatur des 20. Jahrhunderts auch ist - Pound-Leser sind hierzulande auch in gebildeten Kreisen eine rare Spezies. Kennzeichnend ist die Situation der Pound-Vermittlung. Eine Frau hat sie seit fünf Jahrzehnten fast im Alleingang bewerkstelligt: immer wieder Eva Hesse, die Pound von Anfang bis Ende übersetzt und einige Bücher über ihn geschrieben hat.

Fünf Jahrzehnte - mit Unterbrechungen - hat Pound an den Cantos gearbeitet; ein Lebenswerk im emphatischen Sinn, eine lyrisch-diskursive Fahrt im Sinn des Odysseus, offen, es mit allem aufzunehmen, was die andrängende Wirklichkeit an Schrecken und Gefahren bietet. Eingangs wird denn auch die Reise des Odysseus beschworen, der Abstieg des Helden in die Unterwelt, wo er vom Seher Teresias die Weissagung der am Ende gelingenden Heimkehr erhält. Ein Leitmotiv wird hier angeschlagen - das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft, Tradition und utopischem Traum. Grandiose Verse:

Und gingen hinunter zum Schiff
Kiel gegen Brecher gestellt, Bugspriet aufs heilige Meer
Und wir holten Segel und Rah an auf jenem schwarzen Schiff,
Schleppten Schafe an Bord, alsbald auch uns selber,
Blindgeweint; und Fahrtwind von achtern blies uns
Voran auf die raume See mit bauchiger Blahe.
Zirzes Zauberkraft das, der Göttin im Zopfschmuck.
Saßen dann mittschiffs, Pinne vom Wind festgekeilt,
Gestreckte Segel, fuhren so übermeer bis ans Tagesend.
Sonne hinüber, Schatten von allen Seiten,
Kamen alsdann zur Ozean-Scheide der tiefsten Wasser
Ins kimmerische Land und zu bewohnten Städten,
Nebel umsponnen, dichtes Netzwerk, niemals durchbrochen
Von Sonnengefunkel,
Nie von Sternen bezogen, kein Himmel blickt abwärts,
Pechschwarze Nacht starrt auf die Sterblichen dort.


Zum Beeindruckendsten der Cantos gehören die Beschwörungen der mediterranen Licht-Welt, der Seefahrt und des Meeres, magische Verse sinnlicher Entrückung, in denen ein mythisch durchdrungenes, vollgültiges Sein in luzide Bilder gefasst wird.

Zusammen mit T.S. Eliot gilt Pound als Begründer der modernen angloamerikanischen Lyrik. Beide öffneten das Korsett der traditionellen Metrik und entwickelten eine neue Kunst des freien Verses. Eine Zentralfigur der literarischen Moderne war Pound aber nicht nur als Autor, sondern auch als unermüdlicher Entdecker, Anreger und Unterstützer: Die Karrieren von Eliot, Hemingway und James Joyce hat er entscheidend gefördert, um nur diese drei zu nennen.

Auch wer Pound nie gelesen hat, weiß, dass er zu den Berüchtigten gehört - zu jenen, die sich mit dem Faschismus eingelassen und ihr Werk dadurch kontaminiert haben. Wie Céline und Hamsun war er ein Unverbesserlicher: Seinem Helden Mussolini ist er bis übers Kriegsende hinaus treu geblieben; als er nach zwölf Jahren Zwangsinternierung in einer Anstalt für "kriminell Geistesgestörte" 1958 wieder italienischen Boden betrat, streckte er die Hand zum Faschistengruß aus. Wie konnte eine solche Größe der Moderne, ein Mann von ungeheurer Bildung und subtilstem Sprachbewusstsein, auf die grob gestrickten Botschaften der Faschisten hereinfallen?

Sie beorderten Aldington zur Anhöhe 70, in einen Laufgraben
durch ein Leichenfeld,
Mit lauter Milchbärten von sechzehn,
Die heulten und nach ihrer Mama schrien,
Und er schickte dem Major eine Meldung:
Zehn Minuten kann ich die Stellung halten
Mit meinem Feldwebel und einem MG.
Und sie verwiesen ihm die losen Reden. ( ... )
Und hinaus zog Freund T.E. Hulme
Mit einem Stoß geliehener Bücher der Londoner Bibliothek.
Eine Granate begrub sie im Bunker,
Und die Bibliothek tat ihr Befremden kund.
Und eine Kugel traf ihn am Ellenbogen,
... war durch seinen Vordermann durchgeschlagen,
Und er, im Lazarett von Wimbledon, las Kant
im Original,
Und das Pflegepersonal war dagegen.
Und hinaus zog Wyndham Lewis
Mit einem schweren Geschütz,
Und Kampfflieger kamen vorbei mit einer mitrailleuse
und mähten fast die ganze Kompanie nieder;
Und als er draußen saß auf der Latrine
ging ein Volltreffer auf den Wellblech-Unterstand:
blieb er als einziger von jener Einheit. ( ... )
Hinaus zog Ernie Hemingway
in übergroßer Hast
Und war vier Tage lang verschüttet.


Der Erste Weltkrieg war auch für Pound die Urkatastrophe - viele seiner Freunde hatten an ihm teilgenommen. Seitdem versuchte er, den Ästhetizismus zu überwinden. Er entwickelte eine unzeitgemäße, hohe, beinahe messianische Idee von Dichtung: Die Gesellschaft heilen mit der Kraft der poetischen Sprache, der Dichter als Hüter des Gemeinwohls. Da dieses zweifellos eine Menge mit dem Wirtschaftsleben zu tun hat, öffnete Pound sein Werk für Bereiche der Wirklichkeit, die von Dichtern sonst eher selten behandelt wurden: die Ökonomie in Praxis und Theorie.

Im Chaos der kapitalistischen Moderne entwickelte Pound Ordnungsfantasien. Da der amerikanische Liberalismus die Gier nur weiter entfesselt hatte, da die Hochfinanz des Westens den Ersten Weltkrieg in Pounds Verständnis entscheidend mitverschuldet hatte, kamen für ihn nur autoritäre Lösungen in Fragen. Lenin hat er bewundert; erwartete nach dessen Tod aber nicht mehr viel von der Sowjetunion. So blieben Mussolini und der Faschismus, an den Pound - mittlerweile in Rapallo lebend - in närrischer Fixierung seine Hoffnungen band.

Große Epen berichten von Kriegen. Pound fand einen Krieg, gegen den der Kampf um Troja, wie er einmal meinte, "nur ein Flohbiss" sei, nämlich den "Konflikt zwischen den Wucherern und dem Mann, der einen guten Job machen will." "Usura" lautet Pounds Begriff für die maßlose Gier. Die Cantos sind eine Unheilsgeschichte der Usura, des Wuchers.

Das Übel heißt Wucher, Neschek
die Natter
Neschek, berüchtigter Name, der Besudler ( ... )
Hier das Kernhaus des Bösen, die sengende Hölle ohne Ablass,
Der Krebsfraß an allen Dingen, Fafnir der Wurm,
Lustseuche am Staat, an allen Königreichen,
Warze auf dem Gemeinwohl,
Gewebswucherung, die alle Dinge befällt.
Eine Düsternis, die verdirbt,
Zwillingsübel der Scheelsucht,
Schlange mit sieben Köpfen, Hydra, die überall eindringt ( ... )
Neschek, das kriechende Übel,
Schleim, Fäulniserreger an allen Dingen,
Vergifter des Brunnens ... (1179)


Das Geld und der scheinbar aus dem Nichts geschaffene Kredit werden zum Leitmotiv - und zu einer unheimlichen Spiegelung, denn auch das Gedicht ist ja eine Schöpfung scheinbar aus dem Nichts.

Zum radikalen Erneuerungswillen kommt bei Pound ein komplexes Verhältnis zur Tradition. Einer der wichtigsten Bezugstexte ist die "Göttliche Komödie". Auf Dantes Spuren unternimmt Pound einen Gang durch die Höllenbezirke der Gier und des Profitstrebens, bei dem die Protagonisten der Usura mit plakativer Exkremente-Metaphorik traktiert werden.

Die Cantos öffnen einen Geschichtsraum, in dem vergangene Zeitalter eine mythische Vergegenwärtigung erfahren, sie schreiben sich in archetypische Szenen der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte ein, seien es die Geschäfte der Medici, der Kampf um die amerikanische Unabhängigkeit der Streit um die Fischrechte an der atlantischen Küste; sei es Vergils Klagegesang der Dido um Sichäus.

Dido, von Weinen gewürgt um ihren Sichäus,
Liegt mir schwer in den Armen, Totgewicht,
In Tränen ertränkt der neue Eros,
Und das Leben geht weiter, verhärmt auf verkahlten Hängen:
Flamme sticht aus der Hand, der lustlose Regen
Trinkt dennoch von unseren Lippen den Durst,
greifbar wie Widerhall ...


Viele historische Figuren werden zum Zeugen im Prozess über die Gegenwart aufgerufen, Identifikationsgestalten und Obstruktoren, Freunde und Gegner - ein faszinierendes Maskenspiel, das allerdings enzyklopädisch gebildete Leser oder gut kommentierte Ausgaben wie diese voraussetzt. Zu Pounds Leitbildern gehören Odysseus und Aeneas, der karthagische Kapitän Hanno, der die Nordwestküste Afrikas erforschte und dem einbeeindruckendes Canto gewidmet ist, der Renaissance-Mäzen Sigismondo Malesta sowie eine Reihe idealisierter Staatsmänner und Philosophen, darunter Thomas Jefferson, John Adams und Konfuzius. Diverse Drachentöter treten in Pounds antikapitalistischer Finanzmythologie gegen das Ungeheuer des Wuchers an, darunter esoterische Denker alternativer Finanzsysteme, wie Silvio Gsell mit seinem Versuch der Schwundgeld-Wirtschaft in der österreichischen Kleinstadt Wörgl.

Zu den Schurkengestalten im Pound-Kosmos gehören Bankiers wie J.P. Morgan, die in allen Finanzkrisen immer nur reicher wurden, Waffenlieferanten und Kriegsgewinnler wie der mysteriöse "Händler des Todes" Basil Zaharoff, Präsidenten wie der gehasste Franklin D. Roosevelt, jüdische Finanzmagnaten wie die Rothschilds. Hier bricht Pounds Antisemitismus durch, der allerdings nicht rassistisch, sondern finanzpolitisch begründet ist.

Stinkschulds Sünde schreit nach Rache und der arme kleine Jid muss
Blechen für Stinkschuld
Blechen für die Vendetta einiger reicher Juden an den Gojim ( ... )
Und so überlebten wir die Sanktionen, Stalin
Litvinof, Spekulanten jonglierten mit Gold
und strichen ihre Profite ein
Lange davor schon bemerkte Johnnie Adams der Ältere:
UNBELECKTHEIT, totale Ignoranz in Sachen Geld
Unbelecktheit, was Zins und Zirkulation betrifft
Und Ben bemerkte: haltet bloß die Juden raus
Sonst werden euch die Kindeskinder noch verfluchen
Juden, richtige Juden, chazim und neschek
Und Super-Neschek, die internationalen Beutelschneider
specialité von Stinkschuld
bombensichere Keller unterm Haus in Paris
um ihre Kunstschätze zu horten
Fettsack mit seinen drei Gorillas
verschandelt uns die Seepromenade mit seiner dickwanstigen Jacht
Regierungen voll von solchen Waffenschiebern, Börsenhaien, Paradiesvögeln ...


Die politisch-ökonomische Thematik überwuchert das Ästhetische, das Pound in Zeiten des ideologischen Welt-Bürgerkriegs zunehmend irrelevant erschien. In den dreißiger Jahren schrieb er finanzpolitische Abhandlungen und Pamphlete und beschäftigte sich mit der Frage der gerechten Herrschaft - aber hat man da Vertrauen zu einem Lyriker, der den gerechten Herrscher ausgerechnet in Mussolini erblickte? Im Übrigen ging es bei diesen Schriften auch darum, die eigenen Finanzen zu sanieren. Geldknappheit war es wohl auch, die Pound dazu verführte, ab 1941 seine antiamerikanischen Propaganda-Reden für Radio-Roma zu verfassen, die ihm den schweren Verrats-Vorwurf einbrachten.

Im Mai 1945 stellte er sich der amerikanischen Armee und wurde in einem Straflager bei Pisa interniert. Die Sträflinge, die wegen Kapitalverbrechen wie Mord die Todesstrafe zu erwarten hatten, wurden dort unter freiem Himmel in sogenannte Gorillakäfige gesperrt, drei mal drei Meter auf Betonboden. In einen solchen Käfig, noch durch Metallplatten verstärkt, wurde der Dichter gepfercht, zugestanden waren ihm nur eine Decke und ein Fäkalieneimer, nachts wurde er mit Scheinwerfern angestrahlt. Pound, der mit hybridem Selbstbewusstsein aufgebrochen war, den Riss der Welt durchs lyrische Wort zu heilen, war zum Niemand geworden - zum prominenten Niemand allerdings. Nach drei Monaten brach er psychisch zusammen. Im Zelt der Krankenabteilung begann er die Arbeit an den Pisaner Cantos - erkundete die "schwarze Nacht der Seele".

Die Pisaner Cantos gelten als Höhepunkt des Werks, als Rückkehr zur lyrischen Inspiration. Zerknirschte Selbstbefragung verbindet sich mit dem trotzigen Beharren auf den politischen Idiosynkrasien und Feindbildern.

Lass ab von Eitelkeit
Du bist im Hagel ein geschlagner Hund,
Gedunsne Elster in der Sonne Wankelmut,
Halb schwarz, halb weiß
Und kennst nicht Schwanz von Schwinge
Lass ab von Eitelkeit
Wie klein dein Hass
Genährt von Falschheit,
Lass ab von Eitelkeit
Eifer zu Verheeren, arm an Erbarmen.
Lass ab von Eitelkeit,
sag ich, lass ab.


In der Gefangenschaft stand Pound keine Bibliothek zur Verfügung; der Speicher seines Gedächtnisses war jedoch reich gefüllt. So bieten auch die Pisaner Cantos ein weitverzweigtes Assoziationsgeflecht, das geübte, mit den bisherigen Cantos vertraute Leser fordert. Deren Stimmen, Themen und Motive werden zum fragmentierten, wie zersplitterten Material der Selbstreflexion, zum Erinnerungsstoff eines lyrischen Ichs, das nach der Katastrophe und dem Zusammenbruch Inventur macht. Hier bestimmt eine dezidiert moderne Perspektive den Ton, ähnlich wie in den Bewusstseinsströmen des James Joyce. Eingefügt sind reizvolle Schnappschüsse des Lageralltags: die Soldaten und Mitgefangenen, der Blick auf die Berge und Türme von Pisa, Wolkenbeobachtungen, Vögel auf dem Stacheldraht.

4 Riesen an den 4 Ecken
drei junge Männer an der Tür
und sie schippten rings um mich eine Rinne
dass nicht Nässe meine Knochen annage ( ... )
Helllichter Morgen überm Klo
am nächsten Tag
Galgenschatten quer über den Wasen
Die Wolken zu Pisa sind zweifelsohne wechselvoll
und herrlich wie ich nur je gesehn
Seit Scudder's Falls am Schuylkill
An dessen Wasserlauf ich mich in etwa eines Kerls entsinne
der tatenlos in einem primitiven Schuppen saß
nicht angelte, bloß dem Wasser zusah
ein Mann so um die fünfundvierzig


Mit den Cantos fand Pound eine elastische Form, die die Lektürefrüchte von Jahrzehnten aufnehmen konnte. Streckenweise sind die Gesänge kaum anderes als Collagen von Fremdtexten. Und sie sind ein schroffes Bildungsgebirge. Keine Seite ohne Anspielungen und Zitate, die man sich über den Kommentar erschließen muss, um dem lyrischen Assoziationsfluss folgen zu können: zahlreiche Details der Biografie Ezra Pounds, die Wirtschaftsgeschichte Oberitaliens, die Briefe des zweiten amerikanischen Präsidenten John Adams, chinesische Philosophie, um nur ein paar Wissensfelder zu nennen. Hinzu kommen viele fremdsprachige Zitate, die die homogene Textoberfläche aufbrechen: lateinische, griechische, italienische, französische, deutsche Einschübe und immer mehr chinesische Ideogramme.

Die Zitate wirken oft wie Chiffren, die nicht die lyrische Aussage präzisieren, sondern sie verrätseln und den Leser auf die Quellentexte selbst verweisen. Aber soll man erst Konfuzius, John Adams, Thomas Jefferson oder die Memoiren Martin van Burens lesen, um anschließend die Pound'sche Bezüglichkeitsartistik besser goutieren zu können und sich in den Zitat-Irrgärten einigermaßen zurechtzufinden? Über weite Strecken werden die Cantos zur hermetischen Privatsprache - zu einer Textwelt, die sich selbst zu genügen scheint.

Zum Paradiso im Sinn Dantes hat Pound es nicht mehr geschafft; das 20. Jahrhundert, meinte er, gebe die glückliche Vision nicht her. Dennoch gibt es Gesänge, in denen etwas davon aufscheint - ein entspanntes Verhältnis von Mensch und Natur, ein von Riten und Naturkreisläufen bestimmtes Leben, das mit dem modernen Alltag allerdings kaum vereinbar ist, wie diese kleine chinesische Szene:

Fegt Schnee dann über den Flusslauf
Ist eine Welt milchig wie Jade
Kleine Barke treibt wie ein Lampion
Der Wasserlauf flockt aus in der Kälte. Und in San Yin
lebt alle Welt in den Tag hinein.
Graugänse landen im Federsturm auf der Sandbank,
Wolken wachsen rings um die Fensterluke
Wasserweiten; Gänse reihen sich ein für den herbstlichen Keilflug,
Kormorane rattern über die Laternen in den Fischerkähnen,
Ein Licht wandert die nördliche Kimm entlang,
wo die Buben nach Garnelen stochern unter Steinen.
Ein Licht wandert die südliche Kimm entlang.( ... )
Sonnenaufgang: ans Werk gehen
Sonnenrüste: zur Ruhe gehen
Brunnen graben: Wasser trinken
Acker umgraben: Hirse essen
Die Macht des Kaisers? Was soll uns die?


Aufs Ganze gesehen, stimmt das Verhältnis von dichterischer Präsenz und intellektueller Bezugnahme in den Cantos nicht. Der Sprachzauber bleibt über weite Strecken verhalten - und der Erkenntnisgewinn von Pounds Irrfahrt durch die Ökonomie eher gering. Die pauschale Verdammung des Bank- und Kreditwesens überzeugt nicht, schon gar nicht in ihrer antisemitischen Stoßrichtung.

Für dieses Wucher-Werk über den Wucher muss man viel Geduld aufbringen. Es versuchen, kapitulieren, liegen lassen, wieder aufschlagen, sich unerwartet irgendwo festlesen, im Original oder in Eva Hesses immer stark involvierter, werkvertrauter, im Geist getreuer, im Wortlaut manchmal eigenwilliger Übersetzung - und langsam bekommt man bei der Lektüre Grund unter die Füße. So lernt man einen Monumentalbau der Moderne kennen: die prächtigste Ruine der Lyrik des 20. Jahrhunderts. Das ist dann doch ein nachhaltigeres literarisches Erlebnis als viele leichthin weggeschmökerte Romane der Saison.

Lesen, indes der weiße Flügelschlag der Zeit uns streift,
ist das nicht Seligkeit?
Freunde zu haben, die von fernher zu uns kommen,
ist das nicht Freude?
uns nichts daraus machen, dass wir unposaunt sind?



Ezra Pound:
Die Cantos. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Manfred Pfister, Heinz Ickstadt und Eva Hesse. Arche Verlag, Hamburg 2012, 1480 S., geb., 98,00 Euro

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