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StartseiteThemen der WocheZwischen Zelt und Zukunft20.08.2011

Zwischen Zelt und Zukunft

Europas Jugend geht auf die Straße

Was hat das britische Tottenham mit dem Tahrir-Platz in Kairo zu tun? Was die brennenden Karossen in Charlottenburg mit den hitzigen Demonstrationen gegen den Papstbesuch in Madrid? Was das Protestcamp auf dem prachtvollen Rothschild-Boulevard in Tel Aviv mit den Zeltstädten in Spanien?

Von Hubert Maessen, freier Journalist

Paris: Solidaritätsveranstaltung mit den Jugendprotesten in Spanien (picture alliance / dpa / Fabrissa Delaville)
Paris: Solidaritätsveranstaltung mit den Jugendprotesten in Spanien (picture alliance / dpa / Fabrissa Delaville)

Ist das mehr als eine oberflächliche Ähnlichkeit in der Rubrik "Formen des Protests"? Mehr als ein zufälliges Zusammentreffen von Ereignissen, die in Wahrheit sehr verschiedene Hintergründe und Ursachen haben? Gibt es vielleicht doch Zusammenhänge, aus denen Schlüsse zu ziehen sind, zum Beispiel darauf, was uns blüht und drohen könnte?

Man muss kein Marxist sein, um im Handumdrehen auf die Ökonomie zu kommen; da genügt schon die sentimental umflorte Erinnerung an Bill Clinton, von dem mindestens ein großes "Soundbite" in der Welt bleibt: "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!" George Bush der Ältere glaubte noch, als siegreicher Oberbefehlshaber des ersten Golfkriegs wiedergewählt zu werden, da wusste der Mann aus Hope in Arkansas längst, dass nach der moralischen Schlacht das Fressen unbedingt an erster Stelle steht.

Eine Gemeinschaft ist nur dann über den Sonntag hinaus anerkannt und gefestigt, wenn sie ihren Menschen ein gutes Leben sichert und glaubhaft Zukunft verheißt. Wer sich einen Mercedes leisten kann, der fackelt keinen ab. Wer mit und von Arbeit gut leben kann, der plündert keine Supermärkte, jedenfalls nicht gewaltsam. Das ist in Europa so wie in den USA und an den Gestaden des Mittelmeers. Die junge Generation, der die Zukunft naturgemäß immer gehört, verweigert einer Gegenwart Gefolgschaft, die diese Zukunft blockiert oder schon verfrühstückt hat. Der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat das Arabellische frappant mit dem Überschuss junger Männer erklärt, die keinen angemessenen Platz in der Gesellschaft finden können, und es ist ja auch nicht von ungefähr, dass in Spanien eine exorbitante Arbeitslosigkeit der Jugend zu Empörung und Aufruhr führt. Der Protest gegen den Papstbesuch dort ist bezeichnenderweise mit den hohen Kosten und der Verschwendung öffentlicher Mittel befeuert worden. In Israel lässt sich die soziale Frage nicht mehr mit der Opferbereitschaft in der Wagenburg unterdrücken, und dass es in London und Berlin Explosionen der Gewalt gibt, entspringt wohl nicht nur einer Hip-Hop- oder Apo-Folklore gepaart mit schlechtem Benehmen. Auch 1968 hatte durchaus ökonomische Wurzeln, denn dem bunten Pop-Protest wehten 1966 die Schwarzen Fahnen an der Ruhr voran, das Ende des Wirtschaftswunders war auch das Ende der Ökonomie des Wiederaufbaus und des CDU-Staats. Die Regeln mussten verändert werden und wurden es auch.

Wohlgemerkt: Die politische Ökonomie schließt Unanständigkeit und asoziale Attitüde nicht aus, der Marxsche Überbau kann auch ein flatterhaftes Eigenleben haben. Man möchte ja hinter der letztens offenbar gewordenen betrügerischen Raffgier einer Oberschicht im britischen Unterhaus keine soziale Frage suchen. Doch dort und im Finanzdistrikt ist der Gesellschaftsvertrag gebrochen worden, und er lässt sich mit der Peitsche der Gerichte nicht erneuern.

Durch die Aufkündigung des Gesellschaftsvertrags, aber auch schon durch das Unvermögen, ihn einhalten zu können, entsteht existenzielle Gefahr, über den Protest bis zum Aufstand. Europa muss nicht glauben, es sei davor sicher. Das ist es nicht.

Eine Politik, die Wohlstand für alle verheißt, in Wahrheit aber durch Schulden zukünftige Armut erzeugt, die Regeln und Verträge bricht und Demokratie als lästig vermeidet, die spielt mit dem Feuer. Wenn Europa nicht mehr Hoffnung macht, sondern Angst, dann dürfte es eine neue Konjunktur geben. Für Protest und brachiale Konflikte. So sind die Zeichen.

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