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StartseiteForschung aktuellZwischenfall mit ernstem Hintergrund11.08.2006

Zwischenfall mit ernstem Hintergrund

Ausfallerscheinungen im Kernkraftwerk Forsmark müssen genau untersucht werden

Kerntechnik. - Der Zwischenfall im ersten Reaktorblock des schwedischen Kernkraftwerks Forsmark liegt jetzt schon gut 14 Tage zurück, doch nur langsam kommen die Ingenieure hinter den genauen Ablauf. Im Mittelpunkt der Frage steht, warum zwei von vier baugleichen Notstromdieselgeneratoren ausfielen, die beiden anderen jedoch nicht. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erläutert den Stand der Ermittlungen im Gespräch mit Grit Kienzlen.

Das Kernkraftwerk Forsmark mit seinen drei Reaktorblöcken. (Forsmark Kraftgrupp)
Das Kernkraftwerk Forsmark mit seinen drei Reaktorblöcken. (Forsmark Kraftgrupp)

Kienzlen: Frau Röhrlich, viel geredet wurde über vier Notstromaggregate in Forsmark, von denen nur zwei angelaufen sind, um die Kühlung zu gewährleisten. Was war denn mit den beiden anderen nun los?

Röhrlich: Das Dieselaggregat muss starten, um Notstrom zu liefern, und dafür braucht man Energie, die für die Regelung sorgt. Und diese Energie ist Strom, und dieser Strom kommt aus einer Batterie. Die Batterie funktioniert wie alle Batterien mit Gleichstrom und gibt auch Gleichstrom ab. Und das ist das Problem, in Forsmark brauchen die Dieselgeneratoren Wechselstrom. Also ist dahinter ein Gerät geschaltet worden, das aus dem Gleichstrom Wechselstrom macht. Und dieser Wechselrichter ist durch einen Spannungsstoß ausgeschaltet worden, und zwar genau durch den gleichen Spannungsstoß, der den ganzen Ärger überhaupt erst verursacht hat. Wir haben hier also einen Störfall gehabt, der wirklich durchgeschlagen ist, der den ganzen Reaktor durchlaufen hat, bis hinunter auf die untersten Ebenen der Sicherheitssysteme.

Kienzlen: Der Wechselrichter muss aber doch vor alle Notstromaggregate geschaltet sein. Jetzt haben offenbar zwei funktioniert und die anderen nicht. Wie kann man sich das erklären?

Röhrlich: Das ist das Unerklärliche. Und das ist eigentlich auch das Kritische, wenn man so will. Denn die Antwort auf diese Frage wird uns erklären können, wie nahe wir an einer Kernschmelze dran waren. Zwei Systeme haben funktioniert, der Reaktor hat automatisch richtig reagiert, die zwei Systeme, die funktioniert haben, haben auch richtig reagiert. Sprich, es bestand keine Gefahr, alles lief, alles war gesichert. Aber ist das jetzt reiner Zufall gewesen, dass die beiden funktioniert haben? Die haben diesen Spannungsstoß auch abbekommen und eigentlich hätte das so sein müssen wie zu Hause, wenn in einem Haus vier Laptops zum Beispiel in Steckdosen hinein gesteckt sind, ein Blitz schlägt ins Haus ein und dann kann es durchaus sein, dass alle vier Laptops zerstört sind. Und wenn jetzt nur zwei zerstört sind, dann kann man sich durchaus fragen, woran liegt das? Das kann Glück sein, das kann auch hier reines Glück gewesen sein, und das macht diesen Störfall so bedenklich.

Kienzlen: Dass wir jetzt Glück hatten, ist eine schöne Sache. Was wäre denn passiert, wenn die anderen zwei auch ausgefallen wären?

Röhrlich: Dann wäre es sehr schwer gewesen, den Reaktor davon abzuhalten, dass er so heiß wird, dass eine Kernschmelze auftritt. Wie beispielsweise Anfang der 70er Jahre in Harrisburg, wo es auch eine teilweise Kernschmelze gegeben hat, und wo auch durch Glück die Folgen weitgehend auf das Reaktorgebäude beschränkt blieben. Ob die auch, wenn alle vier Systeme ausgefallen wären, zu verhindern gewesen wäre, das ist eine wirklich kritische Frage.

Kienzlen: Solche Notstromaggregate gibt es auch in deutschen Kernkraftwerken. Wie kann das Bundesumweltministerium dann sagen, bei uns bestünde diese Problematik nicht?

Röhrlich: Ja, so richtig sagen kann es das im Moment noch nicht, es kann es höchstens vermuten. Wir haben einen etwas anderen Aufbau. Die Batterien sind größer dimensioniert, die Dieselaggregate brauchen Gleichstrom, sprich ich brauche diesen Wechselrichter nicht, der vom Gleichstrom in den Wechselstrom hinübergeht. Aber was jetzt wirklich passiert, wenn ein großer Spannungsstoß durch ein solches System läuft, durch einen Blitzschlag, durch eine technische Störung, das muss man sich genau ansehen. Denn es kann ja trotzdem sein, dass obwohl alles anders ist, die Auswirkungen doch gleich sind. Das bedarf einer genauen Analyse, die steht noch aus, die läuft, und das wird noch eine Weile dauern.

Kienzlen: Man hat auch erfahren, dass in Forsmark ein einzelnes technisches System nicht gereicht hätte. Man hat tatsächlich zwei Notstromaggregate gebraucht. Wie wäre das denn in Deutschland?

Röhrlich: Das kommt darauf an, welchen Reaktor wir haben, oft ist auch doppelte Sicherheit, manchmal ist noch ein bisschen mehr gegeben, das ist unterschiedlich.


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