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StartseiteZwölf mal DeutschlandDie Busfahrer von Schmallenberg23.02.2015

Zwölf Mal DeutschlandDie Busfahrer von Schmallenberg

Sie lieben ihren Job und kennen das halbe Sauerland persönlich. Rosi und Peter sind Busfahrer und erzählen uns bei einem unverhofften Kaffee von ihrem Leben hinter dem Steuer, vom täglichen Hin und Her durch ihre Heimat. Ein kleines Stück Deutschland zeigen sie uns, sehr offen, mal ernst, mal fröhlich. Ganz schlecht zu sprechen sind sie gerade auf Andrea Nahles.

Von Jörg-Christian Schillmöller (Text) und Dirk Gebhardt (Fotos)

Rosi König am Steuer ihres Linienbusses (Dirk Gebhardt)
Lebt ihren Jugendtraum: Busfahrerin Rosi König (Dirk Gebhardt)
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Schon wieder Hochnebel. Dick und zäh, schon seit Tagen. Es ist morgens gegen halb neun, und es wird nicht richtig hell im Sauerland. Wir laufen am Straßenrand, die Rucksäcke auf den Schultern, kein Bürgersteig. Gerade lassen wir den kleinen Ort Bracht hinter uns, da hält auf der anderen Straßenseite ein Linienbus - in Gegenrichtung. Fährt hier doch noch was? Im Dorf hatten sie gesagt, dass erst nachmittags wieder ein Bus kommt.

Aber Rosi König fährt noch. Sie öffnet die Türen und lacht uns im roten Fleece-Pullover an. Ein paar Minuten lang hält sie in Bracht, dann nimmt sie uns mit nach Schmallenberg. Rosi ist ein Landei, das Wort benutzt sie selbst. Sie ist in Berge bei Meschede aufgewachsen und hat immer im Sauerland gelebt. Der Menschenschlag gilt als schwer zu knacken. Das Klischee lautet: Mit einem Sauerländer musst Du einen Sack Salz essen, um Freundschaft zu schließen. "Stimmt nicht", sagt Rosi. "Wir sind eigentlich ganz offen."

Hochnebel im Sauerland (Dirk Gebhardt)Hochnebel im Sauerland (Dirk Gebhardt)

Dirk und ich stehen vorne an der Frontscheibe, und Rosi fährt uns durch den Morgennebel. Die Straße ist ein schmales graues Band, rechts und links erahnen wir Felder und Hügel. Wir sind die einzigen Fahrgäste. Ab und an knackt das Funkgerät, das vorne links hängt, und Rosi hupt, nur für uns. Eine kleine Weile lang sind wir zu dritt auf der Welt.

Viele müssen ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken

"Meinen Mann habe ich mir aus Hessen geholt", sagt Rosi. Heute will er eine Ballonfahrt machen, ein Geschenk der Nachbarn zum Siebzigsten. Wir wollen wissen: Wie geht es den Menschen hier? Unser Eindruck war: gut. Wir hatten viele gepflegte, etwas piefige Häuser und ziemlich dicke Autos gesehen.

"Der Eindruck täuscht", sagt Rosi. "Viele Leute müssen aufstocken mit Hartz IV, weil ihr Einkommen nicht reicht. Das erlebe ich im Bekanntenkreis." Sie wird deutlicher: "Festanstellungen sind total selten geworden. Wenn man in Meschede in der Fußgängerzone alle 450-Euro-Kräfte entlassen würde, dann wären die Läden leer."

Sie klingt traurig und wütend. "Früher konnte eine Familie davon leben, wenn einer von beiden arbeiten ging. Heute müssen Familien jeden Cent umdrehen, auch wenn beide arbeiten." Kein Wunder, denken wir, dass in den Dörfern hier die Discounter aufgetaucht sind. "Da kaufen die alleinerziehenden Mütter ein", meint Rosi. "Bei Tedi und Kodi, da finden sie Geschenke, die sie bezahlen können."

Kaffee und Lebensgeschichten

Leben in Deutschland 2015. "Wollt ihr einen Kaffee?", fragt Rosi, als wir in Schmallenberg ankommen. Sie hat zwei Stunden Pause, und wir sagen Ja. Schmallenberg ist Strumpfstadt. Hier hat der deutsche Traditionsbetrieb Falke seinen Sitz, gegründet 1895, mehr als 3.000 Mitarbeiter weltweit.

Wir gehen ein paar Schritte in den nächsten Supermarkt und setzen uns ins Café. Die Stühle und Bänke sind mit braunem Kunstleder bezogen, im Hintergrund schrappt eine Brotschneidemaschine, dazu piepsen die Kassen. Schräg gegenüber frühstückt bedächtig ein fettleibiges Paar. Rosi erzählt uns von ihrer Lehre als 16-Jährige im Hotel in Wenholthausen, 50 Betten. Sie erzählt von durchgearbeiteten Wochenenden, von ihrer Ehe und ihren Kindern (Sebastian, 30, ebenfalls Busfahrer, und Sabine, 27, Einzelhandel).

Peter hat den schöneren Bus

Wir bleiben nicht lange zu dritt. Rosis Kollege Peter hat auch Pause. "Ich habe eine Überraschung für Dich, zack zack, mach hinne", sagt sie ins Telefon. Zehn Minuten später drücken wir Peter Schulte die Hand und hören ihn zum ersten Mal lachen - ein rauchiges, fröhliches Geräusch. Peter trägt ein schwarzes Sweatshirt, darauf ein weißer Bus und zwei Sätze: "Ich bin Busfahrer. Um Zeit zu sparen, lass uns einfach sagen, dass ich immer recht habe."

Peter Schulte fährt gern - heute im Reisebus für den Linienverkehr (Dirk Gebhardt)Peter Schulte fährt gern - heute im Reisebus für den Linienverkehr (Dirk Gebhardt)

Peter hat heute den schöneren Bus. Das gibt Rosi gern zu, denn Peter fährt einen Reisebus, der auch im Linienverkehr eingesetzt wird. Denn: ihr Unternehmen fährt auch für den BRS, den Busverkehr Ruhr-Sieg, eine Tochter der Bahn. Wir fragen: "Warum seid ihr Busfahrer geworden?" Rosi sagt ohne zu zögern: "Jugendtraum." Sie hat ein Lächeln im Gesicht, als sie das sagt. Die Lehre im Hotel hat sie nur gemacht, weil es damals so gut wie keine Frauen im Busgewerbe gab. Ihren Traum hat sie trotzdem verwirklicht, nur etwas später.

Peter war früher Gabelstaplerfahrer in der Gegend und bekam Probleme mit Rücken und Knie. "Die Rentenversicherung hat mir den Busschein bezahlt", sagt er. "Ja, das Fahren, das macht schon Spaß." Das Wort Spaß klingt im Sauerland wie "Spass", mit kurzem a wie in krass. Viele Leute hängen an ihre Sätze auch das Wörtchen "woll?" dran. Manche tun das schmerzhaft oft.

"Dokumentationspflicht? Was soll der Zinnober?"

Busfahren im Sauerland: Rosi und Peter sind schlecht auf die Bundesarbeitsministerin zu sprechen. "Dank unserer Frau Nahles müssen wir jetzt neue Stundenzettel ausfüllen", sagt Peter. Er meint die Dokumentationspflicht, die wegen des Mindestlohnes seit Jahresanfang gilt. Neun Branchen müssen ihre Arbeitszeiten besonders genau darlegen, darunter das "Personenbeförderungsgewerbe" - siehe §17 Mindestlohngesetz und §2a Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz.

Peter Schulte hält die Dokumentationspflicht für Quatsch. "Die können anhand unserer bisherigen Zettel schon sehen, was wir gemacht haben. Ich weiß nicht, was der Zinnober soll. Das bringt nichts, schon gar nicht, wenn Du Vollzeit arbeitest. Für Minijobber ist das was anderes." Rosi nickt: "Wir müssen's machen, obwohl wir festangestellt sind. Dummes Zeug."

Busfahren im Sauerland - nicht alle Dörfer sind gut angebunden (Dirk Gebhardt)Busfahren im Sauerland - nicht alle Dörfer sind gut angebunden (Dirk Gebhardt)

Wie sieht es aus mit Nachwuchs in der Busbranche? "Schlecht", sagen Peter und Rosi. Sie erzählen, dass heute viele Rentner den Job machen und die jungen Leute sich von Arbeitszeiten und Verdienst abschrecken lassen. Auch der Busschein sei ein Hindernis, sagt Rosi. Sechs Prüfungen hat sie gemacht: Theorie und Praxis für Lkw, Theorie und Praxis für Bus - und nochmal Theorie und Praxis für Bus bei der Industrie- und Handelskammer. "Da kommen schnell ein paar tausend Euro zusammen." Mit ihrem Chef sind Rosi und Peter zufrieden: Der lege viel Wert auf Lenk- und Ruhezeiten, sagen sie. Und: er zahle im Vergleich gut.

Die Niederländer bringen auch neues Leben ins Sauerland

Wir kommen auf das Thema Heimat und das Sauerland. Fest verwurzelt sind sie hier, die Busfahrer, das spürt man. Beide reden freundlich über ihre Gegend. Manchmal klingt es ein bisschen nach Rechtfertigung. So als würde das Sauerland unterschätzt. Wie stehen beide zu den vielen Niederländern, die ihre Heimat seit Jahrzehnten bevölkern? Der Kahle Asten gilt mittlerweile als "höchster Berg von Holland", und in Winterberg sollen 40 Prozent der Gastronomie in niederländischer Hand sein.

Rosi und Peter haben sich damit arrangiert. Sie sagen: Wir haben deswegen weniger Leerstand in der Region. "In Bilstein", erzählt Peter, "hat vor kurzem ein Niederländer ein Hotel übernommen. Für den machen wir jetzt auch Fahrten, und seitdem ist da wieder Leben im Ort." Er wird nachdenklich. "Im Repetal gab es jahrzehntelang das Hotel Struck. Das hat jetzt dicht gemacht. Das ist ein komisches Gefühl, dran vorbeizufahren."

 Morgens um neun Uhr im Sauerland - unterwegs im Bus (Dirk Gebhardt)Morgens um neun Uhr im Sauerland - unterwegs im Bus (Dirk Gebhardt)

Deutschland, 2015. Wir reden über Pegida. Peter Schulte findet, mit Ausländerfeindlichkeit habe die Debatte nichts zu tun. Es gehe vielmehr darum, dass die Menschen die Nase voll von der Politik hätten und immer unzufriedener würden. Mehrfach sagt er, das "Verhältnis" stimme nicht mehr. Erklären tut er das so: "Wir haben viele Sozialfälle im Land, und Leute müssen unter Brücken schlafen. Und den Flüchtlingen wird alles in den Hintern geblasen." Rosi nickt, und Peter betont, die Flüchtlinge könnten nichts dafür - und dass er es als Ausländer genauso machen würde. Kein leichtes Thema. Wir spüren: Da ist ein Groll, tief in beiden. Ein Groll, der mehr als eine Ursache hat.

Busfahrer-Witze - gibt es auch

Am Ende kommt noch kurz ein dritter Kollege dazu: Stefan Müller. Er passt ins hügelige Sauerland, denn er hat früher in der Schiefergrube in Bad Fredeburg gearbeitet, bis 200 Meter tief. Der Schiefer ist das architektonische Markenzeichen der Häuser hier. Stefan Müller genießt heute die "08er-Rente". Die bekommt man ab dem 50. Lebensjahr und nach 25 Jahren unter Tage. "Das haben wir nur im Bergbau", sagt Stefan. Für ihn heißt das: Er darf eine bestimmte Summe im Monat als Busfahrer dazuverdienen. Fährt er mehr, lässt er sich das als Überstunden anrechnen - und hat im Sommer länger Urlaub.

Fehlt nur noch ein Busfahrer-Witz. Gleich wird Peter Schulte wieder laut und rauchig lachen. Aber erst erzählt er. Ungefähr so: Kommen ein Pastor und ein Busfahrer an die Himmelspforte. Petrus schickt den Pastor in die Hölle und den Busfahrer in den Himmel. Der Pastor findet das ungerecht. Da sagt Petrus: Bei Dir in der Kirche haben immer alle geschlafen. Im Bus, da haben sie alle gebetet."

Am Ende haben Dirk und ich den Eindruck, dass wir hier, in diesem unscheinbaren Café in Schmallenberg, mit etwas Geduld die komplette Busfahrerbranche des Sauerlandes kennenlernen könnten. Diese Geschichte ist uns einfach so widerfahren, ohne Planung - weil Rosi König im Hochnebel angehalten und ihre Türen geöffnet hat.

Fertig für die Pause: Rosi König packt zusammen und schließt ab (Dirk Gebhardt)Fertig für die Pause: Rosi König packt zusammen und schließt ab (Dirk Gebhardt)

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