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StartseiteZwölf mal DeutschlandDie Leserinnen28.09.2015

Zwölf Mal DeutschlandDie Leserinnen

Die erste deutsche Volksbücherei steht in Sachsen. Vier Frauen pflegen in Großenhain das Erbe eines Mannes, der Bildung unter Menschen brachte. Und die Marienkirche - die "Schwester" der Dresdner Frauenkirche - macht uns ein großzügiges Geschenk.

Von Jörg-Christian Schillmöller (Text) und Dirk Gebhardt (Fotos)

Die Bibliothekarinnen Kathrin Schäfer und Anja Hofmann pflegen das Erbe von Karl Preusker, der die erste deutsche Volksbücherei eröffnete. (Dirk Gebhardt)
Die Bibliothekarinnen Kathrin Schäfer und Anja Hofmann pflegen das Erbe von Karl Preusker, der die erste deutsche Volksbücherei eröffnete. (Dirk Gebhardt)
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Die Luft ist voller Salbei. Wir sitzen im Lesegarten zwischen Buchsbaumhecken und hören Anja Hofmann und Kathrin Schäfer zu. Schräg hinter mir steht der grünsilbern leuchtende Salbeibusch, dessen Duft herüberzieht. Ich sehe Lavendel, Oregano, Bohnenkraut, Beifuß, Liebstöckel - und da hinten steht Sauerampfer, der in Sachsen Sauer Lumpe heißt. Der Lesegarten ist ein Kräutergarten.

Anja Hofmann und Kathrin Schäfer arbeiten mit zwei Kolleginnen in der Bibliothek neben uns, und sie erzählen von Karl Preusker, dem Gründer. Der Mann war gelernter Buchhändler und später "Rentamtmann", heute würde man Finanzbeamter sagen. Er wollte nicht hinnehmen, dass sich die Bürger kein Buch ausleihen konnten. Er wollte Bildung für alle. Also eröffnete er am 24. Oktober 1828 in Großenhain die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland, die erste "Volksbücherei". Mit 132 Büchern. Seit 1995 ist jedes Jahr am 24. Oktober in Deutschland der "Tag der Bibliotheken". Das ist Preuskers Erbe.

Per Zufall in die Bücherei

Großenhain ist ein Städtchen nördlich von Dresden. Wir wollten eigentlich zu einer Agrargenossenschaft im winzigen Ortsteil Skäßchen, aber wir sind spät dran, und unser Termin verschiebt sich auf den nächsten Morgen. Plötzlich haben wir viel Zeit für Großenhain. Wir gehen ins Rathaus und fragen, was wir sehen sollten. Pressesprecherin Anna Schulze telefoniert ein bisschen und bringt uns zur Preusker-Bücherei. Auf dem Weg bringen wir die Rucksäcke in die Pilgerherberge der Marienkirche. Das Nachtquartier steht, wir dürfen dort schlafen.

Wolfgang und Waltraud leben in Großenhain - sie hat ihn hierher geholt. (Dirk Gebhardt)Wolfgang und Waltraud leben in Großenhain - sie hat ihn hierher geholt. (Dirk Gebhardt)

Dann geht es Schlag auf Schlag. In der Bibliothek platzen wir in einen ausklingenden Senioren-Nachmittag zum Thema Kräuter. Gerade gibt es zum Abschluss ein Glas Sekt und ein paar Häppchen. Wir sagen, wer wir sind, setzen uns mit an den Tisch und fragen die Menschen nach Großenhain. Zum Beispiel Wolfgang und Waltraud. Sie hat ihn einst in Leipzig kennengelernt und mitgenommen nach Großenhain. Für ihn, den Hochspannungs-Elektriker in der Kohleindustrie, war das die maximale Umstellung. "Ich bin Bergmann", sagt er. "Dort wurde die Wahrheit gesagt, auch wenn das manchen nicht schmeckte." Hat er die Stasi gefürchtet? "Ja", sagt er. "Immer wenn ich die fünf null gehört habe, habe ich die Biege gemacht." Die fünf null? "Ja, das war die Stasi". Warum genau das so heißt, weiß er nicht. Ich kann es später im Internet nicht herausfinden. War das die Telefonnummer? Ein Code, eine Abkürzung?

Waltraud war früher Lehrerin, sie ist Jahrgang 1938, und an den Zweiten Weltkrieg erinnert sie sich noch gut: "Am 13. Februar 1945 haben wir Dresden brennen sehen, hier in Großenhain", erzählt sie. Luftlinie sind das um die 35 Kilometer. "Der Himmel war blutrot", sagt Waltraud. Heute ärgert sie sich, dass vieles aus DDR-Zeiten über einen Kamm geschoren werde. "Es wird immer alles so schlecht dargestellt", sagt sie. "Aber dass wir etwas Schlechtes gewollt hätten, das ist nicht der Fall. Es war damals viel die Rede von Frieden, und als junger Mensch glaubt man das." Was ist mit der Stasi, mit Überwachung, Bespitzelung, Verrat? Sie betont, sie habe erst nach der Wende davon erfahren und sei entsetzt gewesen.

Der Tornado legte die Bäume auf dem Kupferberg um

Schon sind wir mitten drin in den Geschichten. Wir erfahren, dass für die Großenhainer der Kupferberg das Ausflugsziel ist. Kupfer wurde im Grunde nie welches gefunden. Der Name ist geblieben. Und die Erinnerung an den schlimmsten Tag in der jüngeren Vergangenheit: Am Pfingstmontag 2010 fegte ein Tornado durch Sachsen und Brandenburg - und mitten durch Großenhain. Viele Bäume auf dem Kupferberg hat der Sturm damals umgerissen, der Ort war nicht wiederzuerkennen.

Das sind die ersten Bücher, die man 1828 in Großenhain ausleihen konnte. Links oben Romane von Walter Scott, daneben eine Reisebeschreibung aus dem Harz. (Dirk Gebhardt)Das sind die ersten Bücher, die man 1828 in Großenhain ausleihen konnte. Links oben Romane von Walter Scott, daneben eine Reisebeschreibung aus dem Harz. (Dirk Gebhardt)

Die Senioren verabschieden sich, und wir sind jetzt allein mit Anja Hofmann und Kathrin Schäfer. Und hören mehr über Karl Preusker, den Gründer der Bücherei, den Finanzbeamten und Vater von sechs Töchtern: Agnes, Emilie, Mathilde, Ida, Laura und Rosa. Anja Hofmann und Kathrin Schäfer zeigen uns das Preusker-Zimmer in der Bibliothek. Renaissance-Decke aus Holz, riesiger Tisch, viele Kissen für Schulkinder und eine Vitrine mit Büchern aus den ersten Tagen der Bücherei: ein kleiner Band mit deutschen Sagen, herausgegeben von den Brüdern Grimm. Eine Romansammlung von Walter Scott. Eine Reisebeschreibung aus dem Harz. Und ein Tagebuch von Preusker. "Das ist unser Schatz", sagt Anja Hoffmann.

Wir gehen hinunter in den Lesegarten. Ab und an zeigt sich die Spätnachmittagssonne. Dirk stellt den beiden Bibliothekarinnen zwei Stühle ins Buchsbaum-Rondell. Er drückt ihnen Bücher in die Hand und macht Fotos. Ich setze mich dazu, und die beiden Frauen erzählen von sich. Anja Hofmann lebt in Meißen und arbeitet seit fast einem Jahrzehnt in der Bibliothek. Klassische Leseratte, im Schein der Nachttischlampe viele Märchen gelesen. Kathrin Schäfer ist gebürtige Großenhainerin. Sie erzählt heute den Schulklassen von Preusker und seinen Töchtern - oben, im Preuskerzimmer, mit den gemütlichen Kissen. Und beide schwärmen für das gleiche Buch: "Alle meine Wünsche", von Grégoire Delacourt. Die Geschichte einer Frau und eines Lottogewinns.

Orgelkonzert nur für uns

Wir schauen auf die Uhr und schrecken hoch: Es ist kurz nach 18 Uhr. So ein Ärger. Denn wir wollten unbedingt in die Marienkirche, die doch als "Schwester der Frauenkirche" gilt. Wir verabschieden uns und eilen hinüber, es sind zum Glück nur ein paar Meter. Und dann erleben wir einen dieser Momente, die man nicht wieder vergisst. Die Kirche ist noch offen, und drinnen ertönt Orgelmusik. Uns steht der Mund auf vor Staunen: Die Kirche hat die Form eines Kleeblattes, man könnte auch an den Buchstaben T denken.

Überall sehen wir geschwungene Architektur, Etage über Etage, es sind drei Emporen, und dazwischen schauen Fensterreihen in das Kirchenschiff. Dahinter liegen die alten Betstuben, die man privat mieten und einrichten konnte wie ein Wohnzimmer - inklusive Ofen. Im Kirchenschiff ziehen sich die Bänke wie eine Tribüne im Stadion hinauf, wir steigen Treppe um Treppe hinauf, und der Holzboden knarrt unter unseren Schuhen, dazu die Orgelmusik. Wir sind allein in der Kirche.

Denn Joachim Jänke übt nur, auch wenn es sich nicht danach anhört. Joachim Jänke spielt Gordon Young. Es ist eine weltliche, eine frohe Musik, deren hüpfendes Thema man nicht wieder aus dem Kopf bekommt. Joachim Jänke war bis 2012 Kantor und Organist hier, "Kirchenmusikdirektor" hieß das. Gelernt hat er Buchdrucker, studierte dann Religionspädagogik, ging zur Kirchenmusikschule nach Dresden und machte dort sein B-Examen - die zweithöchste der vier Prüfungen in der Kirchenmusik.

Joachim Jänke war viele Jahre Organist und Kantor in der Marienkirche von Großenhain. (Dirk Gebhardt)Joachim Jänke war viele Jahre Organist und Kantor in der Marienkirche von Großenhain. (Dirk Gebhardt)

Das alles erzählt er uns, als wir einfach zu ihm auf den Orgelboden steigen und fragen. Und dann bitten wir ihn, uns ein wenig zu erzählen und dann noch was zu spielen. Das macht Joachim Jänke sofort. Er mag die französische Romantik, César Franck zum Beispiel. Dann spielt er für uns den Boléro, aber nicht den von Ravel, sondern den von Louis-James Alfred Lefébure-Wély, französischer Organist und Komponist des 19. Jahrhunderts. Wieder ist die Kirche Musik.

"So schön wird eines Tages die Frauenkirche sein..."

Eine halbe Stunde später stehen wir wieder draußen, und im Ohr bleiben uns die Worte von Hartmut Jannasch. Er ist ein älterer Herr, den wir beim Seniorenkaffee in der Bücherei und später auf der Straße noch einmal trafen. "Als wir hier 1998 in der Marienkirche die 250-Jahr-Feier hatten, da kam Kurt Biedenkopf", sagte er. "Und der damalige Ministerpräsident sagte einen Satz, da haben alle Frauen und die Hälfte der Männer Tränen in den Augen. Er sagte zu den Großenhainern: ‚Wenn ich eure Kirche sehe, dann weiß ich, wie schön die Frauenkirche einmal werden wird'." Kurt Biedenkopf hat Recht behalten

 

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