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StartseiteZwölf mal DeutschlandSachsensommer31.08.2015

Zwölf Mal DeutschlandSachsensommer

Die ostdeutschen Bundesländer wehren sich gegen den Vorwurf, rechter zu sein als der Westen. An erster Stelle steht zur Zeit Sachsen. Die Stadt Riesa kämpft seit Jahren gegen den Ruf einer NPD-Hochburg. Wir waren einen Tag lang dort und haben mit vielen Menschen gesprochen. Wir wollten wissen: Wie denken die Bürger über Flüchtlinge? Das Ergebnis hat uns überrascht.

Von Jörg-Christian Schillmöller (Text) und Dirk Gebhardt (Fotos)

Ein Blick aus dem zehnten Stock in der Bahnhofstraße in Riesa/Sachsen (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)
Ein Blick aus dem zehnten Stock in der Bahnhofstraße in Riesa/Sachsen (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)
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"Eigentlich hat es mich gefreut, dass es regnet", sagt Andreas Näther. "Das habe ich den Nazis gewünscht." Der 57-Jährige erzählt von einem Tag im August 2015. Eine Kundgebung der Rechten, gegen die Asylbewerber, angemeldet von der NPD. Andreas Näther sitzt für die SPD im Stadtrat und sieht den Rechtsradikalismus in seiner Heimat als Herausforderung. Er hat immer gekämpft, auch früher schon, als Sozialdiakon in der DDR. Er hat die Friedensgebete in der Wendezeit mit organisiert, in der evangelischen Kirche im Stadtteil Gröba. Andreas Näther ist nah dran an den Menschen. Er ist verheiratet, hat vier Kinder.

Wir sind im Mehrgenerationenhaus in der Hafenstraße. Altbau, erster Stock. Andreas Näther leitet die Initiative Sprungbrett e.V. Der Verein macht viel Jugendarbeit und hat Begegnungsstätten in den Brennpunkten, zum Beispiel den Bürgertreff "aufLADEN" in Weida. Für das Motto seines Vereins braucht Andreas Näther drei kurze Sätze: "Jeder ist wichtig, jeder wird gebraucht, jeder kann was." Als sie von der Kundgebung der Rechten erfuhren, haben sie viel telefoniert. Die Netzwerke aktiviert.

"Wir wollten keine krasse Gegendemo machen", sagt Andreas Näther. Also haben sie ein Zelt auf den Rathausplatz gestellt, ein paar Musiker eingeladen und bei den Behörden ein Abendpicknick angemeldet. Nicht nur für die Flüchtlinge. Sondern für alle Bürger. Vor allem für die Unzufriedenen. Für die, die sich ausgegrenzt fühlen, die mit ihrem Leben hadern. 200 Menschen kommen und harren aus im Dauerregen. Als der Zug der Flüchtlingskritiker sich nähert, wird es laut. Anti-Asyl trifft auf Anti-Rassismus. Es bleibt friedlich.

Riesa galt lange als rechte Hochburg und strampelt bis heute, um davon loszukommen. Die NPD stellt zwei Stadträte, der Verlag "Deutsche Stimme" hat hier seinen Sitz, der frühere NPD-Vorsitzende Holger Apfel hat hier gelebt, bevor er nach Mallorca ging. Andreas Näther kennt sie alle und macht sich keine Illusionen: "Diese Leute werde ich nicht bekehren, die müssen wir aushalten. Aber die anderen, die denen hinterherlaufen, die wollen wir zurück." Er sagt öfter solche Sätze.

Nicht gerade nach Autogrammen gefragt

Am Tag der Demo steht auch Marco Branig im Regen. Er ist ein fröhlicher Mensch, schlagfertig, hat viele Jahre bei der Bundeswehr hinter sich und ist gut vernetzt. Er ist Geschäftsführer von Riesa TV. Klassischer Lokalsender, privater Kanal, gegründet 2002. Wir trinken einen Kaffee in der Redaktion in der Bahnhofstraße. Zwei Büroräume, dazwischen ein Studio und ein Konferenzraum. Gerade plant das Team eine Reihe über junge Flüchtlinge. In den Schulen wollen sie schauen, ob die Integration klappt. Marco Branig spricht offen. Er ist nicht unglücklich darüber, dass die gewalttätigen Proteste anderswo in Sachsen stattfinden. In Heidenau zum Beispiel, Luftlinie 60 Kilometer.

Marco Branig findet es schwierig, darüber neutral zu berichten. Sich mit niemandem gemein zu machen. "Darum machen wir das rein nachrichtenmäßig." In Riesa geht er in die Menge, auch zu den Rechten. "Wenn man auf so einem 'Spaziergang' zum Thema Asylmissbrauch steht und die Kamera an hat", sagt er, "dann ist klar, dass nicht alle sofort ein Autogramm von einem wollen. Aber das ist der Anreiz, auch für einen Journalisten bei einem Lokalsender. Wir sagen den Menschen: Schaut euch unseren Beitrag an und überlegt, ob ihr irgendwelchen Parolenklopfern auf den Leim gegangen seid.Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute alle wissen, dass sie der NPD hinterherlaufen."

Arbeitet in den Ferien bei Riesa TV - und studiert in Magdeburg: Isabel Thürmer (Dirk Gebhardt)Arbeitet in den Ferien bei Riesa TV - und studiert in Magdeburg: Isabel Thürmer (Dirk Gebhardt)

Isabel Thürmer kommt auch aus der Gegend und arbeitet in den Ferien für Riesa TV. Sie ist eine selbstbewusste Frau, Anfang 20 und studiert in Magdeburg Journalistik und Medienmanagement und hat dort den Pegida-Ableger "Magida" miterlebt. "Wir müssen offen sein", sagt sie, "offen für Menschen, die hier herkommen, wenn sie aus ihrer Heimat fliehen, wenn sie Angst um ihr Leben haben." Ebenso, sagt sie, müsse man aber schauen, dass das nicht ausgenutzt werde. Ich frage sie, ob sie sich mutig findet. "Ich denke schon", sagt sie. "Also wenn Sie darauf hinauswollen, dass man seine Meinung sagt, wenn es nötig ist: Ja, das traue ich mir zu."

Sport, Elbe, Stahlwerker

Es ist heiß draußen, am Himmel hängt eine Sommersonne, die Luft steht still. Wir sind einen Tag lang in Riesa. 35.000 Einwohner, eine Autostunde nach Dresden, Leipzig und Chemnitz. Die Stadt liegt direkt an der Elbe. Kleine Sommerbar am Ufer, große Wiese dahinter, der Fähranleger weiter rechts, dann der Biergarten unter den Bäumen am Bootshaus. Am nächsten Tag ist Stadtfest, ein winziges Riesenrad, eine Bühne und ein paar Buden stehen schon. Riesa war einmal eine Sportmetropole und wäre so gern Olympiastadt geworden. Jahre ist das her. Die Nudeln aus Riesa kennt in Ostdeutschland jeder. Riesa ist auch ein Industriestandort, bis heute leben hier viele Stahlwerker.

Sie gehen zu Sabine Gueffroy in die Praxis. Wir auch. Sabine Gueffroy ist Orthopädin. Eine ruhige, ernsthafte Frau mittleren Alters, die sich gut mit Flüchtlingen auskennt. Sie hat in Uganda und Tansania gearbeitet. In Nord-Uganda war sie 2008, beim Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Ihre Patienten waren Menschen aus dem Südsudan, die schon viele Jahre hier lebten.

"Ich hatte gerade mal mein Stethoskop, sonst gab es dort nicht viel" sagt sie. Kilometerweit kamen die Leute gelaufen zu ihr. Ihren Blick auf Deutschlands Sorgen hat das relativiert. Ich frage Sabine Gueffroy, was sie über das Thema Flüchtlinge denkt. Sie zögert mit der Antwort, aber ihren Worten ist anzuhören, dass sie sich Gedanken macht. Viele.

Die Orthopädin Sabine Gueffroy hat schon in Nord-Uganda Flüchtlinge betreut. (Dirk Gebhardt)Die Orthopädin Sabine Gueffroy hat schon in Nord-Uganda Flüchtlinge betreut. (Dirk Gebhardt)

"Wie wollen wir das lösen?", fragt sie. "Letztendlich wollen die Leute, die herkommen, zum größten Teil arbeiten. Und wir müssen uns fragen: Wie bekommen wir sie in Arbeit? Wie bringen wir sie auf den entsprechenden Bildungsstand? Wie bringe ich die Ethnien zusammen, um Konflikte zu vermeiden?" Die Frau weiß, wovon sie spricht. Sie hat die Ethnien in Afrika selbst erlebt.

Die deutsche Politik habe zu lange Scheuklappen getragen, sagt sie. "Wäre man zum Beispiel auf Pegida zugegangen, hätte man mit denen diskutiert und nicht gesagt ‚ich schäme mich für euch', dann hätten wir heute vielleicht eine andere Basis." Für Sabine Gueffroy gibt es angesichts von Ausschreitungen wie in Heidenau nur eine Frage: Wie kann ich Gewalt vermeiden? Riesa, sagt sie, versucht es.

Mit dem Mikrofon auf die Straße

Wir testen die Stadt. Fußgängerzone, mittags um kurz nach zwölf. Ich spreche willkürlich Leute an. Auf dem Mikrofon steckt der blaue Windschutz mit den Buchstaben DLF. Die Frage ist klar: Wie denken Sie über das Thema Flüchtlinge? Bei solchen Umfragen antwortet in Schnitt einer von zehn Angesprochenen. In Riesa antwortet fast jeder Zweite.

Und ich begreife, dass ich Vorurteile habe. Ich habe mit dumpfen, unreflektierten Antworten gerechnet. Mit dem rhetorischen Muster "Ich bin ja nicht ausländerfeindlich, aber...". Dergleichen findet sich in bitterer, vulgärer Hässlichkeit auf Facebook-Seiten wie "Bürger sagen Nein". Das ist eine Seite aus dem Landkreis Meißen, zu dem Riesa zählt. Die Seite hat mehr als 13.000 "Likes".

In der Fußgängerzone bekomme ich wenig rechte Parolen zu hören. Liegt das am DLF-Mikrofon? Einige wollen sich nicht äußern und sagen das auch. Einer klagt, die Steuerzahler müssten für die Flüchtlinge zahlen. Einer Frau wird "das alles zuviel". Sie prophezeit "große Schwierigkeiten" für den Herbst - weil das Zeltlager in Meißen dann aufgelöst werden müsse. Mit "Schwierigkeiten" meint sie Proteste gegen die Flüchtlinge. Meißen liegt knapp 30 Kilometer südöstlich von hier. Aber auch in Riesa gab es schon Übergriffe: Im Februar wurden zwei Eritreer an einem Abend mehrfach beschimpft und geschlagen. Sie wollten in die Disko R1.

Die Fußgängerzone von Riesa, mittags um 12 im August 2015 (Dirk Gebhardt)Die Fußgängerzone von Riesa, mittags um 12 im August 2015 (Dirk Gebhardt)

Die meisten Menschen, die ich frage, sind aufgewühlt, ratlos: Warum führen sich Deutsche so auf gegenüber den Flüchtlingen? Woher kommt der Hass? Ich höre Scham, Wut, aber auch Angst. Nicht vor den Flüchtlingen. Sondern vor den Protesten gegen sie, vor dem Gewaltpotenzial, das da schlummert. Ein älterer Herr sagt mit fester Stimme, die Rechten gingen nur auf die Straße, weil in ihrem Leben was schiefgelaufen sei.

Ich höre auch Argumente gegen Politik und Verwaltung. Eine Frau klagt, die Kommunen würden nur wenige Tage vorher informiert, dass Flüchtlinge kämen und wie viele. Ich höre historische Parallelen: Eine ältere Dame sagt, es sei ein schlimmes Gefühl, aus der Heimat wegzumüssen. Das habe sie in ihrer Familie nach dem Krieg selbst erfahren. Besonders deutlich wird eine Frau mittleren Alters.

"Was ist, wenn wir ins Ausland fliegen? Was sind wir? Ausländer. Und ich möchte dort auch nicht beschimpft werden oder geschubst werden oder bespuckt werden. Eines Tages können wir uns als Deutsche nicht mehr ins Ausland trauen. Dann sagen die zu uns: Macht euch dorthin, wo ihr hergekommen seid. Genauso wie das denen jetzt gesagt wird, kann das Ding sich rumdrehen, und dann kriegen wir das nämlich."

"Es gibt hier auch viele Kritiker der Rechten"

Zum Schluss gehen wir zum Uhrmacher. Eckehard Preuß hat sein Geschäft in der Fußgängerzone, dritte Generation. Herr Preuß ist aufgebracht wegen des Leerstandes in der Innenstadt. Und wegen der Flüchtlingsdebatte. Riesa sei "kein bisschen rechter als alle anderen deutschen Städte - Ost wie West", sagt er mit Nachdruck. "Riesa hat sehr viel linkes Potenzial und auch sehr viel bürgerliches Potenzial und sehr viele Kritiker der rechten Seite. Ich würde Riesa überhaupt nicht in eine dieser Ecken schieben wollen.

Der Uhrmacher Eckehard Preuß aus Riesa ist sicher: Ostdeutschland ist nicht rechtsradikaler als der Westen. (Dirk Gebhardt)Der Uhrmacher Eckehard Preuß aus Riesa ist sicher: Ostdeutschland ist nicht rechtsradikaler als der Westen. (Dirk Gebhardt)

Er nennt einen Punkt, den ich hier öfter höre: Der Fokus der öffentlichen Debatte liege zu stark auf der negativen Seite der "Ausländerbegegnung", wie er es nennt. Die Mehrheit, sagt Eckehard Preuß, sei tolerant, engagiere sich, heiße Flüchtlinge willkommen. Nur werde über diese Menschen zu wenig berichtet. Wen meint er in Riesa? "Zum Beispiel Frau Nowak" sagt er. Sie kümmere sich um eine syrische Familie in der Nachbarschaft, mache Hausaufgaben mit den Kindern. Er ruft sie an für uns, aber es geht keiner ran.

Riesa, Sommer 2015. Eine Aussage über eine Stadt zu treffen ist unmöglich. Eine Aussage über einen ganzen Freistaat zu treffen, ist noch viel unmöglicher. Es ist wie in vielen deutschen Städten in diesem Jahr 2015: Es gibt die Rechten. Und es gibt die Aufrechten. Die Frage ist, wohin der Rest sich bewegt. Mir geht ein Satz von Andreas Näther nicht aus dem Kopf, dem engagierten SPD-Stadtrat von der Initiative "Sprungbrett". Seinen Ansatz finde ich gut. Er sagt: Mir geht es nicht nur um Flüchtlinge. Mir geht es um alle, die Hilfe brauchen. "Wenn sie hier sind", sagt er, "dann sind es Riesaer Bürger." Ein klarer, ein schöner Satz.

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