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Zwölf Mal Happy Birthday

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker feiern 40-jähriges Bestehen

Von Maja Ellmenreich

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker
Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (Promo)

Die Nachfrage ist riesengroß, das Angebot aber hält sich in Grenzen. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker sind auf der Konzertbühne selten zu erleben - nicht aus böser Absicht, sondern aus nachvollziehbaren Gründen. Schließlich können sie nur auftreten, wenn die komplette Cellogruppe von Deutschlands vielleicht bestem Orchester dienstfrei hat. Bis zum Ende dieses Jahres gibt es laut Website nur noch vier Mal die Gelegenheit, das kammermusizierende Dutzend live zu erleben: in Luzern, Leer, Köln und Hamm.

Großes Glück für alle Fans der 12 Cellisten, dass man sie sich jetzt zum Konzert nach Hause holen kann. Der 40. Ensemblegeburtstag im Mai war Anlass für ein Jubiläumskonzert in der Berliner Philharmonie. Das und eine 60-minütige Dokumentation, ein Porträt der 12 Cellisten, sind jetzt auf Doppel-DVD bzw. Doppel-Blu-Ray erschienen.

Musik
The Beatles: Yesterday / Arrangement: Werner Müller (Ausschnitt)


Tosender Applaus für einen ungewöhnlichen Klang und ein imposantes Bild: alle Cellisten der Berliner Philharmoniker im großen Halbrund. Während des Spiels hat die Kamera sie mal aus der Froschperspektive beobachtet, dann wieder über die Schulter geschaut, ganz genau auf die zupfenden Finger oder die den Bogen führende Hand. Am eindrucksvollsten aber ist die Totale: Wenn alle nebeneinandersitzen, sich womöglich noch im Gleichtakt mit der Musik bewegen.

Mit dem Evergreen der Popmusikgeschichte, mit "Yesterday" von den Beatles, ging am 9. Mai im Großen Saal der Berliner Philharmonie das Jubiläumskonzert der 12 Cellisten zu Ende. Oder besser: der 13 Cellisten. Wer nämlich am Schluss des gut anderthalbstündigen Konzertmitschnitts Notenpulte, Instrumente oder Köpfe zählt, staunt nicht schlecht: 13 Musiker sitzen dort plötzlich im Halbkreis - elf Männer, zwei Frauen. Der Musikjournalist Frederik Hansen klärt in seinem informativen Booklet-Text zur DVD auf: 13 Cello-Planstellen gibt es mittlerweile bei den Berliner Philharmonikern. Doch den Ensemblenamen mit Weltruf hat man deswegen nicht geändert: Seit 1972 sind die 12 Cellisten die berühmtesten Kammermusikbotschafter der Philharmoniker, und sie sollen es auch bleiben. Ludwig Quandt, der erste Solo-Cellist und entsprechend auch der Leiter der 12 Cellisten, er erklärt: "Seit die 13. Planstelle in der Stimmgruppe geschaffen wurde, beschäftigt uns sogar das Luxusproblem, dass immer einer pausieren muss."

Beim Festkonzert im Mai war natürlich eine Ausnahme erlaubt: Die 13 amtierenden Cellisten bestritten das große Finale gemeinsam, bevor beim Schlussapplaus dann auch die ehemaligen, sogar Gründungsmitglieder auf die Bühne gebeten wurden. Wenn sich die alten und die aktuellen Cellisten in den Armen liegen, einander beglückwünschen, herzen und auf die Schultern klopfen, dann sieht man förmlich den Zusammenhalt, den Teamgeist, die Ehre, die es bedeutet, Mitglied der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker sein zu dürfen.

Und wechselt man nach dem imposanten Konzerterlebnis die Scheibe im DVD-Laufwerk, dann hört man in der Dokumentation, wie die Musiker ihre Hochachtung vor dem Ensemble selbst in Worte fassen. Martin Löhr zum Beispiel, der seit 1996 dazugehört.

Martin Löhr/Stefan Koncz/David Riniker
"Die 12 Cellisten sind mit Sicherheit wesentlich früher in mein Bewusstsein getreten als die Berliner Philharmoniker - real. Muss man schon sagen. Weil natürlich jeder, der Cello spielt und studiert und irgendwo hin möchte, kannte Aufnahmen von den 12 Cellisten."

"Es ist natürlich hier in Berlin schon eine spezielle Konstellation, also, dass eine komplette Gruppe auch zusammen Kammermusik macht - das gibt es in anderen Orchestern nicht."

"Die erste Begegnung war mit der berühmten Schallplatte, wo die Celli auf diesen durchsichtigen Stühlen in einer Zwölf angeordnet liegen. Darauf habe ich dann immer gern den Klengel-Hymnus gehört."

Der berühmte Klengel-Hymnus, von dem David Riniker erzählt, mit ihm fing alles an: Der Cellist und Komponist Julius Klengel hatte ihn dem Philharmoniker-Dirigenten Arthur Nikisch 1920 zum Geburtstag geschrieben - ein Stück für die außergewöhnliche Besetzung von zwölf Celli. 50 Jahre später fällt es einem ORF-Redakteur in die Hände, der es den Philharmoniker-Cellisten aus Berlin vorschlägt. Und die führen es - da sie ohnehin mit dem Orchester bei den Osterfestspielen in Salzburg sind - im März 1972 im Mozarteum auf.

Eine Hommage an diesen Anfang - sie darf im Jubiläumskonzert natürlich nicht fehlen.

Musik
Julius Klengel: Hymnus (Ausschnitt)


Im Anfang war der Hymnus von Julius Klengel. In die Ensemblehistorie nimmt uns auch der Dokumentarfilmer Enrique Sánchez Lansch mit, der im Auftrag der 12 Cellisten ein hinreißendes Porträt produziert hat: die ersten aufregenden Jahre, das Cellisten-Miteinander gestern und heute, Repertoirefragen, Reiseaktivitäten, Probenarbeit und - ganz wichtig - das Zwischenmenschliche. Enrique Sánchez Lansch, der sich mit dem Tanz- und Philharmonikerfilm "Rhythm is it!" einen großen Namen unter den Musikfilmern gemacht hat, er schafft es auch hier wieder, eine kleine Musikwelt in 59 Filmminuten abzubilden. Und ihm gelingt es, wie in einem guten Spielfilm, dass uns die Protagonisten, die Musiker, so ans Herz wachsen, dass man sie mit dem Abspann nur ungern gehen lässt. Ein bisschen Pathos trägt auch dazu bei: wenn etwa Gabriel Faurés schwermütige Pavane anhebt und sich das Bildtempo zur Slow Motion abkühlt. Dann wirkt es fast heroisch, wie sich die Cellisten in Zeitlupe verbeugen, ihre Instrumente von der Bühne tragen oder den Tourbus in Peking verlassen. Ein bisschen dicke, aber durchaus zulässig.

Im Film geht's auch ans Eingemachte, an die Musik in ihrer reinsten Form: Im Zentrum der ersten Dokuhälfte steht die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas 12-Cellisten-Werk "Labyrinth" - von der ersten Probe, über die Arbeit mit der Komponistin, die Generalprobe bis schließlich zur Uraufführung in Luzern. Bewegend, erhellend und lehrreich zugleich: die Begegnung mit Sofia Gubaidulina in der Christkirche im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Die 12 Cellisten proben bereits, als die 80-jährige russische Komponistin fast unbemerkt und ganz bescheiden die Kirche betritt.

Dialog zwischen Sofia Gubaidulina & Ludwig Quandt
" Hallo. Guten Tag! - Freut mich sehr. - Freut mich sehr auch. Sieht so fantastisch aus. - Ja, aussehen tut's gut, hoffentlich klingt es auch gut. - Klingt auch, ja? Großartig für mich. Erste Probe für den Komponisten ist so schwierig und so spannend. - Wollen Sie uns vielleicht zuerst etwas über Ihr Stück erzählen. Oder sollen wir anfangen zu arbeiten? - Ich glaube, einfach arbeiten. - Und Sie müssen sofort intervenieren! "
Musik
Sofia Gubaidulina: "Labyrinth" (Ausschnitt)


Die 12 Cellisten haben häufig Uraufführungen auf die Bühne gebracht. Sie waren aber nicht nur Impulsgeber für neue Kompositionen. In dem Dokumentarfilm erfährt man, dass die 12 Cellisten immer wieder diplomatisch-politische Aufgaben erfüllt haben: Bei Staatsbesuchen mitreisen, auf NATO-Gipfeln spielen. Die Berliner Philharmoniker im Mini-Format - Sympathieträger und musikalische Botschafter in einem. Der Filmemacher Enrique Sánchez Lansch zeichnet ein vielseitiges Porträt eines ungewöhnlichen Ensembles, bei dem man ganz nebenbei auch viel über die Arbeit von Profimusikern lernt. Ohnehin sind es die vermeintlich beiläufigen Bilder und Halbsätze, die ganze Geschichten erzählen. Wenn zum Beispiel vor dem Konzert alle möglichen Stühle ausprobiert werden, bis jeder die gewünschte Sitzhöhe gefunden hat. Wenn dem Cellisten-Chef Ludwig Quandt im Konzert überraschend ein Geburtstagsständchen gebracht wird. Oder wenn der 12-Cellisten-Gründer Rudolf Weinsheimer beim Treffen der Amtierenden und der Ehemaligen in Salzburg deutliche Kritik äußert.

Dialog zwischen Rudolf Weinsheimer & Ludwig Quandt
" Das ist zu viel Schnulzerei, was Ihr da spielt! - Du bist nur neidisch, weil du nicht selber mitgespielt hast! - Das ist zu gleichförmig. - Was meinst du denn? - Das letzte Konzert im Konzerthaus. - Du meinst den Poulenc? - Ja, das war zu lang. - Das war keine Schnulze, das war eine Kantate! "

Das Repertoire-Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den Film: Während in den Anfangsjahren der Fokus auf Originalkompositionen für zwölf Celli lag, wird mittlerweile überwiegend bearbeitet, was gefällt. Als Ausgleich zum Orchesterrepertoire, aber auch aus Gefälligkeit dem Publikum gegenüber. Alle zwei Jahre erscheint eine neue CD, die Literatur ist entsprechend umfangreich. Einen Querschnitt boten die 12 Cellisten im Mai bei ihrem Jubiläumskonzert, das bislang nur im Internet, im ARTE Live Web, zu sehen war: Klassisches und Populäres, französische Chansons, Filmmusik, Tango und Jazz, außerdem Gastauftritte von prominenten Gratulanten - der Sopranistin Annette Dasch und dem Trompeter Till Brönner. Knapp zwei Stunden beste Musikunterhaltung, ohne Netz und doppelten Boden: ein Live-Mitschnitt eben. Die 12 Cellisten stellen unter Beweis, was sie können. Das kann sich hören und nun auf DVD und Blu-Ray zum Glück auch sehen lassen.

Musik
Gabriel Fauré: Pavane/ Arrangement: Wilhelm Kaiser-Lindemann (Ausschnitt)
Zum 40-jährigen Bestehen der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker: eine Doppel-DVD bzw. Doppel-Blu-Ray, erschienen bei EuroArts. Darauf zum einen - das Jubiläumskonzert der 12 vom 9. Mai. Und zum anderen - ein Porträt dieses einzigartigen Ensembles, produziert von dem Dokumentarfilmer Enrique Sánchez Lansch. Beides war bislang nicht im Fernsehen zu sehen, wurde Ihnen aber im Radio vorgestellt von Maja Ellmenreich.

Besprochene DVD
Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker
"Anniversary Concert" (DVD 1) und "Documentary" (DVD 2)
EuroArts 2059318-1 und -2
EAN 88024259318
(auch als Doppel-Blu-Ray erhältlich)

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