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StartseiteKalenderblatt10.5.1954 - Vor 50 Jahren10.05.2004

10.5.1954 - Vor 50 Jahren

Erik Reger, Schriftsteller und Journalist, gestorben

Ein Kind von Krupp. Die ganze Familie hat bei Krupp gearbeitet. Hermann Dannenbergers Vater war Grubenaufseher in einem Erzbergwerk von Krupp in Bendorf am Rhein. 1893 wird Dannenberger hier geboren. Dreißig Jahre später wird er sich Erik Reger nennen. Längst arbeitet er da auch bei Krupp. Er fängt zu schreiben an, journalistisch, dann den Roman, der bis heute mit seinem Namen verbunden wird Union der festen Hand. Von 1924 an schreibt Hermann Dannenberger auch regelmäßig für zahlreiche Zeitungen. Für viele Artikel verwendet er Pseudonyme. Eines lautet: Erik Reger. 1927, zu Beginn der Weltwirtschaftskrise, kündigt er bei Krupp und wird Mitarbeiter der in Essen erscheinenden Literatur- und Theaterzeitschrift Der Scheinwerfer. Von nun an ist er nur noch Erik Reger.

Von Guido Graf

Der Scheinwerfer wird Regers Sprachrohr. Kaum jemand im damaligen Kulturbetrieb bleibt von seiner Kritik und seinem Spott verschont. Reger ist der "Karl Kraus des Reviers." Er kritisiert die Oberflächlichkeit und Kurzsichtigkeit, mit der die von der Schwerindustrie geprägte Region wahrgenommen wird.

Wer seine beiden Augen im Revier aufmacht, lernt das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Typische vom Untypischen unterscheiden. ... Aber die Sinnlosigkeit des dritten Auges, der Kamera, triumphiert auf der ganzen Linie. Zur Sache also - das heißt: zum Wort! ... Da kann nicht gemogelt werden, da muss Farbe bekannt werden. Leser, werde hart!

Hier ist aber auch der Punkt, an dem sich Reger vom Kommunismus abgrenzt, dem er nicht nur religiöse Wahrheitsansprüche, sondern auch ästhetische Naivität attestiert. 1931 versucht Erik Reger mit dem Roman Union der festen Hand, auf jede erzählerische Perspektive zu verzichten, um für sein Panorama der Schwerindustrie im Ruhrgebiet Authentizität ohne Subjektivität zu erzeugen.

Man lasse sich nicht dadurch täuschen, dass dieses Buch auf dem Titelblatt als Roman bezeichnet wird.

Mit dieser Warnung beginnt eine "Gebrauchsanweisung", die Reger seinem Buch beigibt, um der geahnten Überforderung seiner Leser zu begegnen. Die Kritik reagiert einigermaßen ratlos. Reger inszeniert ein Stationendrama der Weltwirtschaftskrise, das im Aufstieg der Nationalsozialisten mündet. Über die bloße Reportage geht er hinaus und verzichtet zugleich auf erzählerische Rundung. Intensität erreicht Reger durch Sachlichkeit in jedem Detail. Ludwig Marcuse nennt Union der festen Hand eine "Geschichtsdichtung."

Dieses Buch ist unabhängig - es glaubt nicht, dass der Kämpfer blöde sein muss oder sich blöde stellen muss oder seine Mitmenschen blöde machen muss. Reger steht himmelhoch über den Rechts- und Links-Primitivismen, die weder Anschauung noch Ideen haben.

Regers Eintreten für eine freie und unzensierte Presse führt bald zu Konflikten mit dem Nationalsozialismus. 1934 geht Reger mit seiner Familie vorübergehend in die Schweiz. Dann arbeitet er als Lektor im arisierten Ullsteinverlag; er arrangiert sich und schreibt bis 1945 sieben weitere Romane. Im September 1945 wird er Mitherausgeber des neugegründeten Berliner Tagesspiegel. In den ersten Nachkriegsjahren, im beginnenden "Kalten Krieg" ist Reger einer der angesehensten, als vehementer Antikommunist bekannten Leitartikler. Als im Februar 1948 in der Tschechoslowakei die Kommunisten staatsstreichartig die Regierung übernehmen, ist natürlich auch Regers Meinung gefragt.

Mir scheint, dass die Ereignisse, die jetzt in der Tschechoslowakei vorsichgehen, vom Standpunkt der Klärung der Weltsituation aus zu begrüßen sind. Denn es wird dadurch die Illusion aufgehoben, die bisher bestand, dass es möglich sein würde, innerhalb des eisernen Ringes, der gezogen ist, einen Staat aufrechtzuerhalten, der nach außen hin noch demokratische Allüren zeigt. Da es nur Allüren waren und sein können, ist es besser, auch die Allüren werden beseitigt.

Nach einem Herzinfarkt stirbt Erik Reger am 10. Mai 1954 in einem Wiener Hotel. Viel politische Prominenz bekundet Trauer. Regers literarische Bedeutung gerät in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren, namentlich durch die Romane Ernst-Wilhelm Händlers, wird in den Zeiten der Globalisierung die Aktualität Regers wieder entdeckt:

Es gibt in dieser Welt kein Ausweichen mehr, und auch kein Zurück. Ein einmal in diesen Organismus eingefügtes Glied lässt sich nicht mehr entfernen -, zermahlen wird nur der Mensch.

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