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StartseiteKalenderblatt10. August 1994: Plutonium auf dem Münchner Flughafen10.08.2004

10. August 1994: Plutonium auf dem Münchner Flughafen

Vor zehn Jahren flog der weltweit größte Plutoniumschmuggel auf

Franz-Josef-Strauß-Flughafen München, 10. August 1994. Lufthansa-Flug 3369 aus Moskau wird von Staats wegen erwartet. Polizisten in Uniform, bayrische Kriminalbeamte und Geheime vom Bundesnachrichtendienst beobachten die Landung der Maschine. In Gepäckhalle C schlagen sie zu. Der Spanier Julio Oroz Eguia und der Kolumbianer Justiniano Torres Benitez werden verhaftet. Und man stellt bei ihnen einen schwarzen Hartschalenkoffer sicher, der hochbrisante Fracht enthält:

Von Kay Müllges

Seit heute laufen die Drähte zwischen Sicherheitsbehörden, Justiz, Nachrichtendiensten und Nuklearinstituten heiß. Die 500 Gramm Plutonium 239, die am Münchener Flughafen sichergestellt werden konnten, sind nach einer ersten Übersicht die größte Menge weltweit jemals aus dem illegalen Verkehr gezogene Menge spaltbaren Materials. Das Karlsruher Institut für Transnukleare bestätigte inzwischen nach einer ersten Blitzuntersuchung, dass es sich um waffenfähiges Material handelte. Für die bei einer Zündung notwendige Kernspaltung sind zwischen 4 und 10 kg Plutonium erforderlich.

Für den Bau einer Atombombe genügte die sichergestellte Menge also noch nicht, aber auch andere Horrorszenarien waren denkbar:

Das geschmuggelte Plutonium reicht, um das Trinkwasser in ganz Deutschland zu vergiften.

Rechnete die Bild am Sonntag damals aus. Ein gigantischer Fang also für Polizei und Nachrichtendienste, der einer aufgeschreckten Öffentlichkeit zugleich mit aller Macht die Gefahren des internationalen Plutoniumschmuggels aufzeigte. Offensichtlich nahm man es in den Nachfolgestaaten der zerfallenen Sowjetunion nicht allzu genau mit der Kontrolle der Atomfabriken. Bundeskanzler Kohl bewies, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, Gespür für die Bedürfnisse der Öffentlichkeit und schrieb seinem Freund Boris Jelzin einen Brief, mit der Bitte, doch dafür zu sorgen...

... das kein spaltbares Material in der Gegend herumvagabundiert.

Ein durchaus nachvollziehbares Anliegen. Doch zumindest in Kreisen der Opposition keimte schon bald ein schlimmer Verdacht, den der damalige parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Peter Struck, in den ARD-Tagesthemen noch sehr vorsichtig formulierte:

Es ist eine ganze Menge Material auf dem Markt. Wir müssen nur aufpassen, das wir nicht selbst - dadurch, dass wir selbst permanent über V-Leute nachfragen, ob es solches Material ist - eigentlich erst die Nachfrage schaffen.

Der internationale Handel mit atomwaffenfähigem Material - provoziert durch V-Leute der Geheimdienste? Eine Spekulation, die den für die Geheimdienste zuständigen Staatsminister im Kanzleramt, Bernd Schmidtbauer, regelrecht auf die Palme brachte:

Es gibt keinen einzigen Fall, wo V-Leute aufgekauft hätten. Auch nicht als Käufer aufgetreten sind, das können sie drehen und wenden, wie sie wollen. Tengen in der Garage - Zufallsfund. Landshut - keine V-Leute im Spiel, die aufgekauft hätten. München - von den Nachrichtendiensten keine Aufkäufer im Spiel, die entsprechende Angebote gemacht haben, sondern die Verkäuferseite hat die Angebote gemacht, so dass die absurde Idee, dass ein Scheinmarkt entsteht, durch staatliche Stellen - ich weiß nicht, wer dieses Wissen hat, wenn es einer hat, dann sollte er es auf den Tisch legen, dann können wir dem nachgehen.

Das tat zunächst niemand, bis der SPIEGEL acht Monate später mit einer sensationellen Story aufmachte. Zwei spanische V-Leute des BND, Decknamen Rafa und Roberto, hätten den Deal angeschoben. Sie seien aktiv auf die Suche nach Plutonium-Dealern gegangen und hätten schließlich die später Verhafteten mit dem Versprechen immenser Geldsummen dazu gebracht, sich in Moskau auf die Suche nach Plutoniumquellen zu machen. Eine Version der Ereignisse, der sich auch das Landgericht München in seiner Begründung des Urteils gegen die Schmuggler anschloss. Es stellte fest, bei dem Plutoniumfall habe es sich um eine klassische polizeiliche Tatprovokation gehandelt. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt, doch der endete wie so viele seiner Vorgänger. Die Regierungsmehrheit konnte kein Fehlverhalten erkennen, die Opposition hingegen schon. Ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen Schmidtbauer und andere wurde eingestellt. Was bleibt ist die Erinnerung an eine aufregende und in ihren Hintergründen, na sagen wir mal, dubiose Affäre.

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