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StartseiteKommentare und Themen der WocheAlles andere als krisenfest16.09.2018

10 Jahre nach der Lehman-PleiteAlles andere als krisenfest

Noch immer gebe es keine Garantie, dass der Steuerzahler bei der nächsten Finanzkrise geschont werde, kommentiert Eva Bahner. Denn die "Too-Big-to-Fail"-Problematik sei auch zehn Jahre nach dem Ausbruch der Krise noch nicht gelöst.

Von Eva Bahner

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Händler im Mercantile Exchange in New York im September 2008.  (dpa/ picture alliance/ Seth Wenig)
Börsenhändler in New York - durch US-Präsident Trumps Reformen bekomme die Finanz-Lobby langsam wieder Oberwasser, kommentiert Eva Bahner (dpa/ picture alliance/ Seth Wenig)
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Der 15. September 2008 steht nicht nur für den Ausbruch der Finanzkrise, er markiert auch eine tiefe Zäsur. Lehman Brothers hat nicht nur viele Banken in den Abgrund mitgerissen, sondern auch wichtige Grundpfeiler der Wirtschaftsordnung. Ökonomische Gesetzmäßigkeiten, die jahrzehntelang galten, wie zum Beispiel die, dass ein höheres Risiko auch einen höheren Preis hat. Dafür hatten vor der Lehman-Pleite die Notenbanken gesorgt mit ihrer Zinspolitik, danach jedoch war alles anders.

Zentralbanken schmissen die Notenpresse an, fingen an, Anleihen aufzukaufen, Banken mit Liquidität zu versorgen, Milliarden in die Finanzmärkte zu pumpen und die Leit-Zinsen am Ende auf Null zu senken. Radikale Maßnahmen, mit denen es tatsächlich gelang, das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren und der Politik Zeit zu kaufen, um die nötigen Rettungspakete für Banken zu schnüren. Das ist den Krisenmanagern von damals hoch anzurechnen. Was jedoch nicht überall gelang, war, den Krisenmodus zu beenden. Die Europäische Zentralbank pumpt noch heute Milliarden in die Märkte – bei historisch niedrigen Zinsen trotz eines kräftigen Aufschwungs in Europa und einer angemessenen Inflationsrate.

Ein Ende der Geldflut ist nicht in Sicht

Das Ende der Geldflut ist zwar in Sicht, doch der Schaden schon jetzt immens. Aus Mangel an renditeträchtigen Anlage-Möglichkeiten, treiben Spekulanten die Preise für Aktien und Immobilien in ungeahnte Höhen. Kredite zum Null-Tarif haben die Verschuldung von Unternehmen und Privathaushalten rasant ansteigen lassen, und vor allem von Staaten, nicht nur in der Eurozone und in den USA, sondern auch in den Schwellenländern. Dies könnte sich nun rächen, wo der Dollar-Raum wieder attraktiver wird. Die Türkei, Argentinien und Indien sind schon heute einer massiven Kapitalflucht ausgesetzt, die ihre Währungen zum Absturz bringen.

Das weltweite Finanzsystem sei heute mindestens so verwundbar wie 2008, warnte Jean-Claude Trichet in dieser Woche. Er war damals EZB-Präsident, ein Krisenhelfer der ersten Stunde. Ob tatsächlich von den überschuldeten Schwellenländern, wie Trichet befürchtet, die nächste Krise ausgeht, oder von den Preis-Blasen, die sich auf den Aktien- und Immobilienmärkten gebildet haben? Schwer vorauszusagen. Doch die Stimmen, die vor dem nächsten Crash warnen, häufen sich.

Das ist gut, weil es bedeutet, dass Ökonomen und Bankenaufseher wachsamer geworden sind – zweifelsohne ein Verdienst der Politik. Es gibt inzwischen eine europäische Bankenaufsicht, die die systemrelevanten Institute auch über Grenzen hinweg im Blick hat und diese regelmäßigen Stress-Tests unterzieht. Banken mussten ihr Eigenkapital aufstocken, Liquiditätsreserven aufbauen und Risikomodelle verbessern, um gegen Krisen gewappnet zu sein. Sie müssen inzwischen einen Plan vorlegen, was im Pleite-Fall zu tun ist und es gibt nun einen europäischen Rettungsfonds, der Staaten und Banken im Notfall unterstützen kann.

Bankenaufseher beklagen Deregulierungsstimmung

Was es jedoch nicht gibt, auch zehn Jahre später, ist die Garantie, dass der Steuerzahler bei der nächsten Finanzkrise tatsächlich geschont wird. Denn die "Too-Big-to-Fail"-Problematik ist noch immer ungelöst. Noch immer gibt es zu große Banken, die der Staat nicht einfach pleite gehen lassen kann, in Europa, aber auch in den USA, wo Donald Trump gerade dabei ist, die Regulierungserfolge seines Vorgängers rückgängig zu machen. Auch hierzulande bekommt die Finanz-Lobby langsam wieder Oberwasser, findet Gehör in Berlin. Der Ruf nach starken Banken, die international mithalten können, wird lauter. Bankenaufseher beklagen bereits eine zunehmende Deregulierungsstimmung.

Anstatt den Banken Versprechen zu machen, sollten Politiker, auch der deutsche Finanzminister, besser wachsam bleiben, auch wenn konkrete Anzeichen einer Krise nicht erkennbar sind derzeit. Denn beim nächsten Crash dürfte Europa auf sich allein gestellt sein. Seit Trump hat der Multilateralismus einen schweren Stand, die G20-Gemeinschaft, die mit der Bewältigung der Finanzkrise stark geworden ist, steht inzwischen vor einem Scherbenhaufen, von dem Zusammenhalt nach der Lehman-Pleite ist wenig zu spüren.

Und auch die EZB wird wohl bei der nächsten Bankenkrise nicht automatisch auf die Unterstützung der Amerikaner zählen können. Ihr Handlungsspielraum ist begrenzt mit Zinsen an der Null-Linie. Bleibt zu hoffen, dass sich der nächste Crash noch etwa Zeit lässt, bis die ökonomische Unordnung, die die Lehman-Pleite verursacht hat, vollständig beseitigt ist.

  

Eva Bahner (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner wurde 1973 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte Volkswirtschaft in Tübingen und Boston, danach Volontariat in der n-tv-Wirtschaftsredaktion und an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Heute arbeitet sie in der Deutschlandfunk-Wirtschaftsredaktion.

  

 

 

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