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StartseiteKalenderblattDie Grande Dame der politischen Satire12.09.2020

100. Geburtstag der Kabarettistin Lore LorentzDie Grande Dame der politischen Satire

"Wir dürfen die Demokratie nicht verplempern", lautete das Motto von Lore Lorentz. Die Kabarettistin und Chansonette wurde mit ihrer Bühne, dem Düsseldorfer Kom(m)ödchen zur Ikone politischer Kleinkunst - und nicht selten zum Ärgernis für konservative Politiker.

Von Regina Kusch

Die deutsche Kabarettistin und Leiterin des Düsseldorfer "Kom(m)ödchenÂs", Lore Lorentz, im Februar 1991. (picture-alliance / dpa)
Lore Lorentz in einer Aufnahme von 1991 (picture-alliance / dpa)
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Sie konnte singen, tanzen, schauspielern. Sie hasste Dummheit und wurde sehr böse, wenn sie die Demokratie bedroht sah. Seit 1947 war Lore Lorentz der Star des "Kom(m)ödchens", einer kleinen Kabarettbühne im Hinterzimmer einer Düsseldorfer Altstadtkneipe, die gleich mit ihrem ersten Programm "Positiv Dagegen" zu einem Geheimtipp und bald schon zu einer Institution wurde. Etwa mit ihrem Song " Die Wut ist jung": 

"Die Wut ist jung
So können sie mit mir nicht verfahren!
Ich schenke Ihnen nach all den Jahren
doch nicht mein Schweigen!
Die Wut ist jung, ich kann die Zerstörer nicht zerstören
Nur so können sie mich nicht überhören
Ich kann auf sie zeigen."

Lore Lorentz bei der Verleihung des Telestar im November 1989  (imago / teutopress)Lore Lorentz bei der Verleihung des Telestar im November 1989 (imago / teutopress)

Gründung des Kom(m)ödchens 1947

Lore Schirmer, am 12. September 1920 in Mährisch-Ostrau im heutigen Tschechien geboren, schrieb schon als Schülerin Theaterstücke. Während ihres Germanistik- und Geschichtsstudiums lernte sie in Berlin den Autor und Regisseur Kay Lorentz kennen, den sie 1944 heiratete. Pläne, in die USA auszuwandern, ließen die beiden wieder fallen und gründeten stattdessen 1947 in Düsseldorf das "Kom(m)ödchen". Diesen zweideutigen Namen verdankt das erste deutsche Nachkriegskabarett einem Rokoko-Vertiko, das aus den Trümmern der zerbombten Altstadt gerettet wurde, erzählt Kay Sebastian Lorentz, Sohn der Kabarettistin und heutiger Leiter des "Kom(m)ödchens".

Es hat drei Schubladen. Die Idee war, die Schubladen öffnen sich, und die Themen springen einen an. Man bemächtigt sich gesellschaftspolitischer Themen. Dieses Möbel ist bis 1968 jeden Abend nach der Vorstellung als Letztes im Finale auf die Bühnenrampe gestellt worden. Das Ensemble gruppierte sich drum rum, und es wurde das Kom(m)ödchen-Lied gesungen.":

"Wenn es dem "Kom(m)ödchen" nicht gefällt, 
was sich so ereignet auf der Welt, 
immer immer wieder zieht’s den Vorhang nieder 
und singt seine kleinen frechen Lieder." 

Franz Josef Strauß  erwirkte Fernsehverbot 

"Wir dürfen die Demokratie nicht verplempern!" lautete das Motto von Lore Lorentz, und mit ihren frechen Liedern spottete sie über gesellschaftliche Missstände, Machtmissbrauch und konservative Politiker, wie 1959 über Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der ein einjähriges Fernsehverbot für das "Kom(m)ödchen" erwirkte.

Nachdem sie 1965 die Sudetendeutsche Landsmannschaft attackiert hatte, die nicht aufhörte, die Rückkehr in ihre durch den Krieg verlorene Heimat zu fordern, erhielten sie und ihre Familie sogar Morddrohungen. Für Lore Lorentz ein Grund mehr, das politische Geschehen in Deutschland stets satirisch und aktuell zu begleiten. Dazu Kay Sebastian Lorentz:

"Es hat Zeiten gegeben, da hat die Vorstellung des "Kom(m)ödchens" um 20. 30 Uhr beginnen müssen, weil die Lore sich ausbedungen hatte, um 20 Uhr die Tagesschau zu sehen. Und alle im Publikum wussten, dass die Lore um acht Uhr die Tagesschau guckt und dann um halb neun rauskommt und unter Umständen die Ereignisse des Tages kommentieren konnte."

Bundesverdienstkreuz? Nein, danke!

Viele namhafte Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder, Thomas Freitag oder auch Harald Schmidt ließen sich von der Grande Dame der politischen Satire, wie sie oft genannt wurde, inspirieren. Als sie und ihr Mann 1976 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden sollten, lehnte das Ehepaar mit der Begründung ab, "das Kreuz der Regierung nicht haben, sondern es sein" zu wollen.

An der Essener Folkwangschule lehrte Lore Lorentz Chanson, Song und Musical und begann Anfang der 80er-Jahre noch eine Solokarriere mit eigenen Kabarett-Programmen. Nach dem Tod ihres Mannes 1993 kehrte sie ins "Kom(m)ödchen" zurück und übernahm zusammen mit ihrem Sohn Kay Sebastian die künstlerische Leitung. Bis kurz vor ihrem Tod am 22. Februar 1994 stand Lore Lorentz noch auf der Bühne.

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