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StartseiteKalenderblatt100. Geburtstag des Autors Witold Gombrowicz04.08.2004

100. Geburtstag des Autors Witold Gombrowicz

Der polnische Schriftsteller lebte seit 1939 im Exil

"Während das Jahrhundert alt wird, halten die Männer, die an seinem Beginn geboren wurden, die Literatur jung". Der Amerikaner John Updike sprach als Angehöriger der jüngeren Schriftstellergeneration, als er den Platz an der Spitze der Literatur des 20. Jahrhunderts neidlos dem Dreigestirn Borges, Nabokov, Beckett überließ und als Vierten im Bunde den Namen des Polen nannte, der während der deutschen Besetzung und in kommunistischer Zeit für seine daheim gebliebenen Landsleute die Verkörperung freier Existenz und das Symbol geistiger Unabhängigkeit gewesen war: Witold Gombrowicz.

Von Sibylle Cramer

Szene aus dem Stück "Yvonne, Prinzessin von Burgund" von Witold Gombrowicz. (AP)
Szene aus dem Stück "Yvonne, Prinzessin von Burgund" von Witold Gombrowicz. (AP)

Witold Gombrowicz, dessen Werk unter dem unmittelbaren Eindruck von Krieg und Totalitarismus entstand, wurde in eine gesicherte, ländlich-adlige Welt von Großgrundbesitzern hineingeboren. In seinem Werk, den frühen Novellen, dem Theaterstück Geschichte und dem Schlüsselroman "Ferdydurke", vor allem aber in den posthum herausgegebenen Polnischen Erinnerungen ist seine Kindheit und Jugend allgegenwärtig. In wechselnder Beleuchtung, doch stets wieder erkennbar sind es in Erinnerungen an einen Kindlich-Zerrissenen, der zwischen einem konventionellen Vater und der exaltierten Mutter aufwuchs und in heftiger Konfrontationsstellung zu seinem patriotischen Lehrer früh seine geistig-intellektuelle Selbständigkeit erlangte.

Ich sträubte mich gegen die Elite der Aristokratie und floh aus ihren freundschaftlich ausgebreiteten Armen in die bäurischen Pfoten derer, die mich für einen Grünschnabel hielten. In Wirklichkeit ist es eine Sache von allergrößtem Gewicht und für die weitere Entwicklung entscheidend, gegenüber wem der Mensch Stellung nimmt und sich organisiert ... Wahrhaftig, in der Welt des Geistes geht eine ständige Vergewaltigung vor sich, wir sind nicht selbständig, wir sind nur eine Funktion anderer Menschen ...
Aus "Ferdydurke"

Die Pointe dieser spekulativen Einlage in seinem 1938 erschienenen Roman "Ferdydurke" besteht darin, dass das Reich des Wirklichen als ein Reich der Unselbständigkeit entlarvt und die idealistische Idee eines Absoluten abgewiesen wird. Gombrowicz artikuliert den grundsätzlichen Zweifel am idealistischen Vertrauen in die Darstellbarkeit von Totalität und der dafür zuständigen systematisierenden Form. Sein Hauptwerk "Ferdydurke" ist eine herrliche Parodie der Gattung, die den idealistischen Fortschrittsgedanken in ihre Form aufnimmt: den Entwicklungsroman. Gombrowicz stellt ihm die anarchische Geschichte eines Scheiterns entgegen, die sich in ihrer artistischen Formlosigkeit und provokanten Aggressivität gegen normative Formvorstellungen richtet, gegen Moralvorschriften und das vom eigenen Jahrhundert bloßgestellte idealistische Menschenbild richtet.

Am Dienstag erwachte ich zu jener seelenlosen und unwesentlichen Zeit, da die Nacht eigentlich schon zu Ende ist ... Ich lag in trübem Licht da ... und jede kleinste Fiber krampfte sich in der Erwartung, dass nichts geschehen, nichts sich verändern, nichts jemals erfolgen werde.
Aus "Ferdydurke"

Der Romanbeginn stellt, bevor noch die Geschichte beginnt, die Signale in Gegenrichtung zum Sinn-bildenden Erzählen. Die Zeitangabe, "Dienstag", ist sinnlos in einem Gebilde, das die Zeitenfolge auf den Kopf stellt. Des ist das Gesetz des Zufalls, das Schicksal spielt, in Gombrowicz' Schreiben wie in seinem Leben.

Der Zufall verschlug ihn unmittelbar vor Kriegsausbruch auf einen polnischen Kreuzfahrtdampfer, der nach Buenos Aires unterwegs war. Dort ging der 35-jährige im August 1939 von Bord, um ein polnischer Schriftsteller zu werden, der im Gegensatz zum typischen polnischen Emigranten nicht dazu neigte, die verlorene Heimat zu verklären. So wurde der in Argentinien unbekannte, gesellschaftlich isolierte Schriftsteller in seiner Heimat zu einer Sagengestalt, physisch abwesend, aber geistig so allgegenwärtig, dass ein streikender Danziger Werftarbeiter die Veröffentlichung seiner Werke forderte und an polnischen Hochschulen eine Unzahl von Magister- , Doktor- und Habilitationsschriften über Gombrowicz entstanden. Auch die Wiedergutmachung, schrieb damals sein polnischer Schriftstellerkollege Tadeusz Nowakowski, kann übertrieben werden:

Denn das letzte, was Gombrowicz sich gewünscht hätte, ist seine Verfälschung zum Klassiker.

Witold Gombrowicz ist nach einem halben Leben im Exil 1969 im südfranzösischen Vence gestorben.

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