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StartseiteKalenderblatt100. Geburtstag des Schriftstellers und Journalisten Paul Nizan07.02.2005

100. Geburtstag des Schriftstellers und Journalisten Paul Nizan

Herbst 1939. Frankreich im Krieg. Auch die Schriftsteller Paul Nizan und Jean-Paul Sartre, Klassenkameraden seit ihrem 11. Lebensjahr, stehen an der Front. Am 24. August traf sie der Schock des Hitler-Stalin-Pakts. Am 17. September fallen die Sowjets in Polen ein. Am 25. September zieht Paul Nizan in der Zeitung "L’Oeuvre" seine Konsequenz:

Von Ariane Thomalla

Freund und Förderer von Paul Nizan: der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre (AP Archiv)
Freund und Förderer von Paul Nizan: der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre (AP Archiv)

Ich erkläre meinen Austritt aus der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Ein Abtrünniger, gegen den eine beispiellose Verleumdungskampagne losbricht. Ein Drahtzieher ist Louis Aragon, der in "Les Communistes" Nizan ein Kapitel als Verräter, als "Polizeispitzel" widmet. Reine, böse Fiktion. Acht Monate später, am 23. Mai, fällt Nizan, von einer Kugel getroffen beim Rückzugsgefecht von Dünkirchen, 35 Jahre alt. Ein halbes Jahrhundert später noch rühmt Marguerite Nizan den Charme ihres Mannes.

Er habe, außergewöhnlich vielseitig, alles gewusst und alles gelesen und über alles reden können. Ein Zauber sei von ihm ausgegangen, erinnert sich wie Marguerite Nizan auch Raymond Aron, der zu diesem exzellenten Jahrgang der École Normale Supérieure Mitte der zwanziger Jahre gehörte:

Ich war glücklich, mit beiden sehr befreundet zu sein, mehr mit Nizan, der ein charmanter junger Mann war, absolut liebenswert. Adorable. Und eine literarische Hochbegabung.

Jean-Paul Sartre liebte den lässigen Sarkasmus und das Dandyhafte an Nizan. Andere "Marotten" hätten ihn befremdet: Der Extremismus und die plötzlichen Fluchten des Freundes. Er habe damals nicht gesehen, was dahinter stand: Die Leiden einer Kindheit in Tours, wo Nizan am 7. Februar 1905 geboren wurde. Die Mutter bigott und hart, der Vater, ein verkrachter Eisenbahningenieur, ein potentieller Selbstmörder, der Nacht für Nacht, wenn er das Haus in solcher Absicht verließ, den Jungen in tiefsten Ängsten zurückließ. Wegen dieses geliebten Vaters sei Nizan voll Groll und Hass 1927 in die KPF eingetreten. In "L’Humanité" und anderen Zeitungen der Partei brillierte er über ein Jahrzehnt als Journalist, vor allem als Kritiker. Dass er sich während seiner einjährigen Reise durch die Sowjetunion im Jahr 1935 mit dem Kommunismus schwer tat, beobachtete Clara Malraux, die mit ihrem Mann zum Moskauer Schriftstellerkongress angereist war.

Auch er hatte den neuen Menschen, die große Hoffnung, dort nicht gefunden. Aber er schwieg. Doch haben seine Romane "Antoine Bloyé", " Das Trojanische Pferd" und "Die Verschwörung" nichts mit dem Sozialistischen Realismus zu tun. Für letzteren erhielt er den "prix interallié". Nizan bedankte sich. Ein kostbares Dokument. 1938:

Mir scheint, dass die Vereinigung von täglicher Zeitungsarbeit mit dem Beruf des Romanciers etwas Essentielles ist für das, was der Roman unserer Zeit sein soll.

Sartre: Sie beschlossen, den Genossen Nizan zu vernichten. Es genügte nicht, dass er aufgehört hatte zu leben. Er hätte überhaupt nicht existieren dürfen. Man überredete seine Bekannten, dass sie ihn nicht wirklich gekannt hatten. Man schüchterte Verleger ein, die seine Bücher in ihren Kellern verschimmeln ließen, und die Leser, die nicht mehr nach ihnen zu fragen wagten. Diese Saat des Schweigens würde aufgehen. Dieser Tote würde aus der Geschichte verschwinden. Sein Name zu Staub zerfallen.

Sartre kämpfte. 1947 erschien im "Figaro littéraire" der Protest von 25 namhaften Intellektuellen. Doch erst sein leidenschaftliches Porträt 1960 brachte Nizans Namen und Werk wieder ans Licht. 1968 erlebte Paul Nizan als bedingungsloser klarer Denker eine Renaissance. Heute gehört sein Name zu den unsterblichen der französischen Literatur.

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