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StartseiteKalenderblattZusammenarbeiten, um Hunger und Krankheit zu lindern13.12.2019

100 Jahre ArbeiterwohlfahrtZusammenarbeiten, um Hunger und Krankheit zu lindern

Als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin und Schneiderin hatte Marie Juchacz die Not vieler Menschen kennengelernt. Am 13. Dezember 1919 gründete sie den "Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt" beim Parteivorstand der SPD. Durch ehrenamtliche Arbeit sollte der soziale Notstand abgemildert werden.

Von Otto Langels

Das Logo der Arbeiterwohlfahrt an einer Pflegeeinrichtung in Stuttgart. (www.imago-images.de)
Das Logo der Arbeiterwohlfahrt an einer Pflegeeinrichtung in Stuttgart (www.imago-images.de)
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"Meine Herren und Damen, wenn ich als Frau zu Ihnen spreche, so hoffe ich doch, dass recht viele Männer auf meine Worte achten werden."

Mit diesen Worten begrüßte Marie Juchacz ihre Zuhörerinnen und Zuhörer bei einer Kundgebung vor der Reichstagswahl im Mai 1928. Knapp ein Jahrzehnt zuvor, im Februar 1919, war die SPD-Politikerin vor die Verfassunggebende Versammlung der Weimarer Republik getreten.

"Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf."

Marie Juchacz, 1879 in Landsberg an der Warthe geboren, war ab dem 14. Lebensjahr als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin, Wärterin in einer psychiatrischen Anstalt und Schneiderin tätig. Sie lernte die Notlage vieler Menschen kennen und begann sich für Politik und die SPD zu interessieren.

"Es war der Sozialdemokrat August Bebel, der die soziale Stellung der Frau unter der Herrschaft des Kapitals aufzeigte. In meisterhafter Weise wurde von Bebel auf die weltwirtschaftliche Bedeutung der Frauenarbeit und ihre sozialen Folgen hingewiesen."

Die einzige Frau im SPD-Vorstand

Nach der Heirat und baldigen Trennung von ihrem Ehemann zog sie zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrer Schwester 1906 nach Berlin. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung, richtete Suppenküchen, Nähstuben und Heimarbeitsplätze ein und wurde 1917 als einzige Frau in den Parteivorstand der SPD gewählt.

"Es kann nicht oft genug gesagt werden, die Entwicklung stellt an den modernen Staat große soziale Anforderungen. Demokratie ist Volksherrschaft, ist sie nicht auch Selbsthilfe?"

Marie Juchacz, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin um 1930 (Fotograf anonym) (picture-alliance/IMAGNO/Schostal Archiv)Marie Juchacz um 1930 (picture-alliance/IMAGNO/Schostal Archiv)

Nach ihrer Wahl in die Weimarer Nationalversammlung engagierte sie sich vor allem in der Sozialpolitik. Ihre besondere Fürsorge galt – auch aus eigener Erfahrung – der Notlage vieler Frauen und Mütter nach dem Ersten Weltkrieg.

"Die Sozialpolitik, die Bevölkerungspolitik, die Wohnungsfrage, die staatliche Wohlfahrtspolitik sind von außerordentlicher Bedeutung für die gesamte arbeitende Bevölkerung."

Am 13. Dezember 1919 rief Marie Juchacz den "Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt" beim Parteivorstand der SPD ins Leben – die Geburtsstunde der AWO – und übernahm selbst den Vorsitz.

Im Gründungsaufruf der Hamburger Arbeiterwohlfahrt ein Jahr später hieß es: "Durch die Gesetzgebung allein ist dem großen sozialen Notstand nicht abzuhelfen. Viele Hände und Köpfe müssen zusammenarbeiten, um Hunger und Krankheit, körperliche und geistige und moralische Not zu lindern. Von dieser Arbeit dürfen wir Sozialdemokraten uns nicht ausschließen."

In der NS-Zeit löste sich die AWO auf

Die erste Reichskonferenz der AWO im Jahr 1921 formulierte Aufgaben und Ziele moderner Wohlfahrtspflege: Bekämpfung der Armut, Ersetzung überkommener armenrechtlicher und polizeilicher Verordnungen durch heilende und vorsorgende Maßnahmen. Das Leitmotiv: Der Heilbare sei zu heilen, der Unheilbare zu versorgen.

In ihrem Buch über die Arbeiterwohlfahrt schrieb Marie Juchacz 1924: "Eine Organisation, mit dem bewussten Willen, in das große Arbeitsgebiet der Wohlfahrtspflege ihre Ideen hineinzutragen, die Idee der Selbsthilfe, der Kameradschaftlichkeit und Solidarität, aber auch die Idee, dass Wohlfahrtspflege vom Staat und seinen Organen betrieben werden muss."

Die AWO finanzierte ihre Arbeit durch Spenden und leistete sie weitgehend ehrenamtlich. 1926 hatte der Verband bereits 2000 Ortsausschüsse, mit Kindergärten, Erholungsheimen, Beratungsstellen und Schulen für Sozialarbeiter. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten löste sich die AWO selbst auf. Marie Juchacz emigrierte in die USA, kehrte 1949 nach Deutschland zurück und war bis zu ihrem Tod 1956 Ehrenvorsitzende des nach dem Krieg wieder gegründeten Verbandes.

Die soziale Misere, die zur Gründung der Arbeiterwohlfahrt führte, ist immer noch virulent: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Flüchtlingselend, Kinder- und Altersarmut. Die AWO betont nach wie vor soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit und Toleranz als Grundwerte, über 200.000 Mitarbeiter betreuen und beraten Menschen in Not.

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