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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Kampf ist noch nicht zu Ende17.01.2019

100 Jahre FrauenwahlrechtDer Kampf ist noch nicht zu Ende

Seit 100 Jahren haben Frauen in Deutschland das Recht zu wählen und gewählt zu werden. Seitdem sind unzählige Männer-Bastionen gefallen und Reformen in Gang gesetzt worden. Von Gleichberechtigung kann aber immer noch keine Rede sein, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Weitere Schritte müssten folgen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Andrea Nahles (2.v.l), Vorsitzende der SPD, und Daniela De Ridder (l, SPD) machen zusammen mit anderen Bundestagsabgeordneten, alle in weiße Blusen gekleidet, ein Selfie-Foto. (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
Abgeordnete während der Feierstunde zu 100 Jahre Frauenwahlrecht im Bundestag (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
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Früher war doch nicht alles besser. Winston Churchill zum Beispiel sträubte sich lange gegen ein Wahlrecht für Frauen. Als die ersten weiblichen Abgeordneten ins britische Unterhaus einzogen, empfand Churchill das, als sei eine Frau in sein Badezimmer eingedrungen. Die britischen Parlamentarierinnen dürften sicherlich froh gewesen sein, dass ihnen das erspart blieb.

Gut ein Jahrhundert später hat der Deutsche Bundestag in seiner sehr gelungenen Gedenkstunde heute viele Fortschritte gewürdigt - aber auch gezeigt, wo wir bei der Gleichstellung weiterhin auf der Stelle treten. Der hundertste Geburtstag des Frauenwahlrechts in Deutschland fällt fast genau zusammen mit dem 70. Jubiläum des Grundgesetzes. Wohl auch deshalb betonte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble heute das verfassungsmäßige Recht auf Gleichberechtigung.

Feierstunde und Mahnung

Dass dieser Artikel überhaupt ins Grundgesetz kam, ist - wenig überraschend - einer Frau zu verdanken: Der Sozialdemokratin Elisabeth Selbert. Eine andere SPD-Politikerin, Marie Juchacz, war die erste Frau, die vor einem frei gewählten deutschen Parlament sprechen durfte.

Heute allerdings eröffnete ein Mann die Gedenkstunde, Wolfgang Schäuble. Dieser Schönheitsfehler beschreibt die Realität im Jahre 2019: Dass der höchste Repräsentant des deutschen Parlaments weiterhin keine Frau ist, das spiegelt den Zustand auch in der Wirtschaft und in den Medien.

Schäuble selbst stellt freimütig klar: Wahlrechts- und damit Gleichstellungsfragen sind immer auch Machtfragen. Genau deshalb schwelgte die heutige Gedenkfeier keinesfalls nur in Erinnerungen – hinter den Kulissen arbeiten vor allem die Frauen im Parlament fraktionsübergreifend an neuen Initiativen.

Forderung nach Paritätsgesetz

Nur knapp ein Drittel der Abgeordneten ist weiblich in dieser Legislaturperiode. Rita Süßmuth und Christine Bergmann, die beiden ehemaligen Bundesfrauenministerinnen, forderten deshalb in ihren heutigen Reden ein Paritätsgesetz, wie es in Frankreich und anderen europäischen Ländern längst existiert, wenn auch in unterschiedlichen Ausformungen.

Ob der Gesetzgeber die Gleichstellung nun über das Wahl- oder das Parteienrecht herstellt, ist erst einmal zweitrangig. Auch eine Kürzung der Parteienfinanzierung wäre effektiv, um mehr Frauen in die Parlamente zu bringen und auf die Kandidatenlisten der Parteien. Justizministerin Katharina Barley und Bundestags-Vizepräsident Thomas Oppermann, beide SPD, arbeiten bereits daran, und auch Stephan Weil, sozialdemokratischer Regierungschef in Niedersachsen, spricht sich für eine Frauenquote in den Parlamenten aus.

Eine Schwalbe macht jedenfalls noch keinen Sommer, warnt selbst die Kanzlerin, und meint damit sich selbst. Winston Churchill ließ sich am Ende übrigens doch noch vom Frauenwahlrecht überzeugen – von seiner Ehefrau Clementine.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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