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StartseiteKommentare und Themen der WocheNoch immer keine Gleichheit12.11.2018

100 Jahre FrauenwahlrechtNoch immer keine Gleichheit

Für die Frauen, die vor über 100 Jahren für ihr Wahlrecht kämpften, ging es um Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Darum gehe es ihren Nachfolgerinnen auch heute noch, kommentiert Gudula Geuther. Noch immer gebe es klare Benachteiligungen von Frauen.

Von Gudula Geuther

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Das Plakat der Deutschen Demokratischen Partei für die Wahlen zur Preußischen Landesversammlung am 26. Januar 1919 fordert explizit die Frauen zur Wahl auf. (picture-alliance / dpa)
Im Jahr 1919 waren die Frauen in Deutschland erstmals wahlberechtigt - hier ein Aufruf zur Wahl der Preußischen Landesversammlung am 26. Januar 1919. (picture-alliance / dpa)
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Einhundert Jahre, das klingt nach einer langen Zeit. Aber so lang ist das gar nicht für das, was seitdem geschehen ist. Dass Frauen für den Kampf ums Wahlrecht ins Gefängnis gingen, dass sie diesen ersten Schritt der Gleichberechtigung in allen Milieus hart erkämpfen mussten, auch in einer Arbeiterbewegung, in der die Rechtlosigkeit der Frau als bloßer "Nebenwiderspruch" galt gegenüber dem ganz großen Widerspruch der Rechtlosigkeit der Klasse, das klingt nach grauester Vorzeit. Und doch sind auch die Gedanken dieser Zeit zuweilen nicht so weit weg, wie mancher meint.

Es ging ums Menschenrecht

Das zeigt schon ein Blick auf die Heldinnen von damals. Wer kennt heute Anita Augspurg, Hedwig Dohm, Marie Juchacz? Wohl nur die, die sich ohnehin für Frauenrechte interessieren. Dabei waren diese Aktivistinnen keine Kämpferinnen für Partikularinteressen und Wohlfühlthemen. Es ging ums Menschenrecht. Für den Satz: "Es ging um die Gleichwertigkeit eines jeden Menschen" erntete Angela Merkel heute beim Festakt in Berlin von einem weiblich geprägten Publikum frenetischen Jubel.

So schlicht der Gedanke ist, er ist offenbar immer noch nicht ganz selbstverständlich. Erst in der Bundesrepublik, also über 30 Jahre nach dem Wahlrecht für Frauen, galt der Anspruch des gleichen Rechts auch fürs Zivilrecht, für die Regeln des täglichen Miteinanders. Auch danach stand Frauen kein Konto zu, konnten Männer deshalb öffentlich bekanntmachen: "Ich komme für die Schulden meiner Frau nicht auf", konnten Männer erst die Stelle der Frau kündigen, dann immerhin noch mit Hilfe des Gerichts die Kündigung durchsetzen mit der Begründung: Die Frau vernachlässige die Hausarbeit.

Erst seit der Familienrechtsreform von 1977 schreibt das Gesetz keine Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau mehr vor – das ist kaum mehr als vierzig Jahre her. Solche direkten Diskriminierungen durch das Recht sind inzwischen selten geworden. Aber seit Jahrzehnten ist auch klar: Es geht nicht nur um direkte Diskriminierungen.

Frauenrechte sind derzeit nicht en vogue

Es geht auch darum, dass eine einseitige Prägung von Recht und Gesellschaft zu klaren Benachteiligungen führt. Es ist heute schwer zu glauben, dass noch vor zwanzig Jahren erbittert über die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe gestritten wurde. Es ist heute selbstverständlich, dass mindere Rechte für Teilzeitbeschäftigte aufs Ganze gesehen Frauen diskriminieren. Frauenrechte sind derzeit nicht en vogue.

In der neuen Rechten gibt es einen Unwillen gegen das Erreichte, viele in der Mitte der Gesellschaft sehen kaum noch Handlungsbedarf. Dabei sind die Zahlen bekannt über den geringeren Verdienst von Frauen, über unterbrochene Erwerbsbiographien, die zu Altersarmut führen. Warum verdienen Menschen in typischen Frauenberufen wie in der Pflege immer noch so viel weniger als in technischen Berufen? Und warum sind wieder nur 31 Prozent der Abgeordneten im Bundestag Frauen – und damit weiter in der Minderheit dort, wo das Recht gesetzt wird, das die Gesellschaft prägt?

Man kann die Sitzungszeiten in Parteien und Kommunalparlamenten familienfreundlicher gestalten, man kann werben und fördern. Man kann auch versuchen, das Problem über Quoten zu lösen, das ist komplex, aber nicht unmöglich. Heute scheint das revolutionär. Wer weiß, vielleicht würde man ein paar Jahrzehnten wieder auf eine Selbstverständlichkeit zurückblicken.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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