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StartseiteKommentare und Themen der WocheAfghanistan braucht die Unterstützung des Westens18.08.2019

100 Jahre UnabhängigkeitAfghanistan braucht die Unterstützung des Westens

Der jüngste IS-Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft zeigt: Es gibt keinen Frieden in Afghanistan. Das Land in dieser Situation sich selbst zu überlassen, wäre eine Katastrophe - für die Afghanen, aber auch für den Rest der Welt, kommentiert Bernd Musch-Borowska.

Von Bernd Musch-Borowska

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Britische Truppen in der Helmand Provinz | Ben Birchall/PA Wire URN:32474130 | (PA Wire / dpa)
Viele Spekulationen um Friedensprozess in Afghanistan (Symbolbild) (PA Wire / dpa)
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Es gibt keinen Frieden in Afghanistan. Terror und Gewalt sind an der Tagesordnung. Das hat auch der Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft am Samstagabend gezeigt. Über 60 Tote und mehr als 180 Verletzte, darunter viele Frauen und Kinder.

Und solche Anschläger und Angriffe der Taliban und anderer Gruppen, wie der Terrororganisation "Islamischer Staat", gibt es fast jeden Tag. In Kabul und in vielen Provinzhauptstädten im ganzen Land. Die afghanischen Streitkräfte und die Polizei sind schon lange überfordert mit der Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen, seit die internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 weitgehend abgezogen sind.

US-Rückzug wäre unverantwortlich

Jetzt wird davon geredet, dass auch die restlichen US-Streitkräfte und die Soldaten anderer Länder, bald abziehen könnten. Auch die Bundeswehr, die mit bis zu 1.300 Soldaten an der Ausbildungs- und Unterstützungsmission Resolute Support beteiligt ist, würde ihren Einsatz dann beenden.

Und dann? Wer glaubt, dann werde wieder Frieden herrschen in Afghanistan, irrt. Wenn die USA, die seit mehr als einem Jahr mit der Taliban-Führung in Doha über ein Ende des längsten amerikanischen Krieges verhandeln, sich tatsächlich aus Afghanistan zurückziehen, wäre das unverantwortlich.

Donald Trump spielt ein gefährliches Spiel, denn er ist offenbar entschlossen, den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan in seinem Wahlkampf zu instrumentalisieren. Seine Wiederwahl ist ihm wichtiger, als das Schicksal des afghanischen Volkes.

Furcht vor Rückkehr der Taliban an die Macht

Schon lange wird die Annäherung zwischen der US-Delegation und den Taliban in Doha in Afghanistan selbst mit Sorge verfolgt. Viele Afghanen, vor allem die Frauen, fürchten sich vor einer Rückkehr der Taliban an die Macht.

Die radikalen Islamisten sprechen offen von einer Wiederherstellung des Islamischen Emirates von Afghanistan, wie das Land während der fünf Jahre dauernden Herrschaft der Taliban bis 2001 genannt wurde. Alle demokratischen und freiheitlichen Errungenschaften der vergangenen 18 Jahre wären dann mit einem Schlag zunichte.

Seit 1979 kennen die Afghanen nur noch Krieg

Dabei hat Afghanistan, das morgen 100 Jahre Unabhängigkeit feiert, schon einmal bessere Zeiten erlebt. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Mohammad Zahir Schah, an der Spitze einer konstitutionellen Monarchie demokratische Reformen einführte, mit Wahlen, bei denen auch Frauen Wahlrecht hatten, mit Pressefreiheit und einer modernen Infrastruktur. Bis 1979 die Sowjetunion in das Land am Hindukusch einmarschierte. Seitdem kennen die Afghanen nur noch Krieg, Bürgerkrieg, Unterdrückung und Terror.

Ein Mann trägt am 22.4.2018 in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein bei einem Selbstmordanschlag verwundetes Kind. (picture alliance / newscom / Ezatullah Alidos) (picture alliance / newscom / Ezatullah Alidos)Der steinige Weg zum Frieden
Auch 40 Jahre nach dem Einmarsch der Sowjettruppen im Jahr 1979 ist Frieden in Afghanistan nicht in Sicht – und doch zum Greifen nahe. Denn es gibt zumindest Gespräche zwischen den USA und den Taliban. Vor allem Frauen fürchten aber, dass ihre Rechte einer Vereinbarung geopfert werden könnten.

Regierung ist zu schwach, um Herausforderungen zu meistern

Nun steht die Zukunft Afghanistans erneut auf der Kippe. Die Regierung ist zu schwach, um die Herausforderungen der nächsten Monate zu meistern. Die Amtszeit von Präsident Ashraf Ghani ist längst abgelaufen, weil die Wahlen schon mehrmals verschoben wurden. Und ob sie, wie geplant am 28. September stattfinden, ist ungewiss.

Afghanistan in dieser Situation sich selbst zu überlassen, wäre eine Katastrophe. Für die Afghanen, aber auch für uns und den Rest der Welt. Denn unsere Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt. Dieser Satz des früheren Bundesverteidigungsministers, Peter Struck, gilt heute mehr denn je.

Wer wollte sich schon auf die Verpflichtungserklärung der Taliban verlassen, künftig keine Terrorgruppen mehr im Land zu beherbergen, die von Afghanistan aus Anschläge im Westen planen und verüben, wie einst Osama bin Laden und seine Al-Kaida-Gruppe? Afghanistan braucht weiter die Unterstützung des Westens. Die toten Hochzeitsgäste von gestern Abend sind dafür der deutlichste Beleg.

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