100 Tage vor Beginn der Olympischen SpieleDas Märchen von einer besseren Welt durch Sport

Auch vor den Winterspielen in Peking werben die Sportverantwortlichen wieder damit, dass Sport die Welt besser mache. Eine Erzählung, die immer dann bemüht werde, wenn sportliche Großereignisse in Diktaturen stattfinden, kommentiert Andrea Schültke. In Wahrheit gehe es den Funktionären nur ums Geld.

Von Andrea Schültke | 27.10.2021

Delegationen tragen die Flaggen Chinas, (vorn l), Griechenlands, Chinas und die Olympische Flagge (r) während der Zeremonie zur Übergabe der Flamme für die Olympischen Winterspiele 2022 im Panathenäischen Stadion. Die Olympischen Winterspiele finden vom 4. bis 20. Februar 2022 in Peking statt.
Zeremonie zur Übergabe der Flamme für die Olympischen Winterspiele 2022 (dpa)
"Wir fahren hin, wir machen Sport und die Welt dadurch ein Stück besser". - Dieses Märchen verkaufen Sportverantwortliche immer gern, wenn sie ihre Großereignisse in diktatorische oder autokratische Staaten vergeben. Aktuell gilt das im kommenden Jahr für die Winterspiele in Peking und die Fußball-WM im Emirat Katar. Diese Erzählung nimmt schon lange niemand mehr ernst. Dass es dabei ums Geschäft geht und nicht um die Menschen, wird am Beispiel China besonders deutlich.
Denn: Die Lage der Menschenrechte im Land hat sich seit Austragung der Olympischen Sommerspiele vor 13 Jahren weiter verschlechtert. Das hat selbst der Deutsche Bundestag vor sieben Monaten festgestellt.
Olympische Winterspiele in Peking - "Wenn wir Olympiasieger werden wollen, müssen wir da hin"
Neben der Vierschanzentournee stehen für die deutschen Skispringer in diesem Winter auch die Olympischen Winterspiele an. "Wir werden uns auf beides konzentrieren", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher im Dlf. Über die politische Diskussion rund um die Spiele mache er sich "weniger Gedanken".
In einer gemeinsamen Anhörung hatten der Sportausschuss und der Ausschuss für Menschenrechte die Aussagen der chinesischem Regierung in Bezug auf Menschenrechte vor den Sommerspielen 2008 unter die Lupe genommen. Ergebnis - welch Überraschung: keinerlei Zusage zur Einhaltung von Menschenrechten.

China kann für Beschränkungen Corona verantwortlich machen

Die Erzählung "Wir fahren hin, wir machen Sport und die Welt ein Stückchen besser" ist zwar einmal mehr als PR entlarvt, wird aber dennoch von den Verantwortlichen unaufhörlich weiter propagiert. Dieses Mal kommt es noch besser: China kann für alle Einschränkungen der Bewegungs- und Pressefreiheit einfach Corona verantwortlich machen. Niemand kann nachweisen, dass es auch andere Gründe gibt.
Fakt ist: Ungehinderte Berichterstattung unmöglich, kaum eine Chance für ausländische Medien, die Situation der Menschenrechte vor Ort abzubilden. Etwa die Lage der Tibeter und vor allem die der muslimischen Minderheit der Uiguren, die zu Hunderttausenden in Umerziehungslagern gefangen und misshandelt werden. Ein neues Sicherheitsgesetz ist außerdem der Grund dafür, dass Amnesty International seine Büros im von China kontrollierten Hongkong schließt.

Die Verantwortlichen "erzählen Märchen"

Dennoch macht das IOC Geschäfte mit diesem Land. Das gilt aber ebenfalls für Unternehmen aus vielen Staaten, darunter auch etliche aus Deutschland. Aber das IOC stellt das Ganze auf den Präsentierteller Olympia und erzählt das Märchen von der besseren Welt durch die Spiele. Diese Haltung gegenüber China hat sich in den 13 Jahren seit den Sommerspielen nicht verändert.
Bei der Entzündung der Olympischen Flamme vor wenigen Tagen lobte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach die Olympischen Spiele als "Beispiel für eine Welt, in der alle die gleichen Regeln und einander respektieren". Die Spiele inspirierten dazu, Probleme in Freundschaft und Solidarität zu lösen.
Was für eine wunderbare Erzählung. Die kann FIFA-Präsident Infantino gleich auch für die Fußball-WM in Katar übernehmen. Märchen erzählen ist für die Verantwortlichen aus dem Sport viel einfacher als die Wahrheit sagen. Denn die lautet: "Wir fahren hin, Athleten machen Sport, wir die Kohle und der Rest ist uns egal."